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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 12: Das Yorkshire CID"

 


Die Abteilung von Chief Inspector Tristan McLean bestand seit neuestem aus einem weiteren Mitglied. Nun hatte er also einen sechsten Detective im CID-Team. Es war Brandon Royston. Sohn von James Royston, einem langjährigen Freund und vor allem Kriminaldirektor von Yorkshire. Hätte dieser ihn nicht darum gebeten und mit einem wirklich guten Scotch bestochen; er hätte ihn nie ins Team aufgenommen. Außer den fehlenden Erfahrungen, glaubte er, dass er auch nicht ins Team passte. Er war jetzt seit zwei Wochen dabei und im Moment war es ruhig. Für Brandon hatte er also nur kleinere Aufgaben, die aber für noch unaufgeklärte Fälle wichtig waren. Der Junge sollte Namenslisten von verschiedenen Tatorten abgleichen…

Seine anderen Detectives waren eine bunte Mischung verschiedenster Charaktere und Fähigkeiten, und doch verstanden sie sich alle ausgezeichnet.

Marc Reid war ein typischer Nerd. Brille, schmächtig und ein Computer-Ass. Klassisch wie im Fernsehen, war er früher ein Hacker auf internationalen Niveau, wurde gefasst und statt Strafe wurde ihm angeboten beim CID zu arbeiten. Jetzt durfte er ganz legal während der Arbeitszeit hacken. McLean setzte ihn selten im Außeneinsatz ein, dafür war er aber bei der Recherche im Netz eine unersetzbare Hilfe und er dachte überaus logisch, vernetzt und Fälle übergreifend.

Kyle Mitchell war das genaue Gegenteil; ein großer, sportlicher Halbgott mit ungekämmten schwarzen Haaren und strahlend blauen Augen, und wie die zwei Mädels im Team ihm ständig nachschauten anscheinend eine perfekte Beute. Er war zuvor bei einer Einheit der UK Special Forces und kannte sich mit Waffen, Stürmen von Gebäuden und Geiselnahmen perfekt aus. Ein unglückliches Ereignis, über das Kyle außer mit seinem Chief und seinem besten Freund mit keinem anderen je gesprochen hatte, führte zu seiner Entscheidung, das Sondereinsatzkommando bereits nach wenigen Jahren zu verlassen und zurück in seine Heimatstadt zu ziehen.

Kyles bester Freund war Mian Li, nur einen Schreibtisch weiter. Der Asiate und Kyle kannten sich schon seit Ewigkeiten. Die beiden sind schon als Kleinkinder gemeinsam durch den Sandkasten gerobbt. Sie verstanden sich auch ohne Worte und Kyles Geheimnis war bei Mian so sicher wie nirgends anders. Doch während Kyle ein ewig gut gelaunter Herzensbrecher war, blieb Mian Li still, aber gespannt und stets bereit. Man sollte ihn nicht reizen. Andererseits hatte er einen trockenen Humor, der manchmal in ungeahnten Situationen hervorbrach. Er war eine Zeitlang im Ausland unterwegs gewesen und hatte verschiedene Kampfsportarten erlernt, die ihn perfekt als Ein-Mann-Waffe machten. Aber auch im Team war er zuverlässig.

Dann gab es noch die "Woods". Die beiden Frauen waren ein Dreamteam. Valerie Rosewood, eine rothaarige klassische Schönheit, und Angelina Redwood, ein quirliges Dauerenergiebündel, gab es selten allein anzutreffen. Es wurde gemunkelt, dass sie auch Bett und Tisch miteinander teilten. Doch so wie sie immer Kyle auf den Hintern starrten, konnte das nicht sein. Sie wirkten gerade auf Männer mädchenhaft unschuldig und waren daher die perfekten Befragungsprofis. So mancher Verdächtiger hatte sich bei ihnen schon verraten, da ihre Abwehr einfach nicht bei den zwei Süßen ansprang.

Insgesamt war das Team überraschend jung. Außer dem Chief Inspector war noch keiner über dreißig und doch hatten sie zusammen schon eine Menge Erfahrung gesammelt.

Und jetzt war also Brandon auch dabei und wirkte wie ein Außenseiter, auch wenn sich die anderen bemühten ihn in Gespräche zu verwickeln oder am Abend in den Pub einladen wollten. Brandon hatte bisher immer abgelehnt.

McLean blickte aus seinem kleinen Büro heraus nachdenklich zu Brandon am Schreibtisch hinüber und kratzte sich durch seinen Bart. Er würde genau beobachten, wie er sich machte. Freund hin oder her, wenn jemand nicht ins Team passte, dann passte er eben nicht. Bis dahin würde er ein wenig über den Jungen selbst recherchieren. Er wollte gerne wissen, wen er da neu dazubekommen hatte.

*** *** ***

Brandon Royston hatte drei Dinge, die ihn auszeichneten.

Das erste war sein eigenes Talent. Er konnte rennen. Schnell und ausdauernd. Schon als Kind nutzte er das, um seine Schwestern durch den Park des familieneigenen Landguts zu jagen und wenn er sie gefangen hatte, gab es eine Kopfnuss, dass die Mädchen nur so heulten. Es machte ihm Spaß, doch als dabei dann doch mal Blut floss, war es damit vorbei. Ab dann jagte er nur noch Tiere. Katzen, Hunde, kleine Waldviecher. Ja, rennen und jagen. Das war sein Ding.

Das zweite war sein markantes Gesicht. Brandon war ein eher schlanker, fast schon schlaksiger Typ. Er wirkte mager und man sah ihn auch selten essen, aber dafür mit viel Kaffee. Seine Nase war größer geraten als für sein Gesicht passend war und war etwas gebogen, so dass man gleich an einen Geier denken musste. Dazu die stechenden blauen Augen, die immer missbilligend in die Gegend schauten, aber nie lange an einem Platz verweilen konnten. Brandons Blick huschte unentwegt umher, als suche er ständig etwas. Seine unruhige, undurchschaubare aber vor allem missgünstige Art ließ ihn einsam bleiben. Im Kindergarten oder der Schule hatte er keine Freunde. Während seiner Ausbildung war er nur dann mit anderen unterwegs, wenn es ein unvermeidbares Event wie die Abschlussfeier gab. Es machte ihm nichts aus, fand er doch seinesgleichen im Jagdverein. Ja, jagen. Das war sein Ding.

Das dritte Besondere an ihm war das viele Geld und die Geschichte seiner Familie. Diese Geschichte war auch eine Geschichte der Yorkshire Police. Brandons Vater, sowie dessen Vater und dessen Vater und… ach, das ging schon Jahrzehnte zurück, waren ohne Ausnahme im Polizeidienst tätig. Nicht selten als hoher Polizeichef. Der arme Brandon musste schon als Kind all die Geschichten seiner Vorväter anhören, die von Stolz sprachen und Loyalität der Krone gegenüber und die von Recht und Moral erzählten. Es langweilte ihn und er verstand nicht, was die alle so ein Gewese um die Gerechtigkeit und die Wahrheit machten. Trotzdem schlug er die gleiche Laufbahn ein wie seine männlichen Vorfahren, denn als Detective konnte er Mörder aufspüren, sie jagen. Denn das war sein Ding.

Durch seine Beziehungen kam Brandon recht schnell und einfach durch die Academy und es fand sich sogar direkt eine freie Stelle in seiner Heimatstadt Pocklington, was sehr schön und bequem war, da er also nicht umziehen musste und auf dem Anwesen seiner Familie wohnen bleiben konnte. Derzeit wohnten noch seine Großeltern und eine seiner Schwestern da. Seine Eltern lebten in einer schicken kleinen Villa in York, da sein Vater ja der Kriminaldirektor der Grafschaft war.

Der Job war langweilig und er hielt es nur ein halbes Jahr lang aus. Pocklington war eine Kleinstadt und da passierte nie viel etwas. Streitereien unter Nachbarn, kleinere Verkehrsdelikte, unbedeutende Diebstähle. Das einzig Gute war die viele ruhige Zeit und ab und zu ein Souvenir bei einem Hausbesuch für Zeugenbefragung. Es fiel niemanden auf, aber es war öde. Jeden Tag das Gleiche. Er wollte doch Straftäter jagen. So machte er also einen Anruf bei seinem Vater und bat um Versetzung ins Criminal Investigation Department nach York. Seltsam frohgestimmt hatte ihn die Polizeistation Pocklington verabschiedet und er nistete sich in der York'chen Villa der Eltern ein.

***

Brandon fühlte sich nicht wirklich im Team willkommen. Wahrscheinlich lag es an seinem familiären Hintergrund, dachte er sich. Immerhin hatte er eine bekannte Verwandtschaft und die anderen nicht. Leider musste er zähneknirschend eingestehen, dass er trotz dieser Beziehung nur als einfacher Detective hier war. Das sollte eigentlich alles ganz anders laufen. Er wollte ein Team zum Leiten haben, und nicht hier hocken und Listen vergleichen. Das schmeckte ihm gar nicht. Sein Vater war doch schließlich ein einflussreicher Mann! Andererseits, wenn er sich die Leute hier so genauer betrachtete, wollte er die lieber doch nicht als Team haben.

Ein Computer-Freak, ein arroganter Schönling, ein mürrischer Asiate und zwei Tussen. Eine Zusammenstellung, wie er sie sich niemals fürs CID vorgestellt hatte. Aber da konnte er noch nichts dran ändern.

Er ließ genervt den Bleistift fallen, auf dem er bereits heftig herumgekaut hatte, und blickte sich gereizt im Büro um. Es war ruhig, wie die letzten Tage auch. Valerie saß bei Mian am Schreibtisch und tuschelte mit ihm, während sie durch alte Akten blätterten. Kyle war unten im hauseigenen Fitnessstudio. Marc hatte heute fast so was wie Geburtstag. Ihm wurde eine komplett neue Computerarbeitsstation zur Verfügung gestellt mit Dingen, die Brandon noch nie gesehen, geschweige denn gehört hätte. Seit dem Morgen packte er neues Equipment aus und krabbelte unter den Tischen lang, um die Kabel zu verlegen und bastelte sich den Arbeitsplatz passend zurecht. Man hörte ihn ab und zu glücklich seufzen. Angelina war außer Haus zu einer Zeugenbefragung zwecks eines kleineren unbedeutenden Diebstahls.

Brandon schob seine hagere Gestalt in die Höhe und spazierte hinüber in die Teeküche. Er schnappte sich einen Becher - den letzten im Regal - und füllte ihn mit dem letzten Kaffee. Hoffentlich kochte nachher jemand eine neuen. Als er sich umdrehte, stand sein Chef in der Tür!

Groß und kräftig trat der Mann nah an Brandon heran. McLean war ein wahrer Riese mit dichten rot-blonden Haar und vollem Bart und sah eigentlich mehr nach einem Holzfäller aus. Doch er war angeblich ein sehr guter Detective und ging oft eher trickreich, denn gewaltsam vor. Seit Brandon vor einem halben Monat hier angefangen hatte, hat er davon noch nichts mitbekommen, doch in dieser Zeit hatte sich auch noch nichts Ernsthafteres ereignet.

Meistens war der Chief ein gutmütiger Typ, doch jetzt sah er sehr ungehalten aus. Bevor Brandon auch nur irgendwie reagieren konnte, nahm er ihm den Becher aus der Hand, schüttete den Kaffee aus und spülte den Pott gleich kräftig durch, stellte ihn abgetrocknet wieder sorgfältig aufs Regal zurück. Dann trat er wieder an Brandon heran.
"Dieser Becher ist privat, Brandon. Keiner, und wirklich Keiner, hat das Recht ihn zu nehmen! Schon gar nicht, wenn da drin Kaffee landet. Außerdem kochst du jetzt einen neuen Kaffee für alle und wäschst die benutzen Tassen aus. Und dann will ich in einer Stunde deinen Abgleich der Namen haben!"

"Ja, Sir", knirschte Brandon eine Antwort heraus und sah dem Chief Inspector nach, als er den Raum verließ. Er konnte diesen Typen einfach nicht leiden. Doch er kam nicht gegen ihn an. Er war ein guter Freund seines Vaters und er war auch nur aufgrund dieser Freundschaft hier. Er musste tun, was der ihm sagte, sonst würde er wohl wieder in Pocklington landen. Es wurmte ihn gewaltig.

So setzte er einen neuen Kaffee auf, fragte sich, warum er niedere Frauenarbeit machen musste, und starrte auf die blöde Tasse im Regal. Ein kleiner Comic-Geist in Wikinger-Outfit durchstreifte York-Castle und schwang die niedliche Nordaxt. Scheißbild, fand er. Ein Merchandise-Artikel aus dem gift shop des Castle Museum. Soviel er wusste, war das die Tasse eines gewissen Aiden. Er hatte den Namen immer schon mal in Zusammenhang mit völlig verschiedenen Fällen gehört, doch wer er nun war, wollte ihm keiner konkret sagen. Ein ziviler Berater des CID, sagte man ihm. Toll! Ein ziviler Berater, der eine eigene Tasse besaß, die keiner anfassen durfte. Wer war schon ein ziviler Berater?!

Er fluchte noch ein bisschen über diesen Aiden und seinen Chef, während er zurück an seinem Schreibtisch die Liste zu Ende brachte. Er freute sich auf heute Nachmittag, an dem er zur Jagd ins Moor gehen würde. Ja, rennen und jagen. Das war sein Ding.

***

Es waren mehrere Tage vergangen; für Brandon mit Langeweile und weiteren Listen, diesmal mit Orten und Kleinwaagen. Es war ätzend. Da war ja wirklich mehr in Pocklington los gewesen. Zum Glück hatte er aber gleich eine kurze Pause am Nachmittag, nachdem er sein Mittag verschieben musste. Die wollte er nutzen, um im Jagdgeschäft ein neues Messer zu besorgen, da er sein altes letztens im Wald verloren hatte und auch nach einer Stunde suchen nicht wiedergefunden hatte. Er vermisste das vertraute Gefühl des Griffs an seinem Bein, unten wo er das Messer im Stiefel trug. Er hatte sein Lieblingsmesser - ein Böker-Jagdmesser mit 10cm Stahlklinge - immer dabei. Doch jetzt fühlte er sich eigenartig nackt. Er würde sich wieder sicherer fühlen, wenn er ein neues dabei hatte.

Gerade als er seine Jacke anziehen wollte, dröhnte die Stimme seines Chefs vom kleinen abgetrennten Büro zu ihm rüber.
"Brandon, koch' Wasser und stell' die Tasse bereit. Ich erwarte Besuch. - Ach, wenn du was Spannendes erleben willst, musst du auf deine Mittagspause verzichten…" Und schon war er wieder in seinem Büro verschwunden. Brandon zog eine Grimasse. Tee heiß machen war oK, das war höchstens eine Minute, aber ganz auf seine Pause verzichten? Er wollte sein Messer kaufen! Doch andererseits würde er heute höchstwahrscheinlich diesen ominösen Aiden kennenlernen, wenn er DIE Tasse aus dem Regal nehmen sollte.

Die Neugierde siegte. Das Messer konnte er auch heute Abend noch besorgen. Also kochte er das Wasser und stellte den Becher mit dem Comic-Geist daneben bereit. Dann schlenderte er an seinen Schreibtisch zurück und wartete darauf, was nun geschehen würde…

Und was er zu sehen bekam, war so seltsam und unreal, wie ein Film von M. Night Shyamalan. Und doch war es das reale Leben…

...


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