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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 25: Gefahr zieht heran."

 


Der Tag war sonnig, aber nicht zu warm. Weiter hinten kräuselten sich am Himmel kleine Schäfchenwolken, die vom Wind träge weitergeschoben wurden. Am Morgen hatte es etwas geregnet und ließ nun die Wiesen und Bäume in sattem Grün erstrahlen. Zudem war es Freitag und alles lief etwas ruhiger, als an anderen stressigen Wochentagen. Selbst die Touristenmassen erschienen heute weniger. Ein herrlicher Tag, um genussvoll ein Eis an der Uferpromenade zu schlecken oder ein wenig im Park zu relaxen und dabei vielleicht ein gutes Buch zu lesen. Oder mit dem Freund zu flirten.

Brandon fand‘s beschissen. Der ganze Scheißtag war eine reine Katastrophe. Und dabei war es noch nicht mal seine Schuld. Es ging los, dass heute Morgen der junge Forensiker zu McLean ins Büro kam, was schon merkwürdig genug war, da die Daten gewöhnlich übers interne Netz verteilt wurden. Benjamin wirkte zudem außerordentlich nervös und aufgeregt, aber Brandon konnte nicht hören, was im kleinen Büro gesprochen wurde.

Als der Chief wieder allein war, rief er Brandon zu sich. Er ahnte nichts Gutes, vor allem als er ein Messer auf dem Tisch liegen sah. Es war in einer beschrifteten Beweistüte verpackt und hatte noch die blutigen Spuren an der Klinge. Dieses Messer war ihm so vertraut, dass er sie sofort erkannte. Hatte er es doch jahrelang an seinem Bein getragen.

DCI McLean kam auch direkt darauf zu sprechen.
„Brandon, erkennst du dieses Messer?“
„Ja. Es ist meines.“
„Wie kommt es in den Wald?“
„Ich habe es vor einiger Zeit verloren. Bei der Jagd.“
„Kann uns das jemand bestätigen?“
Brandon wurde es jetzt wirklich mulmig zumute. Das klang nicht gut.
„Ich war allein unterwegs, wie immer. Ich hatte kein Glück an diesem Tag und auch noch mein Messer verloren. Ich habe mir ein neues kaufen müssen, da ich es nicht mehr gefunden habe. Hier ist das neue“, holte er sein kleines Jagdmesser hervor, das er ja immer bei sich hatte.

McLean beschaute sich das neue Messer. Es war ein sehr ähnliches Modell wie die Tatwaffe, neu und völlig unbenutzt. Die Klinge war noch ganz glänzend und ohne jegliche Gebrauchsspur. Er wusste, das Brandon Jäger war, dies war auch erlaubt, er durfte auch ein Messer bis zu einer bestimmten Größe generell mit sich führen, nicht nur als Polizist.

„Brandon, dieses Messer, dein Messer, ist die Tatwaffe. Aiden hat es in der Nähe vom Zelt gefunden und die Forensik konnte es vor allem anhand des Blutes und der Fingerabdrücke eindeutig als Tatwaffe feststellen. Aber neben den Fingerabdrücken von Tylor Harris sind auch deine darauf. Wir wissen, dass du nicht der Mörder bist, aber nur durch Aidens Aussage, der dies von einem Geist erfahren hat. Wir brauchen immer noch konkrete Beweise, oder einen Zeugen, der bestätigt, dass du zum Zeitpunkt der Tat nicht dort warst. Oder natürlich die eindeutige Aussage von Harris.“

„Ja. Wir sind doch dran. Ich habe vorhin erst wieder einen telefonischen Hinweis bekommen. Ich habe sie schon an Kyle weitergeleitet. Es war ganz in deren Nähe. Wir werden die schon finden.“
„Brandon, du verstehst mich nicht richtig. Ich kann dich an diesem Fall nicht weiterarbeiten lassen. Du bist ein Tatverdächtiger.“
„WAS?!“ Es war selten, dass Brandon so aus der Fassung geriet. Klar war er mürrisch und knurrig, aber meistens gleichmütig und wenig überrascht. „Was soll das heißen?“
„Ich muss dich, bis wir diesen Fall aufgeklärt und dich entlastet haben, bis auf Weiteres von der Arbeit freistellen“, erklärte McLean ruhig. Mit Unbehagen beobachtete er das Mienenspiel seines jungen Detectives. Das sah nicht gut aus. Unglaube, Wut und Unverständnis waren nicht zu übersehen. Er konnte das ja verstehen. Er glaubte auch, dass Brandon nicht der Täter war. Da vertraute er zu 100% auf Aidens Aussage. Aber er musste sich an die Regeln halten. Kein Gericht der Welt akzeptierte eine Aussage ohne Beweise. Er brauchte Fakten, nicht die angeblichen Aussagen von Geistern.

„Wenn es denn so sein soll“, knirschte Brandon dann heraus. Ohne einen Abschiedsgruß verließ er das Büro, schnappte sich seine Jacke und ging.

DIC McLean blickte ihm nach und hatte kein gutes Gefühl bei seiner Entscheidung.

*

Er ging, ohne darauf zu achten, welche Richtung er überhaupt einschlug. Hauptsache er konnte laufen. Die Gedanken und Gefühle überschlugen sich in seinem Kopf und er brauchte lange, um wieder klar denken zu können.

Er hatte sich so sehr bemüht, mit den neuen Kollegen klar zu kommen. Hatte die seltsamen Eigenheiten der Einzelnen so hingenommen und alles erledigt, was der Chief ihm aufgab. Es war nicht leicht, aber er hatte das Gefühl, sich so langsam mit allem arrangieren zu können. Auch wenn ihm Zwischenmenschliches egal war, schien es, dass er vor allem mit Mian so einigermaßen gut auskam. Er war auch eher der ruhigere Typ, der nicht viele Worte verlor.

Er hatte es nicht glauben wollen, doch in letzter Zeit freute er sich sogar, ins Büro zu kommen, einen frischen Kaffee zu kochen, und mit den Kollegen die Arbeit zu beginnen. Es war keine große Sache, doch er fand es schön, wenn die Kollegen sich bei ihm bedankten, wenn der Kaffee schon fertig war.

Und jetzt sollte einfach so alles vorbei sein? Wegen diesem Messer, das er verloren und stundenlang gesucht hatte, und doch nicht wieder finden konnte? Hatte er damit nicht alles getan, was ihm möglich war? Woher hätte er auch wissen sollen, dass es gerade dieser Verbrecher findet und dann auch benutzt? Aber hatte Aiden nicht ausdrücklich gesagt, dass es Harris getan hatte? Allein? Wenn man Aiden glaubte, dass er mit Geistern sprechen konnte, warum konnte man ihm dann nicht glauben, dass Brandon mit der Sache nichts zu tun hatte?

Aber: es war überhaupt erst Aiden gewesen, der das Messer gefunden hatte. Aiden, der behauptete, er würde Geister sehen. So ein Quatsch. War es auch ein Geist, der ihm das Messer gezeigt hatte? War das überhaupt zulässig? Aiden! Immer wieder Aiden! Der war dran schuld, dass er in dieser Misere steckte.

Brandon kickte ein Kieselsteinchen vor sich her, bis es vom Bordstein rollte. Er schaute auf und fand sich auf der Lendal Bridge wieder. Er stützte sich auf der Mauer ab und blickte den Fluss entlang und grübelte noch eine Weile vor sich hin. Was für ein Misttag. Was sollte er jetzt seinem Vater sagen? Sicher hat McLean ihn schon kontaktiert. Er wusste, dass der Chief regelmäßig seinem Vater ein Update gab, wie sich der Sprössling so machte. Bisher war ja alles recht gut gelaufen, doch jetzt? Im schlimmsten Fall wurde er wieder nach Pocklington versetzt oder vielleicht gleich ganz nach Hintersibirien.

Oder sollte er nicht gleich selbst den Dienst quittieren und sich nach etwas anderem umsehen. Vielleicht gab es etwas beim Jagdsport, was ihm grundsätzlich besser lag. Der Jagdverein musste immerhin auch von jemand organisiert und repräsentiert werden. Da gab es keine Mordfälle und Geister und Geisterseher.

Hmmm… Aiden! Hatte Mian nicht erzählt, dass Aiden hier diesen ominösen Unfall hatte? Was war so besonderes an dieser Brücke? Sie sah weder ungewöhnlich noch gruselig aus. Da an der Seite führte eine Treppe zum Ufer hinab. Brandon schlenderte die Stufen herunter und sah sich um. Alles ganz normal. Auf dem Wasser schwammen ein paar Enten und auf der Wiese hüpften Spatzen und pickten Krumen. Alles ganz idyllisch.

Er wollte sich schon wieder umdrehen, um nach oben zu gehen, als ihm ein Flirren im Augenwinkel auffiel. Er schaute genauer hin. Unter dem Brückenbogen im Schatten flackerte es komisch. War das eine Sinnestäuschung? Sonnenstrahlen, die durch das Wasser seltsam gebrochen wurden? Nein, nein. Da gäbe es Lichtflecken oder einen Regenbogen oder so etwas. Das sah eher nach einem dunklen Nebelschleier aus und es gefiel Brandon. Es weckte seinen Jagdtrieb.

Er schlenderte auf die düster wabernde Wolke zu, die sich stetig verdichtete, je näher er kam. Sie bewegte sich, schwebte etwas auf und ab, streckte sich, zog sich wieder zusammen. Langsam wurde sie länger und eine Gestalt bildete sich heraus, nahm menschliche Formen an.

Aus dem Rumpf bildeten sich bald Arme und Beine ab. Der Kopf formte sich, erst nur sehr undeutlich. Jetzt sah Brandon sogar Kleidung, nähere Details. Eine altertümliche Kleidung mit echten Leder-Stiefeletten und einer feinen geraden Stoffhose. Darüber Hemd und Weste, überdeckt von einem schwarzen Kurzmantel, der aber auf Kniehöhe weit geschnitten war und damit für ausreichend Bewegungsfreiheit sorgte. Dazu ein halbhoher Zylinder auf dem Kopf.

Das Gesicht kam dazu, erst nur schemenhaft, bis es sich Stück für Stück mit Einzelheiten füllte. Eine markante Nase und ein spitzes Kinn gaben dem Gesicht einen ganz eigenen Charakter. Ein gut gepflegter Schnurrbart komplettierte die elegante Erscheinung eines feinen Herrn aus dem 19. Jahrhundert.

Doch Brandon wusste, dass dies kein Mensch war. Es war das, was er bisher nicht glauben wollte. Ein Geist. Dies war ein echter Geist! Ein Geist aus dem vergangenen Jahrhundert, adrett und sittsam, zumindest auf den ersten Blick.

Das edle Gesicht wurde von einem grausamen Lächeln verzerrt. Die Augen strahlten Boshaftigkeit aus und glühten blutrot aus dem Schatten des Zylinders hervor. Er fesselte Brandon mit diesem Blick, dieser Gier nach etwas, was Brandon so bekannt war. Die Gier nach Jagd! Er grinste Brandon an, als er ihre Gemeinsamkeit erkannte, und hielt ihm einladend ein Messer hin.

Oh ja. Das war jemand, der ihn ganz und gar verstand. Brandon lachte, ging schneller. Er streckte den Arm, um das Messer zu greifen. Jaaa. Es fühlte sich so gut an. Kein neues ungebrauchtes kaltes Werkzeug. Dieses Messer war ein wahres Schmuckstück. Zwar schlicht aber in perfekter Balance und es war warm und lebendig. Es pulsierte in Brandons Hand, als er die Finger fest darum schloss. Es fühlte sich wie eine stetig glimmende Lohe an, die nur darauf wartete, in einen mächtigen Feuersturm ausbrechen zu dürfen. Ja. Bald würde es brennen dürfen, mit seiner schneidenden Flamme.

Mit gieriger Vorfreude drückte Brandon das Messer an seine Brust. Dieses durfte er nicht verlieren. Er drückte immer stärker, spürte eine fremde Wärme an sich, dann weiter, weiter in sich hinein, bis es ganz in ihm war. Und da war er vollkommen! ENDLICH! Er fühlte sich stark und mächtig und FREI.

Er konnte endlich diese Brücke verlassen. Gehen, wohin er wollte. Jagen, wen er wollte.

Endlich war er wieder da! Jack, The Ripper, war wieder da!!! Und er war mächtiger als jemals zuvor.

Und es gab einen, den er zuerst erjagen würde… William Blakes Erbe wird ihm nun nicht mehr davon kommen. Und wenn er seine Rache genommen hatte, würde er wieder leben können.

Brandons gehässiges Lachen verhallte ungehört in den dunklen Schatten der Lendal Bridge.

...


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