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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 29: Werwolf-Special - Teil 3"

 


Mian gab die Koordinaten in das Navigationsgerät ein und startete es. Valerie hatte sich den Fahrerschlüssel erkämpft und verließ rasant das CID-Gelände.
"Es sind 25 Minuten bis zu dem Ort. Wir können aber mit dem Auto nicht bis ganz heranfahren. Er lag wohl mitten im Wald", informierte Mian, als das Navi endlich den Platz gefunden hatte.
"Der arme Junge", sagte Selena. "Warum sollte jemand irgendwo mitten im Wald liegen?"
"Das finden wir heraus, Selena", antwortete ihr Valerie zuversichtlich und lenkte den Wagen gemäß den Angaben vom Navi aus der Stadt hinaus.

Es herrschte Schweigen im Wagen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und erst als Mian Valerie eine Stelle am Straßenrand zeigte, an der sie parken konnten, kam wieder Bewegung ins Auto.

Selena sprang als erste heraus. Langes Sitzen war eh nicht ihr Ding. Unauffällig schnüffelte sie, doch es roch nur typisch nach Wald und Nacht. Mehr konnte sie in ihrer menschlichen Form auch nicht herausfinden. Ob sie sich wandeln konnte? Würden die beiden Polizisten vor Schreck dann auf sie schießen?

Mian kramte im Kofferraum und holte zwei große Taschenlampen heraus, reichte eine Valerie und behielt die andere für sich.
"Die Koordinaten sind noch ein wenig in den Wald, gerade hier entlang. Weiter unten geht ein Waldweg entlang. Wollen wir uns in Zweier-Teams aufteilen? Oder siehst du schon etwas, Aiden?", fragte er dabei. Aiden schüttelte nur den Kopf. Bisher war für ihn hier nichts Ungewöhnliches und auch Gabe hatte nichts entdeckt. Er schaute Selena an, aber sie hatte auch noch nichts bemerkt.

"Du Aiden, soll ich vielleicht…?", fragte sie daher leise. "Ich kann als Wolf besser etwas spüren", erklärte sie. Aiden zuckte mit den Schultern. Er hatte da nichts gegen. Wenn Selena das gerne wollte? Sie musste entscheiden, ob die Detectives sie so sehen durften.

"Also gut…", sagte Selena und Augenblicke später saß da der hübsche Silberwolf. Aiden streichelte ihr durch das weiche Fell am Kopf und lächelte beruhigend zu Mian, der tatsächlich sofort die Pistole im Anschlag hatte. Trainierte Sondereinheit. Das merkte man deutlich.

"Mian, steck dein Schießeisen weg. Du siehst doch, dass das Selena ist", sagte Valerie nach ein paar überraschten Momenten.
"Es gibt keine Werwölfe", sagte Mian entschieden.
"Natürlich nicht, Mian", bestätigte Valerie mit seltsamen Unterton. "Es gibt auch keine Geister und auch keine Menschen, die Geister sehen können. - Sie ist doch ein Werwolf, Aiden?", fragte sie aber auch lieber nach. Aiden nickte. Was gab es da auch groß zu sagen?

Valerie kam langsam näher. Die Neugierde war ihr genau anzusehen.
"Darf ich dich auch streicheln?", wollte sie direkt vom Wolf wissen. Selena nickte und streckte den Kopf in die Höhe. Ob Valerie sie am Hals kraulen würde? Und ob. Valerie kniete sich zu Selena hin und war gleich begeistert bei der Sache. Der Wolf wirkte ja auch gar nicht bösartig oder beängstigend.
"Oh. Du hast richtig weiches Fell!", schwärmte sie. "Aiden, warum hast du uns deine Freundin nicht schon eher vorgestellt…", schimpfte sie gutmütig. Aiden schüttelte nur den Kopf, während er Selenas Kleid einsammelte und ordentlich zusammengefaltet ins Auto legte.
"Oder bist du erst neu in der Stadt?", vermutete Valerie.
Wieder nickte der Wolf und bellte kurz dazu.
"Ah, na dann. - Mian, jetzt komm schon her. Sei kein Feigling. Sie tut dir doch nichts. Sie ist bloß ein kleines Mädchen", kicherte Valerie. Selena dauerte das zulange. Sie lief zu Mian hin, der recht steif stand. Er hatte es wohl nicht so mit Hunden oder gar Wölfen. Solche Leute gab es, wusste Selena aus Erfahrung. Daher kuschelte sie sich einfach an ihn an und schob ihren Kopf an seine Hand. Er sollte sie auch kraulen, dann verflog die Angst ganz schnell.

Mian bewegte sich nur vorsichtig, aber endlich traute auch er sich, die Finger durch das weiche Kopffell gleiten zu lassen.
"Du verstehst uns noch immer, wie auch als Mensch?", fragte er dann. Das war eine praktische Frage, die er für den Einsatz wissen musste und die ihn etwas von seiner Furcht ablenkte.
Selena bellte bestätigend. Nur das Reden war halt in der Form nicht so einfach.
"Dann nehme ich den Wolf mit mir", entschied Valerie sofort. Sie liebte Hunde. Doch bei ihrem Job war es besser, kein Haustier zu haben, da sie auch mal über lange Zeit nicht zu Hause war. Aber das hieß ja nicht, dass sie nun auf den tollen Wolf verzichten musste. Selena war damit auch einverstanden und trabte zu ihr, bereit, in den Wald zu gehen.

"Passt auf euch auf", sorgte Mian sich ein wenig.
"Machen wir", versicherte Valerie und dann gingen die beiden auch schon in den dunklen Wald hinein. Man sah den Lichtstrahl der großen Taschenlampe und Valeries Stimme, wie sie mit dem Wolf sprach.
"Völlig absurd", schüttelte Mian nur den Kopf. Geister, ja. Aber Werwölfe? Was kam noch? Er wollte das lieber nicht wissen.
"Du ziehst aber auch echt die merkwürdigsten Leute an", brummte er zu Aiden, meinte es aber nicht böse. Aiden zuckte auch jetzt nur mit den Schultern. Es war ja nicht so, dass er extra Einladungen verschickte…

"Also los, gehen wir auch los. - Hoffentlich lohnt sich unser nächtlicher Ausflug…" Mian murmelte weiter vor sich hin, während sie auch endlich zwischen den Bäumen verschwanden.

*

Sie folgten im Wald einen seichten Abhang hinunter. Gemäß den Koordinaten mussten sie sich langsam dem Fundort nähern. Da hörte Valerie ein leises Plätschern, als wenn sich Wasser bewegte, und leuchtete mit der Taschenlampe nach rechts zur Seite hin. Selena folgte dem Lichtstrahl und trabte näher an den kleinen Tümpel heran und schnupperte. Riechen konnte sie hier nichts. Plötzlich überkam sie aber ein merkwürdiges Gefühl. Auf der anderen Seite des Weihers war etwas. Sie konnte es nicht sehen und nicht riechen, aber genau spüren. Sie schob die Nase weiter vor und legte die Ohren an, dann knurrte sie tief.

Valerie beobachtete sie und sprach sofort in ihr kleines Funkgerät.
"Mian, Aiden, ich glaube, Selena hat etwas entdeckt. Sie knurrt etwas an. Ich selbst sehe nichts", erklärte sie.
"Verstanden. Wir kommen rüber", antwortete Mian und dann eilten sie so schnell es durch einen dunklen Wald möglich war, zu Valerie und Selena hinüber.

Selena hatte sich derweilen etwas beruhigt und saß nun auf ihren Hinterläufen. Aiden kam zu ihr und streichelte ihr über den Kopf und schaute sie fragend an. Sie zeigte mit einer Pfote auf den kleinen Weiher. Er blickte über den See. Aber auch er sah nichts. "War es vielleicht nur ein Waldtier?", fragte Mian nach und leuchtete über den See. Er wirkte dunkel, fast schwarz, und zähe Wellen bewegten das morastige Wasser. Etwas Nebel zog sich träge darüber hinweg.

Selena schüttelte den Kopf. Dafür hatte es sich eindeutig zu seltsam angefühlt.
"Aiden, schau mal, wen ich gefunden habe…", rief da Gabe und plötzlich kam der Geist auf der anderen Seite des Sees hinter einem dicken Baum hervor und hatte einen anderen Geist an der Hand.
"Der hat sich hier versteckt", erklärte Gabe und kam zu ihnen über den See geschwebt, den anderen einfach mitziehend.
Aber… aber das war ja ihr Geist vom Friedhof!
Jan, wie kommst du hier her? Willst du mit uns suchen?, fragte Aiden ihn. Doch der Geist sah sich nur schüchtern um und versteckte sich hinter Gabe.
"Wer seid ihr?", fragte er unsicher.
Ich bin Aiden und das ist Selena. Wir haben dich auf dem Friedhof kennengelernt. Du sagtest, du heißt Jan. Wir wollen herausfinden was mit dir passiert ist, erklärte er hilfsbereit.
"JAN? Ihr wisst wo Jan ist?", rief der Geist da plötzlich aus und kam auf Aiden zu, ganz und gar nicht mehr ängstlich. "Sag mir, wo er ist. Ich muss ihn finden!"

Warte, du bist nicht Jan?, war Aiden nun verwirrt.
"Nein, ich heiße Jamie. Jamie Adams. - Aber das ist doch egal. Wo ist Jan?"
Ich kenne keinen Jan. Aber vielleicht magst du uns erzählen, wer er ist und warum du hier bist. Und wer der Junge auf dem Friedhof ist.

"Aiden, mit wem sprichst du?", wurde da Aiden von Valerie gefragt. Oh! Da hatte er wohl gerade alle anderen vergessen und als er sich zu ihnen umblickte, wurde er von drei Augenpaaren gespannt angeschaut.
"Ähm, wir haben Jamie gefunden", erklärte Gabe für Aiden. "Das ist der Junge vom Friedhof. Aiden weiß nur nicht, warum er hier und auch auf dem Friedhof ist. Dieser Junge hier sagt, dass er nichts vom Friedhof weiß und er kennt auch Selena nicht. Und er fragt nach Jan."

Selena bellte aufgebracht. Das gab's doch nicht. Das war der Junge vom Friedhof. Sie erkannte ihn doch genau wieder. Warum behauptete er dann, er würde sie nicht kennen? Wie konnte so etwas nur sein? Wollte er sich über sie lustig machen?
"Selena, ganz ruhig. Wir werden herausfinden, was mit Jamie los ist", versuchte Valerie den kleinen Wolf zu beruhigen, der sichtlich aufgebracht war. Sie streichelte Selena ermutigend hinter den Ohren.
"Ich weiß wirklich nicht, wer sie ist", beteuerte Jamie. "Und warum ist die Polizei da?", fragte er weiter. Aiden wollte zu einer weiteren Erklärung ansetzen, als sich Mian einmischte.
"Moment. Aiden, warum ist Jamie noch hier? Gibt es hier noch etwas, dass ihn hier hält? Oder kann er mit uns kommen? Wir könnten auf dem Revier alles in Ruhe klären und vielleicht auch gleich Näheres zu diesem Jan herausfinden. Wer weiß, was wir im Computer finden können."

Jamie hatte Mian gespannt zugehört und nickte.
"Aiden, hier drüben, wo Gabe mich gefunden hat, da liegt… also… da liege ich", erklärte er. So zeigte Aiden an, dass Mian und die anderen ihm folgen sollten. Mian leuchtete Aiden gut den Weg, damit er nicht aus Versehen auf dem glitschigen Untergrund wegrutschte und im See landete und vorsichtig gingen sie um den dunklen See herum, bis Jamie an dem großen Baum stehen blieb.
"Hier unten. Da ist bestimmt einiges an Erde drüber…", zeigte er Aiden genau eine bestimmte Stelle. Aiden dachte gar nicht weiter darüber nach und hockte sich hin und begann damit, Erde mit den bloßen Händen Beiseite zu schieben. Das sah sich Selena kurz an, dann kam sie näher, schob Aiden einfach weg und buddelte dann wie verrückt. Aiden hatte zwar nichts gesagt, aber wenn er eine Grube wollte, dann war sie doch am besten dafür geeignet. Die Erde flog nur so nach hinten weg und recht bald hatten sie ein ordentliches Loch vor sich.

Mian besah sich das kritisch, aber dann lachte er.
"Sie ist wirklich sehr hilfreich. Schneller kann man kein Loch buddeln. Und ihre Instinkte haben auch den Geist gespürt. Sie sollte Polizistin werden!", erklärte er dazu und war plötzlich sehr glücklich über ihren wölfischen Gehilfen.
"Ja, nicht? Sie ist toll", bestätigte Valerie.

Sie wurden von Selenas Knurren unterbrochen. Sie hatte etwas entdeckt und zog es umständlich hervor. Als sie es fallen ließ, lag ein großer Knochen vor ihnen.
"Ist das Jamie?", fragte Valerie vorsichtshalber nochmal genau nach. Aiden nickte bestätigend, als Jamie bejahte.
"Aiden, wir wissen jetzt wo Jamie liegt. Ist er bereit, mit uns zu gehen? Morgen früh gleich schicken wir Kollegen her, die ihn ganz frei legen, auf dass wir diese Teile mit denen, die schon auf dem Friedhof sind, zusammenbringen können. Wäre das für Jamie in Ordnung?", fragte Valerie weiter.

"Ich kann hier weg?", fragte da jetzt Jamie Aiden. Bisher hatte er das nicht gekonnt. Er hatte sich im Wald immer wieder verlaufen und war stets am See wieder herausgekommen.
Wenn du dich an mich hältst, geht es bestimmt. Außerdem wollen wir doch Jan suchen. Du kannst dich auch an Gabe festhalten, erklärte Aiden. Gabe nickte dazu und hielt Jamie lächelnd eine Hand hin. Dieser ergriff sie und hielt sie so fest, dass es Gabe fast schmerzte. Jamie wollte ihn auf keinen Fall verlieren.

Aiden zeigte einen aufrechten Daumen zu Valerie.
"Gut. Ach, Selena, könntest du wieder etwas Erde drüber machen? Nicht, dass andere Tiere hier bis morgen weitergraben."
Selene nickte, schob mit der Schnauze den Knochen zurück ins Loch und gleich darauf flog wieder Erde. Dann trat sie noch die obere Schicht etwas fest. Als sie fertig war, schüttelte sie sich kräftig, damit ihr Fell wieder sauber war, dann bellte sie kurz und zeigte an, dass sie gehen konnten. Valerie konnte nicht anders und lachte, knuddelte sie dabei, um sie für ihre tolle Arbeit zu belohnen.
"Wirklich toll, Selena. Ich glaube, ich behalte dich", sagte sie. Da legte der Wolf den Kopf schräg, blickte überlegend und dann hob sie eine Pfote. Valerie schaute erst verblüfft, dann reichte sie auch ihre Hand und schüttelte die Pfote.
"Abgemacht!", besiegelte sie den Vertrag.
"Wuff!", bestätigte Selena.
Und plötzlich hatte Valerie einen Lehrling!!!

*

Als sie durch den stillen Wald zurückgingen, fiel Mian noch etwas ein.
"Aiden, weiß Jamie, wie er hier her kam? War es ein Verbrechen?" Aiden wollte antworten, brauchte aber Gabe dafür. Doch der hatte Jamie an der Hand. Konnte es auch so funktionieren? Für Gabe war es kein Problem und jetzt hatte Aiden den neuen Geist auch an seiner Hand und konnte ihn sogar spüren und festhalten, wenn auch lange nicht so fest wie Gabe.

Bei Mians Frage schüttelte Jamie nur traurig den Kopf und schaute beschämt zu Boden.
"Nein, es war kein Verbrechen. Ich bin in meiner Verzweiflung hier durch den Wald gelaufen und dann ausgerutscht. Ich bin gefallen, habe mir den Kopf gestoßen und bin in diesem See gelandet. Ich weiß noch, dass ich mich an Land gezogen habe und dann in den Nachthimmel geschaut habe. Da war der große volle Mond und ich habe nur noch an Jan gedacht."
Aiden gab die kurze Geschichte wieder und versicherte dabei, dass sie Jan auf jeden Fall finden würden und dass alles gut werden würde.
"Ja. Ich glaube dir. Wer einen Geist als seinen Beschützer dabei hat und einen Werwolf als Freund, der wird sein Versprechen halten", klang Jamie völlig sicher.
Das wiederum brachte Aiden einen tiefen Rotschimmer auf die Wangen ein, was in der Dunkelheit zum Glück keiner sehen konnte…

...


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