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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 31: Werwolf-Special - Teil 5"

 


Gähnend saß Selena am nächsten Morgen mit ihrer Familie am Frühstückstisch. Für sie hatte ihre Mutter schon eine große Schale Obstsalat mit Joghurt und Müsli bereitgestellt.

"Und, wie war deine Nacht?", fragte ihr Vater. "Hat dir Agnes wieder spannende Geschichten aus Yorks Vergangenheit erzählt?"
Selena war noch nicht ganz wach, als sie verwundert zurückfragte, was Agnes mit der ganzen Sache zu tun haben sollte. Dann erst fiel ihr ein, dass sie ihrer Familie ja noch gar nichts von all den Neuigkeiten berichtet hatte. Das holte sie nun ausführlich nach, bis sie jedoch von ihrer Mutter ermahnt wurde, dass die Schule bald losgehen würde.

"Aber das geht nicht! Ich kann heute nicht zur Schule. Ich muss doch mit Jamie seinen Freund finden. Bitte, Papa. Kannst du nicht in der Schule anrufen und sagen, ich wäre krank?" Sie machte große runde Augen und legte den Kopf schräg.
"Aber nur, wenn ich dich zu den Polizisten fahre. Ich will wissen, was da passiert", lenkte ihr Papa ein. Mit einem freudigen Jauchzen stürzte sie sich auf ihn und umarmte ihn ganz fest.

Klar gab das erstmal einen Aufstand der Miniwölfe. Ihre Brüder sahen ja gar nicht ein, dass sie die Schule sausen lassen durfte, während sie sich selbst da plagen mussten. Doch alles meckern half nicht; ihre Mutter schob sie mit Schultasche resolut zur Haustür hinaus und drohte mit Stubenarrest für den Nachmittag, sollten sie nicht ordentlich zur Schule gehen. Sie würde es überprüfen. Mit hängenden Köpfen trotteten die Jungs davon.

Selena dagegen hüpfte in ihr Zimmer hinauf, um sich für den wichtigen Tag umzuziehen. Sie schlüpfte in ein Kleid, dass schon fast zu festlich war für den normalen Alltag, aber wenn Jamie heute vielleicht Jan treffen würde, war das doch ein wichtiger Moment. Da wollte sie hübsch aussehen. Dazu bürstete sie sich ordentlich die Haare bis sie glänzten und flocht sich einen Zopf.

Ihre Mutter bat sie, vorsichtig zu sein bei all den fremden Leuten. Selbstsicher erklärte Selena, dass alle ganz lieb wären, sehr auf sie Acht gaben und vor allem Valerie ein super Detective war.
"Und…", erklärte sie mit erhobenem Zeigefinger. "… ich werde auch einmal Detective werden!"
"Oh. Das ist ja eine sehr frühe Berufswahl. Schau nur zu, dass du dafür gut lernst und die Schule nicht zu oft ausfallen lässt. Heute ist eine Ausnahme", wies ihre Mutter sie noch einmal auf den heutigen Sonderfall hin.
"Ja. Mach ich. - Tschüs, bis dann." Selena umarmte ihre Mutter kurz zum Abschied, dann sprang sie aufgeregt hinaus und zum Auto, wo ihr Papa schon auf sie wartete.

Während der Fahrt zum CID erzählte Selena noch einmal alles von gestern, nur noch mit mehr Details. Ihr war es wichtig, dass ihre Eltern verstanden, warum sie sich so sehr für Jamie einsetzte. An der Polizeizentrale angekommen, meldeten sie sich beim Pförtner an und Selena erklärte sehr genau, dass sie gestern mit den Detectives Valerie und Mian unterwegs war. Der Pförtner lächelte nur gütig und glaubte ihr sicher kein Wort. Doch er rief beim Chief Inspector an, um die zwei Gäste anzukündigen und nach einer Anordnung zu fragen, was er mit den beiden tun solle.
"Ja. Ja, natürlich Chief Inspector. Ich werde es so ausrichten", sagte der Mann nach wenigen Sekunden und legte auf. Dann wendete er sich eifrig Selena und ihrem Vater zu.
"Hier sind zwei Besucherausweise und hier bitte eine Unterschrift. Es kommt gleich jemand, der euch abholt."
Noch während Selena und ihr Papa das kleine Formular ausfüllten und sich die kleinen Plastikkärtchen an die Jacken machten, kam eine Person aus dem Hauptgebäude auf sie zugelaufen.
"Valerie! Hallo! - Papa siehst du, das ist Detective Valerie."

Valerie lachte, als sie Selena kurz umarmte. Dann reichte sie dem Mann ordentlich die Hand und stellte sich noch einmal richtig vor.
"Guten Tag. Ich bin Detective Valerie Rosewood. Ich habe in der Nacht Dienst gehabt, als ihre Tochter mit Aiden hergekommen ist."
"Guten Tag. Ich bin Randall Garou. Ich wollte nur mal sehen, wo sich meine Tochter herumgetrieben hat und wie sie überhaupt hier landen konnte. Ich hatte erst gedacht, sie hätte etwas ausgefressen", gestand er nun seine Sorge, auch wenn er seiner Jüngsten sonst sehr vertraute.
"Ach, nein. Sie hat nichts angestellt. Im Gegenteil. Durch sie können wir einen langjährigen Vermisstenfall neu aufrollen und ihn sehr wahrscheinlich auch lösen. Aber kommt einfach mit rein. Da können wir bei einer Tasse Tee alles besser erklären."
"Aber Valerie. Warum bist du noch hier? Wolltest du nicht alles der Tagesschicht übergeben? Hat sich Aiden schon gemeldet? Geht es Jamie gut?"
"Selena", rügte ihr Vater sie etwas. "Lass den Detective doch erst einmal eine Frage beantworten."

Valerie winkte lachend ab. So neugierig hatte sie Selena schließlich gestern schon die ganze Zeit erlebt und es machte ihr nichts aus. "Ach. Lassen Sie sie doch, Mr. Garou. Lieber ein Mensch, der zu viele Fragen stellt, als jemand, der sich für gar nichts interessiert. - Ich bin hier, weil ich gerne die Suche nach Jan heute noch mit bearbeiten wollte. Aiden ist übrigens auch schon da und er schien gut drauf zu sein. Zumindest hat er nichts Gegenteiliges erzählt. Jamie geht es also wohl soweit gut."

Sie kamen ins Gebäude und neugierig sah sich Selena um. Das war alles sehr aufregend und sie konnte es sich schon bildlich vorstellen, selbst hier als Detective auf Arbeit zu kommen. Sie kamen in einen großen Raum mit mehreren Arbeitsplätzen. Valerie führte sie aber gleich ganz durch zu einem abgetrennten Büro, indem sie Aiden endlich wieder sah und neben ihm entdeckte sie Jamie und Gabe.

Sie eilte auf die drei zu, grüßte alle und umarmte Jamie so doll sie konnte.
"Geht es dir gut, Jamie?"
"Ja", lachte Jamie. "Außer du drückst noch fester."
"Ach. Das hältst du schon aus. - Papa, das ist Jamie, der Geist vom Friedhof und aus dem Wald. Also jetzt zusammen. Und das ist Aiden. Er ist ein Mensch, kann aber trotzdem Geister sehen. Und der da ist Aidens Poltergeist", deutete sie mit dem Daumen auf Gabriel, als sie sich zu ihrem Vater umdrehte, um ihm alle vorzustellen. Natürlich konnte Gabe das auf sich nicht sitzen lassen.

"Ich bin kein Poltergeist. Ich bin Aidens Schutzgeist. S~c~h~u~t~z~g~e~i~s~t~! Ich hätte nie gedacht, dass kleine Mädchen so gemein sein können… Und außerdem…" Er murmelte aufgeregt vor sich hin und schwebte im Raum auf und ab.

Selena kicherte nur, dann erst bemerkte sie den Hünen am Schreibtisch. "Oh!", hauchte sie nur heraus. Ihr war klar, dass das wohl Valeries Boss war. Er sah ernst aus und sie wusste nicht, was sie nun tun sollte. Verlegen drehte sie einen Fuß und hauchte ein "Guten Morgen. Entschuldigung." heraus.

"Guten Morgen, Selena. Ich bin Detective Chief Inspector Tristan McLean. Und du bist also das Mädchen, das heute Nacht hier so viel Wirbel veranstaltet hat? Und sie sind ihr Vater?" McLean stand auf und reichte Randall die Hand.

"Jawohl, Sir. Selena und Randall Garou. Meine Tochter hat sicher nicht die Absicht gehabt, Ihnen Ärger zu machen. Doch wie ich hörte, gibt es da wohl einen offenen Vermisstenfall, und sie wünscht sich so sehr, dabei helfen zu können. Und wie ich sehe, scheint sie sich mit Jamie angefreundet zu haben", erläuterte Randall und deutete zu Selena. Jamie war zu ihr gekommen und hatte ihre Hand gegriffen. Erwartungsvoll blickten sie die Erwachsenen an. Im Hintergrund murrte Gabe.

McLean schaute zu dem Mädchen, sah aber nichts.
"Sie können auch Geister sehen?", schlussfolgerte er aus all dem.
"Klar. Alle Werwölfe können das! Insofern der Geist stark genug ist", erklärte Selena und wunderte sich, dass der Boss das nicht wusste.
"Werwölfe?! Valerie, haben Sie mir da etwas verheimlicht?"
"Ähm, Boss. Das… das war ja nur so ein kleines Detail. Ich wollte es Ihnen sagen, wenn Selena persönlich da ist."
"Aha! Aiden, warum hast du mir nicht schon längst erzählt, dass es auch Werwölfe gibt?"

Aiden saß still auf seinem Sofa und hatte bis eben unbeteiligt seinen Tee getrunken. Jetzt fühlte er sich plötzlich beobachtet. Er blickte auf und sah alle Anwesende zu sich sehen. Was sollte er denn jetzt dazu sagen? Er hatte doch vorher auch nicht gewusst, dass es Werwölfe gab. Er zuckte mit den Schultern.

"Na. Ob ich das glauben kann…", brummte McLean und kratzte sich durch den Bart.

"Was passiert denn jetzt?", mischte sich Randall noch einmal ein.
"Oh, wir haben die Adresse von Jamies Freund, Jan, herausgefunden und wollen ihn besuchen fahren. Und was den Unfall angeht, den Jamie beschrieben hat, da sind schon meine Kollegen Kyle und Angelina unterwegs. Ich dachte, Selena möchte mit zu Jan fahren…"

"Ja. So gerne!", nickte Selena und freute sich so sehr darauf. Endlich würde Jamie sein Ziel erreichen.

"In Ordnung. Dann werde ich mich verabschieden. Ich möchte Sie nur bitten, gut auf Selena aufzupassen. Wenn ich sie abholen soll, dann rufen Sie mich doch an", bat Randall, holte eine kleine Karte heraus und gab sie Valerie. Dann reichte er ihr zum Abschied die Hand, auch dem Chief Inspector.

Als nächstes blickte er Jamie direkt an: "Ich wünsche dir Erfolg, Jamie."

Zum Schluss trat er mit einem respektvollen Lächeln auf Aiden zu.
"Ich hätte nie gedacht einem Blake zu begegnen. Und nun treffe ich so unerwartet auf einen aus dieser berühmten Familie. Es sind viele Geschichten über euch und eure Abenteuer im Umlauf und ich bin froh, dass Selena in dir wohl einen Freund gefunden hat. Zumindest spricht sie seit gestern nur noch über Jamie, dich und den Fall. - Falls du in Zukunft die Unterstützung unserer Familie und unserer Fähigkeiten oder unseres Wissens brauchst, dann scheue dich nicht, dich bei uns zu melden." Aiden war erstaunt, gleichzeitig nickte er ernsthaft zurück.

"Und du, Gabriel: ein Schutzgeist ist etwas ganz Besonderes. Nimm deine Aufgabe ernst. Schon lange habe ich keinen Schutzgeist mehr gesehen und ich bin schon etwas länger auf dieser Welt. Du bist stark, stärker als du glauben magst. Nutze diese Stärke."

Gabriel nickte stumm. Was sollte er darauf auch antworten?

Randall drückte noch einmal seine Tochter, nahm ihr das Versprechen ab, sich auch ja zu benehmen. Alle schauten sie Randall nach, als dieser das Büro verließ.

Gabriel kuschelte sich an Aiden.
"Das war unheimlich, Aiden. Dieser Mann weiß so viel mehr."
Aiden strich ihm beruhigend über den Rücken.

"So! Also auf. Machen wir uns an die Arbeit", nahm McLean das Wort auf und scheuchte damit alle, die er sehen konnte, aus dem Raum. Still hoffte er, dass alle, die er nicht sehen konnte, auch verschwanden. Er brauchte einen Augenblick für sich allein, um all die Neuigkeiten zu verdauen und dann zu überlegen, wie er den offiziellen Bericht formulieren konnte, ohne etwas von Werwölfen und Geistern zu erwähnen.

*

Valerie ging eben an ihren Schreibtisch, packte sich eine kleine Tasche, das Handy und einen Zettel mit Jans Adresse ein.
"Also auf. Fahren wir zu Jan. Sind alle damit einverstanden oder muss vorher noch etwas erledigt werden?"
Alle nickten, dann schüttelten Sie die Köpfe.
"Gut. Dann los."

Sie suchten sich in der hauseigenen Garage einen Polizeiwagen aus und dann waren sie auch schon unterwegs. Jamie konnte genau ansagen, wo sie langfahren mussten und kamen damit auch direkt an seinem Unfallort vorbei!

Es standen sehr viele Polizeiwagen dort und auch der SUV der Forensiker. Valerie hielt eben, ließ ihr Fenster herunter und fragte einen der Polizisten, ob hier alles klar wäre.
"Jawohl, Ma'am. Dr. Winstone und Mr. Matthews sind unten bei der Fundstelle."
Valerie nickte. Es waren also ihre besten Leute dabei.
"Gut. Weiter machen", gab sie lachend Anweisung.
"Siehst du Jamie. Es geht voran", erzählte sie, obwohl sie ihn gar nicht sehen konnte.

Jamie war glücklich, gleichzeitig aber aufgeregt.
"Du, Gabe? Wie war das mit deinem Bruder? Hat er sich gefreut, dich zu sehen?"
"Ach, der Sturkopf. Er wollte zuerst Aiden überhaupt nicht glauben. Das war nicht einfach. Jetzt ist er natürlich happy, dass er mich wieder triezen kann. - Aber normalerweise sind die Menschen, denen Aiden eine Nachricht überbringt, recht umgänglich."

Das schien Jamie nicht zu beruhigen. Nervös knetete er seine Finger.
"Und wenn er gar nichts von mir wissen will? Wenn er mich sogar vergessen hat? Er ist jetzt bestimmt ein richtiger Mann."

Gabe gab sich alle Mühe, Jamies Bedenken zu mildern. Doch auch als Selena und Aiden ihm Mut zusprachen, half es nicht. Es blieb ihm wirklich nur übrig, sich dem ganzen zu stellen. Aber vielleicht würde er ihn heute gar nicht sehen. Wer wusste schon, ob er überhaupt noch hier wohnte und nicht weggezogen war.

Sie erreichten das kleine Dorf und gleich unter dem Ortseingangsschild stand der Wegweiser zum ‚White Mountain Cottage', dem kleinen B&B von Jans Eltern. Das Schild sah sauber und neu aus. Also wurde es auf jeden Fall noch betrieben.

Sie folgten einer kleinen Straße und standen plötzlich vor einem hübschen langgezogenen Cottage mit traditionellem Reetdach. Man sah, dass das Gebäude nach den neuesten Standards modernisiert worden war. Das Haus stand inmitten einem blühenden bunten Garten. Es sah gemütlich und einladend aus.

Valerie parkte auf dem extra für das B&B ausgewiesenen Parkplatz. Noch während sie ausstiegen, ging die Eingangstür des Cottage einen Spalt weit auf und ein Junge von vielleicht 8 oder 9 Jahren schob neugierig den Kopf hinaus. Ein Polizeiwagen war hier schon eine Aufregung wert. Selena winkte und der Junge winkte nach kurzem sogar zurück.

Sie lief einfach zu ihm hinüber und quatschte ihn an.
"Hallo. Du da. Wir suchen einen Jan Grange. Kennst du den?"
Zurückhaltung kannte Selena nicht. Valerie schüttelte nur still den Kopf, lächelte aber. Immerhin verstand sie sich mit dem Jungen sofort richtig gut, denn der kam zu ihnen an das kleine Gartentürchen.
"Mein Papa heißt so und ich bin Jamie", gab der Junge bereitwillig Auskunft.
"Was? Du heißt auch Jamie?", fragte Selena direkt nach.
"Wieso ‚auch'? Kennst du auch einen?"
"Ja. Er ist…"
"Selena. Jetzt warte doch mal einen Moment", hielt Valerie das Mädchen ab, gleich wieder jedem zu erzählen, dass sich hier Geister umtrieben. Das konnten sie drinnen besprechen. Sie wendete sich selbst dem Jungen zu.
"Hallo, Jamie. Wir würden gerne mit deinem Vater sprechen. Schau, ich bin von der Polizei. Wir müssen ihn etwas Wichtiges fragen", erklärte sie und zeigte ihre Marke.
"Hat Papa was angestellt?", wollte Jamie besorgt wissen.
"Nein. Keine Sorge. Er hat nichts angestellt. Es geht um einen Schulfreund von ihm."

Damit ließ sich der kleine Jamie beruhigen.
"Moment. Ich frage ihn mal." Er flitzte gleich los und kaum war er im Haus, hörte man ihn rufen.

"Hast du das gehört, Gabe?", fragte Jamie aufgeregt. "Der Junge heißt Jamie! Und er sieht Jan unheimlich ähnlich. Sollte es wirklich Jans Sohn sein? Sollte er ihn wirklich nach mir benannt haben? Er wird älter sein. Vielleicht erkenne ich ihn gar nicht wieder."
Krampfhaft hielt er sich an Gabes Hand fest.
"Du wirst es gleich sehen", konnte Gabe nur antworten und hoffte, dass Jamie jetzt nicht doch noch flüchtete. So aufgewühlt und gleichzeitig so verängstigt wie er war, war es ihm zuzutrauen. Dabei hatte er bei der ganzen Sache ein gutes Gefühl.

Und dann war der Moment da: aus dem Haus kam der kleine Jamie wieder, an der Hand hatte er einen Mann, den er voller Elan hinter sich herzog.
"Papa, komm. Da ist eine Polizistin, die mit dir über die Schule reden will", erzählte er.
"Was? Über die Schule? Hast du etwas angestellt?"
Anscheinend hatte Jamie nur die Hälfte erzählt und so musste Valerie doch ein wenig grinsen. Sie reichte dem Mann über das niedrige Gartentürchen die Hand.
"Nein. Ihr Sohn hat nichts angestellt. - Sind Sie Jan Grange?"

"Ja. Das bin ich. Kann ich Ihnen helfen?" Jan schaute in die Runde. Er sah die hübsche Polizisten, die ihm ihren Ausweis zeigte, neben ihr ein kleines Mädchen und dann noch einen jungen Mann; vielleicht ein Student. Das war eine komische Zusammenstellung; sie alle passten nicht zusammen.

"Ich denke, Sie können uns wirklich helfen. Kurz gesagt, es geht um Ihren ehemaligen Schulfreund Jamie Adams."
"Jamie!", platzte es aus Jan heraus. "Sie haben ihn gefunden?! Was ist mit ihm?"
"Es wäre gut, wenn wir es drinnen besprechen könnten…", sagte Valerie nur.
"Ja ~ ja, natürlich. Kommen Sie rein. Bitte. - Jamie, lauf und hol doch ein paar Getränke. Wir gehen in den Garten", schob er seinen Jungen zum Haus, während er den Besuchern das Türchen öffnete.

Valerie trat auch sofort hindurch, die anderen blieben zurück. Verwundert wendete sie sich Selena und Aiden zu.
"Was ist los? Wollt ihr nicht mitkommen?"
"Jamie hat Angst", sagte Selena und das war noch milde ausgedrückt. Valerie konnte ja nicht sehen, dass Jamie weinte, zitterte und Jan anstarrte, als wäre dieser selbst ein Geist. Selbst Gabe und Aiden konnten Jamie nicht dazu bewegen, einen Schritt zu tun.

"Jamie!!!", rief Jan. "Er ist hier?!!!"
Es klang überrascht, ungläubig, freudig, hoffend. Alles auf einmal.
"Nun ja. Es ist so. Aiden und Selena sind sehr begabt und sehen mehr, als andere Menschen", erklärte Valerie. "Und deswegen sind wir hier. Sie haben Jamie gefunden. Er ist hier. Aber er hat nun wohl Angst, mit herein zu kommen. Er hat all die Jahre seit dem letzten Schultag damals gewartet, dich wieder sehen zu können."

Jan verstand sehr wohl, dass sie ihm gerade erklärte, Jamies Geist wäre hier und war noch immer der Junge, während er selbst schon lange erwachsen geworden war. Es dauerte einige Momente. Dann aber schritt Jan auf Aiden und Selena zu und streckte eine Hand aus, hielt sie in die Richtung, in der er Jamie vermutete.

"Komm, Jamie. Ich möchte dir etwas zeigen", lächelte er warm. Mit einem Aufschluchzen ergriff Jamie die Hand und fühlte sofort die alte bekannte und so geliebte Wärme, die immer von seinem Freund ausgegangen war.

Jan lächelte noch tiefer. Er spürte etwas an seiner Hand und drückte sanft zu, dann ging er ins Haus zurück, zog Jamie einfach mit sich. Erstaunt folgten alle anderen. Selbst Aiden hatte noch nicht erlebt, dass ein Mensch einen Geist so gut spüren konnte. Da steckten mehr Gefühle dahinter, als sie bisher vermutet hatten.

Jamie ließ sich ziehen, folgte Jan und war gespannt, was er ihm so wichtiges zeigen wollte. Sie gingen ins Haus, aber schnurstracks nach hinten in den Garten wieder hinaus und dort weiter in einen Holzverschlag, der wohl der Schuppen war. Es standen eine Tischkreissäge und eine wohl geordnete Werkbank hier. In einer Ecke standen einige Fahrräder und der Rasenmäher war in griffbereiter Nähe. Was wollte Jan hier?

Jan blieb stehen und zeigte in eine andere Ecke. Man erkannte, dass da ein einzelnes Fahrrad unter einer Decke stand. Er zog die Decke beiseite und ein altes Fahrrad kam zum Vorschein. Jamie war verwirrt, bis ihm klar wurde, dass er das Fahrrad kannte. Und nicht nur kannte; es war sogar sein eigenes Fahrrad. Das Fahrrad, das er damals an der Straße stehen gelassen hatte, weil die Kette rausgesprungen war.

"Ich habe das Fahrrad damals gefunden. Ich wusste ja, dass es deines war. Ich habe die ganze Gegend nach dir abgesucht. Immer wieder bin ich in diesen Waldabschnitt zurück, denn ich wusste, dass du dort sein musstest. Ich wollte nicht glauben, was die Polizei sagte, als sie nichts finden konnten. Du wurdest als vermisst gemeldet. Ein weggelaufener Junge. Doch ich wusste, du bist nicht weggelaufen. Ich wusste, du wolltest an diesem Abend zu mir", erzählte Jan von damals und versuchte Jamie zu erkennen. Er wollte ihn so gern noch einmal sehen, auch wenn die Wärme an seiner Hand schon tröstend war.

"Ich wusste, dass du zu mir kommen wolltest, deswegen lebe ich noch immer hier. Ich dachte, egal wann, du würdest zu mir finden. - Jamie. Ich habe dich so vermisst." Er lehnte sich näher an Jamie und wollte ihn umarmen. Jamie kam auch näher, umarmte seinen Jan und konnte vor Glück und Sehnsucht seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Was er in den kurzen Minuten seit ihrer Ankunft am Cottage erfahren hatte, war fast zuviel. Jan war hier geblieben, damit er ihn finden konnte. Er hat sein Fahrrad aufgehoben. Er hatte seinen Sohn nach ihm benannt.

"Wir haben Jamie einige Kilometer weiter die Straße entlang gefunden. Es wurde damals einfach an der falschen Stelle gesucht", erklärte Valerie leise.

Jan schreckte auf. Seine Gäste waren ihm einfach gefolgt. Das war ihm jetzt schon ein wenig peinlich. Ein erwachsener Mann, der weinte. Er nickte aber und fragte:
"Ich verstehe. Und wie konnte Jamie jetzt gefunden werden?"
Das interessierte ihn schon.


"Das ist vielleicht eine längere Geschichte. Im Garten lässt sich das bestimmt besser erklären, nicht wahr, Selena?"
"Klar, dann kann ich das auch zeigen", nickte sie entschlossen und die blonden Locken wippten aufgeregt.
"Zeigen?"
"Nun, Selena hat einen kleinen Zaubertrick auf Lager", lachte Valerie. …


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