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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 20: Riverside Lodge 3"

 


Aiden war zum Haus hinübergegangen und blickte sich um, entdeckte auf der einfachen Bank neben der etwas offen stehenden Eingangstür die alte Frau, die ihn bereits in der Stonegate aufgesucht hatte. Sie trug für eine englische Lady vom Lande recht untypisch Jeans und ein einfaches Poloshirt, darüber eine helle Strickstola. Als er sie nun näher anschaute, wirkte sie gar nicht alt. Das Gesicht erschien ihm unbestimmt zeitlos, auch ihre Haltung war nicht gebeugt oder gebrechlich. Sie strahlte eine starke Energie aus, obwohl sie bereits tot war. Eigentlich waren es nur die langen, schlohweißen Haare, die ihr Alter verrieten. Sie waren in einem dicken Zopf geflochten, der ihr weit über die Schulter nach vorne fiel.

Sie saß wartend dort, kraulte eine Katze hinter den Ohren, die neben ihr saß und lächelte Aiden entgegen, als er näher trat. „Schön, dass du da bist, Junge“, begrüßte sie ihn.
„Das ist Nion, er liebt Wasser“, stellte sie ihren Kater auch gleich vor. Es war wirklich ein ausgesprochen schönes Tier. Er war hell-bunt, mit schönen braunen, roten und weißen Flecken. Der Schwanz war ungewöhnlich lang und sehr buschig und die Pfoten hatten ein wenig Fesselbehang. Das hübsche Köpfchen hatte feine Ohren, die wie Pinsel wirkten, da an den Spitzen das Fell etwas länger war. Ansonsten war der Körper sehr schmal. Der Kater drehte seinen Kopf Aiden zu und blinzelte ihn an. Dann maunzte er einmal, bevor er sich schnurrend in die Hand der Frau schmiegte.

Erst jetzt bemerkte Aiden, dass der Kater den Geist der alten Frau sah, so wie er auch. Doch das hieß ja…!
Sie sind eine ehrwürdige Frau!, rief er erstaunt aus, bevor er sich erinnerte. Eilig blickte er sich um, fand tatsächlich eine Birke in der Nähe. Er lief hinüber, pflückte ein Blatt und brachte es zurück. Mit demütiger Geste legte er das Blatt vor ihr ab.

Früher nannte man diese Frauen einfach „Hexe“, doch waren sie mehr. Sie verstanden die Pflanzenwelt und kümmerten sich um sie. Manche sorgten sich nur um ihren kleinen Flecken Wald, eher als Dryaden bekannt, andere nutzten ihr Wissen, um auch Menschen mit den heilenden Kräften der Natur zu helfen. „Weiße Hexen“ waren das, so wie Beth. So zeigte Aiden ihr den Respekt, der ihr Zustand, egal ob tot oder lebendig. Und der Kater war ihr Begleiter. Ein Hexenkater also.

„Oh! Danke, mein Junge. Aber das ist ja gar nicht nötig. Ich bin nun nicht mehr und hoffe, dass du mir aber noch einen Gefallen tun kannst, außer diese dunklen Seelen zu finden.“
Alles, was Sie sich wünschen, gab Aiden ihr seine völlige Unterstützung.
„Du bist wirklich so lieb, wie man sich erzählt“, lachte sie warm, während sie aufstand.

Nion sprang auch von der Bank und tappte auf Aiden zu, umschmeichelte seine Beine, bevor er sich an ihm hochhangelte. Ganz offensichtlich wollte das Fellknäul getragen werden. So nahm Aiden ihn auf seine Arme, kraulte ihn hinter den Ohren, bevor Nion zappelte und sich weiter zur Schulter drängte. Dort fand er schließlich einen für sich angenehmen Platz, schlang seinen flauschigen Schwanz um Aidens Hals und zwinkerte hoheitsvoll von oben auf die Welt herab.

Beth jedoch hielt Ausschau und blickte sich zu den Detectives um.
„Wo ist denn dein Schutzgeist, Junge? Hole ihn doch auch er.“
Schutzgeist?, fragte Aiden überrascht. Er hatte doch keinen Schutzgeist.
„Na der junge außerordentlich starke Geist, der vorhin bei dir war.“

Sie sprach von Gabe, wurde es Aiden bewusst. Er hatte ihn gebeten bei den anderen am Auto zu warten, weil er nicht gewusst hatte, ob Beth einen anderen Geist in ihrem Haus mochte. Jetzt suchte er ihn auch. Bei Reece war er nicht. Wo geisterte er schon wieder herum?

Gabe?, rief er ihn. Doch da hatte er ihn schon entdeckt. Er lag in der bunten Frühlingswiese und genoss die Sonne. Verpennt setzte er sich auf, als Aiden ihn rief. Gähnend kam er zu ihm geschwebt.
„Was gibt es denn? Kann ich helfen?“
Beth wollte dich noch mal richtig kennenlernen, erklärte Aiden. Du solltest wissen, sie ist eine ehrwürdige Frau. Eine weiße Hexe. Und das ist ihr Kater Nion.
„Oh. Hexen? Es gibt nicht nur Geister?“, war Gabe ehrlich überrascht, konnte aber seine Finger nicht bei sich behalten und kraulte durch Nions weiches Fell, der sich dies gern gefallen ließ.

Beth lachte gutmütig. „Gabriel. Es gibt sehr viel, was du noch nicht weißt. Du musst lernen, da du jetzt Aidens Schutzgeist bist. Du hast dich entschieden, Aiden stets zu beschützen und du, Aiden, hast dich entschlossen, ihn auch zuzulassen. Hast sogar schon mit ihm den Seelentausch begangen. Damit, Gabriel, hast du eine wichtige Aufgabe. Aiden ist Einzigartig mit seiner Gabe, damit aber auch stets den Angriffen böser Geister ausgesetzt. Das, was Aiden dir so freiwillig gibt, wollen viele dunkle Seelen von ihm mit Gewalt, um wieder in der Menschenwelt ihr Unheil zu verbreiten. Sicher hat dir Aiden bereits von Jack erzählt. Ich habe es damals von den Naturgeistern erfahren, die diesen Bruch in Aidens Seele bemerkten. Um vor allem so etwas in Zukunft zu verhindern, musst du noch viel stärker werden, Gabriel, und auch über die anderen Wesen Bescheid wissen. Ich habe hier ein Buch, das ich euch mitgeben werde. Unter anderem steht da auch viel drinnen, was einem Geist alles möglich ist.“

Gabriel nickte kräftig. Das würde er auf jeden Fall machen.

Dann blickte Beth wieder Aiden an, der in düsteren Erinnerungen den Kopf gesenkt hatte und mit Tränen kämpfte. Sie legte eine warme Hand auf seine Schulter, die gar nicht so geisterhaft wirkte.
„Aiden, die Zeit heilt alle Wunden. Auch deine. Du hast jetzt deinen Schutzgeist bei dir und – einen wirklich tollen Partner. Ich fühle auch in ihm aufrichtige Liebe zu dir. Und es gibt viele Menschen, die dich mögen. Du hast Freunde, du musst sie nur zulassen. Das gibt dir Kraft.“

Aiden nickte und wischte sich die Nässe aus den Augen. Nion schnurrte ihm tröstend kräftig ins Ohr und Gabe hatte sich auch wieder an ihn gekuschelt. Es stimmte ja, was Beth da sagte, aber es war schwer. Der Schock von damals saß einfach viel zu tief.

***

„Gehen wir hinein“, sprach Beth nach ein paar stillen Momenten weiter, als sich Aiden wieder beruhigt hatte.
„Es sieht nicht sehr schön aus, Junge. Vielleicht kannst du dran vorbeischauen“, warnte Beth Aiden vor, bevor sie im Haus verschwand.

Aiden folgte ihr tapfer und schob die Eingangstür weiter auf. Gabe hielt sich dicht hinter ihm. Aiden hatte nun schon so manchen Tatort betreten. Doch zum Glück war für ihn oftmals der tote Körper gar nicht von Belang und er konnte einfach dran vorbei schauen. Der Geruch von Blut lag aber diesmal allzu deutlich in der Luft, um ignoriert werden zu können.

Gleich im kleinen Eingangsbereich sah er sie liegen. Ein großer Blutfleck hatte sich gebildet und den Teppich und den Dielenboden darunter tiefrot gefärbt. Zum Glück war Beths Geist sehr schnell zu sich gekommen und hatte auch ihn gleich darauf gefunden. Natürlich!, wurde es Aiden bewusst. Sie kannte William und auch von Aiden hatte sie gehört. Sie wusste also, wo sie hingehen musste, um ihn zu finden. Normal dauerte es länger, bis sich Geister ihrer Umgebung wieder bewusst wurden. Und noch länger, bis sie den Weg zu ihm fanden, oder er selbst sie zufällig traf, so wie Gabe.

Sie führte ihn an ihrem leblosen Körper vorbei und in ihre privaten Räume. Im Schlafzimmer zeigte sie auf ein dickes altes in Leder gebundenes Buch mit Eisenbeschlag, das auf dem breiten Bett lag. Es war aufgeschlagen und eine Brille lag daneben. Aiden schlug das Buch zu und nahm es auf. Dann deutete Beth weiter auf ein kleines Kästchen, das auf dem Nachttisch stand.

„Das ist das Wichtigste. Du musst es meiner Enkelin bringen. Sobald sie es öffnet, wird sie alles verstehen. Sie wird in dieses Haus ziehen und den Fluss und den Wald weiterhin schützen und pflegen. Ihr braucht euch also keine Sorgen um den Nachlass zu machen. Es ist alles geregelt. Ich würde mir aber wünschen, wenn ihr euch öfter sehen könntet. Sie weiß bereits vieles von mir und kann euch lehren, aber auch ihr könnt ihr noch einiges neues beibringen.“

Aiden nickte und nahm die schön verzierte aus dunklem Holz gefertigte Box an sich. Perlmuteinlagen in Form eines großen Baumes waren auf dem Deckel verarbeitet. Es war ein kleines Meisterwerk. Sicher balancierte er Kästchen und Buch, als er Beth wieder in den Vorraum folgte.

„Hier ist mein Gästebuch. Dort wirst du den Namen des einen finden. Er hat sich als Gast hier eingetragen, einige Tage vorher schon. Sein Kumpan hat wenige Minuten von hier ein Lager am Fluss aufgeschlagen und dort campiert. Ich habe in der Nacht ein Licht dort gesehen und bin dem nachgegangen. Er hatte ein Lagerfeuer brennen. Vielleicht findet ihr dort noch etwas. Ich hatte nie was dagegen, wenn man hier in der Nähe ein Zelt aufschlug, aber ich glaube, der wollte sich in den Wäldern verstecken. War vielleicht sogar auf der Flucht.“

Das Buch nahm sich Aiden auch noch mit, er wollte hier nicht noch einmal rein, auch wenn das Häuschen eigentlich innen äußerst gemütlich war. Er atmete erleichtert auf, als er endlich wieder nach draußen in die Sonne konnte.

Gabe schüttelte sich wie ein nasser Hund. Auch er war froh, wieder draußen sein zu können. Es war nicht schön da drin gewesen. Und Aiden hatte das schon öfter gemacht? Lieber wollte er jetzt in den Wald mitgehen. Doch bevor Beth sie hinführen konnte, hielt Aiden sie zurück.
Wir sollten die anderen erst einmal heranholen, bevor wir weiter in den Wald gehen. Sie müssen auch mit der Arbeit beginnen, wenn es Ihnen recht ist, fragte Aiden höflich. Beth stimmte zu; auch sie bemerkte die Unruhe der Wartenden.

So winkte Aiden McLean zu. Er sah, dass noch zwei weitere Wagen auf dem Parkplatz standen. Also waren die Spurensicherung da und wahrscheinlich auch der Rechtsmediziner. Das Gästebuch auf die Bank abgelegt, warteten sie, bis alle da waren.

...


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