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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 24: Neue Erkenntnisse."

 


Aiden wachte am nächsten Morgen gut erholt auf. Anscheinend wirkte die gestrige Reise in sein Seelenland noch nach. Insgesamt fühlte sich Aiden auch ruhiger und entspannter. Er räkelte sich noch einmal kräftig, schubste damit Gabe aus dem Bett, und sprang dann singend unter die Dusche.

Gabe kroch verschlafen ins Bett zurück und rollte sich träge über die Decke. Was war denn heute mit Aiden los? Er lauschte auf seinen gut gelaunten Geisterjäger und beobachtete ihn, als er ins Schlafzimmer zurückkam und sich einmal durch seinen Kleiderschrank wühlte. Am Ende stand er in ungewöhnlich viel Farbe im Raum und lachte Gabe ein wenig aus, da dieser eher so wirkte, als wenn er noch schlafen wolle.
Gabe! Was'n los? Wir haben einen arbeitsreichen Tag vor uns.
"Och, Aiden. Es war gestern so spät", jammerte Gabe und kuschelte sich weiter ins Kissen.
Ja! Für dich. Was treibst du dich auch so lange in der Gegend herum?, lachte Aiden und zupfte Gabe an den blonden Haaren, als der Geist leise vor sich hin mopperte. Aber er hatte Mitleid und kam zu Gabe mit auf das Bett, um sich ein wenig an ihn zu kuscheln. Fast meinte er, sogar Körperwärme zu spüren. Gabe wurde immer stärker! Danke, dass du auch ein wenig auf Reece aufpasst. Sicher passiert ihm nichts, aber es ist schön zu wissen, dass er gut zu Hause angekommen ist.
"Klar. Er ist ja auch mein Bruder", ließ sich Gabe wieder genüsslich durch die Haare kraulen und war schon wieder versöhnt.

Nachdem Aiden gestern sicher im "Antiques" angekommen war und versprochen hatte auch nach Arbeitsschluss nicht mehr hinauszugehen, hatte Gabe Reece zu seiner Bandprobe und anschließend mit nach Hause begleitet. Reece wusste davon natürlich nichts und so sollte es auch bleiben.

Allerdings war es das erste Mal, dass Gabe nach seinem Unfall wieder in seinem zu Hause war und seine Eltern und sein Zimmer sah. Es war seltsam. Er geisterte durch sein Zimmer, was doch noch so war, wie er es das letzte Mal verlassen hatte, und fühlte sich fremd zwischen seinen eigenen Sachen. DAS war nicht mehr sein zu Hause. Sein Heim war nun bei Aiden. Der Gedanke schmerzte nur kurz. Denn er sah und spürte, dass seine Eltern mit dem Schicksal bereits Frieden geschlossen haben und es nur noch an Reece lag, dass nach wie vor Gabes Zimmer voll eingerichtet war. Das wollte er mit Aiden besprechen. Reece sollte seinen Eltern ruhig gestatten, das Zimmer neu einzurichten, so wie sie es wollten. Seine Mutter hatte doch schon immer von einem eigenen Näh- und Hobbyzimmer geträumt. Warum also nicht…

Er war noch ein wenig bei Reece geblieben, bis dieser schlafen gegangen war, dann hatte er sich auf den Weg zurück zum "Antiques" gemacht. So kam er erst weit nach Mitternacht zu Aiden zurück und war doch recht müde. Der Tag war einfach auch für einen Geist sehr anstrengend gewesen. Umso schöner war es, zu Aiden ins Bett zu krauchen und zu schlafen. Bis Aiden ihn heute früh aus dem Bett gekickt hatte. So aufzuwachen war nicht schön und dann mit so einem ungewöhnlich fröhlichen Aiden konfrontiert zu werden auch nicht einfach.

Wie geht es Reece?, fragte Aiden etwas ruhiger weiter.
"Gut. Auch meinen Eltern geht es gut. Du musst mal mit Reece drüber reden, dass unsere Eltern mein altes Zimmer auflösen dürfen."
Oh. Ja. Natürlich. Wenn du das möchtest. Aiden war sich nicht so sicher, ob er sich da einmischen durfte. Oder du sprichst mit ihm. Dann weiß er genau, dass es dein eigener Wunsch ist.
"Ja. So machen wir das. - Sag mal, willst du heute Abend mit zum Auftritt? Sheena ist wahrscheinlich auch da."
Aiden grübelte etwas. Er würde sehr gerne, aber er musste auch mal wieder ein paar Abende zu Hause bleiben und zeitiger ins Bett. Auch er hatte noch ein Studium, für das er lernen musste.
Nein. Ich bleibe heute Abend da. Ich gehe am Freitag oder Samstag wieder mit hin. Aber geh' du ruhig. Vielleicht magst du Sheena auch abholen. So ist sie nicht allein unterwegs.
"Au ja. Das mache ich. Also los. Auf. Auf. Wir haben einen arbeitsreichen Tag vor uns, Aiden. Was lümmelst du noch im Bett herum?", lachte Gabe und schwebte vor dem Bett auf und ab, bevor er schon zur Treppe unterwegs war.
Frecher Geist, lachte Aiden und folgte ihm.

*

Aiden war auch am nächsten Morgen erholt und ausgeschlafen und somit guter Dinge, als er zur Uni musste. Der sonst so trägen Vorlesung konnte er diesmal mit mehr Enthusiasmus folgen, außerdem hatte er nach zwei Einheiten schon wieder frei und konnte Grandpa Will im "Antiques" gut helfen.

Nion begrüßte ihn von seinem Lieblingsplatz neben der Kasse aus und William balancierte in luftiger Höhe auf der Leiter und wühlte in einem oberen Regalfach. Aiden warf nur seine Uni-Sachen in der Wohnung ab und half anschließend Grandpa Will beim Umdekorieren der Regale und beim Einsortieren neuer Bücher. Dabei ließen sie sich von Gabe erzählen, wie denn eigentlich der gestrige Abend bei "Demon Soul" verlaufen war und ob Brooke nun eine Hexe sei oder nicht.

"Ne. Brooke ist keine Hexe", befriedigte Gabe gleich die gröbste Neugier der beiden. "Sheena meinte, sie wäre sich da ganz sicher."
Irgendwie war Aiden erleichtert. Wäre Brooke eine Hexe, gäbe das zwar dem Namen der Band gleichmal noch eine ganz andere Bedeutung, aber wie Reece schon sagte: Brooke hatte auch so schon immer eine Menge um die Ohren.
"Und Sheena hätte ich auch nicht abholen müssen. Sie hatte einen eigenen Bodyguard dabei", erzählte Gabe weiter. "Sie sagte, es wäre ihr Freund, aber an diesem Kerl ist irgendwas nicht ganz koscher", dachte Gabe an gestern zurück, als er Sheena abholen wollte, sie aber einen riesigen Bären dabei hatte. Sein Name wäre Einar und sie beide wären sich schon längst versprochen. Einar hatte nicht nur einen Wikinger-Namen, er war auch ein typischer Wikinger. Groß, muskulös, Tattoos überall, blonde Haare und einen geflochtenen Bart. Er schien sehr grob, aber war immer um Sheena herum, achtete auf sie und schien sie ehrlich zu lieben.

Wie, an dem ist nicht alles koscher?, musste Aiden da nochmal nachhaken. Meinst du, er hat eine böse Aura? So wie Jack?
"Nein, nein. Ganz anders, als die schlechte Aura eines bösen Geistes. Ich hatte das Gefühl, einem Tier gegenüber zu stehen. Nion z.B. hat auf mich eine ganz andere Ausstrahlung als du Aiden oder ein anderer Mensch", versuchte der Geist sich zu erklären und streichelte dabei Nion hinter den Ohren. Ja, Tiere waren eindeutig anders als Menschen oder auch Geister.
"Und Einar wirkte auf mich fast wie ein Tier, obwohl er ja ein Mensch ist."

Spannend klang das schon, was Gabe erzählte. Aiden war sich sicher den ominösen Wikinger demnächst auch kennenlernen zu können, da er Sheena besuchen wollte. Genau wie Beth ihm schon sagte, wusste Sheena eine ganze Menge über die Zwischenwelten und er wollte gerne mehr von ihr lernen. Außerdem mochte er ihre erfrischende, offene und direkte Art.

Sie wurden unterbrochen, als die Türglocke läutete. Lachend kletterte Aiden eilig von einer kleinen Leiter und stürzte sich in Reece' Arme, der so plötzlich auftauchte. Sie drehten sich mit Schwung einmal im Kreis, dann küssten sie sich eine Zeitlang. Grandpa Will übersah dies angemessen und sortierte noch ein paar Bücher um. Gabe war da nicht so zurückhaltend. Er hockte neben Nion auf dem Tresen und beschaute sich die Szene grinsend. Bis es ihm zu lange dauerte. So was. Erst war Aiden so ein scheuer zurückhaltender Kerl und dann knutschte er so unverfroren in aller Öffentlichkeit. Er flüsterte Nion etwas zu. Dieser drehte aufmerksam die Ohren und lauschte. Dann rückte er seinen pelzigen kleinen Hintern zurecht und begann mit Maunzen. Es klang herzerweichend und elendig. Reece beendete sofort den Kuss und streichelte den Kater, fragte was los wäre und ob er Schmerzen hätte. Zufrieden kletterte Nion zu Reece auf die Schulter und schnurrte nur noch laut und hingebungsvoll.

Grandpa Will erklärte dem verdutzten Reece, wie er von seinem frechen Bruder und dem schlauen Hexenkater an der Nase herumgeführt wurde und Aiden schwieg eingeschnappt Gabe an. Das nannte man Schutzgeist? Einen Geist, der ihm einen Kuss verdarb? Einen Geist, der sich gerade wieder an ihn kuschelte, um um Verzeihung zu heischen? Er gab es auf. Er zupfte Gabe an den Haaren und zog Nion am wuscheligen Schwanz. Strafe musste schon sein. Dann wendete er sich wieder ganz Reece zu und lugte in die Tasche, die dieser dabei hatte. Es duftete ganz verführerisch. So saßen sie alsbald gemeinsam um die Theke herum und ließen sich zum Mittag gebratene Nudeln mit Gemüse, Hühnchen und süß-saurer Soße schmecken.

***

DCI Tristan McLean kratzte sich durch den frisch gekürzten Bart und schaute sich nochmals die Fotos vom Cottage und die bisherigen Ergebnisse des Falles an. Sie hatten aufgrund der Zeichnungen, die sie mit Hilfe von Aiden angefertigt hatten, herausgefunden, dass es sich bei den beiden Übeltätern um Tylor Harris und David Jones handelte. Schon wenige Stunden nachdem sie Aidens Fahndungsbilder ins System gegeben hatten, kamen die ersten Infos.

Tylor Harris war ein nicht ganz unbeschriebenes Blatt. Es ging mit kleinen Diebstählen und Sachbeschädigungen in der Jugend los. Später kamen Betrugsfälle dazu und erpresserische Kindsentführung. Dafür kam er für einige Jahre hinter Gitter. Eigentlich hätte er nur noch ein knappes Jahr gehabt. Jetzt eine Flucht mit Mord brachte ihm Lebenslänglich. Er war vor einigen Tagen nachts aus dem Gefängnis abgehauen und wurde bereits steckbrieflich gesucht.

David Jones dagegen war eher harmlos, doch auch er war schon aktenkundig. Häufig war er in kleinere Schwierigkeiten geraten. Schulden, versuchter Diebstahl, Beleidigung von Beamten. Ansonsten war er immer wieder in Tylors Nähe zu finden. Seit der Jugend waren sie befreundet. Er war auch als Besucher im Gefängnis verzeichnet, wo er ihn erst nur manchmal besuchte, in den letzten sieben Monaten aber immer häufiger. Die Flucht war also doch von recht langer Hand geplant. Nur der Mord war nicht geplant, doch für Tylor hat es wohl nicht groß Überwindung gebraucht, zuzustechen. Zumindest war es das, was Aiden ihnen erzählt hatte.

Auch eine Menge Hinweise aus der Bevölkerung haben sie bereits erhalten. Anrufe und Mails kamen bei ihnen an, die angeblich die Beiden gesehen hatten. Das CID ging diesen Spuren nach. Kyle und Valerie waren gerade unterwegs, um den seriösesten Hinweis direkt vor Ort zu überprüfen.

Mian war noch einmal beim Cottage, um dort die Enkelin von Beth zu treffen, die gemäß Testament die alleinige Erbin des gesamten Grundstücks war und nun beim Einziehen war. McLean wollte, dass Mian sie sicherheitshalber auch noch einmal befragte, um alle Möglichkeiten abzusichern und zu überprüfen, ob die Flüchtlinge nicht doch noch einmal zurückgekommen waren.

Marc war unten bei den Forensikern und unterstütze sie bei der Computersuche, da die neue Software noch nicht ganz eingestellt war und immer noch zickte.

Angelina hatte seit einigen Tagen Urlaub und dümpelte irgendwo mit einer Yacht auf dem Pazifik herum und genoss die Sonne.

Also war Brandon hier oben allein im Großraumbüro und nahm Telefonanrufe entgegen und sortierte ein paar alte Fallakten von Taylor Harris. Sie wollten prüfen, ob Hinweise zu alten Verstecken und Zufluchtsorten zu finden waren. Möglicherweise konnte man sie so schneller aufspüren.

McLean schlürfte einen Schluck heißen Kaffee. Der Fall war eigentlich eindeutig. Taylor war geflohen, sein Freund hatte draußen auf ihn gewartet, um die Flucht finanziell und materiell vorzubereiten und zu unterstützen. Beth war leider nur zufällig da gewesen. Umso schlimmer war es. Sie war ein herzensguter Mensch gewesen und niemand war ihr böse gesinnt. Er seufzte. Manche Fälle gingen einem schon mehr ans Herz als andere. Wenn dann auch noch Aiden dabei war, war es zudem ungleich spannender.

Er merkte auf als der junge Benjamin Parson aus der Forensik sehr aufgeregt durch die doppelflügelige Glastür eilte und direkt auf sein Büro zuhielt. McLean winkte ihn zu sich herein, so dass Benjamin ohne anklopfen gleich durchging.

"Was gibt's?", fragte er sofort neugierig.
"Also, Chef. Ich habe das Messer, das Aiden im Wald gefunden hat, untersucht. Das Blut ist eindeutig von Mrs Colquhoun und die Klinge passt auch genau zu den Einstichstellen", begann Benjamin zu erklären und legte McLean die Ergebnisse vor, so dass dieser die üblichen Fotos und Fakten vor sich hatte.
McLean las sich die Angaben kurz durch. "Ja. Gut. Aber deswegen sind Sie doch nicht extra hier hochgekommen. Das hätten Sie mir auch übers Netz schicken können. Was ist also noch?"
Benjamin hatte einen weiteren Zettel in der Hand und drehte ihn nervös in den Fingern, machte sogar Knicke in die Ecken.
"Ich… ich wollte das noch nicht ins Netz stellen. Ich habe es auch erst nur per Hand ausgefüllt. Ich wollte das mit Ihnen persönlich abklären."
"Benjamin. Jetzt gerade heraus. Was haben Sie gefunden!", wurde McLean ungeduldig.
"Am Holzgriff waren Fingerabdrücke. Die von Taylor konnte ich eindeutig identifizieren. Aber dann habe ich noch weitere gefunden…"
"Sicher von seinem Freund", vermutete McLean.
"Nein. Es sind Fingerabdrücke, die wir zum Ausschluss bereits seit einigen Jahren in unserer Datenbank haben…", sagte Benjamin und legte seinem Chef endlich den Zettel vor. Dieser nahm mit einem Stirnrunzeln das Papier entgegen und las sich alles durch. Seine Augen wurden größer und er musste erst mal Luft holen.
"Benjamin. Sind sie sich sicher?"
"Ja. Ich habe den Test mehrfach gemacht. Aber es ist immer das gleiche Ergebnis. Und Samuel hat auch nochmal den Test durchgeführt, ohne dass ich ihm etwas zuvor sagte. Er kam auf genau dieselben Werte."
"Danke, Benjamin. Ich werde das besprechen und Ihnen dann Bescheid geben."

Der junge Forensiker nickte und trollte sich eiligst in sein Labor hinab. McLean dagegen trank seinen Kaffee in einem Zug leer. Er hatte jetzt ein schwieriges Gespräch vor sich…

...


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