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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 27: Werwolf-Special - Teil 1"

 


Selena Garou stromerte interessiert schnüffelnd über den Friedhof. Es war Vollmondnacht und sie konnte sich nicht wandeln, aber nur zu Hause herumhocken wollte sie auch nicht. Wohin also, wenn man ein Wolf war? Der Friedhof in der Nähe war da doch die beste Wahl. Den kannte sie noch nicht.

Selena war mit ihren Eltern und ihren drei älteren Brüdern erst vor kurzen nach York gezogen und so hatte das kleine Mädchen, dass hier in die vierte Klasse ging, noch keine Freunde und vertrieb sich die Zeit mit Stadt erkunden. Als Mensch war das ja kein Problem, als Wolf schon. Da musste sie sich Orte suchen, wo sie nicht gesehen wurde. Von Menschen wohlgemerkt.

Der Friedhof war also für heute Nacht optimal. Sie mied den normalen Eingang und suchte sich ein Schlupfloch auf der Rückseite des Friedhofes. Durch eine Lücke in der Hecke fand sie schnell einen Weg. Den musste sie sich merken, falls sie hier noch öfter herkommen wollte.

So also war sie jetzt auf dem Friedhof und witterte sich durch die gepflegten Wege.
"Was machst du hier, Mädchen?", wurde sie da gefragt und als sie knurrend die Lefzen zog, die Ohren flach anlegte und schon in Abwehrhaltung ging - genauso wie es ihr Papa ihr beim Training gezeigt hatte - erkannte sie eine junge Frau in einem weißen Kleid vor sich. Etwas war an dieser seltsam. Außerdem hatte sie erkannt, dass sie kein echter Wolf war.
"Na. Jetzt sag schon. Was treibst du dich hier herum? Dies ist kein Ort, um Knochen auszubuddeln."

Selena schnaubte und schüttelte heftig den Kopf. Wer wollte denn hier Knochen ausgraben? Was sollte so eine Frage? Ach ja. Der Friedhof! Sie ließ die Zunge heraushängen und hustete einmal. Bäh. Sie mochte doch gar keine Knochen. Sie war doch nicht wie ihre Brüder!

Da musste die Frau vor ihr herzlich lachen. Selena setzt sich jetzt bequem auf ihre Hinterläufe. Anscheinend war die Frau nicht bösartig, auch wenn sie ihr noch immer nicht geheuer war. Sie konnte sie zwar sehen, aber nicht riechen.

"Du bist schon komisch, Mädchen. Ein Wolf, der keine Knochen mag. Sag mal, kannst du dich nicht wandeln? Da könnten wir uns besser unterhalten."
Selena schüttelte den Kopf und blickte zum Mond hinauf.
"Ah! Verstehe! Na, das wird schon. Wenn du alt genug bist, kannst du dem Vollmond trotzen. - Du kannst mir also auch nicht deinen Namen verraten, nicht? Also ich bin Agnes - und falls du dich wunderst, ich bin ein Geist und lebe hier auf dem Friedhof."

Ein Geist? Das gab's doch nicht! Selena hatte noch nie einen Geist gesehen. Sie sprang auf und kam auf Agnes zu. Die junge Frau ließ sich geduldig beschnuppern und umkreisen und als der kleine Wolf mit einer Tatze in sie hineinfasste und keinen Widerstand spürte, lachte sie leise. Sie kniete sich zu dem Mädchen hinunter und streichelte es, auch wenn Selena das nicht spüren konnte.
"Ich bin wirklich ein Geist. Hast du noch nie einen Geist gesehen?"
Der Wolf schüttelte den Kopf.
"Dann bist du wohl neu hier in York?"
Der Wolf nickte.
"Das erklärt es dann. Hier in York ist die Wahrscheinlichkeit groß, Geister zu sehen. Vor allem in Vollmondnächten. York liegt an einem sehr bestimmten Punkt, wo es reichliche Geisteraktivitäten gibt. Und Tiere können Geister sowieso besser sehen als Menschen, und da du ein Werwesen bist, ist also auch deine Wahrnehmung weiter, als bei einem normalen Menschen." Selena saß wieder bequem und lauschte der Erzählung der jungen Geisterfrau.
"Und weißt du was? Wir haben hier einen echten Geisterjäger. Der ist sooo süß." Das verstand Selena nicht. Warum sollte jemand einen Geist wie Agnes jagen? Sie tat doch nichts Böses. Sie knurrte wieder und legte die Ohren an; der sollte ihr nur vor die Pranken kommen.
"Ach, nein. Nicht doch. Aiden tut keinem etwas. Er ist sehr lieb und hilft Geistern, die Hilfe brauchen. Wir nennen ihn nur Geisterjäger. Das klingt sooo viel cooler. Aber es hilft nichts - er ist und bleibt ein süßer und total lieber Kerl. Ach - wenn ich nur kein Geist wäre…", sinnierte Agnes vor sich hin.

Was hatte Agnes mit diesem Kerl? Sie sah aus, als wenn sie regelrecht für diesen Typ schwärmen würde. Ärgs. Liebe! Sie verdrehte die Augen und ließ die Zunge raushängen, schnaubte leise. Das sah Agnes und musste wieder lachen.
"Hihi. Du wirst auch mal noch einen Jungen finden, für den du schwärmen kannst, kleiner Wolf. - Aber sag mal, willst du noch etwas mit mir über den Friedhof gehen? Ich bin hier sozusagen der Geisteraufpasser. Wir haben zwar Link, den Friedhofswärter, aber dieser ist nur ein normaler Mensch. Er kann keine Geister sehen. Deswegen mache ich das und wenn Aiden wieder vorbei kommt, kann ich ihm berichten, wenn etwas mit den Geistern sein sollte."

Da sagte Selena doch nicht ‚Nein'. So gingen sie beide gemeinsam los und Agnes stellte ihr so manch anderen Geist aus allen Zeiten, die der Friedhof schon existierte, vor und sie machte sich so ihre Notizen im Geiste. Wenn sie in der Schule mal Nachhilfe in Geschichte brauchte, hatte sie hier bestimmt die besten Lehrer.

*

Selena kam jetzt öfter auf den Friedhof. Sie hatte es sich angewöhnt, immer als Wolf durch die Lücke in der Hecke zu schlüpfen und sich dann erst zu wandeln. Kleidung hatte sie immer als kleines Päckchen dabei und trug es vorsichtig im Maul. So musste sie nicht frieren, wenn sie ohne Pelz dann da stand.

In Agnes hatte sie eine wirklich gute Freundin gefunden. Sie unterhielten sich viel und oft waren sie mit anderen Geistern zusammen. Eines Tages hatte ihr Papa sie begleitet. Er wollte schon wissen, mit wem seine Tochter unterwegs war. Anscheinend hatte er schon Geister gesehen, denn er war weder von Selenas Erzählungen überrascht gewesen, noch von Agnes selbst oder den anderen Geistern. Sie hatten sich ein wenig unterhalten und danach war er sehr beruhigt gewesen, seine Tochter in zwar geisterhafter aber sehr guter und vor allem wohl erzogener Gesellschaft zu wissen.

Es war wieder eine Vollmondnacht, als Selena allein über den Friedhof spazierte, da Agnes heute Familientreffen hatte. Selena wusste nicht genau, was Agnes damit meinte, denn was ihr Leben betraf, sprach Agnes nicht viel darüber. So war Selena also heute allein unterwegs und sie kam in einen Teil des Friedhofes, den sie noch nicht kannte. Agnes hatte nur erzählt, dass es hier keine Geister gab. Die Gräber hier waren alle für unbekannt Verstorbene. Meistens waren deren Körper erst viel später irgendwo gefunden worden. Die Geister waren da schon ins Licht gegangen oder waren an ihrem Sterbeort verblieben.

Doch Selena guckte nicht schlecht, als sie am letzten Grab hinten einen jungen Geist stehen sah. Er blickte zum Mond hinauf und bemerkte nicht, dass sich ihm jemand näherte. Sie machte einen kleinen Bogen um ihn herum und erschrak, als sie im Mondlicht Tränen auf den Wangen des Geistes sah.
"Wuff", machte sie sich bemerkbar. Der Junge schrak auf und blickte auf den Wolf hinab. Dann wischte er sich in einer energischen Bewegung die Tränen vom Gesicht.
"Ein Wolf? Hier? Ich nehme an du willst mich fressen. Bitte. Meine Knochen liegen ja schon lang genug herum."
Uärgs. Knochen fressen. Schon wieder. Warum glaubten nur alle, sie würde Knochen haben wollen. Sie aß doch viel lieber Obst. Sie hustete wieder mit lang heraushängender Zunge.
"Was bist du denn für ein Wolf?", fragte er abwertend und drehte sich zum Wald hin weg.

Was war DAS denn für ein Typ? So einen unhöflichen Geist hatte sie auf dem ganzen Friedhof noch nicht erlebt. Da war ja der alte Baron in seinem Mausoleum noch charmant dagegen, obwohl der glaubte, dass alle Adligen bessere Menschen - und in seinem Falle auch Geister - wären, als andere. Der Hübschling hier konnte sie doch mal an ihrer Rute.

Sie knurrte einmal kurz, dann verschwand sie. Sie suchte sich ihre Lücke im Gebüsch und trabte nach Hause. So ein Blödmann. Der hatte ihren ganzen Ausflug versaut.

*

Selena kam die ganzen nächsten Tage nicht darüber hinweg. Es waren die Tränen, die sie immer wieder vor ihren Augen hatte. Der Geist hatte geweint und sah dabei so allein und hilflos aus. So allein hatte sie noch nie jemanden gesehen. Kein Geist auf dem ganzen Friedhof war allein. Sie waren immer zusammen, in kleinen oder größeren Grüppchen. Und sie kannten sich alle untereinander.

Diesen jungen Geist schien gar keiner zu kennen und er wirkte sehr einsam und unglücklich. Egal wie er sich benommen hatte, sie wollte das noch einmal prüfen. Gleich am nächsten Abend machte sie sich wieder auf den Weg, heute wieder ihre Kleidung dabei, denn die Vollmondnacht war vorüber. Sie fand das Grab und wandelte sich, doch ein Geist war nicht zu sehen.
"Hey du, Geist. Schläfst du etwa?", rief sie und klopfte mal eben an seinem Grabstein an. Der war ganz schlicht gehalten und hatte nur das Jahr darauf, in dem der Junge beigesetzt worden war. Er hatte schon etwas Moos angesetzt.

Es rührte sich nichts. Selena wartete noch eine Weile bis die Kirchturmuhr Mitternacht schlug. Wenn er jetzt nicht käme, würde das heute Nacht wohl nichts. Enttäuscht und auch ein wenig sauer auf den Geist, da sie sich extra wegen ihm das hübsche Kleid mitgenommen hatte, machte sie sich auf den Weg nach Hause.

*

Sie probierte es noch zweimal, aber nie war der Geist da. Sie war richtig niedergeschlagen, als ihr plötzlich einfiel, dass sie ihn zur Vollmondnacht dort getroffen hatte. Ob es das war? Sah sie ihn nur bei Vollmond?

Zwei Wochen lang musste sie warten, bis wieder Vollmond war. Sie war so hibbelig, dass sie in der Schule nicht richtig aufpasste, zuhause Geschirr runterschmiss und nachts kaum ein Auge zubekam. Als sie endlich zur richtigen Nacht als Wolf wieder zum Grab kam, konnte sie es fast nicht glauben. Da war er wieder! Diesmal lief sie direkt auf ihn zu. Sie hatte es schon fast erwartet, doch es jetzt wieder zu sehen, stimmte ihr Herz traurig. Der Geist weinte wieder und war so abwesend, dass sie sich mit einem Bellen erst bemerkbar machen musste.

"Oh. Du schon wieder. Wie ich sehe, hast du meine Knochen nicht ausgegraben." Sie hatte beschlossen, sich nicht von ihm ärgern zu lassen und setzt sich auf die Hinterläufe, stellte die Ohren ganz gerade auf und blickte ihn unverwandt an. Das konnte sie gut! Sie hatte drei Brüder. Guck-Duelle waren an der Tagesordnung!

Und auch hier funktionierte es. Der Geist wurde unruhig.
"Was willst du? Hast du kein zuhause?"
Sie nickte.
"Dann ab. Du musst doch bestimmt schon längst im Körbchen sein?"
Hah! Damit konnte er sie nicht ärgern.
"Hast du kein Herrschen, das dich vermisst?"
War sie ein Hund oder was, dass sie ein Herrschen brauchte? Knurrend zeigte sie ihre Zähne.
"Hmmm…", lachte er gemein. "Ein unerzogener Hund auch noch. Man sollte dir erstmal ein Halsband anlegen und dich an der Leine trainieren."
Also - das war - das war - sooo gemein! Sie sprang auf ihn zu, bellte tief und grollend, und verschwand dann durch die Hecke.

*

"Wölfchen, was ist denn los?" Selena lag auf dem Bett und weinte. Es war Morgengrauen, sie konnte sich wieder wandeln, aber das hieß nicht, dass sie die gemeinen Worte des Geistes vergessen hatte.
"Papa, dieser Geist ist so gemein. Warum ist er so?" Und sie erzählte ihrem Vater alles, was bisher geschehen war. Sie unterhielten sich lange und danach fühlte sie sich wieder etwas besser und vor allem hatte sie einen Plan.

Obwohl sie nicht mit Erfolg rechnete, besuchte sie den jungen Geist gleich heute noch einmal. Er war nicht da, aber sie wollte mal wieder mit Agnes quatschen.

Erst wieder zur nächsten Vollmondnacht besuchte Selena das Grab des Unbekannten. Der Anblick war der Gleiche und stimmte sie wieder traurig. Doch damit wollte sie sich nicht aufhalten. Sie trabte also gleich direkt auf ihn zu und bellte zur Begrüßung.
"Was habe ich nur an mir, dass du plötzlich jedes Mal hier auftauchst? Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?", fragte er unwirsch. Sie schüttelte den Kopf und legte ihm ein Schreibheft hin, schob mit ihrer Pfote die erste Seite auf, so dass er es gut lesen konnte. Von Agnes wusste sie, dass Geister Dinge nicht anfassen und bewegen konnten. Dann patschte sie auffordernd mit der Pfote darauf.
"Was soll der Quatsch?", wollte er wissen, doch so ein bisschen Neugier trieb ihn doch dazu, mal näher hinzuschauen.

"Hallo. Ich bin Selena. Ein Werwolf."
"Ja. Schön. Ein Werwolf. Der sich nicht wandeln kann", antwortete er schnippisch. Der Wolf verdrehte nur die Augen und guckte zum Mond hinauf, machte mit der Schnauze eine kreisende Bewegung.
"Achso, der Vollmond?", fragte da der Geist nach und seine Stimme klang ein bisschen weniger arrogant, vielmehr interessiert. Sie nickte und bellte kurz. Dann tatzte sie wieder auf das Heft.
"Ich wohne erst seit kurzem in York. Es gefällt mir hier."
"Ja, York ist schon eine schöne Stadt", klang der Geist etwas abwesend. Sie tatzte wieder und er stöhnte etwas genervt, guckte aber weiter, was sie noch geschrieben hat.
"Wie heißt du?", stand da.
"Wie ich heiße? Auf meinem Grabstein steht ja nichts. Ich glaube, ich heiße Jan. Das ist zumindest der Name, an den ich mich erinnern kann."

Das klang recht seltsam. Sollte man nicht wissen, wie man hieß? Sie tatzte wieder.
"Du bist echt ein nervender Wolf. Entschuldige. Nicht wandelbarer Werwolf. Soll das jetzt die ganze Nacht so weitergehen?" Er imitierte sie und zeigte auch mal die Zähne. Sie schnaufte und ließ sich auf den Boden fallen, legte den Kopf auf die Vorderläufe. Sie hatte es wirklich nur gut gemeint, und er war immer so ekelig zu ihr.
"Hör mal, Wolf, oder - Selena. Deine Fragen bringen nichts. Ich weiß nicht was passiert ist. Ich bin hier auf dem Friedhof aufgewacht, sehe immer nur den Vollmond und plötzlich auch immer wieder dich und kann mich an nichts erinnern. Nur an diesen Namen - und …" Da stockte er und als Selena wieder hochschaute, blickte der Geist schon wieder zum Mond hinauf. So sehnsuchtsvoll.
"Ich spüre so ein Vermissen in mir und eine Leere, die ich nicht erklären kann. Ich weiß auch nicht, wie ich gestorben bin. Oder wo und wie ich vorher gelebt habe. Nur diesen Namen habe ich im Kopf. Und noch nicht einmal da weiß ich, ob es überhaupt meiner ist." Er blickte sich zu ihr um - und da war ein Lächeln. Doch es war traurig und trieb Selena fast selbst die Tränen in die Augen.
"Du solltest dir jemanden anderen zum Spielen suchen, kleiner Wolf. Ich bin es nicht wert, wo ich doch nichts habe." Er machte einen Schritt auf sein Grab zu und verschwand.

Selena sprang auf. Wo war er hin? Der konnte sich doch nicht so einfach aus dem Staub machen. Sie bellte und drehte Kreise vor dem Grab, aber der junge Geist ließ sich nicht mehr blicken. Dann eben nicht! Sie schnappte sich ihr Heft und eilte davon. Aber aufgeben tat sie nicht.

*

Leider hatte Selena Agnes an diesem Abend nicht mehr sehen können. Die junge Frau war nach Aussagen der anderen Geister wieder unterwegs. Das erschien Selena seltsam. Hatte sie doch von den anderen Geistern erzählt bekommen, dass Geister selten ihren Ort verlassen konnten, an dem sie gestorben oder beerdigt worden waren. Doch Agnes war da wohl eine Ausnahme. Aber nur Agnes wusste so gut über Aiden bescheid, den sie jetzt brauchte. Vielleicht konnte der Geisterjäger helfen?

Doch da fiel ihr noch jemand ein, der Aiden kennen könnte. So kam sie am nächsten Tag ordentlich in Menschengestalt zurück zum Friedhof und wartete geduldig am Eingang an dem schönen großen gusseisernen Eingangstor, das neben den vielen kleinen aufwendigen Verzierungen auch einen großen Baum in der Mitte eingearbeitet hatte. Denn gegen 18 Uhr begann angeblich die Schicht des Nachtwächters.

Sie drehte ein wenig ihre Kreise und beobachtete die Leute, die hier so vorbeikamen. Vielleicht konnte sie schon von weitem erkennen, wer dieser Link war?

Da fiel ihr Blick auf einen jungen Mann, der gemächlich die Straße entlang kam. Er war sehr auffällig gekleidet, denn er trug Kleidung aus dem viktorianischen Zeitalter, außer den modernen schweren Boots. Doch dazu trug er eine feine schwarze Stoffhose mit Brokatmuster und darüber einen weinroten Samtfrack mit aufwendigen schwarzen Posamenten-Verschlüssen. Darunter hatte er ein schwarzes Hemd mit großem Rüschenkragen. An der Seite trug er eine lederne verzierte Hüfttasche.

Er hatte längere verwuschelte Haare, die ihm sehr charmant ins Gesicht fielen und ihm etwas Mysteriöses verliehen. Bestimmt war das ein Student der hiesigen Universitäten, die sich mit den verschiedensten Ghost Walks in York ein bisschen Geld dazuverdienten. Und weil die Steam-Punk-Szene auch hier schon weit verbreitet war, erhoffte er, damit mehr Leute anzuziehen.

Doch wie baff war sie, als dieser angebliche Student direkt auf sie zuhielt, der kleinen Miss äußerst höflich einen angenehmen Abend wünschte, als er an ihr vorrüber schritt und dann auf den Friedhof ging und sich mit einem großen alten Schlüssel Zugang zum Pförtnerhäuschen verschaffte.

Das war doch ein schlechter Scherz, oder? Das konnte doch kein Friedhofswächter sein. Doch je länger Selena sich das anschaute und sich dann überlegte, in was für einer Stadt sie war und dass sie sich in letzter Zeit rege mit diversen Geistern unterhalten hatte und selbst ja sogar ein Werwolf war, da konnte also auch ein Nachtwächter in historischen Gewändern hier arbeiten. Es war ja doch nur all zugut passend.

Sie lief ihm also hinterher und klopfte etwas zögerlich an die nur leicht angelehnte kleine gotische Holztür, des historischen Pförtnerhäuschens.

"Ja, bitte?", wurde sie hereingebeten und unsicher schob sie die Tür ein wenig weiter auf.
"Ähm. Entschuldigung. Herr Link?" Sie schaute hinein und sah den jungen Mann diverse elektronische Geräte anschalten. So antik er selbst wirkte, so modern war hier drinnen die Einrichtung.

Er wendete sich ihr zu und lächelte.
"Ah, die kleine Lady von gerade eben. Möchtest du etwas Bestimmtes? Kann ich dir helfen?"
"Bestimmt. Ich habe von Agnes - äh - ich habe gehört, dass sie wissen könnten, wo ich Aiden finden kann."
Oh, das war wohl zu direkt. Doch er lächelte sie aufmunternd an.
"Ja sicher weiß ich, wo Aiden zu finden ist. Um was geht es denn? Ich nehme an, wenn du mit Agnes gesprochen hast, geht es wohl auch um sie?"
Sie schaute ertappt auf den Boden. Sie konnte ihm doch nicht erklären, dass sie ein Werwolf war und seit Wochen auf seinem Friedhof herumstromerte, ohne dass er davon etwas wusste. Aber er schien über Geister Bescheid zu wissen. Zumindest das könnte sie wohl ruhig sagen.

"Nja", druckste sie herum. "Es geht eigentlich um einen bestimmten Geist auf dem Friedhof. Der erscheint immer nur zur Vollmondnacht. Und jetzt will er nicht mehr mit mir reden und dabei wollte ich ihm doch helfen, weil er so traurig ist und nicht weiß wer er ist… Aber Agnes sagte, Aiden kann Geistern helfen. Aber ich weiß nicht, wo dieser Aiden lebt."

"Oh!" Also das war mal überraschend. "Also wenn das so ist. Ich könnte ihm per Handy eine Nachricht schicken. Normalerweise reagiert er immer recht schnell."
"Oh, wenn das nicht zuviel Aufwand ist?", klang sie sehr hoffnungsvoll.
"Wir probieren es einfach."
"Danke. Das ist wirklich toll von Ihnen, Herr Link."
Er lachte. "Bitte, mein Name lautet Lincoln Atkinson. Link ist eine Abkürzung von Lincoln, aber es klingt viel besser, meinst du nicht?"
"Ja. Viel besser."
"Komm. Ich mache uns einen heißen Tee, solange wir auf Aidens Antwort warten. Und du könntest mir in der Zwischenzeit deinen Namen verraten. So eine hübsche Lady wie du, hat bestimmt auch einen hübschen Namen." Selena spürte, wie sie rot wurde. Solche Komplimente kannte sie nicht.

*

Sie mussten gar nicht lange auf Aidens Antwort warten. Doch statt einer Textnachricht, stand Aiden nach einer halben Stunde persönlich vor der Tür.

Das überraschte Selena doch. Und noch viel mehr der Junge, der ihr nun gegenüber stand. Sah so ein Geisterjäger aus? Sie hatte jetzt schon mit so einem Typen wie Link gerechnet, mit altertümlicher Kleidung und sehr gefälligen Auftreten. Oder jemand in schwarzen Lederklamotten, zum Kämpfen bereit. Doch vor ihr stand ein ganz normaler junger Mann in ganz normaler Kleidung. Er wirkte mit seinen braunen Augen und den braunen wuscheligen Haaren nicht wie ein Geisterjäger, eher wie ein niedlicher Student. Ha! Das war es, was auch Agnes gesagt hatte.

Doch normal war er nicht. Zuallererst stellte Link sie beide vor und erklärte ihr dann gleich, dass Aiden nicht sprechen konnte. Ok. Das war schon anders, aber noch mehr irritierte Selena das seltsame Gefühl, dass bei Aiden jemand war, den sie aber nicht sehen konnte. Nur spüren.
"Ist ein Geist bei dir?", fragte sie also direkt heraus.
"Oh. Aiden? Bringst du Besuch mit? Oder ist es ein Geist vom Friedhof."

Aiden lächelte, dann schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, war er irgendwie anders, obwohl er doch noch der gleiche war. Er wirkte viel quirliger und kribbeliger. Das auffälligste waren aber die strahlend blauen Augen, die er jetzt hatte.
"Hallo, ich bin Gabriel", winkte er und überraschte damit nicht nur Selena. Auch Link machte große Augen.
"Aiden, seit wann kannst du sprechen?"
"Also, Aiden spricht nicht. Ich kann aber sprechen. Ich darf Aidens Körper ab und zu benutzen, wenn er etwas Spezielles sagen will. Übrigens bin ich Aidens Schutzgeist. Das heißt, dass ich gut auf ihn aufpasse. Auch, wenn Menschen mit seltsamer Aura etwas von ihm wollen." Damit schaute er Selena streng an. Sie brauchte gar nicht so unschuldig zu tun. Gabe hatte es sofort gesehen. Diese Aura, die ihn so stark an Sheenas Freund erinnerte.

"Wieso seltsam?", fragte Link, nachdem er sich von Aidens Überraschung erst einmal erholt hatte. Das war auch für ihn neu.
"Ich sehe eine Aura, die nicht menschlich ist. Was bist du?"
Oh je. Was war das denn für ein Geist?
"Ich… ich…"
Was sollte sie denn jetzt machen? Sie wurde von Link und dem Geist in Aidens Körper gleichermaßen abwartend, neugierig aber auch misstrauisch angeschaut. Sie seufzte. Da blieb ihr wohl doch nur die Wahrheit. Sie hatte zwar Angst, wie die beiden Menschen reagieren könnten, doch wenn sie dem jungen Geist helfen wollte, blieb ihr wohl keine andere Wahl. Ein kurzes Augenblinzeln und da saß sie als kleiner Wolf vor den beiden Männern. Sie schüttelte sich aus den Klamotten, dann setzte sie sich bequem auf die Hinterläufe und legte den Schwanz sorgfältig um die Pfoten. Sie wollte zeigen, dass sie harmlos war und keinen angreifen und verletzen wollte.

"Ein Wolf!", rief Gabriel.
Selena nickte.
"Ein Werwolf?"
Selena nickte wieder.
"Ich habe von Wertieren gelesen, aber noch nie eines gesehen. Kannst du dich immer frei wandeln? Hast du auch eine Zwischenform? Hast du auch als Mensch geschärfte Sinne?" Jetzt war Gabriel gar nicht mehr aggressiv, sondern sehr begeistert und neugierig. Selena waren das doch zu viele Fragen auf einmal und sie drehte den Kopf im Kreise.
"Das ist doch erst mal gar nicht wichtig, Aiden - äh, Gabriel", mischte sich da nun auch Link ein. Er kniete sich vor Selena und streckte eine Hand nach ihr aus. Erst als sie nickte, berührte er sie. Und dann gab es für den charmanten Nachtwächter kein Halten mehr. Er kraulte und flauschte den niedlichen Wolf, bis der nur noch vor Genuss brummen konnte und die Augen verdrehte.

"Du bist aber ein hübscher Wolf", konnte Link vor Begeisterung gar nicht genug bekommen. "Du hättest dich ruhig schon eher zeigen können." Sie bellte kurz. Sie hatte ja auch nicht gewusst, dass Link keine Angst hatte. Außerdem hatte ihr Papa immer gesagt, dass sie sich vor Menschen nicht zeigen durfte, damit ihr Geheimnis gewahrt blieb. Doch Link war ein besonderer Mensch. Er wusste von Geistern. Und Aiden sowieso.

*

"Also, da wir nun wissen, dass du ein Wolf bist, ein wirklich süßer zudem, kommen wir doch zurück zu deinem eigentlichen Problem. Es ging um den jungen Geist, den du gesehen hast. Magst du uns zu dem Grab führen, wo du ihn gesehen hast." Link kraulte sie noch einmal besonders überzeugend unter dem Kinn, dass sie den Kopf reckte und streckte. Dann gingen sie los.

...


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