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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 19: Riverside Lodge 2"

 

 


Reece und die Detectives warteten am Parkplatz. Eigentlich wollte Reece Aiden folgen, als Aiden auf das Haus zuschritt, doch die große Pranke McLeans hielt ihn zurück.
"Wir gehen erst, wenn Aiden uns die Freigabe gibt. Bis dahin warten wir hier auf die Forensik und den Coroner." So blieb Reece beim Auto stehen, blickte aber besorgt hinter Aiden her. Es war ihm nicht wohl zumute, zu wissen, dass dort irgendwo eine tote Person liegen sollte und Aiden allein hinging. Was, wenn der Mörder noch da war?

"Chief, Sie können doch nicht einen Zivilisten einfach so an einen Tatort lassen", mischte sich da auch Brandon mit aufgebrachter Stimme ein. "Der wird uns doch Beweise kaputt machen."

McLean brummte nur was in seinen Bart, während er Aiden beobachtete, wie dieser am Haus angekommen vor der kleinen Sitzbank stehen blieb. Es war Valerie, die mit süßer Stimme antwortete.
"Mach dir mal darum keine Sorgen, Brandon. Aiden hat das CID bereits unterstützt, da war er gerade mal 14 Jahre alt. Er war also schon an mehr Tatorten, als du dir vorstellen kannst. Er weiß, was er tut und wird keine für uns relevanten Spuren vernichten. Bisher wurde noch jeder Fall aufgeklärt, an dem Aiden beteiligt war. Wie viele Mordfälle hast du schon gelöst?"

Sie schenkte Brandon ein raubtierhaftes Lächeln. Anscheinend schien auch sie langsam ihre gute Laune bei diesem Bengel zu verlieren.

Und Reece war sprachlos. Seit vier Jahren arbeitete Aiden also schon mit dem CID zusammen. Das waren so Dinge, die er bisher noch nicht erfahren hatte. Aiden erzählte aber auch nie darüber. Na gut. Über Morde wollte er eigentlich auch nichts wissen, aber einfach mehr über Aiden.

"Brandon", sprach da McLean irritiert. "Ich dachte, du kennst Aiden. Oder hast zumindest von ihm und seiner Familie gehört. Aber anscheinend weißt du wirklich nichts."
"Warum sollte ich ihn kennen? Ich habe ihn weder vorher irgendwo getroffen, noch jemals von ihm gehört."
Bisher Aiden stets im Blick, wendete sich der Chief nun Brandon zu und schaute ihn durchdringend an.
"Dein Vater hat nie über Aiden oder William gesprochen? Über seine Arbeit?"
Abwehrend verschränkte Brandon die Arme.
"Bin ich jetzt der, der verhört wird? Vater und Großvater haben den ganzen Tag über nichts anderes als ihre Arbeit gequatscht, wenn sie denn mal da waren. Glaubt ihr, ich merke mir da jede Geschichte?"

Der Chief schüttelte den Kopf.
"Brandon! Du willst beim CID arbeiten und kennst noch nicht mal die Geschichte deiner eigenen Familie? Wo hast du gelebt? Die Familien Royston und Blake haben eine gemeinsame Vergangenheit. Seit William Blake 1788 nach York gekommen ist, arbeitete die Familie Blake mit der Polizei zusammen. Und da die Royston-Familie schon immer bei der Polizei ist, und generell höhere Posten innehatte, haben sie meistens an solchen Fällen gemeinsam gearbeitet."

"William Blake ist doch keine 200 Jahre alt", fragte Reece verwirrt nach.
"Nein", lachte McLean. "Nicht Aidens Großvater. Ich spreche von William Blake , den bekannten Schriftsteller aus London. Er kam nach York. Warum weiß ich nicht. Vielleicht weiß es Aiden. Der damalige Kommissar der Polizeistation war schon ein Royston. Aidens Großvater ist sicher nach seinem berühmten Vorfahren benannt worden. William hat eines Tages seinen Enkel mitgebracht, da war Aiden gerade 14 Jahre alt. Er hatte einen Geist gesehen, der Hilfe brauchte. Seit dem ist es Aiden, der den Job seiner Familie übernommen hat."
"Verstehe ich nicht. Warum sieht Aiden einen Geist und William nicht?", musste Reece fragen. Das war seltsam.
"Ich weiß nicht. Es scheint, dass Aiden ein feineres Gespür für solche Dinge hat. Doch am besten fragst du ihn da selbst", antwortete McLean und wandte sich wieder dem Haus zu, wo Aiden plötzlich zu einem Baum hinlief, wieder zurück zur Bank und dann eine bunte Katze hochhob, nur um sich bald nach ihnen umzusehen. Doch da er sie nicht heranwinkte, blieb er wo er war.
"Was treibt der Kerl da eigentlich?", fragte Brandon in die Runde. Es war seltsam, was dieser Aiden machte. Reece dachte ähnlich, konnte sich aber gut vorstellen, dass dort der Geist der Frau war, mit der er redete.
Jetzt musste McLean doch lachen. "Ich habe absolut keine Ahnung. Ich weiß nur, dass Aiden seine Sache immer hervorragend macht, und wie Valerie schon sagte, wurde bisher jeder Fall gelöst, an dem Aiden mit gearbeitet hat. Es sind die Geister, die ihm von ihrem Tod erzählen und zu den Beweisen führen, doch für uns bleibt immer noch genug Arbeit. Spuren müssen gesichert werden und die Mörder auch noch gefangen. Aiden hat nach der Sicherung des Tatortes mit unserer Arbeit meistens nichts mehr zu tun. Er überbringt den Verwanden oft die letzten Wünsche der Verstorbenen. Aber das ist nicht immer die leichteste Aufgabe."

"Und was ist mit… mit seiner Stimme passiert?", traute Reece sich schließlich zu fragen.
"Vor zwei Jahren!", mischte sich da Mian ein und kam näher heran.
"Aiden hatte wieder einen Fall zu uns gebracht. Ich war mit ihm unterwegs. Beim Ermitteln mussten wir das Ufer zwischen der Scarborogh und der Lendal Bridge ablaufen. Als wir in der Nähe der Lendal Bridge waren geschah es. Aiden war schlagartig anders. Er redete wirres Zeug. Er hatte sich einen Ast genommen, nur klein, und schwang ihn wie ein Messer, mit dem er mich angreifen wollte. Bevor er mich jedoch erreichte, brach er zusammen. Er lag ganz still, doch konnte ich sehen, dass er kämpfte. Mit sich selbst, oder besser gesagt, mit dem Geist, der ihn besetzt hatte. Er war verkrampft und hatte die Augen ganz weit aufgerissen. Als der Krankenwaagen eintraf, war er in eine tiefe Ohnmacht gefallen, die mehrere Tage anhielt. Er kam wieder zu sich, doch seit diesem Tag spricht er nicht mehr."

Alle hatten Mian gespannt gelauscht. Einerseits war die Geschichte spannend, andererseits kannte man den Asiaten nicht so gesprächig. Das musste ihm damals sehr nahe gegangen sein.

Jetzt verstand Reece aber auch, warum Mian wegen Gabe so besorgt war. Er versicherte Mian nochmals, dass Gabe für Aiden wirklich keine Gefahr war. Im Gegenteil achtete sein Bruder sehr auf Aiden, wollte ihn beschützen und ihm helfen. Sicherlich war er auch jetzt hier in der Nähe oder direkt bei Aiden.

Mian nickte nur und wurde wieder sein schweigsames Selbst. Es nagte wirklich an ihm, dass er damals Aiden nicht helfen konnte, außer bei ihm zu sein und mit ihm zu reden. Er wusste ja, dass er Geister nicht sehen und da auch nichts gegen tun konnte, aber so hilflos dabei zu sein, war kein schönes Gefühl. Aiden hatte schon mehrfach versucht, ihm diese Schuldgefühle auszureden, doch vergebens. Was er aber tun konnte, war immer für Aiden dazu sein, wenn er Hilfe brauchen sollte.

***

Im Moment schien aber alles ruhig. Reece ging einige Schritte davon. Der leise vor sich hingrummelnde Brandon vermieste ihm die Frühlingslaune. In dessen Nähe wollte er einfach nicht länger bleiben. Er lief auf die bunte Wiese zu und schwelgte ein wenig in Erinnerungen. Zwei oder drei Wanderungen hatten sie als Familie durch diesen Wald gemacht. Gabe immer vorneweg und nur allzu gern versteckte er sich hinter Bäumen, um dann wieder hinter ihm und ihren Eltern aufzutauchen und zu erschrecken.

Er ließ sich auf der Wiese nieder und blickte gespannt zum Häuschen hinüber, wo sich einige Zeit nichts tat. Nebenher nur bekam er mit, dass noch weitere Autos eintrafen. Man schien sich untereinander gut zu kennen und aus Gesprächen hörte er heraus, dass besonders die Fälle um Aiden immer interessant waren. Hmmm… sein kleiner Geisterjäger. Da hatte er sich wirklich etwas ganz Außergewöhnliches geangelt - und fast alles vermasselt.

Aiden hatte sicher mit seiner Vermutung am Anfang recht gehabt. Er sah zuerst nur Gabe in ihm. Wie auch sonst, wo sich Gabe doch auch so gezeigt hatte? Aber schon die wenige Zeit, die er mit Aiden verbracht hatte, zeigte ihm, wie sehr ihn Aiden selbst faszinierte. Da gehörte seine einzigartige Begabung dazu, aber noch mehr sein ganzer Charakter. Da waren so Kleinigkeiten wie sein Faible für Tees oder alles, was mit Vanille zu tun hatte. Oder auch einfach die Monsterdecke in seinem Bett. Aiden allein könnte sich da fünfmal einrollen. Oder sein Mut. Er machte alles Neue mit und traute sich allein an Tatorte. Sicherlich war nicht jeder so idyllisch wie dieser hier.

Und hübsch war Aiden obendrein. Vor allem, wenn er ein wenig gestylt war. Das wäre seine nächste Tat. Reece grinste in sich hinein. Er würde Aiden einen etwas moderneren Haarschnitt verpassen und ein paar schicke Klamotten für die Auftritte. Es sollte jeder sehen, dass dieser schöne Junge zu ihm gehörte. Dass er damit die gleiche Idee verfolgte wie Gabriel, wusste er nicht…

Er schrak aus seinen Gedanken auf, als er am Häuschen eine Bewegung wahrnahm und Aiden herauskommen sah. Er hatte noch die Katze auf seinen Schultern sitzen, aber auch zwei dicke Bücher in der Hand. Er sprang auf und als er sah, dass auch McLean jetzt hinüber ging, hielt er eilig auf Aiden zu.

...


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