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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 30: Werwolf-Special - Teil 4"

 


Als sie die Straße wieder erreichten und am Auto ankamen, war Jamie ungewöhnlich still. Er schaute sich immer wieder um.
"Was ist Jamie? Alles in Ordnung? Oder vermisst du noch etwas?", fragte ihn Gabe, der ihn immer noch sicher an der Hand festhielt. Es war auch für ihn ungewöhnlich einen anderen Geist so direkt zu spüren. Bisher hatte er vor allem mit Aiden gekuschelt. Dass er Jamie so gut spüren konnte wie Aiden, verwunderte ihn.

"Nein. Nein. - Ich bin nur erstaunt, dass ich wirklich aus dem Wald und vom See weg bin. Ich habe das sonst nie geschafft. - Sag mal, Gabe. Wie lange lag ich da eigentlich?" Jamie war sich bewusst, dass es eine gewisse Zeit war, wenn seine Knochen so tief in der Erde schon waren, aber ein wirkliches Zeitgefühl hatte er nicht.
Gabe zuckte die Schultern. Er wusste ja auch nicht, seit wann Jamie dort lag. Aber er konnte ihm das heutige Jahr sagen.
"WAS?", riss Jamie die Augen weit auf. "18 Jahre?!"

Die Fahrt über blieb Jamie still und schien in Gedanken versunken. Gabe ließ ihn und auch Aiden drängte ihn nicht zum Reden. Dafür bat er Valerie, die wieder am Steuer saß, erst beim Friedhof vorbei zufahren. Er wollte gerne Jamie zeigen, wo er beerdigt worden war und schauen, ob der andere Jamie noch immer dort auf dem Friedhof herumgeisterte. Valerie stimmte dem Vorschlag gleich zu.

Außerdem passte Aiden auf den Wolf auf. Selena wollte sich noch nicht zurückwandeln, als sie gehört hatte, dass sie wohl gleich noch einmal Link sehen würden und auch Jamie. Als Wolf hatte sie ein besseres Gespür, vielleicht konnte sie Jamie - den vom Friedhof - auch ohne Vollmond sehen, jetzt, wo er bald vollständig sein würde. Sie saß freudig hechelnd auf der Rückbank und ließ sich von Aiden kraulen, der sie trotz einigem Knurren und Winden in den Sicherheitsgurt schnallte. Auch für Wölfe galt Anschnallpflicht!

Nur Mian schien allem nicht so zugetan.
"Erst ein Werwolf, dann ein Wald in der Nacht mit einer Leiche und jetzt auch noch ein Friedhof! Was kommt noch? Vampire? Aiden, sag schon. Gibt es auch Vampire?" Man merkte, dass Mian zwar ein harter Kämpfer sein konnte, aber wenn es um Übernatürliches ging, war er unsicher. Denn Unsichtbares konnte man nicht mit Fäusten oder Waffen aus ihrer Welt bekämpfen. Das hatte er deutlich gezeigt bekommen, als er Aiden damals beim Vorfall an der Brücke nicht beschützen konnte.

Aiden zuckte nur die Schultern. Er wusste nichts von Vampiren.
Gabe, hast du in Beth' Buch etwas über Vampire gelesen?, fragte er daher seinen Geist. Der hatte sich immerhin schon mit dem alten Buch beschäftigt. Aiden hatte bisher noch keine Zeit gefunden. Noch nicht einmal grob durchgeblättert.
"Soweit bin ich noch nicht. Ich habe von Feen und Gnomen gelesen. Aber noch nichts von Vampiren…", erklärte Gabe.
Das sollten wir bald mal nachlesen. Nicht dass dich einer beißt und du dann ein Geistervampir wirst…, überlegte Aiden so vor sich hin. Er hatte dabei nicht mehr an Gabes Verwandlungskünste gedacht und plötzlich hatte er tatsächlich einen Vampir neben sich sitzen. Gabe ließ seine enorm langen Eckzähne blitzen und verlangte spielerisch lechzend nach Aidens Blut, als er sich direkt seinem Hals näherte. Komm, geh Mian beißen, lachte Aiden und schob Gabe auf Abstand. Er sah wirklich aus, wie man sich einen Vampir vorstellte. Gabe wendete sich also dem stoischen Detective zu und umklammerte diesen, biss ihn wirklich in den Hals.

Was sie alle nicht erwarteten, war Mians Reaktion. Er fröstelte plötzlich und strich sich über den Hals, als würde er da etwas wegwischen wollen.
"Aiden? Was war das?", fragte er sofort alarmiert nach.
Aiden war überrascht. Sollte Gabe wirklich schon so stark geworden sein, dass er sich sogar weniger empfängliche Menschen gegenüber bemerkbar machen konnte? Und das direkt und nicht über Umwege, indem er Zettel oder andere leichte Sachen anstupste?

"Sorry, ich wollte dich nur mal beißen", erklärte Aiden und seine Augen blitzten neckend blau auf.
"Nun ist aber gut!", bestimmte Mian und atmete einmal tief durch. Valerie strich ihm beruhigend über den Arm. Da hinten saß aber auch ein Chaotenquartett, wenn man die sichtbaren und die unsichtbaren alle zusammenzählte. Ein bisschen konnte sie Mian schon verstehen.
"Magst du nicht schon mal die Koordinaten von Jamies Fundort durchgeben und schauen, dass morgen schon alle Bescheid wissen?", fragte sie ihn.
"Ja. In Ordnung", nickte Mian und machte sich gleich an die Arbeit. Über sein Smartphone schickte er an die Forensiker und an Abigail alle nötigen Daten. Auch ihr Chef bekam eine Infomail, was bisher geschehen war und was schon alles in die Wege geleitet worden ist.

*

Aiden hatte ein wenig gedöst, als Valerie verkündete, dass sie am Friedhof angekommen wären. Noch während sie den Wagen parkte, bellte Selena aufgeregt und Aiden beeilte sich, sie loszumachen. Sie hielt sich nicht lange auf und sobald Aiden seine Tür öffnete, war sie mit einem Satz über ihn hinweg und nach draußen gesprungen. Zielstrebig lief sie auf das große Eingangstor zu und schlüpfte zwischen den Gitterstäben hindurch, eilte auf die kleine Holztür der Pförtnerloge zu und kratzte aufgeregt und leise bellend an der Tür.

Als auch die anderen angekommen waren, sahen sie einen entspannten Wolf, der von Link hingebungsvoll gekrault wurde.
"Na, wenn ich da jetzt mal nicht eifersüchtig werde", lachte Valerie und stellte sich und Mian dem ungewöhnlich aussehenden jungen Mann vor.

"Ich nehme an, ihr seid wegen dem unbekannten Geist da? Habt ihr etwas finden können?", war Link neugierig. Selena bellte und Valerie erklärte, wie und was sie im Wald gefunden haben.
"Aber das ist ja wunderbar, jetzt wird also alles gut", war er erleichtert, denn zu wissen, dass ein trauriger Geist auf seinem Friedhof war, gefiel ihm nicht.
"Gehen wir also schauen, ob Jamie noch hier ist…"
Im Gänsemarsch gingen sie los. Link hatte eine große Taschenlampe dabei und führte die Gruppe sicher über den Friedhof.

Sie waren aber erst wenige Schritte gegangen, als Jamie unruhig wurde.
Was hast du? Fühlst du dich nicht gut?, bemerkte Aiden sein Unwohlsein.
"Ich weiß nicht. Es ist, als zieht etwas an mir - da hinten", zeigte er in die Richtung des einsamen Grabes, obwohl er ja gar nicht wissen konnte, dass dort der andere Geist war.
"Es wird immer heftiger…" Dann rannte er plötzlich los. Gabe folgte ihm.

Selena bellte, als sie die Hektik spürte und wie etwas an ihr vorbeirannte. Sofort war sie im Galopp hinter den Geistern her. Als sie am Grab ankam, stand tatsächlich Jamie vor ihr. Sie konnte ihn ganz deutlich sehen. Er schaute sich verwirrt um und betastete seinen eigenen Körper, als könne er nicht glauben, dass er plötzlich all sein Wissen wieder hatte und sich nicht mehr so leer fühlte.

"Oh! Selena! Du hast mich gefunden!", rief er aus, als er sie auch entdeckte und hielt die Arme auf, damit sie zu ihm kommen möge. Sie machte einen großen Satz und landete in seinen Armen. Ihr Schwanz wedelte wie verrückt und sie konnte es auch nicht lassen, mit ihrer nassen Zunge durch sein Gesicht zu schlecken. Er wollte sie abwehren, sie dabei aber nicht los lassen und so kugelten sie kurze Zeit später über die Erde. Gabe hockte auf dem Grabstein, baumelte mit den Beinen und lachte, als er der Rauferei zuschaute. Fehlte nur noch Popcorn.

Es dauerte gar nicht lange, als auch die Menschen ankamen. Es sah schon verwunderlich aus, als sie Selena sahen, wie sie wild in der Luft herumhopste.
"Sie scheint glücklich. Ist alles gut, Aiden?", fragte Link.
Aiden nickte und musste bei dem Anblick auch lachen.
"Schön!", freute sich Valerie mit.
"Dann können wir ja auf dem Revier alles Weitere klären", erklärte Mian recht trocken. So sehr er sich für Selena freute, er wollte nicht länger im Dunklen durch Wälder und über Friedhöfe stolpern.

*

Im Polizeirevier angekommen machten sie sich Tee und Kaffee. Aiden blinzelte müde auf die Uhr. Es war bereits nach Mitternacht und er hatte schon einen anstrengenden Uni-Tag hinter sich. Am liebsten würde er sich jetzt lang auf die Couch ausstrecken und schlafen. Natürlich war sein Pflichtbewusstsein dafür zu groß und als der Tee ihn wieder etwas munterer machte und Valerie auch einige Kekse hingestellt hatte, konnte er sich auch wieder auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren.

Sie saßen alle um Mians Schreibtisch herum und schauten auf den Computer. Selena war wieder in ihrer menschlichen Gestalt und saß ganz vorne. Seit Jamie wieder vollständig war, konnte sie ihn sogar als Mensch sehen. Das war sehr praktisch, denn so konnte Jamie ihr alles erzählen und sie konnte es an die Detectives direkt weitergeben.

Mian tippte alle Daten ein, die er von Jamie bekam. Seinen vollständigen Namen, sein Geburtsdatum, seine ehemalige Wohnadresse. Dann, wie er eigentlich dort gelandet war, wo sie ihn heute Nacht gefunden hatten und auch das genaue Datum wusste er sogar noch.

Die Geschichte war traurig. Jamie erzählte in Erinnerungen versunken, wie er sich in einen Mitschüler verliebt hatte. In Jan. Jan wohnte mit seiner Familie etwas außerhalb von York und genau in dieser Nacht, nach der Abschlussfeier der Schule, hatte er beschlossen, es Jan zu sagen. Denn danach würde jeder seiner Wege gehen und Jamie hatte Angst, Jan nie wieder zu sehen. Er musste es ihm sagen. So hatte er sich sein Fahrrad geschnappt und war damit losgeradelt. Unglücklicherweise sprang ihm unterwegs die Kette raus und er hatte es am Straßenrand zurückgelassen. Zu Fuß war er weitergegangen. Dann war ein Auto aufgetaucht. Jamie hatte schon von weitem gesehen, dass da was nicht stimmte. Es fuhr in Schlangenlinien und trotz der Kurven sehr rasant. Er wollte dem Auto noch ausweichen, aber es rutschte direkt auf ihn zu.

Als Jamie sich jetzt wieder so genau erinnern konnte, spürte er auch den Schmerz des Aufpralls. Das Auto hatte ihn erwischt! Er war rückwärts geschleudert worden und somit den Abhang in den Wald hinab. Sein Sturz wurde erst vom See aufgehalten…

Jamie weinte, als er geendet hatte. Er hatte doch nur zu Jan gewollt, um ihm seine Liebe zu gestehen… Gabe konnte sich das nicht weiter ansehen und umarmte den anderen Geist, sprach ihm Mut zu und dass sie seinen Jan bestimmt finden würden.

"Also war es doch kein Unfall durch Selbstverschuldung! Das war Totschlag mit anschließender Fahrerflucht!", erklärte Mian, als er alles in den PC eingetragen hatte. "Selena, kann sich Jamie an irgendetwas erinnern, was mit dem Auto direkt zu tun hatte. Farbe oder Marke? Hat er vielleicht sogar den Insassen gesehen?"

"Jamie meint, es wäre ein sehr flaches Auto gewesen."
"Ein Sportwagen?"
"Ja."
"Hmmm… Jamie war auf der Moor Lane unterwegs. In der Nähe steht Howard Manor", überlegte Valerie und erinnerte sich unangenehm an den derzeitigen Besitzer, einen arroganten Mann, der den riesigen Familienbesitz nach einer tödliche Tragödie allein geerbt hatte. Der fuhr gerne mit schnellen protzigen Autos und trank auch gern und viel auf den ganzen Veranstaltungen der High Society umher. Er war ihnen wegen diversen Verkehrsdelikten und häufigem Tatbestand der Beleidigung der Polizei gut bekannt, und das schon seit sehr langem.
"Wir sollten ihn nicht gleich aufgrund seines schlechten Verhaltens als Täter verdächtigen, aber es wäre ein Anfang", wusste Mian sofort, an wen Valerie dachte. "Aber das überlassen wir der Tagesschicht. Soll sich unser hübscher Kyle und Angelina dort mal umhören."

"Ja. Du hast Recht Mian. - Wollen wir nach Jan suchen?" Sie konnte das begeisterte Nicken von Jamie nicht sehen, aber Selena beeilte sich, gleich allen zu sagen, dass es höchste Zeit wurde.
"Gut. Was wissen wir über Jan?"
"Er heißt Jan Grange und lebte damals mit seinen Eltern in dem kleinen Dorf. Die Eltern führten das White Mountain Cottage, ein kleines B&B."
"Gut. Wir werden sie besuchen. Gewiss bekommen wir dann seine derzeitige Adresse, wenn er nicht sogar dort noch lebt."
"Super. Jamie, du wirst Jan wiedersehen!", rief Selena und freute sich genauso sehr wie Jamie selbst.

"Aber für heute Nacht haben wir genug gemacht!", stoppte Valerie den Eifer des kleinen Werwolfs. "Jan und seine Familie werden schlafen. Wir werden morgen weitermachen. Das heißt, wir übergeben das alles Kyle und Angelina. - Und ich fahre euch zwei jetzt nach Hause. Selena, deine Eltern warten doch bestimmt auch auf dich. Nicht, dass sie sich Sorgen machen."
"Ach, was soll schon passieren? Ich bin doch ein Werwolf", begehrte Selena auf. Sie wollte noch nicht nach Hause. Am liebsten wäre sie direkt los zu Jans Eltern. Valerie beugte sich zu dem Mädchen hinunter.
"Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich würde auch am liebsten sofort alles machen. Aber wir müssen zumindest bis morgen früh warten. Jamie hat schon 18 Jahre lang gewartet, sicher kommt es auf diese wenigen Stunden nun auch nicht mehr an. Außerdem haben wir diese Nacht schon so viel geschafft."
Selena wusste ja, dass die tolle Polizisten Recht hatte. Sie seufzte lang gezogen und nickte ergeben.
"Wo bleibt denn Jamie über Nacht? Kann er mit mir kommen?"
"Aiden meint, dass Jamie wahrscheinlich noch nicht weit von ihm weg kann. Normalerweise bleiben Geister direkt bei ihm oder sie sind an ihrem Ort. Also Jamie auf dem Friedhof. Erst wenn sie stark genug sind, können sie sich frei bewegen", erklärte Gabe und bemerkte dabei, dass er selbst wohl schon ziemlich stark sein musste. Immerhin war er bereits eine ganze Weile bei seinem Bruder in ihrem Elternhaus gewesen, während Aiden schon im "Antiques" geschlafen hatte. Aber er hatte schon recht bald eine gewisse Sehnsucht nach Aiden verspürt.

"Achso", klang Selena sehr enttäuscht. Dann aber lachte sie und strahlte Jamie an. "Dann sehen wir uns aber morgen? Um Jan zu finden?"
"Ja. Ich bin auf jeden Fall da!", sicherte er ihr zu und auch Aiden nickte bekräftigend.
"Gut. Und ich fahre euch beide jetzt nach Hause!", beschloss Valerie.

Damit waren alle einverstanden und als Selena endlich in ihr Bett krabbelte merkte auch sie selbst, dass sie sehr müde war.


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