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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Eine Liebesgeschichte - Teil 9"

 

 


 

Er spürte zuerst Schmerzen. Überall. Nicht so stark, aber es zog sich durch seinen ganzen Körper und irgendwie nervte es auch. Er wusste, dass auch sein Kopf sehr wehgetan hatte, aber jetzt bemerkte er nur das weiche Kissen auf dem er lag und erinnerte sich entsetzlich klar an die Nacht. Die leisen Geräusche um ihn herum verrieten ihm, dass er im Krankenhaus lag. Er hoffte nur, dass sein Vater nicht gerade hier war.

Nicki hatte recht gehabt. Er hätte seinen Vater schon längst anzeigen müssen. Oder zumindest von dort ausziehen. Aber wohin? Er war noch nicht volljährig. Er hätte es selbst nicht bestimmen dürfen und wollte seine Freunde nicht verlassen.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Immer wieder stand da sein Vater, der ihn nie gehen lassen würde. Er war es leid. Jahrelang hatte er gekämpft, gehofft er könne sein Abitur mit guter Note abschließen und dann ein Studium beginnen - weit weg von hier, in einer anderen Stadt. Sich ein eigenes Leben aufbauen und seinen Vater nie wieder sehen. Es waren doch nur noch zwei Jahre!

***

Er war wohl über seinen Gedanken hin weggedöst. Doch er hörte die Tür, die sich leise quietschend öffnete. Er schaute nicht dahin, sondern starr zur Seite aus dem Fenster. Er wollte nicht, dass er jetzt hier her kam, den fürsorglichen Arzt und Vater spielend.

"Hey, Andrew", hörte er da eine völlig unerwartete Stimme. Es war Nicki! Erleichterung und Dankbarkeit fühlte er aufkommen und langsam wendete er sich ihm zu. Brachte wohl sogar ein Lächeln hervor.

"Hey, Nicki", antwortete er und hatte schließlich seinen besten Freund in den Armen. Er passte auf, Andrew nicht zu derb zu drücken, schließlich war der ganze Körper mit Schnitten übersät.

"Ich bin so froh, dass du wieder wach bist", weinte er fast. Die letzten zwei Tage waren wie ein Alptraum für ihn. Wie musste sich da nur Andrew fühlen?

"Du hast den ganzen Samstag über geschlafen und bist einfach nicht aufgewacht. Ich hatte wirklich Angst. Sag, wie geht es dir?" Er ließ von Andrew kurz ab, legte sich ganz dreist neben ihn aufs Bett und legte seine Arme wieder locker um ihn. Er wollte seinen Freund nicht mehr hergeben. Wenn das die Ärzte sahen, würde Nicki wohl schneller rausfliegen, als ihm lieb war, aber das war ihm egal.

"Bin müde", flüsterte Andrew nur und legte den Kopf an Nickis Schulter. Es war schön, sich an jemanden anlehnen zu können, und Trost zu finden.

***

Eine ganze Weile blieb es still und Nicki dachte schon, Andrew sei eingeschlafen, da hörte er dessen leise Stimme erneut.

"Nicki, ich weiß nicht was ich tun soll."

"Wie wär's, wenn du zu mir ziehst?"

"Das wird er niemals zulassen", wisperte Andrew ergeben. Plötzlich sehr aufgeregt ruckelte Nicki unruhig im Bett herum.

"Also, Andrew, ich … ich wollte dir was zeigen, doch ich weiß nicht, wie." Von der ungewohnten Aufregung seines Freundes erfasst, zog Andrew die Stirn in Falten. Was hatte Nicki? Ist bei ihm zu Hause etwas vorgefallen? Hatte sein Vater ihm Ärger bereitet? Hatte Matti ihn irgendwie verletzt? Er hatte diese Gedanken wohl laut ausgesprochen, denn Nicki beeilte sich, ihn zu beruhigen, ihm ginge es gut und Matti wäre ganz zärtlich zu ihm gewesen. Dann wurde er rot.

"Das gehört doch gar nicht hier her", rief Nicki verschämt.

Trotz der ernsten Situation, musste Andrew nun doch lächeln und sagte: "Zeig mir einfach, was es ist."

"Ja, warte. Ich habe es in meiner Tasche." Nicki wühlte sich aus dem Bett wieder raus, holte seine Tasche ran und zog schließlich eine Zeitung hervor. Diese gab er einfach an Andrew weiter. Dieser nahm sie entgegen und wusste erst einmal nichts damit anzufangen. Erst als Nicki auf einen bestimmten Artikel tippte, begann er zu lesen.

Es dauerte etwas, dann las er den Artikel erneut. Dann noch einmal.

"Ich verstehe das nicht", fragte er schließlich Nicki. "Heißt das…dass…dass ich frei bin?", flüsterte er nur noch. Nicki nickte, sah, wie Andrew zu zittern anfing und nahm ihn einfach wieder in die Arme. Hielt ihn so lange, bis die Tränen irgendwann versiegten.

"Mensch, Andrew, du siehst jetzt aber verheult aus", sagte er dann, als er in Andrews lachendes, aber vom Weinen gerötetes Gesicht blickte.

"Gib's zu, du hast auch etwas geweint", ärgerte Andrew gleich zurück und wischte Nicki eine heimliche Träne vom Gesicht. Dann lehnte er sich wieder an Nicki an.

"Ist er wirklich bei dem Unfall gestorben?", fragte er Nicki nochmals.

"Ja. Er ist mit so viel km/h gegen diesen Baum gekracht, da war nichts mehr übrig", sagte er. "Sorry, ich wollte das jetzt nicht so ausdrücken", entschuldigte er sich dann doch noch. Da war ein Mensch gestorben, da sollte man nicht so über diesen reden.

"Hmmm…", machte Andrew nur. Er war nur froh, dass sein Vater nicht andere Menschen bei dem Unfall verletzt oder gar getötet hatte.

***

"So, Andrew. Ich verschwinde jetzt wieder. Wir kommen dich morgen wieder besuchen. Matti will dich auch sehen. Und meine Ma lässt dich auch ganz lieb grüßen und du sollst ihre Kekse ja aufessen, damit du wieder gesund wirst. Und du solltest gut schlafen, damit du morgen ausgeruht bist, wenn jemand ganz besonderes kommt." Damit stellte Nicki die riesige Büchse mit den selbstgebackenen Keksen neben ihn ans Bett, drückte Andrew noch einmal und verschwand dann.

Sich vorsichtig in das Kissen zurücklegend, lächelte Andrew vor sich hin, freute sich auf den Besuch morgen. Katrina's niedliches Gesicht vor sich, schlief er zufrieden ein.

 


 

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