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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 4: Alltag"

 


Der Tag hatte heute sehr früh angefangen, da seine Vorlesung zeitig stattfand. Er wurde von seinem Wecker und von Gabriel geweckt, der auch die ganze Nacht bei ihm geblieben war. Es war nicht typisch für Geister den ganzen Tag präsent zu sein, aber Gabe fühlte sich in seiner Gegenwart anscheinend so wohl, dass er nicht verschwinden wollte.
So machten sie wieder gemeinsam Frühstück, diesmal mit einem einfachen Kamillentee, und eilten durch die noch stille Stadt zur St John University.

***

Aiden suchte sich einen Platz weiter hinten, wo es nicht so auffiel, wenn er sich langweilte. Denn das Thema interessierte ihn nicht, doch er musste anwesend sein, um diesen Kurs zu bestehen. Gabriel schnappte den Gedanken bald schon auf und entschied, Aiden ein wenig Spaß zu bereiten. Gleichzeitig übte er damit seine Fähigkeiten. So schwirrte er also durch den Vorlesungssaal und stupste dort einen Stift an oder ließ da einige Blätter aufwehen. Wenn dann die Studenten hektisch ihren Sachen nachhechteten, musste Aiden sich schon sehr zusammennehmen, um nicht auffällig zu grinsen.
Er war stolz auf Gabriel, da dieser wirklich sehr schnell Fortschritte machte. Da kam ihm ein Gedanke. Wenn Gabriel eine gewisse Stärke hatte, könnte es vielleicht klappen. Und er vertraute seinem Geist bereits so viel, um sicher zu sein, dass er ihn nicht verletzen würde. Seine Idee für sich behaltend kämpfte er sich durch den Uni-Tag und eilte schließlich nach Hause, um am Nachmittag seinem Grandpa im Laden zu helfen.

***

Gabe lümmelte bäuchlings auf der Couch und linste über die Lehne hinüber in die Küche, wo Aiden hastig hantierte. Irgendetwas wollte der ihm sagen, aber er wusste wohl nicht, wie er anfangen könnte. Als er dann auch noch mit einem Kräutertee mit Honig und Vanille zu ihm rüber kam, wusste er, dass es etwas Wichtiges war. Denn Kräutertee - so viel hatte Gabriel nun schon herausgefunden - war Aidens Beruhigungsdroge Nr. 1.
Er machte Aiden Platz, sodass dieser sich in seine Lieblingsecke kuscheln konnte, ließ ihn einige Schlucke trinken, doch dann war auch Gabriels Neugierde zu groß.
"Los, sag schon!", rief er ganz unvermittelt und pikste Aiden in die Seite. Der zuckte sogar zurück, einerseits, weil er Gabe spürte und andererseits, weil er einfach unheimlich kitzlig war. Zum Glück schwappte der Tee dabei nicht über. Er stellte die Tasse also auf den kleinen Couchtisch und nahm sich dafür ein Kissen. Irgendetwas brauchte er, um seine nervösen Finger zu beschäftigen.
Ich habe nachgedacht, fing er harmlos an. Gabe verdrehte nur die Augen. DAS hatte er auch schon gemerkt.
Also, ich dachte, wenn wir Reece etwas schreiben, von Dingen, die nur du weißt, dann redet er vielleicht mit uns.
Gabe kam ins Grübeln. Doch, das musste eigentlich funktionieren. Allerdings wird sich Reece schon sehr wundern, warum ein Fremder all solche Dinge wissen könnte. Nicht, dass er deshalb Aiden wegen Stalking bei der Polizei meldete. Das sagte er auch Aiden.
Ich weiß, antwortete der auch schon. Aber ich habe da noch eine Möglichkeit, wenn du es dir zutraust. Er stockte, denn ganz einfach war das auch für ihn nicht.
"Nun sag es endlich!", forderte der Geist. "Sonst muss ich dich wieder kitzeln", drohte er und hatte die Hände schon erhoben. Aiden hielt sich das Kissen schützend vor, nicht dass es gegen einen Geist anhielt, und musste dabei auch etwas lachen.
Na gut. Pass auf. Wenn Geister eine gewisse Stärke haben, dann können sie Gegenstände etwas bewegen, so wie du heute in der Uni. Je älter sie sind, also je länger sie schon tot sind, desto besser können sie es. Aber sie gehören halt nicht in diese Welt, und dadurch können sie niemals einen Gegenstand dieser Welt so handhaben, wie es ein Lebender kann. Vielleicht, wenn sie Jahrhunderte alt sind, aber so einen Geist habe ich noch nie gesehen.
Aiden verlor sich in seinen Gedanken. Vielleicht, wenn Gabriel mit seiner Kraft so alt werden würde, dann könnte er so etwas wohl. Erst als ihn Geisterfinger wieder kitzelten, schreckte er hoch. Da war ja sein noch junger Geist und wartet auf eine Erklärung. Er lächelte ob der Ungeduld Gabes und erklärte weiter.
Was ein Geist tun kann, um mehr Einfluss auf Gegenstände und sogar direkt auf Menschen zu nehmen, ist, wenn du einen Menschen übernimmst. Das geht nur, wenn der Geist schon eine gewisse Kraft hat.
"Wie meinst du das? Soll ich dich in Besitz nehmen, Aiden?"
Aiden lächelte scheu und wurde dann rot, als er Gabes Formulierung hörte und sie für sich ganz anders interpretierte. Doch der lachte nur frech.
"Mensch, Aiden, kannst du auch mal ernst bleiben", kicherte er weiter, ließ sich nach hinten fallen und schubste somit ein buntes Kissen von der Sofakante.
Du bist fies, Gabe, schmollte er und angelte sich seinen Tee wieder heran. Er trank in langsamen Schlucken und genoss vor allem den Vanillegeschmack, bis Gabe sich wieder beruhigt hatte.
Pass auf, Gabe. Das ist jetzt sehr wichtig, hatte Aiden die Aufmerksamkeit des Geistes wieder bei sich. Du kannst nur von einem Menschen Besitz ergreifen, der es freiwillig zulässt. Wie ein Medium oder Wahrsager, oder auch Menschen, die z.B. autogenes Schreiben machen. Ein Mensch, der nicht will, kann nur sehr schwer von einem Geist übernommen werden. Das käme einer mentalen Vergewaltigung gleich. Du hättest nicht die Kontrolle über den menschlichen Körper. Und es schadet auch dem Geist selbst. Der verliert für lange Zeit seine Kraft.
Gabriel lauschte Aidens Worten und spürte die leise Furcht, die dabei mitschwang.
"Aiden, wenn du es nicht willst, dann machen wir das nicht. Ich würde es gerne probieren, aber ich merke, dass du Angst hast."
Aiden nickte nur. Er würde es sehr gerne für ihn tun, doch die Angst war doch sehr groß. So versteckte Aiden sich hinter seiner Tasse und grübelte vor sich hin.
"Ach, Aiden. Du bist wirklich zu lieb", kuschelte sich Gabriel an Aiden heran. "Ich schlage vor, wir probieren es so noch einmal. Morgen hat er wieder ein Konzert. Er kennt dich jetzt ja, vielleicht lässt er dich ausreden. Und wenn er dann noch nicht zuhört, dann können wir nochmal über das andere reden."
Aiden stimmte ihm zu und dann dachte er daran, dass er morgen diese tiefe Stimme wieder hören würde. Da fiel ihm etwas ein: Gabe, Reece hat Zähne wie ein Vampir, sagte er einfach.
"Ja, toll nicht? Er hat die schon immer länger. Sie sind nicht so lang, wie in den Filmen, aber trotzdem habe ich ihn oft so genannt. Stell dir vor, wie es wäre, wenn er dich damit beißen würde", lachte Gabe und träumte ein bisschen vor sich hin. Aiden kraulte seinem Geist durch die Haare, soweit er sie spüren konnte, trank weiter seinen Tee und dachte noch etwas über die spitzen Eckzähne nach.

So blieben sie noch ein paar stille Minuten bis Aiden ins Bett ging. Dort setzte Gabriel sich an das Fenster und blickte in die Nacht hinaus, während er Aidens Schlaf überwachte, so wie auch die letzten Nächte.

...


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