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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 17: Ja!"

 


Aiden wachte mit drückenden Kopfschmerzen und Übelkeit am nächsten Tag auf. Es war Sonntag, der Laden geschlossen und draußen hingen schwere dunkle Regenwolken über der Stadt. Er wühlte sich aus seiner Decke und verschwand kurz im Bad. Nach wenigen Minuten stieg er die Treppen hinunter zu seiner Küche. Er stockte kurz. Im kleinen Fenstererker des Wohnzimmers saß zusammengekauert Gabe. Er blickte auf die Straße hinaus und rührte sich nicht. So machte Aiden sich in der Küche einen Tee und zwei Toast. Er bestrich sie mit Erdbeermarmelade und setzte sich an seinen Tresen. Ihm war seltsam kalt und der frische Tee wärmte wenigstens seine Finger, während er abwesend aus dem schrägen Küchenfenster starrte.

Ihm tat alles weh. Innen im Herzen, und außen fühlte er sich wie bei einer schweren Erkältung mit schlimmen Kopfweh. Als sein Tee alle war, bemerkte er, dass er vom Toast keinen Bissen genommen hatte. Er hatte auch keinen Hunger. Es tat ihm leid um sein geliebtes Erdbeertoast, aber später wäre es bereits hart. Er entsorgte das Brot. Im Wohnzimmer war Gabe nicht mehr zu finden und so schlich sich Aiden still zurück in sein Bett.

Er war sich sicher, seine Entscheidung war richtig gewesen, auch wenn es sich so fürchterlich anfühlte. Er hatte die Band und vor allem Reece sehr gemocht.

***

Aiden schlief. Nicht gut und in seltsamen Träumen gefangen. Gabe setzte sich zu Aiden auf das Bett und streichelte ihm tröstend über die Wange. Er ärgerte sich über seine eigene Ungeduld. Er hatte ja schon gemerkt, dass Aiden es langsamer brauchte. Aiden war nun mal nicht er selbst. Er war ruhiger und mehr in sich gekehrt, zurückhaltend und vorsichtig. Und Gabe hatte es übertrieben. Er wollte mal wieder alles auf einmal. Er konnte jetzt nur hoffen, dass sich Reece von Aidens Flucht nicht abhalten ließ und hier bald wieder auftauchen würde. ER musste jetzt mit Aiden sprechen. Ihm würde Aiden sicher glauben.

Er gab Aiden noch einen Kuss auf die Stirn und zog sich zur Fensternische zurück, wo er auf Aiden gut aufpassen konnte, ohne ihn zu bedrängen. Hoffentlich ging es ihm morgen wieder besser…

***

Aiden hatte zwar viel geschlafen, aber wirklich besser ging es ihm am Montag nicht. Trotzdem stand er frühzeitig auf, um mit seinem Großvater den Laden pünktlich zu öffnen. Auch jetzt verzichtete er auf Toast zum Frühstück und begnügte sich mit einem Weißtee mit echter Vanille.

Gabe traf er erst wieder unten im Geschäft, wo der Geist sich auffällig still verhielt. Er begrüßte seinen gerade ankommenden Großvater, dem er die Tür aufschloss und dabei das kleine Messingschild raushängte, sodass Kunden und Passanten wussten, dass der Laden offen war.

Grandpa Wil begrüßte Aiden und Gabe und informierte über das Päckchen, das er heute erwartete. Er hatte wieder ein antikes Buch ersteigert, das er unbedingt in seinem Geschäft haben wollte. Die seltsame Stimmung zwischen den beiden Jungs schien er vorerst einfach zu ignorieren. Er verteilte an Aiden Aufgaben und Gabe gab er ein anderes Buch zum Lesen. Diesmal leichte Literatur - die Bibel.

Damit hatte er zumindest Gabe aus seinem Schweigen gerissen. Aufbegehrend schimpfte er über die vorgelegte Lektüre. "William, ich kenn' die Bibel. Bitte. Gib' mir was anderes. Egal was. Aber nicht den alten Schinken. Der ist staubtrocken." William lachte und suchte was Neues. Es war nicht leicht, was Modernes zu finden. Zwar konnte man bei ihm alle Bücher, die auch aktuell auf dem Markt erschienen, bestellen. Doch er hatte ein Antik-Geschäft. Bücher in seinen Regalen waren mindestens 50 Jahre alt. Hatte er da etwas dabei, was Gabe noch nicht gelesen hatte?

Da fiel ihm ein Buch, oder eher eine Buchreihe ein. Er schnappte sich seine Leiter und kletterte nach oben. Dort holte er in Leinen gebundene Bücher mit schönem Cover im Jugendstil hervor. "Das ist ein deutscher Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert. Er las Reisebeschreibungen aus Amerika, oder auch dem Orient, und erdachte sich Geschichten zu den Orten, die er da las. Es geht in diesen drei Bänden um Indianer und Greenhorns. Es ist recht spannend, auch wenn der Stil für uns heute manchmal etwas langatmig ist", erklärte er Gabe, der noch nie etwas von diesem May gehört hatte, geschweige denn von einer alten Schmetterhand…

Damit hatte William zumindest Gabe zufrieden gestellt und aus seiner trüben Stimmung herausgeholt. Er ließ den Geist an seinem Lesepult und in einer für ihn völlig neuen Literaturwelt zurück.

***

"Na, Aiden. Magst du mir erzählen, was zwischen dir und Gabe los ist?", sprach er wenige Minuten später Aiden an, der eigentlich im Internet einer Auktion folgen sollte, aber nur ziellos aus dem Fenster starrte. Aiden schloss seufzend die Augen und konzentrierte sich dann auf seinen Großvater. Sollte er ihm erzählen? Bisher hatte sein Grandpa immer gute Ratschläge oder aufmunternde Worte für ihn gehabt, wenn es schwierig für Aiden war. Aber diesmal? Er wusste doch ganz genau selbst, dass bei Herzensangelegenheiten nichts half, außer die Zeit. Und für Aiden Abstand und Ruhe. Seit Gabe bei ihm auftauchte, war er immer bei ihm gewesen, außer gestern Abend. Obwohl er ja glaubte, dass Gabe ihm heimlich gefolgt war, ohne sich blicken zu lassen… Er passte halt doch auf ihn auf. Er erklärte Grandpa Wil, dass er für ein paar Minuten raus müsse. Allein! William nickte nur und ließ Aiden gehen.

Einem verwirrten Gabriel erklärte er anschließend, dass Aiden einfach mal allein sein wollte, um seine Gedanken zu sortieren und sich seiner Gefühle klar zu werden. Damit hatte er dann Gabe aus seiner Reserve gelockt. Der Geist ließ sich auf den Verkaufstresen sinken, baumelte nervös mit den Beinen und erzählte William alles was gestern passiert war und auch schon vorher. Er machte sich Vorwürfe. Er wollte Aiden doch nur helfen und machte damit aber alles kaputt.
"Aiden meint, Reece würde immer noch mich in ihm sehen. Das stimmt aber nicht. Außer dass wir vielleicht eine ähnliche Körpergröße haben, ist doch Aiden ganz anders als ich. Er ist so lieb und hilft jedem und … er ist eben Aiden und ich bin ich!" Tja. Da hatte Gabe Recht. Er war ganz er selbst und unvergleichlich. Frech, aufgeweckt, fröhlich. Wenn er nicht gerade so deprimiert hier herumsaß.

"Das wird schon wieder", tröstete er, stieß aber damit auf offene Skepsis. Doch bevor Gabe sich weiter ereifern konnte, wurden sie vom Windspiel an der Tür unterbrochen. Reece war da!!! Gabe sprang auf und fiel seinem Bruder erleichtert um den Hals.

Reece spürte einen heftigen Windstoß und blickte sich verwirrt um, als er in das Geschäft trat. Er begrüßte William und schaute nach Aiden, natürlich ganz unauffällig.
"Aiden ist nicht hier, Reece. Er ist vor wenigen Minuten für einen Spaziergang nach draußen gegangen. Er möchte etwas allein sein. Gabe freut sich aber und hat dich soeben begrüßt", erklärte William ihrem Überraschungsbesuch.

Reece merkte, dass William bereits über alles aufgeklärt war. Er war aber vor allem erleichtert, dass es Aiden gut ging. Zumindest war er unbeschadet nachts auf seiner Flucht zu Hause angekommen.
"Wenn er allein sein will, dann sollte ich ihn auch in Ruhe lassen", sagte er. Er konnte ja nicht hören, wie Gabe lautstark dagegen protestierte.

"Nun, Gabe ist der Ansicht, du solltest unbedingt mit Aiden sprechen. Und auch wenn ich mich nicht in Liebesdinge einmischen will, bin ich der gleichen Meinung. Aiden ist vermutlich dorthin, wo er immer ist, wenn er für sich sein will…"

"Im Park", ergänzte Reece. Er rief William noch ein "Danke" zu und rannte schon fast nach draußen. Gabe blickte ihm hinterher und wünschte ihm Erfolg…

***

Aiden hatte sich tatsächlich im Park verkrochen. Er saß hinter einem Baum und ließ sich von der Sonne bescheinen, die nach dem gestrigen düsteren Wolkenmeer gut wärmte und eigentlich optimal für Frühlingsstimmung sorgen sollte. Er war froh, dass Gabe nicht da war; er hätte nur versucht, ihn zu überreden. Zum Schwarz tragen, zum Shoppen, zum Reece li… ach, zu allem möglichen. Er mochte seinen Geist sehr, aber manchmal war er ihm mit seiner überschwänglichen Art fast zu viel. Er schloss die Augen und genoss einfach die Wärme, ließ die Gedanken davon treiben.

Die Schritte, die sich ihm näherten, hörte er zwar, doch glaubte er nur, dass ein Spaziergänger an ihm vorbei gehen wollte. Erst das bestimmte "Hallo" ließ ihn zusammenschrecken. Er fuhr herum und sah Reece vor sich stehen. Er hatte so helle Kleidung an, wie vom Unitag ihres ersten Treffens, was ihn kurz verwirrte. Er schüttelte den Kopf und drehte sich wieder weg.

Er merkte, dass sich Reece von seinem abweisenden Verhalten nicht vertreiben ließ und sich neben ihn setzte.
"Es hat mich ganz schön erschrocken, als du plötzlich verschwunden warst. Wir hatten einen echt geilen Auftritt. Alles hatte super geklappt und die Fans waren begeistert. Brooke war spitze. Nach ihrem Sieg beim Eishockey, war sie noch einmal so genial mit ihrer Gitarre. Du hättest es echt sehen sollen."

Aiden blieb still. Was hätte er auch darauf antworten sollen? Er hätte es gern gesehen.
"Als wir dann bemerkten, dass du nicht mehr da warst, habe ich lange überlegt, was ich tun sollte. Ich dachte, den Sonntag gebe ich dir, aber als du dich dann noch immer nicht gemeldet hast, entschloss ich mich, die Uni heute sausen zu lassen und selbst herzukommen. Denn mich einfach so ohne jede Erklärung sitzen zu lassen ist nicht fair."

Aidens Kopf fuhr hoch. Nicht fair? Nicht fair?! War es fair, ihn zu küssen, wenn es doch eigentlich Gabriel war, den er liebte?
"Was macht dich so wütend, Aiden? Erkläre es mir." Erklären? Was gab es da noch zu erklären? Er schnaubte und wendete sich wieder ab.

"Bitte, Aiden. Schweige mich nicht an." Jetzt war es endgültig zu viel für Aiden. Er drehte sich diesmal ganz zu Reece und aus der Bewegung heraus fuhr seine Hand mit

herum. Erst als er Reece eine ordentliche Ohrfeige verpasst hatte, wurde ihm bewusst, was er da getan hatte. Erschrocken zog er seine Hand zurück, blieb aber sonst erstarrt sitzen. Reece knirschte mit den Zähnen, dann … dann lachte er.
"Mensch, Aiden. Du hast einen ganz schönen Schlag drauf." Er rieb sich die Wange, die noch ganz schön kribbelte.
"Aiden, ich weiß doch, dass du nicht sprechen kannst. Aber wenn ich dich anschaue, verstehe ich, was du mir sagen willst." Er streichelte Aiden sachte über die Stirn. "Deine Augen sprechen, Aiden. Und dein ganzer Ausdruck. Doch wenn du mich nicht anschaust, kann ich nicht einschätzen, was du mir mitteilen willst. Es ist so, als wenn du mich "anschweigen" würdest. Dabei schaue ich doch so gern in deine schokobraunen Augen." Unterdessen hatte Reece seine Hand von der Stirn zu seiner Wange wandern lassen und zwang ihn sanft, ihn anzuschauen.

Aiden ließ es geschehen. Doch er verstand noch immer nicht, was Reece ihm eigentlich sagen wollte. Er legte den Kopf ein wenig schief und blickte fragend.

"Was gibt es denn da noch zu fragen, Aiden? Verstehst du denn nicht, dass ich mich in dich verliebt habe?" Jetzt schüttelte Aiden heftig den Kopf. Das konnte nicht sein. Was war mit Gabe? Er malte Gabe's Namen vor ihnen in die Luft.

"Gabe? Was soll mit Gabe sein?", fragte Reece verwirrt. Aiden zeigte auf Reece' Herz, auf sich, deutet mit seinen Händen einen Tausch an und dann, ganz zögerlich, berührte er seine eigenen Lippen, wurde sogar ein wenig rot dabei.

"Ja, das stimmt. Ich liebte Gabe. Doch Gabe ist tot. Es war schwer zu ertragen, die Erkenntnis, dass er mir genommen wurde. Ich wollte auch nicht mehr. Doch da tauchte jemand bei mir auf, der mir Nachricht von Gabe bringen wollte und hat sich dazu in mein Herz geschlichen. Still und heimlich. Dass Gabe bei dir ist, ist noch viel schöner. Ich weiß, dass wir uns noch nicht lange kennen, aber meine Gefühle - für dich Aiden - sind echt. Was ist, würdest du es mit mir versuchen? Auch wenn ich nachts auf Bühnen unterwegs bin und mein Bruder manchmal nerven wird?"

Reece wartete gespannt auf eine Antwort. Aiden blickte ihn nur groß an. Dann begann er zu grinsen. Er schaute an Reece vorbei zum nächsten Baum, nickte heftig und schlang dann seine Arme um Reece.

"Na, ist der Plagegeist auch schon da?", fragte er und drückte Aiden fest an sich. Aiden konnte das nur bestätigen. Gabe hatte sich heimlich angeschlichen, doch er hatte ihn entdeckt. Neugieriger Plagegeist traf es also noch besser.

Na komm schon her, holte er den Geist auch zu sich, was sich Gabe nicht zweimal sagen ließ. Er kuschelte sich an Aiden und Reece und war glücklich, dass wohl endlich alles geklärt war.

...


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