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Es fing alles ganz harmlos an. Grund: der Geburtstag. Verursacher: ich selber. Corpus Delicti: Muffin! Ja! Richtig! Ein Muffin!!! Hätte ich nie gebacken, wenn nicht der Geburtstag gewesen wäre. Aber zum Geburtstag gibt man im Büro eben was aus. Und Muffins waren das, was man in einem Büro am sichersten verzehren kann. Es lagen schon genug Torten auf dem Boden, weil es einfach zu eng oder hektisch war. Und weil ich als Youngster den beliebtesten Schreibtisch bekam, nämlich den, der genau in der Einflugschneise sämtlicher kommender und gehender Mit-Büro-Benutzer stand, (direkt an der zugigen Tür) - wollte ich kein Torten-Fiasko erleben. Also: Muffin!

Und sie kamen auch super an. Ich war so in die Arbeit vertieft, dass ich gar nicht merkte wie Stück für Stück der Teller leer wurde.

„Mmmhhh…darf man sich den noch nehmen?“

Diese tiefe, weiche Stimme kroch mir den Rücken rauf und ließ mich wohlig erschauern, dann erst bemerkte ich den Neuankömmling halb hinter mir. Fast gierig guckte dieser große Typ auf den kleinen Muffin. Mein Nicken schien wohl genug und schon war auch das letzte Stück verdrückt.

„Mmmhhh…“, kam es wieder. Und: „Mmmhhh….wirklich spitze. Schade, dass nur noch einer da war. Das nächste Mal liefere ich Pakete eher hier ab, auch wenn es ein Umweg wäre. Aber Muffins kann ich nicht wiederstehen.“

Dann bekam ich plötzlich einen Kuss auf die Wange gesetzt und war schließlich mit meinem leeren Muffin-Teller allein. Ich hatte selbst keinen einzigen davon abbekommen.

WER war das? Der unschuldige Muffins klaute? Der unschuldige Wangen küsste. Der unschuldigen Mädchen solche Schauer über den Rücken jagte. Und der solch einen anregenden Duft verströmte: Schnee konnte ich riechen, ein frisches Parfüm und sein ganz eigener, ja wirklich männlicher Wohlgeruch. „Mmmhhh…“, seufzte ich nun.

***

Der nächste Tag war für viele zum Verzweifeln. Der Winter hatte mit allem zugeschlagen was er hatte. Schnee, Eis, Kälte, Sturm. Bestimmt die Hälfte der Kollegen kam gar nicht aus dem Haus, die andere Hälfte stand irgendwo im Stau oder verursachten diesen. Die Autos wollten bei den Minus-Temperaturen einfach nicht mehr und die Sommerreifen waren wohl wirklich nicht für Schnee gedacht.

Ich hatte mein Auto stehen lassen und bin gelaufen. Zwar war ich so etwas über eine halbe Stunde unterwegs, dafür war ich pünktlich und allein im Büro. Also machte ich mich ans Kaffeekochen, während mein PC hochfuhr. Es war schon ein wenig unheimlich in den angrenzenden Büroräumen kein Licht am dunklen Morgen zu sehen. Aber ich war heil angekommen und machte es mir an der warmen Heizung gemütlich, solange der Kaffee durchlief. Zum Glück hatte ich einen Schlüssel und musste nicht draußen in der Kälte auf andere warten.

Mit meinem Piraten-Becher voll Milchkaffee machte ich mich zurück zu meinem Arbeitsplatz und begann zu arbeiten, was von gestern noch offen war. Bis das Telefon klingelte. Einer meiner Kollegen meldete sich; sein Auto würde gerade abgeschleppt werden, Totalschaden, ihm ginge es gut, er käme heute aber sicher nicht mehr. Ordentlich notierte ich Namen und Grund für sein Wegbleiben und heftet den kleinen bunten Zettel an meinen Bildschirm.

Zwei Stunden später war mein Bildschirm mit bunten Zettelchen voll. Zwei Kollegen, Rainer und Gitte, sind etwas später aber heil im Büro angekommen. Auch sie hatten schließlich ihr Auto stehen lassen und haben sich zu Fuß am Straßenchaos vorbeigetraut. Obwohl wir viel zu erledigten hatten, versammelten wir uns zu dritt um die Kaffeemaschine. Ohne die Kollegen, die die Warenausgänge buchten, konnten wir die Rechnungen nicht fertig machen und rausschicken. Der Zufall wollte es, dass nur die Rechnungsabteilung vollzählig war.

Bis zum Frühstück blieben wir allein, sortierten die Ablagen und räumten die eigenen Schreibtische mal wieder gründlich auf, als die Tür aufging, einen kalten Schneewind mit reinbrachte und wieder zufiel. Gleichzeitig nahm ich den Duft von gestern wahr. Die Stimme ließ nicht lange auf sich warten, schickte mir erneut Schauer über den Rücken.

„Uah!...Was für ein Wetter! Aber der Gedanke an Muffins hat mich stark gemacht und ich habe mich bis hier her gekämpft.“ So ein großes, freches Grinsen hatte ich noch nie gesehen. Er legte ein Paket auf den Tisch und hielt mir den kleinen Computer für die Unterschrift hin; ich schrieb krakelig meinen Namen. Irgendwie brachte ich keinen Ton heraus. „Und? Bekomme ich nun noch einen?“

„Einen was?“, fragte ich ehrlich überrascht? Er hatte doch seine Unterschrift.

„Na einen Muffin! Deswegen bin ich doch hier.“ Er klang ganz hoffnungsvoll und auch aus den fröhlichen Augen sprach diese Hoffnung.

„Aber die sind doch alle. Das war gestern der Letzte“, erklärte ich logisch.

„Oh. Achso. Na ja – ich dachte halt …“. Er sprach nicht weiter, kratze sich verlegen am Kopf; schob sich dann die Mütze wieder grade hin. „Dann mach ich mal weiter. Bis dann“, rief er auch den Kollegen zu und verschwand wieder nach draußen.

Kaum war er draußen verschwunden, stand Gitte vor mir, die Arme verschränkt, der Blick streng auf mich gerichtet. „Wenn du morgen keine Muffins dabei hast, für ihn ganz allein, dann …“, sie überlegte kurz. „…dann werfe ich dich in den Schnee hinaus.“ Damit ging sie wieder zu ihrem Schreibtisch als wäre nichts geschehen. Rainer holte sich derweil das Paket weg und nickte mir zu: „Sie hat recht und sie wird es tun“, flüsterte er.

Oh ja! Und wie sie es tun würde. Gitte machte Karate! Seit sie schon ganz klein war. Da habe ich keine Chance gegen sie. Und sie hatte ja wirklich recht. Nach einem ruhigen Tag und einem kalten Nachhauseweg mit kurzem Abstecher im Supermarkt, stand ich in meiner kleinen Küche und backte wie der Teufel Muffins. Nur für ihn allein. Und zwar ganz viele Sorten. Mit Apfel, Birne, Schokostückchen. Mit hellem Teig. Mit dunklem Teig. Mit Kaffee, Rum und Whisky. Manche verziert mit einer frechen Schokomaus. Erst nach Mitternacht viel ich erschöpft ins Bett.

***

Ich war enttäuscht. Von ihm – weil er nicht kam. Von mir – weil ich gestern so blöd reagiert hatte, weswegen er heute eben nicht kam. Von der ganzen Welt – weil sie ungerecht war. Gitte tröstete mich, er hätte heute sicher kein Paket für uns, vielleicht wäre auch das Paket-Auto im Schnee steckengeblieben. Denn der Schnee wurde nicht weniger; das Chaos von gestern fast noch größer. Im Büro aber ein paar Leute mehr.

Der Tag zog sich träge hin, meine Gedanken die ganze Zeit bei ihm. Die tiefe Stimme, der Geruch, die frechen Augen – die enttäuschten Augen. Ich seufzte schwer, trank den kalten Milchkaffee und starrte zur Tür. Er kam nicht. Bis zum Feierabend nicht. Die Frischebox mit den Muffins stellte ich in den Bürokühlschrank; ein Zettel warnte alle: die Gebäckstücke wären nicht anzurühren, Gitte wachte über sie, hätte sie genau gezählt und würde einen Verlust sofort bemerken. Dann ging ich nach Hause und verkroch mich mit Viktor im Bett.

***

Auch am nächsten Tag kam er nicht. Zwar ging die Tür, ich drehte mich schon strahlend um. Doch stand dort eine Frau, in gleicher Kleidung wie er; aber eben nicht er. Sie legte zwei Pakete bei mir ab, ich unterschrieb. Bevor sie ging, sagte sie: „Das kleinere Paket möchte sofort geöffnet werden.“ Sie lächelte, wünschte noch einen schönen Tag und verschwand; ich schaute ihr fragend hinterher.

Gitte stand schon bei mir, bevor ich mich den Paketen richtig zu wenden konnte. „Los, mach auf. Es ist bestimmt von ihm.“ „Quatsch. Warum sollte er mir ein Paket senden, wenn ich ihm keine Muffins gebacken habe.“ „Jetzt grummel nicht. Mach auf.“ Ich folgte ihrem Befehl, öffnete den kleinen Karton.

Zuerst fand ich einen Briefumschlag. „An die Muffin-Bäckerin“, stand da drauf. Ich lächelte gequält und legte ihn erst einmal beiseite. Dann holte ich eine große runde flache Blechbüchse heraus. Eine Filmrollenbox! Wie es sie in Kinos als Gutscheine gibt. „Oh!“, machte ich nur. Unentschlossen wendete ich die Filmbox in Händen, bis Gitte mir den Brief zuschiebt. „Lies erst mal den Brief, dann kannst du in die Box gucken.“

Ich nickte, nahm den Brief und entfaltete ein einzelnes handgeschriebenes Blatt. Nach wenigen Momenten hielt Gitte es nicht mehr aus, drängelte. Ich ließ sie nicht länger warten: „Er schreibt, er ist sehr erkältet, konnte nicht arbeiten, ist aber auf den Weg der Besserung. Zum Wochenende wird es ihm wieder so gut gehen, dass er bestimmt ins Kino gehen kann. Wenn ich mit möchte, soll ich Freitag bei ihm vorbei kommen, wir fahren dann zu dem neuen Piraten-Film ins Kino.“

Erst als ich Gitte vorgelesen hatte, wurde mir bewusst, was dort stand. Denn Freitag war schon heute! Oh Gott! Er will mich sehen! Er will in meinen Lieblingsfilm! Ich muss hin! Ich muss Klamotten finden! Ich muss die Muffins mitnehmen. „Ich muss!!!“, rief ich endlich.

***

Gitte lauerte bereits den ganzen Morgen. Es war Montag und eigentlich sollten alle schon längst da sein. Aber der Tisch am Eingang war noch leer. Sie glaubte nicht, dass etwas Schlimmes geschehen wäre; da hätte sie schon längst einen Anruf erhalten. Aber sie wollte nun schon wissen, was da passiert ist am Freitag – und am Samstag und am Sonntag und vor allem - OH!, was da gerade an der Tür passierte.

 

Ich streckte mich noch ein wenig und gab ihm einen kleinen Auf-Wiedersehen-Kuss. Es war nicht leicht mit 1,65 zu 1,90 hoch zu kommen, aber ich schaffte es. Er versprach mir, mich zu Feierabend auch wieder abzuholen und eilte, seine Pakete auszufahren. Ich lächelte nur selig.

Ende

 

Wer ist Viktor? Ein kuscheliger Gefährte für traurige Stunden. Man kann ihn knietschen, drücken, als Kissen missbrauchen. Er braucht kein Futter und kann mit ein paar Nadelstichen geflickt werden, falls er aus allen Nähten platzen sollte.

 

(10.02.2012)