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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 5: Bücherwurm & Stylist"

 


Gabriel langweilte sich. Aiden sortierte Bücher, führte dabei irgendwelche Listen und durfte nicht mit ihm reden, da er sonst durcheinander kam. Er musste schon zweimal von vorne anfangen. Und sein Grandpa hatte einen Kunden nach dem anderen.
So schwebte er still durch das Geschäft, besah sich Bücher in den Regalen und die losen Pergamente und Schreibfedern neben einer kleinen Auswahl moderner Schreibwaren, bis er erneut die offene Bücher auf Lesepulten entdeckte. Er blieb weiter hinten vor einem ausgestellten Buch schweben und begann zu lesen. Er brauchte nicht lange für die zwei Seiten, aber da noch immer Kunden im Geschäft waren, konnte er weder Aiden noch William bitten, die Seiten umzuschlagen. So wartete er, bis ein neuer Kunde hereinkam, einen leichten Windzug damit verursachte. Gabriel konzentrierte sich, wischte mit der Hand über die Seiten und erzeugte so den Eindruck, als wenn allein der Wind die Seiten umblätterte. Ein Kunde erschrak sich und William versicherte, es wäre schon öfter passiert. Es sei ein altes Haus, da zieht es immer mal ein wenig, vor allem wenn die Tür geöffnet wird.
Gabriel hatte nun die erste Seite vor sich und begann begeistert das Buch von vorne zu lesen. Wenn er fertig war, blickte er sich kurz um, ob wieder Kunden im Raum waren. Wenn nicht, blätterte er einfach weiter. Häufig erwischte er dabei mehrere Seiten und es dauerte, bis er zu seiner eigentlichen Seite zurück gelangte, doch er weigerte sich Aiden um Hilfe zu bitten. Er wollte das allein schaffen!

***

Aiden suchte seinen Geist. Es war Mittag, daher etwas ruhiger im Laden, und er musste sich für die Uni fertig machen. Er fand ihn hinten bei dem Buch und stellte erstaunt fest, dass Gabriel die Hälfte schon gelesen hatte. Er schaute ihm ein paar Minuten zu und war wirklich stolz, als der die nächste Seite aufschlug, ohne sich groß anzustrengen.
Na, ist es spannend, fragte er ihn schließlich und holte einen zufriedenen und vor allem sehr ruhigen Geist zurück in die wirkliche Welt.
"Ja. Ich bin froh, dass ich lesen darf. Das habe ich schon vermisst. Mein Zimmer ist voller Bücher, die ich aber auch schon alle gelesen habe. Die hier kenne ich noch nicht."
Du kannst ruhig so viel lesen wie du willst. Wir können auch dann ein anderes Buch hinlegen, wenn du mit dem fertig bist. Aber jetzt wollte ich dich fragen, ob du mitkommen willst? Ich muss zur Uni. Du kannst aber auch Grandpa Wil Gesellschaft leisten und weiterlesen.
"Au ja! Studentenhechten! Da komme ich mit!" Und schon schwebte Gabriel wieder aufgeregt neben Aiden her. Aiden lachte vergnügt. Das wurde wieder spannend. Er holte sich seine Sachen, zog noch eine leichte Jacke über und verabschiedete sich von Grandpa.

Der stand noch eine Weile in der offenen Tür und blickte den beiden so lang hinterher, bis sie um die nächste Hausecke verschwunden waren. Dann ging er lächelnd wieder in den Laden hinein.

***

Wie erwartet hatte Aiden und vor allem Gabriel ihren Spaß. Zum Schluss wurde der Geist so übermütig, dass er sich auch noch an die Dozentin heranmachen wollte. Als Aiden schon erahnen konnte, was der Geist vorhatte, rief er ihn zurück. Erst nach dem dritten Ruf kam dieser wieder zu ihm.
"Du bist wirklich gemein, Aiden. Ich wollte doch nur, dass die auch mal lockerer wird. Sie ist so typisch englisch hochgeschlossen."
Du bist hier in England, antwortete Aiden und lachte. Der arme Gabriel schien grau und eintönig wirklich nicht zu lieben.
"Ja, leider. Manchmal wünschte ich, ich wäre in Rio, oder so", brummelte er vor sich hin und tummelte sich auf dem freien Platz neben Aiden.
"Zum Glück ist deine Wohnung so schön bunt. Da kann man sich wirklich wohl fühlen. Und dann die vielen Bücherů", er seufzte auf und legte sich mit Kopf und Armen auf den Tisch; träumte vor sich hin.

***

Gabriel verschwand in Aidens Kleiderschrank. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er wartete nämlich gar nicht darauf, dass Aiden die Türen aufmachte und suchte nun nach den passenden Klamotten.
"Och, Aiden. Du hast ja gar nichts", kam er dann anklagend wieder hervor.
Woher sollte ich auch Leder haben. Ich zieh so was nicht an.
"Aber du gehst heute Abend auf ein Demon-Konzert. Da musst du so was tragen. Du hast doch die Fans am Sonntag gesehen."
Erstens bin ich kein Fan und zweitens war ich letztens auch nur in meinen normalen Sachen dort. Da hat es dich nicht gestört, verteidigte sich Aiden und klappte jetzt selbst die Türen seines Schrankes auf. Vielleicht hatte er ein paar schwarze Sachen.
"Heute willst du aber Reece danach treffen. Er soll dich doch auch interessant finden. Vielleicht hört er dann eher zu."
Ich hab' ne schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt, hielt Aiden die beiden Sachen Gabe hin. Der kam näher, sah kritisch auf die Stoffe und schüttelte dann ergeben den Kopf.
"Ach, Aiden. Wenn ich das eher gewusst hätte, dann wären wir vorhin mal shoppen gegangen." Gabriel war einfach bemitleidenswert, wie er da so geknickt vor ihm schwebte. Aiden musste da schon ein wenig lächeln, wuschelte durch Gabes Haare und zog sich erst mal die beiden Sachen an.
Na komm, Gabe. Das geht doch so. Vielleicht kannst du noch was extra dran machen. Er präsentierte sich einmal drehend seinem Geist. So schlecht fand er es gar nicht. Außerdem fühlte er sich wohl in den Sachen.
"Na ja. Das ist der Notfall-Look. Hast du noch einen Gürtel oder so was?", spitzte er wieder in den Kleiderschrank.
Der war nicht allzu groß. Klar, hier in diesem Haus passte mehr nicht rein, aber er wunderte sich schon, wie man mit so wenigen Klamotten auskam.
Ich habe nur diesen klassischen Gürtel und den einfachen mit Nieten, holte Aiden die schwarzen Lederriemen heraus.
"Hey, perfekt", rief Gabe gleich begeistert. "Die hängst du einfach zusammen. Den einfachen Teil schiebst du durch die Schlaufen der Jeans und den Nietengürtel lässt du dann locker um die Hüfte fallen."
Aiden befolgte sorgfältig die Anweisung, schob dabei die Zunge zwischen die Zähne als er den Gürtel einfädelte und schnaufte erleichtert auf, als alles so saß, wie es Gabriel wollte.
"Ja. Sieht gut aus. Und jetzt noch die Haare. Na komm."
Sie wechselten ins Badezimmer, wo sich Aiden Gel nach Anweisung ins Haar packte.
"Nee, so geht das nicht. Warte mal, halt still und vertrau deinem Geist", sagte irgendwann Gabe und konzentrierte sich.
Mit einer schnellen Bewegung strich er Aiden einmal durch die Haare. Perfekt!
"Na, ging doch wie von Geisterhand", lachte er laut.
Oh, das sieht aus wie bei Reece, war Aiden überrascht, als er sich im Spiegel sah.
"Was glaubst du, wer ihn immer gestylt hatů", lachte Gabe noch immer. Mit sich und seinem Kunstwerk Aiden zufrieden, machte Gabe sich auf den Weg.

***

Sie konnten einige Stationen mit dem Bus nehmen und liefen die letzten Meter zu Fuß.
Am Eingang der Lagerhalle stand ein einfacher Tisch. Dahinter saßen Brooke und der Keyboarder der Band. Heute waren sie dran mit Kassieren und Stempeln. Aiden bezahlte die wenigen Pfund und lächelte Brooke zu, die ihm neben den kaum sichtbaren Stempel vom Sonntag den zweiten drückte. Sie wünschte ihm ebenfalls lächelnd viel Spaß. Heute war es nicht so voll, schließlich war es auch mitten in der Woche, und doch suchte Aiden sich wieder einen Platz an der Seite, wo er sich hinter einem Stahlträger etwas verstecken konnte. Dann blickte er sich um, da er sich allein fühlte, und sah Gabriel gerade noch hinter der Bühne verschwinden. So schaute er sich weiter um, beobachtete die Leute und musste feststellen, dass wirklich fast alle in schwarzem Leder da waren.
Dann kamen schon die Jungs und Brooke auf die Bühne. Aiden hielt automatisch Ausschau nach Reece, doch der ließ sich noch nicht blicken.
Brooke schlug die ersten Töne an und spielte ein kleines Solo, bis sie endlich ihren Sänger neben sich hatte. Der nickte ihr nur zu und gab an, dass es losgehen konnte.
Und wie es dann losging! Gleich die ersten Töne zeigten an, dass die Band heute die harte Seite von Demon Soul zeigte. Trotzdem war die Stimme voller Gefühl. Aggressiv und düster. Und Aiden hörte, dass die Texte nicht nur dem Metal-Genre geschuldet waren. Er wusste, dass es tiefere Bedeutung hatte, wenn Reece von Fortgang, Schuld und baldigem Wiedersehen sang.


"Er hat vor dem Auftritt geweint, daher kam er auch später auf die Bühne", seufzte Gabriel leise.
Aiden erschrak sich, da er Gabe gar nicht bemerkt hatte.
"Und die meisten Lieder, die er heute singt, kenne ich auch noch nicht. Die sind neu." Der Geist suchte Aidens ganze Aufmerksamkeit und blickte ihm nervös in die Augen.
"Aiden, ich befürchte wirklich das Schlimmste. Eigentlich dachte ich immer, Reece wäre ein starker Mensch, aber dass er sich so viel Schuld gibt und sich selbst was antun will, hatte ich nicht erwartet. Wir müssen heute unbedingt etwas unternehmen!"
Ich werde mein Bestes geben und ihn nicht eher weglassen, bis er mir glaubt, versprach Aiden fest und meinte es auch so.

...


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