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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 22: Süßer Morgen"

 


Es war heiß unter der Decke als am Dienstagmorgen der Wecker lospiepte. Reece war irritiert. Weder war das sein Bett, noch sein Wecker. Es dauerte, bis er endlich erkannte, wo er war und dann das Ding gefunden hatte, was da so einen Krach machte. Dafür musste er einmal über einen Deckenhaufen hinwegklettern und endlich herrschte wieder Ruhe. Er knipste noch die kleine Nachttischlampe an, die sanftes Licht spendete, bevor er sich einmal kräftig streckte. Nach diesem Frühsport war er aber auch wirklich munter.

Nur der Daunenberg regte sich noch nicht.
„Hey. Aufwachen Aiden. Wir müssen doch zur Uni“, weckte er den kleineren Jungen und schüttelte ihn sachte. Er hörte nur ein lautes Ausatmen.
„Aiden?“ Da war irgendetwas nicht in Ordnung. Bedächtig zog er die Decke ein wenig fort und erschrak. Aiden krallte sich im Kissen fest, hatte die Augen fest zusammengepresst und atmete hektisch. Zudem stand ihm kalter Schweiß auf der Stirn, während der restliche Körper viel zu heiß war. Das erklärte auch die Hitze unter der Decke.

Reece eilte zuerst ins Bad und tränkte ein kleines Handtuch mit kaltem Wasser. Als er es Aiden auf die Stirn legte, schrak dieser auf. Entsetzt blickte er Reece an, bis er ihn nach zittrigem Einatmen endlich erkannte.
„Ganz ruhig, Aiden. Alles ist gut. Du hast nur Fieber.“ Eigentlich war er sich da gar nicht so sicher, doch als Aiden wirklich ruhiger wurde und sich einfach ins Kissen zurück sinken ließ, wusste er, dass hier keine ungebetenen Geister da waren. Nur dunkle Träume.

„Du bleibst besser noch im Bett. Die Uni kann warten“, bestimmte Reece einfach, doch Aiden nickte ihm gleich zu, zog die Decke wieder über sich und drehte sich auf die Seite. Er blickte Reece eine Weile lang an. Dann lächelte er ihm zu und griff seine Hand, hielt sie an seine heiße Wange. Endlich gab er einen Kuss auf die Finger und schloss die Augen.

Nun saß Reece hier, bekam seine Finger nicht los und wollte Aiden aber auch nicht aufwecken. Denn das gleichmäßige Atmen verriet ihm, dass er schon wieder eingeschlafen war. Er strich ihm noch einmal liebevoll mit dem kühlenden Tuch über die Stirn und rückte die Decke gut zurecht. Und was konnte er jetzt machen? Hier sitzenblieben war doch nicht die Lösung.

Ein Maunzen von der Seite erinnerte ihn wieder an Nion. Der Kater war ja mit ihnen hergekommen und hatte sich aber gleich auf das Sofa zwischen die bunten Kissen geringelt, als sie gestern Abend angekommen waren. Mit einem eleganten Hüpfer sprang er jetzt zu Aiden und Reece auf das Bett und beguckte sich die Angelegenheit.
„Na, weißt du, wie ich meine Hand losbekomme? So kann ich ihm doch gar keinen Tee machen“, sprach er mit dem Kater und fragte sich, ob er ihn überhaupt verstehen konnte. Nion maunzte kurz, tapste über das Kopfkissen und leckte dann Aiden einmal über die Nase. Gleich reagierte der, nahm seine Hand von Reece weg und wischte sich übers Gesicht, dann rollte er sich weiter in die Decke. Wach wurde er nicht wirklich, schlief unbesorgt weiter.

Reece war verblüfft, dann lachte er leise. Nion saß wie ein kleiner König auf dem Kissen und ließ sich für diese Befreiungsaktion mit Ohrenkraulen entsprechend loben.
„Los, machen wir uns erst mal ein Frühstück“, lockte er Nion in die Küche hinunter. Er kochte Wasser auf und stellte Nion ein Schälchen kaltes frisches Wasser hin. Dann durchforstete er den Kühlschrank. Er fand eine schon eingeschrumpelte Paprika, ein Stück Ingwer, Ketschup, Senf, einen Restkanten Käse, ein fast leeres Glas Erdbeermarmelade und eine Packung geräucherten Fisch. Da musste echt mal eingekauft werden. Den Fisch hielt er Nion fragend vor die kritisch schnuppernde Nase.
„Ob du das wohl magst?“ Nion schlug mit dem Pfötchen gegen die Verpackung und wurde immer ungeduldiger je länger Reece brauchte, um den Fisch auf einen flachen Teller zu geben.
„Du bist ja ein richtiger Gourmet.“ Nion zuckte nur mit dem Schwanz und genoss sein Mahl.

Reece fand dagegen nichts weiter für sich zum Essen. Das Toast war alle und anderes Brot oder Brötchen konnte er nicht finden. So machte er erst mal nur einen schwarzen Tee für sich und einen erfrischenden Zitronentee für Aiden in einer sehr großen Tasse, die er ihm auch gleich hochbrachte.

Oben machte er aber erst mal seine Morgenroutine. Aiden schlief noch immer fest und sein Tee konnte in der Küche ein wenig abkühlen. So schrubbte er die Zähne und sprang schnell unter die Dusche. Nach kurzem Überlegen zwinkerte er sich selbst zu und ließ verwegen seinen Drei-Tage-Bart stehen. Er mochte ihn und seine Fans auch. Hmmm… ob Aiden sich so noch küssen ließ?

Endlich in seinen Alltagsklamotten, hörte er auf dem Weg zurück in die Küche das Windglockenspiel aus dem Laden unten und gleich darauf Schritte auf der Treppe. Es war natürlich William, der an der Tür sofort von Gabe abgefangen worden war. Sie begrüßten sich und auch Nion wurde gekuschelt.

Reece war nicht überrascht, dass William bereits über alles Bescheid wusste. Er erfuhr, dass Beth am Abend auch Aidens Grandpa kurz aufgesucht hatte. Von daher war Will auch nicht verwundert, den bunten Kater hier zu finden.

Er schaute zuerst bei seinem Enkel vorbei und wurde von Gabe begleitet. Aiden hatte wirklich etwas Fieber, schien aber tief und ruhig zu schlafen. Der Geist machte sich Vorwürfe, Aiden gestern zu stark belastet zuhaben.
„Gabriel, es ist schon gut. Aiden hat sich nur etwas verausgabt. Mit genug Schlaf und einem vernünftigen Frühstück geht es ihm bald wieder besser.“
„Frühstück!“, fiel Gabe bestürzt ein. „Aiden hat gestern gar nichts gegessen! Reece!!“ Er rief seinen Bruder und stürmte in die Küche!

Nion sprang erschrocken von seinem Fisch weg, sträubte das Fell und meckerte buckelnd den Geist an. Reece erschrak sich wegen dem fauchenden Kater und versuchte ihn zu beruhigen.
„Was ist, Nion? Ärgert dich Gabe?“ Er konnte ja nicht hören, wie sein Bruder auf ihn einredete.
„Nein, nein“, lachte William, der auch die Küche betrat. „Er möchte nur, dass du Aiden ein ordentliches Frühstück machst, da er gestern gar nichts gegessen hat.“
„Ja. Natürlich. Das hatte ich vor. Ich gehe eben ein paar Brötchen vom Bäcker holen. Soll ich dir auch was mitbringen?“
„Ja, gerne. Ein Rosinenbrötchen, bitte“, freute sich William auf ein frisches Backstück. „Ach, und Aiden mag auch süße Teilchen.“
„Klar. Wird gemacht. Bin gleich wieder zurück“, salutierte Reece und war wenigen Minuten später draußen.

***

Reece brauchte nicht lange. Der Bäcker fand sich nur ein paar wenige hundert Meter vom „Antiques“ entfernt und es waren nicht viele Kunden im Geschäft gewesen. So hatte er Zeit und hatte neben einfachen Brötchen auch eine kleine Auswahl verschiedener feiner Backwerke eingepackt: Schoko-Croissants, Waffeln, Scones, Muffins, Cookies. Da sollte doch für alle was dabei sein.

Zurück im Buchhandel wurde er von einem Wachkater auf dem Verkaufstresen begrüßt. Nion hatte es sich neben der historischen silberglänzenden Registrierkasse bequem gemacht und maunzte ihn an. Reece kraulte ihn zum Gruß kurz hinter den Ohren und entdeckte William gleich hinter dem Tresen, der im untersten Regalfach etwas suchte.

„Ich habe Leckereien dabei. Kommst du noch mit rauf?“, lud er William zu einem richtigen Frühstück mit ein.
„Ja. Bin in einer Minute da…“, ächzte er von unten und hievte gleich darauf einen schweren Karton auf den Tresen. Es staubte etwas. Was sich allerdings darin verbarg, verriet er nicht…

***

Während des Frühstücks ließ sich William noch einmal ausführlicher von gestern berichten. Dann aber erzählte Reece, dass sie ein dickes altes Buch und ein kleines Holzkästchen mit hergebracht hatten. Gabe ergänzte, was Beth ihm dazu gesagt hatte.
„Dann solltest du wirklich bald mal da reinlesen, Gabe. Wenn Beth es dir mitgegeben hat, wird es wichtig sein. Das Kästchen sollte Aiden möglichst heute noch zu ihrer Enkelin bringen. Sie wird wissen, dass ihre Grandma gestorben ist, aber auch, dass Aiden sie besuchen wird. Sie wartet ganz sicher schon auf ihn.“

William wirkte auf Reece trotz all der Neuigkeiten sehr gefasst. Man merkte, dass er auch schon so einiges erlebt hatte. Er fragte ein wenig neugierig nach und William erzählte ihm in der nächsten Stunde ein paar kleinere Geistergeschichten. Einige eher lustig, andere fast klassisch gruselig.

Dabei stellte Reece für Aiden ein feines Frühstück zusammen. Er gab von jedem süßem Teilchen eines zur Wahl auf einem großen Teller, sowie helle Brötchen bereits mit Erdbeermarmelade bestrichen. Dazu schnippelte er ein wenig Obst klein und machte einen frischen Obstsalat mit etwas Joghurt und Honig. Im Teeregal fand er einen Apfeltee mit Caramel-Pie-Geschmack, den er in einer bunten Frühlings-Tasse aufbrühte. Er arrangierte alles geschickt auf einem Tablett und faltete mit einer blumigen Serviette sogar noch ein einfaches Origami-Tierchen.

Reece war so eifrig bei der Sache, dass er gar nicht bemerkte, wie William ihn schmunzelnd beobachtete. Na, wenn bei diesem tollen Frühstück Aiden nicht wieder schnell fit wurde… In diesem Augenblick hörten sie von unten das Windspiel an der Tür. Es war auch schon nach Acht und somit der Laden schon längst geöffnet.

So verabschiedet sich Grandpa Will nach unten in den Laden. Er nahm Gabe und das schwere Buch mit und legte es für den Geist auf eines der Lesepulte, schlug ihm die erste Seite auf und widmete sich gleich seinem ersten Kunden für diesen Morgen.

Reece schnappte sich das Frühstückstablett und entdeckte Nion abwartend auf der Anrichte sitzen.
„Na, was möchtest du machen? Willst du zu meinem frechen Bruder runter in den Laden und Kunden begrüßen oder mit zu Aiden rauf?“, fragte er ihn. Der bunte Kater maunzte kurz und sprang vom Küchentisch, dann hoppelte er vor ihm die Treppen hinauf und kuschelte sich zu Aiden auf das Kopfkissen.

***

Aiden wurde von einem sanften Schnurren an seinem Ohr geweckt. Nach dem heftigen Alptraum heute morgen, hatte er noch einmal richtig gut geschlafen. Er fühlte sich ausgeruht, aber sehr hungrig. Er wusste, dass er nichts im Kühlschrank hatte und noch einkaufen gehen musste und versteckte sich noch einmal knurrig unter seiner Bettdecke.

„Hey, Süßer.“
Die schmeichelnden Worte drangen durch seine Decke und machten ihn neugierig. Er dachte nicht, dass Reece noch da war. Immerhin hatte der heute doch auch Uni und sie wegen ihm schon gestern sausen lassen. Er lupfte die Decke vorsichtig und linste hervor, entdeckte Reece direkt vor sich auf dem Bett sitzend mit seinem Tablett aus der Küche. Und darauf stapelte sich ein Frühstück, wie er es sich niemals hätte vorstellen können.

Staunend kam er unter seiner Decke ganz hervor und rappelte sich auf, begrüßte dabei Nion. Reece stellte das Tablett sicher auf einem freien Stückchen Bett ab und gab Aiden erst mal einen Guten-Morgen-Kuss. Dabei prüfte er unauffällig Aidens Temperatur. Der Kopf war noch etwas warm, aber nicht mehr so heiß.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Reece aber noch nach.
Aiden nickte und klopfte auf seinen Bauch.
„Ja. Frühstück! Hier, greif zu! Alles für dich.“
Klar machte sich Aiden da gleich wieder Gedanken. Er zeigte auf Reece und schaute fragend.
„Ach. Ich habe schon mit deinem Grandpa gegessen. Wir wollten dich ein wenig schlafen lassen. Ich glaube, Gabe ist jetzt mit unten im Laden. William hat ihm das Buch von Beth zum Lesen gegeben.“
Aha! Damit waren also alle informiert und der aufgeweckte Geist beschäftigt. Ein erneutes Magenknurren ließ Aiden endlich zugreifen. Er nahm sich einen knusprigen Cookie. Das schien ihm jetzt der richtige Einstieg in dieses herrlich süße Frühstück.

***

Das Frühstück gestaltete sich nicht nur geschmacklich sehr süß. Reece umsorgte und umkuschelte Aiden mit ganzer Leidenschaft, raubte sich dabei immer wieder süße Küsse und doch noch ein paar Bissen von den Erdbeerbrötchen, und Aiden genoss es in vollen Zügen. Es war herrlich ihre neue Zweisamkeit in aller Ruhe auskosten zu können. Besonders Aiden schwelgte im siebten Himmel, hatte er doch noch nie eine Beziehung gehabt. Erleichtert bemerkte er, dass Reece sehr auf ihn achtgab; nie weiter ging als wie er sich wohlfühlte. Seine große Sorge, Reece würde ihn gleich komplett überfallen bis hin zum … zum Sex, war unbegründet. Ja. Er gab es für sich zu. Er hatte Angst davor.

Gabe hatte damals gar nicht so unrecht gehabt, als Aiden ihm das erste Mal vom Seelentausch erzählte. Es war eine Inbesitznahme. Der Seelentausch und der Sex. Er versuchte sich immer wieder Mut zuzusprechen. Gabe hatte ihm schon gezeigt, dass seine schlimmen Erfahrungen mit Jack nicht auf jeden Geist zutrafen. Bei Gabe war nie Gewalt oder Schmerz dabei; im Gegenteil verspürte er immer nur Wärme und Vertrautheit.

Er wollte das auch bei Reece fühlen, aber nicht überhetzt. Er wollte gerne alles in Ruhe entdecken. Vom Küssen, über Streicheln bis hin zum … na ja, dem Rest eben. Er lächelte verträumt vor sich hin und strich Reece durch den leichten Bart. Er piekte etwas, ließ ihn aber verwegener aussehen. Es gefiel ihm ungemein.

***

Nion hatte sich irgendwann verdrückt. Ihm wurde das zuviel im Bett da oben und so fand er sich im Laden wieder ein und bezog seinen neuen Lieblingsplatz auf dem Tresen neben der Kasse. Kunden, die neu in den Laden kamen, wurden von ihm begrüßt. Menschen, die er gleich auf den ersten Riecher besonders mochte, wurden kräftig angeschnurrt und durften ihn streicheln. Und siehe da: William verkaufte gleich ein paar Bücher mehr.

Die Glocken der riesigen York Minster schlugen gerade zum Mittag, als das verliebte Pärchen die Treppen herunterkam. Gabe löste sich sofort von seinem Buch und umarmte Aiden glücklich, froh ihn wieder munter zu sehen.
„Wie geht es dir? Alles wieder gut?“
Ja, danke. Alles Bestens. Ich hatte auch ein tolles Frühstück. – Wie sieht’s bei dir aus? Ist das Buch interessant?
„Interessant? Du machst wohl Witze! Das ist spannender als jeder Roman, den ich je gelesen habe. Ich kann gar nicht glauben, dass es all die Wesen geben soll, die ich bisher nur aus fiktiven Geschichten kenne. Da ist die Rede von Elfen und Feen, Gnomen, noch anderen Geisterwesen, sogar Werwölfe. Ich bin erst bei den ersten Kapiteln. Also ich weiß nicht, ob es auch echte Vampire gibt…“
Aiden lachte. Gabe war wirklich hellauf begeistert.
Willst du denn weiterlesen oder mitkommen? Wir wollen Sheena besuchen, fragte er und hielt das kleine Kästchen hoch, dass sie von Beth mitbekommen hatten.
„Klar komme ich da mit“, war die feste Antwort.
„Und du kommst sicher auch mit, nicht?“, fragte Reece den bunten Kater, den er gerade etwas kraulte, als er sah, dass Aiden sich die Jacke überzog und somit zeigte, dass er fertig zum Gehen war.

Nion stand geschmeidig auf und hangelte sich auf Reece‘ Schultern, dort erst streckte er sich und gähnte.
„Na, dann. Also los! Bis dann, William.“
„Tschüs, ihr vier! Verlauft euch nicht, benehmt euch und seid pünktlich zum Abendessen wieder da.“
„Ja ja“, antwortete Gabe ihm lachend, dann waren sie alle draußen verschwunden.

Plötzlich war im Laden wieder Ruhe. Über die Mittagszeit waren auch selten Kunden da, der aufgeweckte Geist war raus, sein neuer vierfüßiger Mitarbeiter war auch unterwegs. William konnte etwas durchatmen, auch wenn er das neue quirlige Leben im „Antiques“ sehr mochte und hoffte, es noch lange erleben zu können.

...


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