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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 28: Werwolf-Special - Teil 2"

 


Selena hatte sich wieder gewandelt und war in ihre Kleider geschlüpft. Die beiden Männer waren dafür diskret vor die Tür getreten und hatten draußen auf sie gewartet. Als sie zu ihnen kam, hatte sie aber schon den Eindruck, dass Link den Wolf viel lieber bei sich gehabt hätte. Tja. Sie hatte halt besonders schönes Fell. Außerdem war ihr Fell nicht dunkel, wie es gemeinhin der Fall war, sondern eher sehr hell. Es wirkte fast silbrig. Dazu noch das besondere Shampoo, das sie immer verwendete. Das gab mehr Glanz. Und natürlich das tägliche Bürsten. Das war wichtig. Außerdem liebte sie es, wie die Bürste ihr über den Rücken glitt und die Haut dabei mit massierte. Ja, das war herrlich. Und es brachte ihren Pelz zum Schimmern und wurde ganz weich. Das überzeugte eben jeden!

*

Während sie über den Friedhof gingen, winkte Aiden immer mal in diese und jene Richtung. Selena versuchte etwas zu erkennen, doch sie konnte keine Geister sehen. Sie musste wohl wirklich erst bis zur Nacht warten. Nur Gabe konnte sie sehr deutlich spüren.

Ein wenig vom Grab des unbekannten jungen Geistes entfernt angekommen, hielt Aiden einen Augenblick inne, dann bat er die anderen zu warten, während er selbst ganz nah ranging. Ein bisschen wurmte sie das jetzt schon. Warum zeigte sich der Geist Aiden, aber nicht Selena? Ihre Gedanken waren ihr wohl zu deutlich anzusehen, denn sie spürte Links Hand auf ihrer Schulter, als er sie sanft drückte.
„Ärgere dich nicht, Selena. Aiden hat eine sehr stark ausgeprägte Gabe“, erklärte ihr Link. „Weißt du, ich sehe überhaupt keine Geister und ich verbringe meine Nächte mit ihnen. Ich habe nur Agnes einmal gesehen.“
„Wie das denn?“
„Nun. Es war Halloween und zudem noch eine Vollmondnacht. Da habe ich einen Schimmer gesehen und Aiden sagte, dies wäre Agnes. Es scheint, dass vor allem Vollmondnächte gut geeignet sind, Geister sehen zu können. Aiden erklärte mir auch, dass es von der Stärke des Geistes abhängt, wie gut er sichtbar ist. Das heißt dann wohl, das Agnes ein sehr starker Geist ist.“
„Ja. Bestimmt. Sie strahlt noch immer so viel Leben und Freude aus“, bestätigte Selena.

Ah! Da winkte Aiden sie zu sich. Sie eilte hin und schaute ihn fragend an.
„Dein Freund freut sich, dich auch mal in deiner anderen Form zu sehen“, sagte Aiden und Selena erkannte sofort, dass das hier wieder Aidens Schutzgeist war, der sprach. Dann ging ihr auf, was er gesagt hatte und wurde rot.
„Der gemeine Kerl ist doch nicht mein Freund!“, begehrte sie auf.
„Oh. Er sagt aber, du wärest seine Freundin und hast ihn hier oft besucht.“
„Nja“, druckste Selena verlegen herum.
„Und du wärest ein echt süßer Wolf und auch ein ganz hübsches Mädchen.“
Das war zuviel. Erst der ominöse Friedhofswächter mit seinem charmanten Auftreten und jetzt der junge Geist, der ihr doch auch so gut gefallen hatte. Sie spürte die Röte in ihren Wangen ganz deutlich.
„Danke“, flüsterte sie. „Aber was sagt er nun? Kannst du ihm helfen, Aiden?“
„Noch nicht. Er hat versucht, seit du ihn besucht hast, sich zu erinnern, aber er weiß nur, dass ihm der Vollmond etwas bedeutet. Aiden meint, dass er vielleicht zu dieser Zeit gestorben ist. Das letzte, was er gesehen haben könnte…“
„Aber wir müssen doch etwas tun können. Man muss doch herausfinden können, seit wann er hier liegt, und wo man ihn gefunden hat!“ Sie wollte nicht so einfach aufgeben.

„Aiden sagt, dass er das auf jeden Fall vorhat. Er hatte deinen Geist aber noch nie zuvor auf dem Friedhof bemerkt, sonst hätte er schon längst etwas getan. Also, los geht’s! Finden wir heraus, wer dein Geist ist, Selena. Bist du dabei?“ Und ob sie dabei war! Sie winkte dem Geist, den sie gar nicht sehen konnte, und dann gingen sie zurück.

*

Im Pförtnerhäuschen machte Link zuerst noch einmal heißes Wasser und bot Aiden einen Tee an. Der lächelte dankbar und nahm die dampfende Tasse gerne an. Dann warf Link an einem kleinen Computer ein Suchprogramm an. Es dauerte gar nicht lang und er hatte die Daten gefunden, die für das Grab zur Verfügung standen. Es war nicht viel und er druckte eine A4-Seite aus.

„Also, wie gesagt. Der Junge wurde anonym bestattet“, las Link vor.
„Was heißt das?“, fragte Selena nach.
„Das heißt, er wurde beerdigt, ohne das auf dem Grabstein ein Namen verzeichnet ist. Wir kennen ihn ja nicht, genauso wie seine Lebensdaten. Er wurde mir vom CID überstellt und zwar …“ Link suchte, dann hatte er den Namen gefunden. „… von Abigail.“
„Wer ist denn Abigail?“, wollte Selena wissen.
„Dr. Abigail Winstone. Sie arbeitet in der Gerichtsmedizin im CID und bekommt meist die Mordfälle auf den Tisch. Oder in diesem Fall eine unbekannte Leiche, um herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ähm…“ Link fiel wieder ein, dass er gerade mit einem kleinen Mädchen hier sprach und nicht nur Aiden zu Besuch hatte. Er blickte sich um, doch sie schaute ihn nicht schockiert oder angeekelt, sondern vielmehr interessiert an. Und Aiden schlürfte nur ruhig seinen Tee und tippte auf seinem Handy herum.

„Sag mal Selena. Wie alt bist du eigentlich?“
„Ich bin schon zehn. Ist Zehn nicht eine schöne runde Zahl? Sie gefällt mir bisher am Besten. Die Acht hat mir eigentlich auch sehr gut gefallen, doch die war ja nur einstellig. – Aber was ist denn nun mit der Doktorin? Konnte sie etwas Näheres herausfinden?“
„Ja. Nun gut. Also hier steht nicht, durch was er gestorben ist. Dafür solltet ihr sie besuchen“, schlug Link vor, als Aidens Handy piepste.
„Ach. Da hat Aiden wohl schon eine Antwort…“, vermutete er und Aiden nickte zufrieden, dann blickte er auf und schaute nachdenklich auf Selena. Sie wusste mit diesem Blick nichts anzufangen.

„Was ist denn?“ Sie schaute zwischen Link und Aiden hin und her.
„Aiden wird jetzt zum CID fahren. Willst du mit? Oder anders: solltest du nicht besser nach Hause? Warten deine Eltern nicht auf dich?“
Aiden nickte. Genau das waren auch seine Gedanken.
„Geez – ich bin ein Werwolf, was soll mir schon passieren?“, lachte sie prahlerisch, ließ einen spitzen Eckzahn blitzen und nickte dazu, dass die goldenen Locken nur so auf- und abwippten.
Link lachte. „Na ja, ein sehr süßer Werwolf. Aber Aiden wird schon auf dich aufpassen. Gehabt euch also wohl, kleine Lady. Und du auch Aiden. Viel Erfolg. Berichtet mir, wenn ihr Neues wisst.“
„Klar. Ich komme dich auf jeden Fall wieder besuchen“, versprach Selena. Und so war es abgemacht. Aiden und Selena verabschiedeten sich von Link und machten sich auf zum CID. Link selbst würde gleich seine normale Runde über den Friedhof starten und schauen, ob zumindest im diesseitigen Reich alles seine Ordnung hatte.

*

Selena folgte Aiden bis zu einer Bushaltestelle, wo um die spätere Uhrzeit sogar noch ein Bus fuhr. Sie wusste nicht so recht, wo es nun hinging, kannte sie sich in der Stadt ja noch nicht wirklich gut aus. Sie wusste nur, dass sie zu Scotland Yard unterwegs waren. Das klang spannend und aufregend.

Sie staunte nicht schlecht, als sie vor dem großen Gebäude standen, dass das CID beherbergte und fühlte sich streng beobachtet. Aiden hatte sie an das Pförtnerhäuschen geführt und zeigte einen Ausweis vor. Der Pförtner schien Aiden zu kennen, denn er begrüßte ihn mit reichlichen Worten. Doch im Gegensatz zu Link, war dieser Pförtner in einer Polizisten-Uniform gekleidet. Außerdem sah er auch nicht so gut aus, wie der attraktive Friedhofswächter.

Dann durften sie auch schon durch das Tor. Selena fühlte sich nicht so wohl. Das war alles ganz neu und anders, auch wenn es interessant war. Es passierte fast schon automatisch, als sie ihre kleine Hand in Aidens schob und sich so dicht bei ihm hielt. Er umfasste bereitwillig ihre Finger und drückte einmal leicht zur Beruhigung, als sie zielstrebig in ein Gebäude gingen und dort direkt hinab in die unteren Räume und einen langen Flur entlang. Es wurde merklich kühler und Selena ahnte schon, wo sie waren.

Doch sie brauchte gar keine Bedenken zu haben, etwas sehen zu müssen, was sie gar nicht sehen wollte, denn da ging eine Bürotür auf und eine gut gekleidete schwarze Frau trat heraus und begrüßte Aiden, indem sie ihn gleich kräftig in die Arme zog.

„Und du hast Besuch dabei, Aiden? Hallo, ich bin Abigail, und wie lautet dein Name?“
„Ich bin Selena. Ich habe den Geist gesehen“, platzte es da gleich aus Selena heraus. Dann fiel ihr ein, dass sie das vielleicht gar nicht sagen durfte. Sie schaute entschuldigend zu Aiden hinauf, doch der nickte nur sehr ernsthaft dazu und reichte Abigail das Blatt, das Link auf dem Friedhof ausgedruckt hatte.

„Ah. Ein verlorener Geist. Kommt mit, gehen wir in mein Büro. Da kann ich die Informationen heraussuchen.“ Sie folgten ihr in ein kleines Zimmer, wo eigentlich schon alle Lichter aus waren. Nur der Computer und eine kleine Schreibtischlampe waren an. Sonst war alles sehr ordentlich aufgeräumt. Es sah nach Feierabend aus. Aiden hielt Abigail an einem Arm zurück und machte daher eine fragende Geste.

„Ach, Aiden. Mach dir keine Gedanken. Ich war gerade dabei, die letzten Sachen für heute fertig zu machen, als ich deine Nachricht bekam. Die paar Minuten länger sind doch nicht schlimm.“ Sie legte ihm eine Hand an die Wange und lächelte aufmunternd. „Außerdem, wenn du jederzeit für Geister unterwegs sein kannst, kann ich wenigstens ein paar Minuten zu deiner Aufgabe beitragen. – Und jetzt lass uns schauen, was wir zu deinem Geist haben.“

Selena wollte aufbegehren. Hatte sie nicht den Geist zuerst gesehen? War es dann nicht ihr Geist? Es war erstaunlich, wie sehr Aiden auf sie achtete, denn er schüttelte gleich den Kopf und deutete auf Selena.
„Ah, natürlich. Dein Geist, Selena.“

Dann war es einige Momente still. Nur das Tastenklappern und Mausklicken war zu hören, als Abigail die Informationen zu dem Geist heraussuchte.
„So… Folgendes. Wir haben ihn vor einem Jahr an den Friedhof übergeben. Aber als seine Überreste gefunden wurden, war er schon seit ca. 10 Jahren tot. Ein Spaziergänger mit Hund hatte einen Knochen gefunden und gleich die Polizei gerufen. Wir hatten das Problem, dass das Skelett nicht mehr vollständig war und wir daher auch keinen Zahnabgleich machen konnten. Und die Reste der Kleidung konnten wir auch nicht genauer zuordnen. Handelsübliche Jeans und T-Shirt und eine Jacke. Keine Hinweise auf seine Identität.“

Hmmm… das brachte sie im Moment nicht weiter.
„Und wie können wir sonst noch herausfinden, wer er ist? Es muss doch eine Vermisstenanzeige oder so geben. Man verschwindet doch nicht einfach so“, fragte Selena nach. Das gab‘s doch nicht. „Er sagte, er hätte sich den Namen Jan gemerkt. Kann das helfen?“

„Wir können das nur probieren. Ich schicke Marc eine Nachricht rüber, dass er danach suchen soll.“
Aiden war in der Zwischenzeit hinter den Schreibtisch getreten, um mit auf den Bildschirm schauen zu können. Nun zeigte er auf eine bestimmte Stelle.
„Das ist der Fundort. Willst du dort mal direkt hin? – Ich sag dir was, Aiden. Drüben sitzen Valerie und Mian. Die müssen Nachtschicht schieben. Bestimmt hat einer von beiden Lust, mit dir hinzufahren. - Hier. Ich schreibe dir die Koordinaten auf. Dann könnt ihr per GPS ganz genau dort hinfinden. Ich wünsche euch viel Erfolg.“

Aiden reichte den Zettel mit den Ortsangaben an Selena weiter, die ihn gut festhielt. Abigail verabschiedete sich mit einer kurzen Umarmung von Aiden. Selena gab artig die Hand und bedankte sich auch noch mal für die Hilfe. Dann verließen sie zu dritt das Gebäude und während Abigail sich Richtung Parkplatz verabschiedete, führte Aiden Selena in das Nebengebäude.

*

Kaum waren sie in einem großen Büro angekommen, wurde Aiden von zwei Detectives herzlichst begrüßt. Selena erkannte, dass Aiden irgendwie von allen wirklich sehr gemocht wurde. Aber sie konnte dem nur Zustimmen. Aiden war höflich und lieb. Und er war vor allem sofort gekommen, als Link ihn informiert hatte. Es hätte ihm ja auch egal sein können, ob der Geist nun noch einen Tag länger oder kürzer da um sein Grab herumirrte.

Auch hier stellte Selena sich noch einmal ordnungsgemäß vor und als Aiden ihr zunickte, erklärte sie, warum sie da waren, dass sie Abigail schon besucht hatten und nun jemanden brauchten, der sie zu dem Ort auf Aidens Zettel begleiten wollte. Es war toll zu sehen, dass sie von den Erwachsenen wirklich ernst genommen wurde und sie ihr genau zuhörten, sogar Fragen stellten. Sie übergab die Zettel mit den dürftigen Informationen und fragte, ob es denn möglich wäre, gleich fahren zu können, damit der Geist nicht noch länger unwissend bleiben musste. Da musste sie nicht lange bitten. Valerie schaute Mian kurz an, dann sagte sie: „Wir kommen beide mit. Es ist schon dunkel. Da braucht ihr Begleitschutz. Wer weiß, was sonst passieren könnte.“ Das war aber leicht, wunderte sich Selena. Wie hätte sie auch ahnen können, wie langweilig eine Nachtschicht war und Valeria und Mian über jede Ablenkung und sinnvolle Beschäftigung dankbar waren?

So saßen sie keine fünf Minuten später in einem typischen englischen Streifenwagen. Aiden und Selena saßen auf der Rückbank und hatten einen herrlichen Blick durch das Gitter nach vorn. Warum Valeria gerade so ein Fahrzeug ausgewählt hatte?

Mian gab die Koordinaten in das Navigationsgerät ein und startete es. Valerie hatte sich den Fahrerschlüssel erkämpft und verließ rasant das CID-Gelände.
„Es sind 25 Minuten bis zu dem Ort. Wir können aber mit dem Auto nicht bis ganz heranfahren. Er lag wohl mitten im Wald“, informierte Mian, als das Navi endlich den Platz gefunden hatte.
„Der arme Junge“, sagte Selena. „Warum sollte jemand irgendwo mitten im Wald liegen?“
„Das finden wir heraus, Selena“, antwortete ihr Valerie zuversichtlich und lenkte den Wagen gemäß der Angaben vom Navi aus der Stadt hinaus.

...


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