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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 3: Campus-Treffen"

 


Aiden schnippelte sich ein wenig Obst klein, gab Joghurt dazu und bereitete sich noch sein obligatorisches Toast mit Erdbeermarmelade zu. Mit einer großen Tasse grünem Tee mit Lemongras und seinem kleinen Frühstück setzte er sich an den Minitresen.
Für einen normalen Esstisch war seine Wohnung zu klein. Aber er liebte sie und freute sich, als Grandpa ihm die Wohnung überließ. Dieser bezog außerhalb der Altstadt mit seiner Großmutter eine größere Wohnung zu ebener Erde und rückte somit auch näher an das Wohnhaus des Sohnes heran. Aidens jüngere Schwester Sheila konnte ihre Großeltern nun öfter und einfacher sehen, 7 Minuten durch die Quergasse, und für Aiden war es näher an der Uni. So musste er nicht mehr lange durch die ganze Stadt, sondern konnte zu Fuß in einer viertel Stunde dort sein. Er biss einmal genüsslich von seinem Brot ab, dann rückte er aber noch den zweiten Stuhl für Gabriel zurecht.
Sei nicht so nervös, Gabe, deutete er dann noch dazu. Er hatte Erfolg, denn der aufgekratzte Geist beruhigte sich etwas und setzte sich zu ihm.
"Entschuldige, Aiden. Ich will dich nicht nerven. Aber ich bin so gespannt. Ich kann dir nicht sagen, wie Reece reagieren wird, aber er ist tagsüber nicht so sehr ein Demon, wie nachts, wenn er auf der Bühne steht."
Wir werden einfach hingehen und dann sehen was passiert. Mach dir aber nicht so viele Hoffnung, versuchte Aiden allzu hohe Erwartungen vorzubeugen.
"Ich weiß", ließ der junge Geist den Kopf hängen. "Aber er sah gestern Nacht so verzweifelt aus, als der Auftritt vorbei war. Ich mache mir sehr viele Sorgen um ihn."
Ich werde alles tun, was ich kann, versprach Aiden.
"Das weiß ich", lächelte der Geist wieder und gab Aiden dafür gleich einen weiteren Kuss.

***

"William, Aiden und ich fahren zur Uni. Ist das in Ordnung für dich?", fragte Gabe.
"Geht nur", antwortete William abwesend; er saß über seiner Buchhaltung und da war es ihm nur recht, wenn der aufgedrehte Geist nicht im Hause war. Aiden winkte ihm auch zum Abschied und dann waren beide draußen zwischen den anderen vielen Menschen verschwunden.

***

Aiden saß mitten in der Sonne auf der Bank und genoss die Wärme. Der Campus der York University war groß und verworren, aber Gabe meinte, hier würde Reece auf jeden Fall vorbei kommen, denn gleich da vorne war der Bus-Stop für seine Linie.
"Da kommt er!", rief der Geist dann ganz aufgeregt.
Aiden blickte auf. Da lief Reece, aber er sah so ganz anders aus. Seine längeren Haare waren diesmal nicht extra gestylt, sondern fielen locker und wuschelig um seinen Kopf. Dazu trug er einfache blaue Jeans und ein sandfarbenes enges Sweatshirt, sowie bequeme helle Turnschuhe. Er hatte eine Tasche umgehängt, die weißen Kopfhörer eines iPods im Ohr und tippte grad etwas auf seinem Smartphone. Insgesamt sah er aus wie der typisch lässige Student. Es gefiel Aiden umso vieles besser als in der Nacht zuvor. So lächelte er und ging auf Reece zu.

***

Reece bemerkte erst jemanden vor sich, als er mit ihm fast zusammenstieß. Mitten im Lauf stoppte er, überrascht dass jemand so plötzlich im Weg stand. Er nahm einen Kopfhörer heraus, um mit dem anderen Jungen reden zu können. Denn das begrüßende Lächeln schien direkt ihm zu gelten.
"Hey. Kennen wir uns?", fragte er daher. Er erinnerte sich nicht, den Jungen jemals in der Uni oder auf dem Campus gesehen zu haben. Der schüttelte auch gleich den Kopf, deutete aber auf seinen Handrücken. Da erkannte Reece den Stempel, den seine Band allen Gästen gab, wenn sie den Eintritt bezahlt hatten. Es sah noch sehr frisch aus.
"Ah! Warst du gestern auf dem Konzert? Hat es dir gefallen?"
Es war selten, dass ihn ein Fan tagsüber ansprach. Denn in seinen jetzigen Klamotten erkannten ihn viele nicht. Das begeisterte Nicken konnte auch ihm ein kleines Lächeln entlocken, dabei blitzten die etwas längeren Eckzähne auf. Gleichzeitig wunderte er sich, dass der andere noch immer nichts gesagt hatte.
"Du redest nicht gern, was?", fragte er direkt heraus, sah ein Kopfschütteln, dann ein Nicken und wieder ein Kopfschütteln. Das wurde wohl schwierig, dachte sich Reece, erkannte dann aber, was der andere ihm mitteilen wollte.
"Oh! Du kannst nicht sprechen?", wurde es ihm bewusst. Ein eindeutiges Kopfnicken antwortete ihm diesmal. "Das tut mir leid, aber ich muss jetzt weiter. Mein Bus kommt gleich und ich muss zur Probe. Meine Band wartet schon. Vielleicht sehen wir uns später noch mal", wollte er sich verabschieden, wurde aber am Arm festgehalten. Der gerade so fröhliche Junge blickte sehr ernst zu ihm auf.
"Was ist noch?", wunderte er sich, als der Kleinere seinen Arm weiter zu sich zog und schließlich mit seinem Zeigefinger Zeichen darauf malte. Er verstand nicht, bis er erkannte, dass der Junge Buchstaben schrieb.
"Was soll das?", fragte er verwirrt, da erkannte er schon, dass der andere ein "G" und danach ein "a" und ein "b" schrieb.
Als auch endlich das "e" von dem Jungen gezeichnet wurde, war es Reece zu viel. Hart riss er seinen Arm frei und ging einige Schritte zurück.
"Gabe gibt es nicht mehr!", rief er aufgebracht. "Und ich will auch nicht über ihn reden."

***

Diese energische Stimme ging Aiden durch und durch. Er wusste gar nicht, wie er darauf reagieren sollte. So blieb er einfach stehen und blickte Reece hinterher, der seinen Bus rennend gerade so noch erreichte.
Ach, Gabe. Es ist nicht gerade leicht mit ihm. Ob er mir jemals glauben wird? Er suchte seinen Geist, da dieser nicht antwortete und fand ihn weiter vorne unter einem Baum. Er war Reece noch einige Schritte gefolgt, bis dieser im Bus verschwunden war.
Komm, Gabe, gehen wir nach Hause.
Er streichelte dem Geist über den Rücken, spürte sogar den leichten Wiederstand und ging los. Er wollte jetzt nicht mit dem Bus fahren, sondern durch die Stadt bummeln, dabei etwas nachdenken.
Gabriel kam Aiden bald hinterher, schwebte still neben ihm. Aiden störte ihn auch nicht. Gabriel war einst ein fröhlicher Mensch gewesen, als Geist war er genauso. Er würde bestimmt bald wieder lächeln.
So spazierte er durch die Stadt, die heute vor Touristen nur so überquoll. Er lauschte abwesend den vielen verschiedenen Sprachen um ihn herum und wunderte sich immer wieder, wo so viele Menschen nur herkommen konnten. Das sprichwörtliche Nest ließ sich häufig am großen Busparkplatz ausfindig machen, das Nachts wieder leer war. Er fand es schade, dass viele nur kurz da waren, hektisch durch die zwei wichtigsten Straßen der Altstadt und den Minster gescheucht wurden und dann wieder verschwanden. Wer von ihnen machte einen gemütlichen Spaziergang über die Stadtmauer? Genoss einen Sonnenuntergang am Flussufer? Oder nutzte die typisch roten Hopp-Busse ganz und stieg an jeder Haltestelle aus, ließ sich Zeit zum Sehen und Erleben der einzigartigen Atmosphäre dieser Stadt? Und wer von ihnen probierte das leckere Tiefgefroren von diesem Italiener da vorne…, dachte sich Aiden und seufzte still und sehnsuchtsvoll.

***

"Danke, Aiden, dass du es trotzdem versucht hast. Und ich kann dir gar nicht weiter helfen", sprach Gabriel endlich wieder. Doch dann stutzte er, da Aiden ihn nicht anschaute und ungewöhnlich nervös war.
"Was ist denn? Sag schon", versuchte Gabriel herauszubekommen, was Aiden bedrückte.
Also, Gabe, ich wollte fragen … darf ich ein Eis essen?, blickte er dann hoffnungsvoll wieder zu dem Geist auf. Der wusste erst nicht, ob Aiden das ernst meinte, doch als er in das erwartungsvolle Gesicht blickte, lachte er.
"Du musst mich doch nicht um Erlaubnis fragen. Iss Eis so viel du willst."
Ich dachte, du bist so traurig. Ich wollte dir nicht … na ja, du weißt schon. Aiden drehte sich weg, da Gabriel weiterlachte.
"Du bist einfach zu gut für diese Welt", sprach der Geist und umarmte Aiden fest. "Und jetzt hol dir dein Eis. Ich habe es auch immer sehr gern gegessen."
Aiden nickte und keine zehn Minuten später saß er mit einer riesigen Eistüte in Dean's Park. Grandpa hatte ihm heute freigegeben und zur Uni musste er auch erst morgen wieder. So wollte er seinen Nachmittag in Ruhe genießen. Mit unversperrten Blick auf York Minster schmeckte er den einzelnen Sorten des Eises nach und lachte ab und an, wenn Gabriel Hunde erschreckte, die mit ihren Herrchen die Abkürzung über die Wiesen nahmen.

...


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