zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Eine Liebesgeschichte - Teil 11"

 

 


 

Schon wieder Regen. Wie die Tage zuvor. Zwar nur leichter Niesel, doch Nickis Laune sank trotzdem. Für seine neue bunte Frisur war Nässe nicht gerade das Beste. Zudem musste er sich bereits gestern Nachmittag von seinem Freund trennen, da sein Lieblingsfrisör Manuel [1] nicht länger warten wollte. Mit viel Enthusiasmus machte Manu sich stets über seine Haare her, tobte sich aus und kreierte wie kein andere die schrillsten Frisuren mit den tollsten Schnitten. Bald hatte dieser seine Ausbildung zum Friseur abgeschlossen, arbeitet jetzt schon auf seinen Meister hin, um dann sobald wie möglich seinen eigenen kleinen Salon zu eröffnen. Da war wohl auch sein Schatz Christian nicht ganz unschuldig, der beratend hinter ihm stand. Und da Nicki nun schon seit fast einem Monat die gleiche Frisur hatte, wurde es Zeit für etwas Neues. Also hatte er sich unter vielen langen Küssen herzerweichend von seinem Freund Matti getrennt und musste sich bis heute Morgen gedulden, um ihn wieder zusehen.

Erst seit Kurzem war er mit Matti zusammen, auch wenn Nicki sich schon lange in ihn verguckt hatte. Manuel war es, der ihm Mut zusprach und endlich hatte Nicki sich überwunden und Matti gefragt. Nie im Leben hätte er erwartet, dass Matti gleiche Gefühle für ihn hegte; waren sie doch bisher immer nur gute Kumpels gewesen. Zudem sah Matti wie ein griechischer Halbgott aus - enorm groß, Muskeln perfekt definiert, ein markantes männlich schönes Gesicht mit braunen Haaren und Augen, die sanft golden schimmerten - und war damit bestens geeignet, eine ebenso perfekte Göttin an seiner Seite zu führen. Aber der sehr viel kleinere, ungestüme, unperfekte Nicki war es, den er wollte. Wie er dann Nicki später heimlich gestand, traute er sich nie zu fragen, da es da ja auch noch Andrew gab.

Andrew: Nickis bester Freund seit Kindheitstagen. Genauso attraktiv wie Matti, doch weniger groß und muskulös, eher sehr sportlich und fit. Schwarze Haare standen in alle Richtungen wild ab, es sah männlicher, wilder aus. Gleichzeitig aber auch jünger und frecher. Die leicht geschwungenen Augenbrauen huben sich von der sonst so hellen Haut ab. Die Nase wirkte etwas eckig, doch passte sie ausgezeichnet zu dem ausdrucksvollen Gesicht. Die Lippen fügten sich einfach optimal ins Bild und waren nicht zu stark und nicht zu fein.

Ja, Nicki gab es zu. Seit er spürte, dass er mit Mädchen nicht viel anfangen konnte, hatte er Andrew lang und ausgiebig betrachtet. Wollte herausfinden, ob er für ihn nur ein Freund, bester Freund, war oder doch auch mehr. Fast erleichtert stellte er für sich fest, dass Andrew sein bester Freund bleiben konnte, als Matti in der 10. Klassenstufe zu ihnen kam. Seit einem Jahr schmachtete er also dem Neuzugang nach, und jetzt endlich vor 3 Wochen traute er sich in einer ruhigen Ecke Matti zu fragen. Er quietschte leise auf, als dieser ihn einfach umarmte und mit einem langen Kuss fast in eine Ohnmacht trieb. Nicki hatte nun mal nicht so ein riesiges Lungenvolumen, dass er ewig den Atem anhalten konnte. Duselig brachte er dann den restlichen Schultag hinter sich und wurde zu Hause sorgsam von Matti gepflegt.

Er hätte also zufrieden sein können, wenn da heute nicht der Regen wäre - und Andrew, dem er von seinem Glück noch nichts verraten hatte. Er hatte Angst, dass dieser ihn nicht mehr mögen würde, ihn abartig und eklig fand und ihn von sich stoßen würde. Klar, über die kleine Ewigkeit, die sie nun schon befreundet waren, hatten sie sich so manches Geheimnis anvertraut, doch dieses hatte Nicki bisher immer verschwiegen. So stapfte er grübelnd weiter, dem großen quaderförmigen Kasten entgegen, der mit seiner abgeblätterten weißen Farbe nicht besonders einladend aussah.

***

Gleich am Eingang stand schon Matti, mit seiner hohen und breiten Gestalt kaum zu übersehen. Aber noch mehr waren es diese strahlenden, warmen, gold-braunen Augen, die ihn sofort erblickten und von weitem begrüßten. Er hätte ihn am liebsten umarmt und einen Guten-Morgen-Kuss aufgedrückt, doch beließ er es bei einem einfachen "Hallo"; genoss das Gedränge im Eingangsbereich, um sich unauffällig näher an seinen Freund heranschieben zu lassen.
"Ist Andrew schon da", fragte er dabei.
"Ne. Noch nicht." Hmmm. Seltsam. War Andrew doch einer dieser komischen Menschen, die bereits sehr früh wach waren, dann auch noch unerträglich gut gelaunt, pünktlich in der Schule und sowieso alles mit Links schafften. Es sah ihm nicht ähnlich, zu spät zu kommen.

Ungeduldig saß Nicki also in der ersten Stunde allein an seinem Mitteltisch; Matti musste sich in der letzten Reihe quälen, von allen Lehrern stets nach hinten verbannt ob seiner Größe und Breite. Er konnte sich kaum auf den Unterricht konzentrieren, als endlich die Tür aufging und Andrew eintrat, nass und verstrubbelt wie ein Straßenköter. Da hatte der Regen noch mal zugenommen und seinen besten Freund so richtig eingeweicht. Was aber seiner Attraktivität keinen Abbruch tat, was seufzende Mädchenstimmen neben ihm bestätigten. Sie taten ihm leid, denn Nicki wusste genau, dass es da wohl nur ein Mädchen auf dieser Schule gab, die Andrew wirklich interessierte.

Er begrüßte Andrew, als dieser endlich seinen Platz neben ihm fand und wollte natürlich den Grund der Verspätung wissen. Doch Andrew murmelt ihm nur ein kurzes "Guten Morgen" zu, blickte ihn verwirrt an - ah! neue Frisur - und konzentrierte sich gleich auf den Unterricht. "Streber", murrte Nicki ihm schmollend zu. Doch die Unruhe in Andrew konnte er fast schon greifen, so ließ er ihn in Frieden und war froh, dass Andrew überhaupt da war.

-------------------

[1] Manuel ist ein Charakter aus meiner Weihnachtsgeschichte "Der Frisör".

 


 

Teil 10

Teil 12