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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 18: Riverside Lodge 1"

 


Sie waren auf dem Rückweg zum "Antiques".

Da es gerade erst Mittag war, überlegte Reece, ob sie bei dem Italiener Pizza oder Pasta holen sollten, als er bemerkte, dass er etwas verloren hatte. Aiden war nicht mehr bei ihm. Er schaute sich suchend um und entdeckte ihn einige Schritte hinter sich. Aiden blickte ins Nichts und nickte hin und wieder. Sprach er mit Gabe? War etwas nicht in Ordnung? Aiden wirkte sehr ernst und nahm Reece erst wieder wahr, als dieser dicht bei ihm war und ihn an der Schulter berührte.
"Ist alles oK, Aiden?", fragte er.

Aiden schüttelte traurig den Kopf.
"Ist etwas mit Gabe?", brachte Reece sofort besorgt hervor. Aiden lächelte ihn beruhigend an und verneinte, dann aber holte er sein Handy hervor und tippte zwei kurze Nachrichten ein. Nachdem er sie abgeschickt hatte, deutete er auf das Antiquariat, welches schon in Sichtweite war, dann irgendwo in die Innenstadt hinein und blickte Reece fragend an.

Er verstand. Er sollte entweder zu Aiden nach Hause gehen, um dort zu warten, oder ihn begleiten. Aiden ließ ihm die Wahl. Etwas Sorge, aber auch Neugierde trieb ihn natürlich zur Entscheidung, Aiden zu folgen, egal wohin er jetzt gehen wollte.

So machten sie sich auf, wieder weiter in die Stadt hinein.

***

Aiden und Reece ergatterten sich an der nächsten Haltestelle einen Bus und fanden sogar zwei freie Sitzplätze nebeneinander. Die Fahrt dauerte nicht sehr lang und führte sie in der Nähe vom Friedhof vorbei. In der Fulford Road stiegen sie aus und noch ehe Reece sich bewusst werden konnte, wo sie waren, standen sie auch schon vor der Polizeizentrale der Stadt und Grafschaft York!

Aiden ließ ihn gar nicht lange staunen und zog ihn gleich weiter zum Haupteingang, über dem Criminal Investigation Department stand. Er kramte in seiner Tasche und zog aus dem Portmonee einen kleinen Ausweis heraus, den er dem Beamten an der Durchgangspforte vorzeigte. Dieser nickte nur und ließ ihn auch gleich rein.

Sehr zielstrebig stieg Aiden die Stufen in die zweite Etage hinauf und kurz darauf traten sie in ein größeres offenes Büro, mit mehreren Schreibtischen. Nur hinten war ein kleinerer Raum mit Glaswänden abgetrennt.

Reece bekam Angst. Ein Riese stürmte von dort auf sie zu, kaum dass sie durch die Tür kamen.
"Aiden, schön dass du uns mal wieder besuchst", dröhnte die tiefe Stimme des großen Kerls durch den Raum und Aiden wurde herzlichst gequetscht, dabei sogar etwas vom Boden gehoben. Auch andere kamen heran und begrüßten Aiden, freuten sich, dass er da war und bedrängten ihn mit Fragen. Reece merkte, dass Aiden hier sehr bekannt, aber vor allem sehr gemocht wurde. Der Ansturm war so groß, dass Reece bald aus der Runde gedrängt wurde und sich das Schauspiel von weitem anschauen konnte. War auch besser so. In dem Getümmel aus Umarmungen und aufgeregten Stimmen wollte er nicht drin stecken.

Auch Gabe hatte nicht schlecht gestaunt, als sie mal eben so zur Polizei reinspazierten. Er nutzte Aidens Ablenkung und geisterte durch das Dezernat, guckte mal in den abgeschlossenen Waffenschrank und fühlte sich kurz wie ein Krimineller, als er durch die zwei Zellen schwebte. Die kleine Asservatenkammer blieb auch nicht vor ihm verschont, doch wollte er gar keine Beweisstücke von Toten oder Mördern sehen. Von daher war er bald wieder im Büro zurück und gesellte sich zu seinem Bruder, blickte neugierig die Menschen an, die Aiden so freudig begrüßten.

Es war ein ganz bunt gemischter Haufen, der da im CID arbeitete. So hätte sich Gabe niemals die Detectives vorgestellt. Sie waren locker drauf, alle noch überraschend jung und doch wirkten sie sehr strebsam und ernsthaft. Nur einer machte auf Gabe einen eher düsteren Eindruck. Der junge Mann, der kaum älter als Reece schien, stand abseits, blickte still und misstrauisch nur zu und Gabe meinte einen seltsam grauen Dunst um ihn herum zu erkennen. Das war ihm nicht geheuer. So etwas hatte er bisher noch nicht gehabt.

"Aber jetzt ist genug. Weg mit euch, an die Arbeit. Aiden ist nicht zum Quatschen hier", scheuchte der Riese endlich alle wieder davon und errettete Aiden vor dem Willkommens-Tod. Er dirigierte ihn nach hinten, wo sie in die kleine Teeküche kamen. Reece musste lachen, als er dort neben dem Wasserkocher eine kleine Tasse mit einem Geist drauf sah. Dies führte dazu, dass Aiden beschämt den Kopf senkte und sich mit roten Wangen den Ingwertee heraussuchte und Reece auch endlich von dem großen Kerl bewusst wahrgenommen wurde.

"Und wen hast du da mitgebracht, Aiden? Das ist ja mal kein Geist, soweit ich sehen kann", lachte der Riese. Reece befreite Aiden von der Vorstellungspflicht und erklärte sich selbst, sich bewusst, dass der Mann sehr genau über Aidens Geheimnis bescheid wusste.
"Ich bin Reece McLeod. Und nein. Ich bin nicht der Geist. Ich bin der Bruder des Geistes. Sicher ist Gabe auch hier irgendwo." Aiden nickte dazu. Gabe war gleich neben ihm und lachte ihn auch noch wegen der Tasse aus. Alles Schimpfen half nicht. Als Gabe aber den kleinen Tassengeist imitierte und in der Küche auf und ab schwebte, eine imaginäre Axt schwingend, musste auch Aiden lachen.

"Ich bin Chief Inspector Tristan McLean", stellte sich der Chief nun auch bei Reece vor und schüttelte ihm die Hand. Reece versuchte vergebens nicht beeindruckt zu sein und wunderte sich zusehends immer mehr, was Aiden nun mit der ganzen Sache hier zu tun hatte. Der Chief bot ihm noch einen Kaffee an, den Reece gerne annahm und für den imponierenden Mann auch gleich eine Tasse mit eingoss. Jeder mit einem Becher in der Hand, pilgerten sie zum Büro hinüber.

"Und Aiden? Wie geht es dir? Wie geht es William? Ich soll vom Kriminaldirektor schöne Grüße an ihn ausrichten", wurde der Chief redselig. Er schloss die Tür, während Aiden Reece andeutete, dass sie sich auf die Couch setzen konnten. McLean ließ sich ihnen gegenüber auf einem Sessel nieder. Auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen lagen ein Schreibblock und einige Stifte.

Reece merkte, dass der große Mann und Aiden sich schon länger kennen mussten, denn auch er verstand Aiden, ohne dass dieser reden musste. Mit kleinen Gesten antwortete er und konnte so auch die Grüße zurückgeben und ihm zeigen, dass es ihm soweit gut ging. Schließlich, nach einem weiteren tiefen Schluck vom Ingwertee, atmete Aiden tief durch und zog sich das Papier und einen Stift heran.

Er schrieb gar nicht viel. Er notierte eine Adresse, einen Namen und "murder without witnesses". McLean las es sich durch und schien zu überlegen. Der Vollbart verhinderte, dass man Gefühle oder Gedanken in diesem Gesicht erkennen konnte, doch die steile Falte, die sich zwischen den intelligenten Augen bildete, zeigte, dass er bereits alles Notwendig zu bedenken schien.

"Und was hat das mit dir zu tun, Junge?", wurde Reece kritisch befragt. "Du sagtest, dein Bruder wäre als Geist hier. Doch Aiden hat einen Frauennamen aufgeschrieben."

Aiden fühlte sich plötzlich von drei Augenpaaren aufmerksam angeschaut. Na eben! Das hatte er gar nicht bedacht! McLean musste annehmen, dass Reece mit dem Mord etwas zu tun hatte. Heftig schüttelte er den Kopf und wedelte mit den Händen.

Erst jetzt dachte er darüber nach, ob Reece überhaupt hier sein durfte. Doch ein tiefes Brummen, was sich als das Lachen McLeans herausstellte, beruhigte ihn.

***

Nur wenige Minuten später hatte McLean alles in die Wege geleitet. Nach einigen Telefonaten saßen sie jetzt in einem der größeren Vans des CID. Während McLean das Steuer übernahm, durfte Aiden ebenfalls vorne sitzen. In der zweiten Reihe saß Reece und wurde sehr aufmerksam vom Detective neben sich betrachtet, bevor dieser sich endlich als "Li" kurz und neutral vorstellte.

In der hinteren Dreierreihe saß ein umwerfend gut aussehender Kerl, den sie Kyle nannten. Den hätte er gewiss nicht von der Bettkante gestoßen, wenn da nichtů ja, wenn da nicht der stumme Junge da vorne wäre. Er lächelte selig vor sich hin, bis er von einem mürrischen "Was is?!" angegiftet wurde. Reece schreckte auf, merkte, dass er geträumt hatte beim Blick in die hintere Reihe. Eine hübsche Rothaarige saß in der Mitte und scherzte mit Kyle, doch die fast bösartigen Worte kamen von dem sehr jungen Mann, der ihm nicht ganz geheuer war.
"Nichts", antwortete Reece nur, ebenso kalt und abweisend. Polizei hin oder her, so musste er sich von einem Kerl, der kaum älter war als er selbst, nicht behandeln lassen.

"Brandon ist neu im Team", sprach Li neben ihm. Dies schien seine Erklärung und Entschuldigung für dieses offensichtlich schlechte Benehmen zu sein. Damit wendete er sich nach vorn und schwieg weiter.

Ein helles Lachen drang zu Reece nach vorn und zwei Arme legten sich von hinten um seine Schultern.
"Du heißt also Reece?", fragte ihn die junge Frau. "Mach dir mal nichts aus den Jungs hier. Die sind alle sehr eigen. Ich bin Valerie und der große hier hinten ist Kyle. Wie du schon weißt, ist dass hier Brandon, unser Neuzugang und der coole Typ neben dir heißt Mian. Auf dem Revier hast du sicher auch unseren Marc und Angelina gesehen. Die haben diesmal nicht mehr mit reingepasst. Sonst möchte keiner einen Fall verpassen, bei dem Aiden dabei ist. Und du bist also Aidens Freund? Wie hast du ihn kennengelernt? Sicher steckt da eine typische Blake-Story dahinter, oder?"

Reece fühlte sich ein wenig überrumpelt. So uninteressiert der Asiate neben ihm schien, so sehr quoll diese hübsche Frau vor Neugierde über.
"Ja", lächelte er zu ihr nach hinten. "Ich denke, dass es so eine Geschichte wohl ist." Der Gedanke betrübte ihn noch immer, aber er wusste ja, dass Gabe hier bei ihnen war, und entschied, seine Geschichte zu erzählen.
"Mein kleiner Bruder ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. Im Winter war das. Vor kurzem hat Aiden mich aufgesucht, um mir von Gabriel zu erzählen. Und ich konnte sogar mit ihm sprechen."

Erst als er es gesagt hatte, wurde ihm bewusst, dass er damit wohl ein kleines Geheimnis von Aiden ausgeplaudert hatte. War es Aiden recht, dass alle wussten, dass er sich manchmal Gabe überließ? Er schielte fragend nach vorn, wo ihm Aiden nickend zulächelte.
"Wie mit ihm sprechen?", fragte da auch gleich Kyle nach.
"Über Aiden. Gabe darf manchmal seinen Körper benutzen. So kann er mir direkt sagen, was er möchte." Es wurde still im Bus. Kyle zog sich zurück und starrte schweigend aus dem Fenster. Mian blickte nachdenklich auf Aiden, bevor er plötzlich ungeahnt sanft nach vorne fragte.
"Aiden, du passt auf, ja? Dieser Gabriel verletzt dich nicht?" Aiden blickte dankbar nach hinten und schüttelte beruhigend den Kopf. Reece konnte dagegen nicht so ruhig bleiben.
"Mein Bruder würde niemals Aiden verletzen!", verteidigte er Gabe. Es wäre wohl in eine heftige Diskussion zwischen Reece und Mian ausgeartet, wenn nicht von hinten links ein genervtes Schnauben zu hören war. Sehr taktlos fragte Brandon in die Runde.
"Ich denk', dein Bruder ist tot. Wie kann er dann noch reden oder jemanden verletzen?" Es war Valerie, die den ahnungslosen Brandon endlich aufklärte.
"Na, Gabe ist ein Geist. Aiden kann Geister sehen." Brandon zog die Brauen zusammen. Man sah deutlich, wie verarscht er sich vorkam. Etwas Ähnliches brummelte er auch vor sich hin, während er sich abwandte und nach draußen starrte.

***

McLean beendete das darauffolgende Schweigen im Bus, indem er endlich die konkreten Fakten darstellte, die bisher bekannt waren. Währenddessen verließen sie die Stadt gen Nord-Ost Richtung Stamford Bridge. Ihr Ziel war ein alleinstehendes Haus direkt am Howsham Wood.
"Chief, meinen Sie die Riverside Lodge? Das B&B von Beth Colquhoun?", fragte plötzlich Kyle nach längerem Schweigen von hinten.
"Ja. Das ist das, was Aiden aufgeschrieben hat." Aiden nickte dazu. Die alte Frau hatte ihm das so gesagt; er kannte sie nicht. Auch nicht die Riverside Lodge.

Damit schien er aber der einzige im Van. Ja, sogar Reece kannte Riverside Lodge. Zwar lag es eine gute halbe Stunde außerhalb von York, doch es war ein schönes Gebiet zum Spazieren gehen, direkt am Fluss entlang. Das kleine Fachwerkhäuschen mit dem hübschen Garten bot schon seit Jahren drei Fremdenzimmer an, wurde manches mal aber auch gerne für Familientreffen genutzt. Im Sommer konnte man wunderbar auf der Wiese vor dem Haus ein paar Zelte aufschlagen und schöne Stunden am Feuerplatz verbringen.

Es blieb still, bis sie auf den schmalen Weg einbogen, der sie von der kleinen Straße in den Wald führte. Eine Lichtung tauchte vor ihnen auf, auf deren leichter Anhöhe das Häuschen stand. Es sah friedlich aus. Alles lag ruhig vor ihnen in der warmen Sonne. Sie hielten auf dem kleinen Parkplatz ein paar Meter vom Häuschen entfernt, und stiegen aus. Kitschig summten Bienen um bunte Frühlingsblumen und flatterten Schmetterlinge an ihnen vorbei.

...


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