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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 6: Zweites Treffen"

 


Heute ließ sich Aiden nicht mit den anderen Fans aus der Halle schieben. Er versteckte sich hinter dem Stahlträger und wartete bis die Halle leer war. Gabriel gab ihm ein Zeichen, als auch die Band ihre Sachen ordentlich verstaut hatte und niemand mehr zu sehen war.
"Komm. Wir müssen hinter die Bühne. Da ist ein ehemaliger Bürotrakt. Den haben sie sich zum Aufenthaltsraum und ein Büro für Reece umgebaut. Er ist mit der Buchhaltung sehr akribisch. Er nutzt seine Band zum Üben der Theorie seines Studiums. Und der Band kommt es auch zu Gute. Sie haben sich letztens eine kleine neue Küche eingebaut. Die habe ich sogar noch mit eingerichtet."
Gabe erklärte Aiden gerne die Räumlichkeiten, schließlich hatte er sich hier auch oft und lang aufgehalten und sich vor allem dann in der Küche ausgetobt, um für die Band zu kochen, während diese übten.
Aiden schlich durch die große Halle und fühlte sich ein wenig wie ein Einbrecher. Genau genommen war er das auch, aber was tat man nicht alles für liebenswerte Geister. Er kam hinter die Bühne und fand die schmale Tür, ging in den kurzen Flur. Eine Tür links und zwei Türen rechts. An die Tür links hatte jemand das Bild eines Hexenkessels aus dem es dampfte gehängt; schien also die Küche zu sein. Durch die Tür drangen mehrere Stimmen, die lachten und erzählten und laute Musik.
Wohin?
"Rechts, die erste Tür. Reece ist da allein."
Aiden nahm all seinen Mut zusammen und ging in das Büro.

***

Der Blick ging zuerst automatisch zu dem Schreibtisch, der in dem gemütlichen Raum in der Mitte am Fenster stand und von einer kleinen Lampe beleuchtet wurde. Aber Reece war nicht zu sehen. Als er ein leises Geräusch hörte, fiel sein Blick in die Ecke hinter der Tür. Da saß Reece, zusammengekauert und noch in vollem Lederoutfit, und verbarg den Kopf zwischen den Armen. Der ganze Körper zittert und Aiden wusste, dass Reece weinte.
Was soll ich machen, Gabe?
"Ich weiß nicht, Aiden. Ich kenne ihn so doch auch nicht", sagte der Geist unglücklich. So ging Aiden vor Reece in die Knie und berührte ihn am Arm. Er musste noch einmal kräftiger ruckeln, bevor er bemerkt wurde.
Reece schreckte auf, blickte Aiden überrascht an. Es schien eine Ewigkeit, in der Aiden sämtliche Emotionen in diesen dunklen Augen sah, die ein Mensch nur haben konnte. Schließlich blieb Unglauben und Verzweiflung darin hängen. Er lachte kurz humorlos auf, als er Aiden wohl endlich erkannte und legte den Kopf zurück auf die Beine, versteckte sein Gesicht. Er weinte nicht mehr, blieb aber still sitzen, hoffte wohl, dass Aiden einfach wieder verschwinden würde. Doch dieser wollte nicht eher gehen, bis Reece ihm zugehört hatte.
So saßen sie eine kleine Weile in der Stille.
"Geh weg", sagte Reece irgendwann, wartete auf eine Antwort, bis ihm bewusst wurde, dass Aiden ja nicht reden konnte.
So linste er vorsichtig durch seine Fransen zu dem anderen Jungen hin. Der hockte noch immer direkt vor ihm und schüttelte den Kopf. Ein kleines Lächeln erschien dabei.
"Lass mich in Ruhe", versuchte es Reece noch einmal, mit dem gleichen Erfolg.
"Ich will nicht über ihn reden. Warum kannst du das nicht akzeptieren?!", fragte er schon fast verzweifelt. Aiden zeigte nur auf Reece. Der ließ den Kopf ergeben wieder auf die Knie sinken und blieb einfach sitzen.
"Aiden, komm mal her", rief Gabe, der neben dem Schreibtisch schwebte. Der schaute sich nach ihm um, sah dann die vielen losen Zettel, die teilweise zerknittert auf dem Tisch lagen und auf die Gabe deutete. So kam er zu ihm und erkannte bald, dass es Fragmente von Liedtexten waren. Er schnappte sich einige der Zettel und kam zu Reece zurück, rüttelte ihn wieder am Arm.
Doch der wollte wohl nicht mehr mit ihm reden. Kurz überlegte er, ob er es wagen sollte, doch dann machte er es einfach. Es ging hier immerhin um ein Menschenleben und eine Geisterseele! Er wuschelte dem traurigen Sänger mal so richtig durch die Frisur. Angenehm war es nicht, weil sie mit Gel und Spray in Form gehalten wurde, aber das machte nichts. Was zählte war ein Reece, der völlig ungläubig Aidens Arme festhielt. Doch das hielt den nicht ab, und so wie Gabe, gab er dem Sänger noch einen Kuss auf die Wange. Na wenn das nicht half…
Aiden musste still lachen, auch wenn der Grund seines Hierseins nicht so spaßig war. Aber Reece schien jetzt bereit mit ihm zu reden. So hielt er ihm einen der Zettel hin. Der brauchte noch einige Momente, um sich zu sammeln, bis er den Zettel automatisch annahm.
"Was soll ich damit? Das ist ein Songtext."
Aiden deutete auf einzelne Worte, zum Schluss auf "bald Wiedersehen" und schaute Reece auffordernd an. Der zerknitterte nur das Papier und blaffte Aiden an: "Was geht dich es an? Dir kann es doch völlig egal sein, was ich mache." Reece war aber auch ein Sturkopf! Wir sehr wünschte sich Aiden jetzt reden zu können. Er versuchte in seiner Verzweiflung etwas zu sagen, bekam aber keinen Ton heraus.
"Aiden, hier", rief Gabriel wieder und als Aiden sich zu ihm umwendete, wischte Gabe gerade mit viel Schwung über den Tisch und neben vielen weißen Zetteln fiel auch ein Foto auf den Fußboden. Er krabbelte eilig dahin, klaubte es vom Boden und kam damit zu Reece zurück, drückte dem es in die Hand.
Reece schaute auf die fliegenden Blätter, dann blickte er auf das Foto, obwohl er doch so genau wusste, dass ihn sein kleiner Bruder darauf anlächeln würde. Er hatte das Bild sogar selbst geschossen.
"Ach, Gabe", sprach er leise und streichelte über das Gesicht. "Es tut mir so leid", flüsterte er wieder und verlor sich in Gedanken.
Gabe, kannst du mir helfen? Ich weiß nicht weiter, bat Aiden den Geist.
"Ich auch nicht. Er wird nicht lesen wollen, was du schreiben könntest."
Gabe, ich will, dass du es machst, beschloss Aiden fest.
"Was machen?", fragte dieser völlig ahnungslos.
DU sollst mit Reece reden. Durch mich, erklärte er Gabriel.
"Nein. Das geht nicht. Du hast…"
Jetzt mach endlich. Bevor ich mich anders entscheide, unterbrach Aiden ihn ungewöhnlich hart.
"Na gut. Ich versuche es. Aber sobald du nicht mehr kannst, gib mir Bescheid."
Ja, ja. Jetzt mach.
Aiden versuchte sich zu entspannen. Es war Gabe, ein Geist, dem er vertraute, der ihn die letzten Nächte beschützt hat, der sich gerne an ihn kuschelte, der …

...Wärme. Das war das erste, was Aiden spürte. Dann hatte er das Gefühl, als wenn sich jemand an ihn lehnen würde, nur dass es weiter ging. Doch es schmerzte nicht, war nicht unangenehm und als er auch Gabes Bewusstsein fühlte, machte er ihm Platz, zog sich zurück und schaute fast wie eine andere Person zu, wie Gabe nun seinen Körper führte.

***

Es ging ganz leicht und Gabe lachte, als er merkte, dass Aiden fast genauso groß war wie er, so fiel es ihm gleich noch leichter, diesen fremden Körper zu bewegen. Reece schreckte auf, als er diese unbekannte und etwas raue Stimme hörte. Er schaute in das Gesicht des Jungen und irgendetwas erschien ihm anders.
"Was gibt es da zu lachen?", fragte er irritiert. Und warum konnte er doch reden? Dieser Junge hatte ihn völlig hinters Licht geführt.
"Hallo, Reece", sprach Gabe weiter, als er merkte, dass er laut aufgelacht hatte. "Das ist jetzt nicht so leicht zu erklären, aber …"
Reece kam plötzlich auf die Beine, beugte sich zu Aiden hin.
"Nicht leicht zu erklären? Dass du mir was vorgespielt hast? Dich über mich lustig machst? Wenn ich in fünf Minuten wieder hier bin, bist du verschwunden. Und ich will dich hier nie wieder sehen."
"Reece, bitte. Warte!", versuchte Gabe hinterher zu kommen, doch es war nicht so leicht auch aufzustehen wie einen Arm zu bewegen oder zu sprechen, und Gabe stolperte, fiel wieder auf die Knie zurück. Reece war schon aus dem Raum gestürmt. Verdammt! Er durfte jetzt nicht verschwinden. Er war doch Reece. Sein Reece, sein Bruder, sein Vampir.
"Mein Vampi", schluchzte er auf. Er hatte es noch viel Schlimmer gemacht. Völlig fertig sank er auf den Boden und ließ die Tränen laufen. Er wollte ihm doch nur helfen und jetzt? Jetzt war Reece nicht nur traurig, sondern auch noch böse auf Aiden. Er spürte die Nässe in seinem Gesicht, bemerkte die Tränen, die er seit seinem Unfall nicht vergossen hatte und dachte an Aiden, an dessen Mut und an Reece und fühlte sich allein, obwohl er Aiden irgendwo bei sich spüren konnte. Und die Hand auf seiner Schulter merkte er erst, als diese ihn fester griff und heftig schüttelte. Dazu die so geliebte Stimme. Ungläubig blickte er auf, sah durch die Tränen nicht wirklich was, aber erkannte auch am Geruch, dass es Reece war.
"Reece", rief er aus und klammerte sich weinend an ihm fest. Egal warum der grad hier war, ob er ihn schon rausschmeißen wollte. Er hielt ihn fest und konnte ihn nicht mehr loslassen. Es gab so viel, was er ihm sagen wollte, doch bekam er durch das viele Weinen gar keinen ganzen Satz heraus. Er versuchte sich ein wenig zu beruhigen.
"Reece, ich wollte zu dir, weil du doch nicht kamst. Dann war plötzlich Nichts, Schwärze. Und dann war ich bei Aiden. Und…jetzt sind wir endlich bei dir und du willst nicht reden. Und…", hickste Gabe plötzlich auf. Oh nein! Nicht auch noch Schluckauf. Das war so typisch. Immer wenn er weinte bekam er Schluckauf.

***

"Bist du es wirklich, Gabe", fragte Reece, als Gabe nichts mehr sagte. Der hickste wieder und nickte dazu. Reece schaute auf den anderen Jungen, der ihm eigentlich fremd war, aber gleichzeitig so sehr seinem kleinen Bruder ähnelte. Da war die Frisur, die nur Gabe so getragen hat, da war der Kosename, wie ihn nur Gabe sagen konnte und vor allem war da der Schluckauf, der Gabe so niedlich und auch diesen Jungen liebenswert machte.
Er merkte, dass er lächelte, oder wohl fast schon grinste. Er konnte es gar nicht zurückhalten, jetzt, wo er seinen Bruder wieder bei sich hatte. Der hickste noch immer, auch wenn keine Tränen mehr flossen, und als er das weite Lächeln sah, tippte er mit dem Finger auf eine der längeren oberen Eckzähne, die aufblitzten.
"Mein Vampi", flüsterte er dann noch mal, bevor ein neuer Schluckser kam. Jetzt musste Reece sogar lachen, und gleich noch lauter, als er sah, dass der Junge auch schmollte wie Gabe.

***

Gabe war glücklich. Reece schmiss ihn nicht raus und hatte ihn sogar erkannt, glaubte ihm. Er brauchte noch ein paar Momente um sich ganz zu beruhigen. Reece hielt ihn fest umarmt, schob ihn wieder von sich, um in das geliebte Gesicht zu blicken, das ja doch nicht Gabe war, nur um ihn wieder in die Arme zu ziehen und durch die Haare zu kraulen.
Gabe genoss die vertrauten Zärtlichkeiten noch eine kurze Weile, dann endlich fühlte er sich soweit, mit sicherer Stimme Reece alles erzählen zu können. Doch auch diesmal kam er nicht weit. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Es fühlte sich merkwürdig an, wie ein kalter Luftzug. Ein Blick zeigte, dass Reece' Büro geschlossene Fenster hatte, kein Blatt bewegte sich und schnell begriff Gabe, dass es in ihm selbst war. Voller Schrecken suchte er nach Aiden, spürte ihn kaum mehr bei sich und merkte, wie sich Aiden immer mehr entfernte. Nein! Aiden durfte nicht verschwinden. Nicht sterben!
"Oh Gott, Aiden! Bleib hier", rief er laut.

...


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