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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 23: Das soll eine Hexe sein?"

 


Sie hätten eigentlich den Bus nehmen können, aber entschieden sich zu laufen und durch den Park zu gehen. Reece ließ Nion dort von seiner Schulter und gleich sprang der Kater davon und tobte sich ein wenig aus. In einem Busch fand er versteckt auch ein wenig Erde zum Scharren. Sehr zufrieden kam er wenige Minuten später wieder hervor und streckte sich noch einmal kräftig. So befriedigt konnte die Reise weitergehen. Er ließ sich von Reece wieder hochheben, denn von einer Schulter aus hatte man einfach den viel besseren Überblick. Außerdem konnte Nion sich so von Passanten bestaunen lassen, die es auch nicht oft sahen, dass sich eine Katze so brav durch eine belebte Stadt tragen ließ.

Sie verließen die Altstadt durch Monk Bar und hielten sich auf der Monkgate bis sie im Kreisverkehr in die Huntington Road einbogen. Sie konnten einige Minuten unter Weidenbäumen am River Foss entlangschlendern, bis sie sich nach nicht mal einer halben Stunde Spaziergang vor einem hübschen modernisierten Einfamilienhaus wiederfanden.

Ein kleiner typisch englischer Vorgarten, der mit einem niedrigen Eisenzaun eingerahmt wurde, war sehr gepflegt und die bunten Frühlingsblumen waren verstreut in der Wiese mit kleinen Findlingen nett arrangiert. Eine kleine Bank stand unter dem Fenstererker des Wohnzimmers. Nichts deutete darauf hin, dass hier die Familie einer Hexe wohnen würde. Alles wirkte sehr hell, gemütlich und völlig normal.

Noch nicht mal das Gartentürchen quietschte, als sie das Grundstück betraten und auf die moderne Eingangstür zugingen. Reece klingelte, trat aber einen Schritt zurück, um Aiden den Vortritt zu lassen. Immerhin war es dessen Aufgabe. Er gab ihm aber noch einen kleinen Kuss auf die Wange zur Ermutigung.

Die weiße Tür mit dem schmalen langen Milchglaseinsatz schwang langsam auf und gab nur allmählich den Blick auf eine junge Frau frei. Perplex starrte Aiden sie an. Sie hatte schwarze Boots mit hohem Absatz an. Die langen schlanken Beine steckten in einer rot-karierten engen Hose, die an den Seiten Schnürungen hatte. Ein breiter Gürtel hielt ein graues mit goldenen Spinnweben besticktes Top in lässiger Position.

Das feine Gesicht war mit starkem Make-Up, dunklem Lippenstift und schwarzem Eye-Shadow härter gezeichnet, als es eigentlich war und verbarg die warme Ausstrahlung der Person hinter diesem auffälligen Outfit. Die Haare waren den Klamotten perfekt angepasst: kurz und fransig geschnitten, leuchteten sie in Feuerrot, während die Spitzen schwarz gefärbt waren.

Sie hatte eine ausgefallene goldene Spange seitlich im Haar, die aus vielen kleinen Zahnrädern bestand. Aiden fand dieses Schmuckstück seltsam, aber auffällig schön. Genauso wie die feingliedrig gearbeitete Spinne aus Kupfer, die sich mit ihren langen Beinchen an ihrem Handgelenk festhielt. Wenn man genauer hinsah, konnte man erkennen, dass sich im Rücken der Spinne unter dünnem Glas eine Uhr befand, dessen Getrieberädchen offen sichtbar waren.

Die junge Frau hatte ihre Beine lässig überkreuzt und lehnte locker am Türrahmen, hatte eine Schale mit Cornflakes in der Hand und löffelte diese gelangweilt in sich hinein. Aiden schielte unauffällig nochmal auf das Namensschildchen unter dem Klingelknopf. Nein, sie waren hier am richtigen Haus. Da stand ganz eindeutig „Colquhoun“.
„Wer isst denn schon am Nachmittag Cornflakes? Das ist doch ein Frühstück“, fragte Gabe in die Stille hinein.
„Ich esse Cornflakes, wann ich es will, verstanden?“, bekam er nur die latent genervte Antwort.
„Du kannst mich sehen?“, war Gabe überrascht und nahm Aiden die Worte aus dem Mund.
„Nein, nur so einen komischen leuchtenden Schein hier“, machte sie mit ihrem Löffel eine kreisende Bewegung neben Aiden, wo Gabe tatsächlich in der Luft schwebte. „Aber hören. Also pass auf, was du sagst, du vorlauter Geist. Und wer seid ihr vier nun?“
Nion wollte das nicht auf sich sitzen lassen, erhob sich und maunzte sie empört an.

Sie lachte plötzlich hell auf, stellte ihre Schale auf die Anrichte und griff sich Nion von Reece‘ Schulter; knuddelte ihn liebevoll.
„Als ob man dich vergessen könnte, Nion. Na komm, schauen wir mal, ob wir was Leckeres für dich finden. – Na los, kommt rein ihr drei. Oder wollt ihr da wie versteinert stehen bleiben? Das sieht von der Straße aus komisch aus. Geradeaus ist das Wohnzimmer. Macht es euch dort bequem.“

Überrumpelt zuckte Aiden nur die Schultern und folgte ihr in das Haus hinein. Innen empfing sie helle moderne Gemütlichkeit. Viel Weiß und Crème, mit bewusst platzierten bunten Akzenten, wie ein wasserblaues Gemälde im Eingang. Das alles wirkte nicht wie die Wohnung einer Punk-Göre. Auch das große Sofa war weiß mit fliederfarbenen Dekokissen, zwischen die sich Aiden gerne setzte. Erinnerte ihn die Kissenlandschaft doch ein wenig an seine eigene Couch. Reece rückte zu ihm auf und schaute sich neugierig um.

„Wollt ihr was trinken?“, rief das Mädchen aus der Küche zu ihnen durch, wo es klapperte und freudig maunzte.
„Hast du Tee da?“, fragte Reece. Er wusste ja, dass Aiden dies allem anderen vorzog.
„Klar. Lass‘ mal schauen.“ Es raschelte, dann brachte sie einige Packungen zu ihnen ins Wohnzimmer. „Sucht euch was aus. Ansonsten haben wir auch Wasser, Saft und Coke da.“
„Sie wirkt gar nicht so rabiat, wie die Klamotten aussehen“, sagte Gabe leise zu Aiden, als das Mädchen plötzlich so gastfreundlich war.
„DAS habe ich gehört, Geist! Wenn du nicht höflicher bist, schmeiße ich dich raus.“
Aiden fragte sich, wie sie das wohl anstellen mochte. Konnte man doch Geister nicht verbieten, dort zu sein, wo sie wollten. Man sah ihm seine Zweifel wohl an, denn sie lachte.
„Für eine Hexe gibt es da Mittel und Wege, Aiden. Was glaubst du, warum im „Antiques“ nicht jeder Geist Zutritt hat? Hat dich dort schon jemals ein Geist mit böser Gesinnung besucht?“
Er schüttelte den Kopf und war noch erstaunter, dass sie so genau wusste, wer er war. Er hätte ja auch Reece sein können. Oder wer auch immer.
„Du bist ja echt süß. Klar weiß ich wer du bist. Grandma hat mir doch erzählt, dass du kommst. Auch wenn ich euch schon früher erwartet habe. Und wer sollte sonst Nion bei sich haben?“

Jetzt war sich Aiden sicher, dass sie wirklich die richtige Person gefunden hatten. Das war Sheena, die Enkelin von Beth. Aber sah so eine Hexe aus?
„Also, welchen Tee?“, fragte sie und lenkte Aidens Aufmerksamkeit zurück auf die Packungen. Er entdeckte einen Schwarztee mit Orangenstücken und tippte ihn an.
„Gut. Ist sofort fertig… Und du?“
Reece entschied sich für das Moorwasser und brachte sie damit zum Lachen.

Einige Minuten später saßen sie bei frischen Tee, Cola und Kirchsaft gemütlich zusammen.
„Wo ist denn dein Geist? Ich habe ihn doch nicht etwa vertrieben?“
Doch, hatte sie! Gabe war eingeschnappt und geisterte nun im hinteren Garten herum. Aiden hatte versucht ihn aufzuhalten, aber sein Geist war wirklich beleidigt.
„Mensch, der ist ja empfindlich. Ich habe noch nie von so einem sensiblen Geist gehört. Ist der immer so drauf?“ Sie verdrehte die Augen und schüttelte die wilden Haare.
„Er ist mein Bruder“, fühlte sich nun auch Reece ein wenig angegriffen. Doch das nahm sich Sheena gar nicht an.
„Ja. Ein frecher Bruder. Ich schau mal nach ihm“, klang sie aber gleich friedlicher. Sie sprang wieder auf, schien auch nicht wirklich ruhig sitzenbleiben zu können, und lief auf die Terrasse raus.
„Hey, Geist. – Wie heißt dein Bruder denn?“, rief sie ins Wohnzimmer zu Reece zurück.
„Gabriel.“
„Oh-ho! Gabriel! Wie der Erzengel! Na genauso leuchten tust du ja“, war sie ehrlich beeindruckt. „Ich sehe nicht oft Geister, solltest du wissen. Nur welche mit besonders starker Aura. Also wenn du akzeptieren kannst, dass ich Cornflakes gerne zum Kaffee esse und trotz allem Manieren besitze, dann komm doch wieder rein. Ich will hier kein schlechtes Mana im Haus.“ Es klang doch noch ziemlich ruppig, und ganz leise, ohne dass es Reece oder Aiden hören konnten, sagte sie noch versöhnlich: „Entschuldige, Gabriel.“

Sie sah das Leuchten plötzlich ganz dicht neben sich und spürte eine leichte Wärme an ihrer Wange. Sie machte große Augen und schnappte nach Luft.
„Hast du mich gerade geküsst?! Aiden! Dein Geist hat mich geküsst! Du, dein Bruder hat mich geküsst! Das geht nicht. Was soll mein Freund davon halten?!“
Sie kam zurück ins Wohnzimmer und ließ sich in einen Sessel fallen, schnappte sich Nion, der gerade sich Schnauze leckend aus der Küche zu ihnen getappert kam, und strich ihm immer wieder die Ohren lang.
„Oh ihr Feen, ich wurde von einem Geist geküsst!“, kicherte sie noch einmal. Bei einem großen Schluck Kirchsaft schien sie sich wieder zu beruhigen.

Auch Gabriel war wieder befriedet. Er setzte sich zu Aiden mit auf das Sofa und kuschelte sich an ihn an, gab ihm einen zarten Kuss auf die Wange und flüsterte ihm zu, dass er wirklich nur ihn lieben würde. Sheena war einfach nur quirlig verrückt, so ähnlich wie er selbst. Sie hätte auch seine Schwester sein können. Dem konnte Aiden nur zustimmen. Die beiden waren genauso anstrengend kribbelig.

„Also, wollen wir doch noch mal von vorn anfangen. Ich bin Sheena, Beth‘ Enkelin. Grandma hat mich in ihrer Todesnacht besucht und mir erzählt was passierte, auch dass sie dich gleich aufsuchen wollte, Aiden. Ich habe heute Morgen mit einem gewissen DCI McLean gesprochen. Die Ermittlungen sind dank dir schon in vollem Gange. Danke für deine Hilfe, Aiden.“

Sie umarmte ihn kräftig und hockte sich im Schneidersitz auf den Teppich vor dem Sofa.
„Und nun zu dir“, wies sie mit einem Gliederring geschmückten Zeigefinger auf Reece. „Aiden und deinen Bruder kenne ich ja jetzt, aber dich nicht.“ Sie legte den Kopf schief und blickte grübelnd. „Obwohl ich die ganze Zeit denke, dass ich dich schon mal irgendwo gesehen habe. Aber mir fällt nicht ein woher.“

Reece konnte sich schon denken woher. Sie sah ganz nach den jungen Menschen aus, die auf seinen Konzerten zu finden waren. Er wollte ihr einen kleinen Hinweis geben und sang einfach die ersten Noten eines seiner beliebtesten Lieder an: ein Liebeslied, das aber mehr ein Abenteuer, denn eine Romanze war…

Ihre Augen wurden immer größer, ihr Mund stand immer weiter auf. Von der taffen Braut, die sie im Eingang „begrüßt“ hatte, war nichts mehr übrig. Sie war ein staunendes Mädchen, das gerade ihren weißen Ritter entdeckt hatte.
„Oh ihr Geister! Du bist Reece! Leader von Demon Soul! Yeah! Ich habe Demon Soul im Wohnzimmer. Augenblick!“
Sie sprang auf, flitzte aus dem Raum. Nur Sekunden später kam sie mit einem Papier wieder, das sie vor ihnen auf dem Couchtisch auffaltete. Es war ein Werbeplakat von Demon Soul. Es sah schon etwas älter aus und Reece erkannte eines ihrer allerersten Plakate. Sie war also wirklich ein fester Fan.
„Würdest du mir eine Widmung schreiben?“ Sie hatte sogar an einen Filzstift gedacht.
„Klar. Soll ich was Bestimmtes schreiben?“
„Nein. Was dir grad einfällt. – Mensch. So ohne deine Lederklamotten habe ich dich echt gar nicht erkannt. Überhaupt, dass du hier mit Aiden auftauchst. Was hast du mit ihm zu tun?“

Die direkte Frage brachte Aiden rote Wangen ein und Gabe lachte gemein, was auch Sheena hörte. Reece konzentrierte sich auf den kurzen Text.
„Oh ihr Waldfeen, ihr seid ein Pärchen! Oh, wie süß. Dann sehe ich Reece ja noch viel öfter. Sag mal, kannst du mich mal Brooke vorstellen? Sie ist toll. Manchmal glaube ich, sie hat auch ein wenig Hexe in sich. Das muss ich wirklich mal prüfen.“

„An Brooke wird gar nichts geprüft“, stippte ihr Reece mit dem Stift an die Stirn. Natürlich mit der Rückseite. Wer war er, dass er eine Hexe anmalen würde?
„Doch, doch! Es wäre etwas ganz Neues für sie, wenn sie wirklich eine wäre.“
„Sie hat genug um die Ohren. Da braucht sie nicht noch Schamanenkunst und Druidenzauber.“
Sie lachte bei seiner Abwehr, erkannte, dass er sich wirklich um seine Bandmitglieder sorgte, wurde dann aber etwas ernster.
„Das kann ich mir schon vorstellen. Aber wenn jemand Hexenblut in sich hat, wird er sein Leben lang nach etwas suchen, ohne es zu finden, wenn nicht eine andere Hexe ihr hilft. Nur wenige finden allein den richtigen Weg. Sie muss keine praktizierende Hexe werden, aber sie sollte über ihre Fähigkeiten Kenntnis haben und entscheiden dürfen, was sie damit anfangen möchte. Vielleicht ist ja auch gar nichts dran. Manche Menschen haben nur eine sehr intensive Aura. So wie Gabriel. Er war sicher auch zu Lebzeiten sehr aufgeweckt und wissenshungrig, wollte immer Neues ausprobieren. So ist er auch als Geist und da er sich zusätzlich an dich gebunden hat, Aiden, wird das noch um ein Vielfaches verstärkt.“

Sie kniff die Augen zusammen, als sie ihren eigenen letzten Satz überdachte.
„Sagt mal, ihr habt aber keinen Dreier am Start, oder?“
Aiden verschluckte sich am Tee und hustete, Gabe lachte nur wieder. Reece faltete das Poster zusammen und schob es ihr über den Tisch.
„Schaff‘ mal dein Kleinod in Sicherheit und hör‘ auf Fragen zu stellen“, schickte er sie fort. Kichernd folgte sie seiner Aufforderung und ließ sich diesmal mehr Zeit.

„Lass dich nicht von ihr ärgern, Aiden“, beruhigte er seinen Schatz und küsste ihn auf die heiße Wange. Aiden seufzte ein wenig gequält auf. Es war anstrengend mit diesem Mädchen. Und das sollte eine Hexe sein? Sollten Hexen nicht eigentlich ruhig und besinnlich sein? Eine innere Mitte haben und Gelassenheit und Allwissenheit ausstrahlen? So wie Beth eben? Ihm war schummrig und er ließ sich gegen Reece sinken.

Reece legte ihm eine Hand auf die warme Wange und auf die Stirn. Da war noch immer ein wenig Fieber zu spüren.
„Wir gehen wohl am Besten. Du bist noch nicht ganz gesund.“
Aiden wollte schon dazu nicken, als Sheena in den Raum zurückkam. Sie trug eine Schale mit Weintrauben und mundgerechte Mandarinenspalten und stellte sie auf den Couchtisch.
„Dir geht es nicht gut? Was hast du?“, wurde sie sofort besorgt aufmerksam und prüfte routiniert seine Temperatur.
„Aber du hast keine Erkältung. Du bist erschöpft. Dir wurde Energie genommen“, erkannte sie. „Wie ist das passiert?“
„Er tauscht immer mal mit Gabe. Gestern war es wohl ein wenig zu oft und zu lang“, erklärte Reece.
„Ah. Verstehe.“ Sie hielt Aiden eine Hand hin und lächelte aufmunternd. „Komm. Ich habe da genau das Richtige für dich.“
Aiden zögerte, dann aber ließ er sich hochziehen und folgte ihr. Es gab keinen Grund ihr zu misstrauen. An der Tür wendete Sheena sich noch einmal zu den anderen um und hob mahnend den Finger. „Und ihr zwei wartet hier und stellt keinen Unsinn an. Nion wird aufpassen, dass ihr euch benehmt. Iss ein paar Vitamine Reece. Die sind gesund.“

Sie lachte und führte Aiden aus dem Wohnzimmer und dann eine Treppe hoch in die 1. Etage. Auch hier war alles in modernen hellen Farben gehalten, bis auf eine Tür. Sie sah alt aus, passte absolut nicht in das sonstige Konzept des Hauses und war definitiv der Eingang zu Sheenas Zimmer.
„Ich schließe im Sommer mein Studium ab. Bis dahin wollte ich hier wohnen, um anschließend zu Grandma zu ziehen. Jetzt aber werde ich in den nächsten Tagen schon mit meinem Freund in die Lodge umziehen. Meine Tür begleitet mich schon seit der Kindheit und wird auch mit ins Cottage umsiedeln. Immerhin ist sie ein Durchgang zu einem anderen Reich“, senkte sie zum Ende hin die Stimme mystisch.

„Komm, tritt ein in mein Lebkuchenhaus“, lachte sie ganz wie eine gemeine Hexe aus einem Märchen. Sie schob die Tür auf, diese quietschte leise, und ließ Aiden den Vortritt. Und wirklich war dieser Raum ein ganz eigenes fremdes Reich. Es war vor allem ein buntes Durcheinander, das trotzdem so wirkte, als wäre alles an seinem festen Platz.

Das Zimmer hatte auf einer Seite eine Dachschräge, die ganz mit bunten Tüchern verhängt war und für das Bett eine wunderbare geborgene Kuschelhöhle machte. Es lagen verschieden farbige Teppiche auf dem Boden. Mitten im Raum stand ein sehr niedriger Tisch, dessen zierlichen Schnitzereien gar nicht ganz zu erkennen waren, da er mit Büchern, Zetteln und sogar alten Pergamentrollen überladen war. Ein altes Tintenfässchen mit Schreibfeder lag quer über einem ledergebundenen Büchlein. Daneben lagen große Sitzkissen.

In einer Ecke entdeckte er einen kleinen Kaffeetisch mit zwei Sesseln, über dem eine orientalische Tropfenlampe hing. Ein Taro-Set lag griffbereit auf dem Tisch und eine Schale mit Steinrunen stand direkt daneben.

Im Raum roch es nach Räucherwerk, aber sehr angenehm.

Das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite war bodentief und der Zugang zu einer kleinen Terrasse. Am Glas hing ein filigran geschnitzter Baum mit einem wunderschönen großen Kristall innen, der das Licht in tausende Regenbogen-Klekse brach und im Raum verteilte.

Aiden hatte eine ganze Zeit lang geschaut und gestaunt und Sheena hatte ihn in Ruhe gelassen. Erst nachdem er sich im Kreis gedreht hatte und damit das ganze Zimmer einmal ganz betrachtet hatte, sprach sie ihn an.
„Such dir einen Platz zum Sitzen aus, Aiden. Egal wo. Dort, wo du dich auf den ersten Blick am wohlsten fühlen würdest.“

Aiden blickte sich noch einen Moment um, dann entdeckte er einen kleinen Bereich hinter dem Bett am Fenster, wo gerade extra viele Lichtklekse hereinfielen. Er zeigte dahin und Sheena nahm als Zustimmung ein großes Sitzkissen auf und legte es ihm in den Sonnenflecken zurecht. Die Terrassentür machte sie weit auf. Gleich wehte eine frische Brise ins Zimmer herein. Draußen hing ein großes hölzernes Windspiel, das seine sanften Töne nun klar zu ihnen schickte.

Aiden setzte sich, musste sich erst einmal an die ungewöhnliche Sitzposition gewöhnen und beobachtete derweilen Sheena. Sie kramte in einer Truhe nach einigen Sachen herum und kam mit einer glänzenden Schale und einer riesigen Feder zurück, die sie aber vorerst nur vor sich ablegte, als sie sich Aiden gegenüber kniete.

„Mach die Augen zu“, sagte sie leise und griff seine Hände. Sie fühlten sich warm und sicher an und er folgte ihrer Anweisung, wartete auf weitere Anleitungen.
„Atme tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Spüre dem Wind nach und lausche dem Klang des Windspieles.“
Er konzentrierte sich vor allem auf das Windspiel und merkte selbst, dass er schnell ruhiger wurde. Dabei spürte er ihre Daumen, die in kleinen Kreisen über seine Hände strichen und ihn auch ruhiger stimmten.
„Ich werde gleich einige Kräuter entzünden. Den Rauch musst du langsam tief einatmen. Keine Angst. Es ist nichts Gefährliches. Es ist Eukalyptus dabei.“

Sie ließ seine Finger los und er hörte es rascheln und ein Streichholz, das entzündet wurde. Gleich konnte er einen angenehmen Duft riechen, der ihm um die Nase wehte. Er roch tatsächlich Eukalyptus, aber auch einen sehr angenehmen holzigen Duft. Es erinnerte ihn an einen Wald, direkt nach einem heftigen Regenschauer.
„Mach deinen Kopf frei, Aiden. Denke an nichts, fühle den Wind, atme die Kräuter…“
Er folgte ihren Worten, merkte gar nicht, wie sie in einen fremden Singsang verfiel.

***

Aiden träumte. Von einer weiten Landschaft mit sanften grünen Hügeln. Nur er war dort. Sah den blauen Himmel, spürte die Wärme der Sonne, genoss die weiche Wiese unter seinen Füßen, fühlte den Wind in seinen Haaren und über seine nackte Haut streichen. Er trug keine Kleidung, doch das machte nichts. Er war ja allein hier. Er ging durch diese Landschaft auf einen großen Baum mit glitzerndem See zu, von dem sich in seichten Kurven ein Fluss durch das grüne Gras schlängelte. Er suchte sich eine flache Stelle am See und hielt probehalber einen Zeh hinein. Das Wasser war angenehm warm und so ließ er sich ins weiche Moos nieder und ließ seine Beine im klaren Wasser baumeln. Bei dieser friedlichen Atmosphäre döste er langsam weg. Gedanken darüber, wo er war oder welche Sorgen er in der echten Welt hatte, gab es nicht. In diesem friedlichen Moment ‚war‘ er einfach.

Bis er hier, in Sheenas Zimmer, wieder auftauchte. Er kam langsam in seinen Körper zurück. Er folgte Sheenas Stimme, die jetzt wieder in für ihn verständlichen Worten sprach und ihn ruhig in die Realität führte. Fast bedauerte er es. Sein erster bewusster Gedanke galt aber Reece und Gabe und er war froh, hier zu sein.
Er atmete noch einmal tief ein, bevor er die Augen öffnete. Sheena saß ihm noch so gegenüber wie zu Beginn und lächelte ihn sanft an. Sie wirkte erfrischt und munter, genauso wie er sich fühlte. Seine Müdigkeit war weg, wie auch das leichte Fieber.

„Na. Wie fühlst du dich?“, fragte sie.
Er nickte und lächelte breit. Dann aber deutete er im Raum umher und legte den Kopf fragend zur Seite.
„Willst du wissen, wo du warst?“
Er nickte wieder.
„Das war dein Seelenland. Ich weiß nicht, was du gesehen hast. Jedes Seelenland ist anders. Wenn ich meinen geheimen Ort aufsuche, bin ich in einem riesigen Wald. Es gibt eine Menge Tiere da und einen wilden Fluss, in dem ich gerne mitschwimme. Es entspricht meinem Charakter. Ich vermute, dass deine Welt eher ruhig ist, nicht?“
Aiden nickte erneut und dachte verträumt an seinen schönen Ort zurück. Wenn Reece mit ihm am See hätte sein können…

Eine Hand an seiner Wange schreckte ihn auf. Sheena prüfte noch einmal seine Temperatur und nickte dann zufrieden, bevor sie aufstand und ihre Sachen in der Truhe verstaute. Er schaute ihr zu, denn wirklich aufstehen wollte er noch nicht. Zu sehr dachte er noch an seinen geheimen Ort.

„Komm. Reece wartet bestimmt schon auf dich“, lockte Sheena ihn endlich von dem Sitzkissen hoch. Sie half ihm, da es ihm kurz schwindelig wurde. Dann streckte er sich und gähnte noch einmal ausführlich und dachte, dass er es jetzt schon wie Nion machte. Er trug für Sheena das große Sitzkissen wieder dahin, wo es zuvor gelegen hatte und ging mit ihr dann die Treppen hinunter.

An der Wohnzimmertür blieb er jedoch stehen und beschaute sich lächelnd die Szene. Reece lag lang ausgestreckt auf dem Sofa und schnarchte leise vor sich hin. Auf seiner Brust lag Nion und ließ sich von Reece‘ Arm halten. Er schnurrte leise und beständig und sah zufrieden aus. Gabe dagegen saß am Tisch und las in einem Buch. Auch er wirkte zufrieden.

„Wie beschaulich“, flüsterte Sheena.
Dazu konnte Aiden nur nicken.
„Und Nion scheint Reece echt zu mögen“, erkannte sie. Ja, der Kater war gern bei Reece.

Gabe war der erste, der sie bemerkte. Er war sofort bei Aiden und war erleichtert, als er ihn gesund und munter wieder bei sich hatte.
„Es tut mir wirklich leid, Aiden. Wir sollten das nicht mehr so häufig machen“, war der Geist bedrückt. Er wollte Aiden beschützen und nicht ihn schwächen.
„Das ist schon in Ordnung, Gabriel“, antwortete Sheena. „Ihr könntet es wie eine kurze tägliche Übung in den Alltag einbauen, wie ein regelmäßiges Training. Mit der Zeit wird es immer einfacher und ihr könnt es immer länger machen. Du hast Grandmas Buch? Da steht darüber auch etwas drin. Am Besten ihr lest euch diese Kapitel zuerst durch. Es wird dir sehr weiterhelfen, Gabriel.“
„Ja. Das mache ich. Und jetzt? Wie geht es weiter?“
Aiden zuckte mit den Schultern. Bei Sheena hatte er alles erledigt.
„Hmmm… Ich glaube, du hast noch was für mich, Aiden“, lächelte Sheena und lachte laut, als sie Aidens Gesicht sah, als diesem wieder das Kästchen in den Sinn kam. Na eben! Eigentlich wollten sie doch nur das Kästchen abgeben.

Er lief ins Wohnzimmer, wo seine Jacke und Rucksack lagen und holte das hübsche Holzkästchen hervor. In angemessener ehrerbietiger Haltung überreichte er es dem Mädchen, das er in dieser kurzen Zeit sehr zu schätzen gelernt hatte.
„Vielen Dank“, nahm die junge Hexe ihr Erbe in fast zeremonieller Art mit beiden Händen entgegen und streichelte zärtlich über den perlmuttglänzenden Mosaikbaum im Deckel.

Durch den ganzen Betrieb im Zimmer, wachte Nion auf und blinzelte verpennt. Er streckte sich und wanderte auf Reece‘ Brust herum, bis auch dieser langsam wach wurde. Auch er überzeugte sich davon, dass es Aiden gut ging und gab ihm einen kleinen Kuss, den Sheena kichernd begutachtete. Da war sie ja doch ganz Mädchen. Romantische Liebschaften waren halt ihr Ding. Ihr Freund war da nicht ganz so zärtlich veranlagt, dafür mit äußerst energischem Beschützerinstinkt ausgestattet. Was seinem natürlichen Wesen entsprach. Ein Bär beschützte nun mal sein Revier und Eigentum.

„So! Wir verabschieden uns. Danke für deine Hilfe, Sheena. Und wenn du beim nächsten Auftritt da bist, stelle ich dir auch Brooke vor. Doch versprich mir, sie nicht mit dem Hexenzeugs zu belasten, wenn sie nicht das ist, was du glaubst.“
„Keine Sorge, Reece. Wenn sie keine Hexe ist, werde ich das sofort merken. Dann sage ich da auch nichts. Aber auf eure Konzerte gehe ich so oder so!“, stellte sie noch klar.
„Ja, gerne. Unsere Fans sind uns immer willkommen. Übrigens hätten wir morgen wieder einen Auftritt, falls du da Zeit hast.“ Dabei kramte er in seiner Hosentasche und holte eine Visitenkarte der Demon Souls hervor.
„Hier, damit kommst du kostenlos rein“, reichte er ihr das Kärtchen.
Sie freute sich und versprach morgen auf jeden Fall da zu sein…

***

Sie blieben nur noch so lange, wie Aiden noch einmal schnell auf der Toilette war. Sie verabschiedeten sich alle sehr herzlich. Sheena knuddelte Nion noch einmal kräftig und ließ ihn dann wieder zu Reece. Solange sie nicht ins Cottage umgezogen war, sollte Nion gerne dort wohnen, wo er sich am wohlsten fühlte. Das mittelalterliche Gebäude der Buchhandlung in der inneren Altstadt war ihm wohl angenehmer, als das doch recht neue Wohnhaus.

So wanderten sie am späten Nachmittag den Weg zurück. Aiden fühlte sich ausgeruht und voller Tatendrang und hatte keine Lust mit dem Bus zurückzufahren. In einem Supermarkt machten sie einen längeren Zwischenstopp und kauften alles, was seinen leeren Kühlschrank auf leckere und frische Art wieder füllte. Besonders Obst und ein neues Müsli, sowie Leckereien für Nion. Für diesen gab es kein schnödes Dosenfutter. Man kaufte einige Stücke ganz frischen Fisch von der Frischetheke, sowie geräucherten abgepackten Fisch, der länger hielt. Sogar ein feines Stück Lende bekamen sie für lau, weil es das Endstück war und dem Verkäufer von der Arbeitsplatte gefallen war. Er hätte es nur noch in den Abfall werfen können, als Nion aufgebracht maunzte. Er lachte und packte ohne Worte das Fleisch für sie ein.

Gabe hatte plötzlich Appetit auf Eistee mit Lemongras, was ihm bisher als Geist noch nie passiert war, und da auch Aiden dieses Getränk ab und zu mochte, wollten sie abends probieren, ob Gabe auch schmecken konnte, wenn er Aiden übernahm. Sie kauften noch ein wenig Knabberzeug und schleppten schwer bepackt aber gut gelaunt alles nach Hause.

Als sie ins „Antiques“ stolperten, fanden sie Grandpa Will mit einer Menge Kunden vor. Reece ließ Nion auf den Tresen hüpfen, nahm Aiden kommentarlos den Rucksack ab, gab ihm noch einen schnellen Kuss auf die Wange und verzog sich über die hintere Treppe in die Wohnung. Dort verstaute er die Lebensmittel und lümmelte sich mit einem frischen Tee auf die Couch. Er hatte noch ein paar Minuten, bis er zur Bandprobe aufbrechen musste.

Unten im Laden scheuchte Aiden Gabe lachend aus dem Weg, so dass sich sein Geist zum Lesen zurückzog, und half dann Grandpa bei der Arbeit. Nion saß bereits neben der Kasse und behielt den Überblick…

...


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