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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Demon Soul - Teil 11: Aussprache"

 


Aiden hielt sich die Ohren zu und schüttelte heftig den Kopf. Als das nichts brachte, schob er Gabe endlich von sich weg, der sich zwar ins Wohnzimmer abschieben ließ, aber noch immer so laut und schallend lachte. Auf dem Sofa liegend, ein Kissen knautschend, kicherte er bald nur noch und versuchte Aiden mit Tränen in den Augen zu erklären: "Reece… alles ist Vampir", brachte er aber nur heraus und gluckste erneut.
Dass Aiden nun Reece wiederum mit Zettel und Stift erklären musste, dass alles in Ordnung sei und der Übeltäter schon in weiter Ferne war, beruhigte ihn auch nicht gerade. Immer wieder lachte er erneut auf und fühlte sich regelrecht befreit, genoss, dass er und Aiden sich vor Reece nicht verstecken mussten wie bei fremden Menschen und war froh, dass sein großer Bruder wieder bei ihm war und mit ihm reden wollte; konnte sich bei diesen Gedanken endlich wieder fangen und lag bald ruhig auf der Couch.

Doch untätig war er nicht. Neugierig bespitzelte er die beiden in der Küche. Wie Reece sich auch erklärte, wie Aiden ihm die Geisternatur kurz näher erläuterte - auch am Tag könnten sie raus - wie fürsorglich Reece war und Aiden die Haare vorsichtig aus der Stirn strich, die durch das wilde Kopfschütteln durcheinander gerieten und ihn anlächelte. Und erkannte sanft schmunzelnd, dass mehr im Herzen seines Vampirs passierte, als nur die Freude und Erleichterung über das Wiedersehen mit seinem Kleinen.

***

Während Aiden nach oben in sein Schlafzimmer verschwand, um sich für ihren Spaziergang noch einen Pullover zu holen, verstaute Reece seine wenigen Übernachtungssachen wieder ordentlich in der kleinen Sporttasche, die er vom Auftritt mitgenommen hatte. In heimlicher Hoffnung auch noch die nächste Nacht hier verbringen zu können, räumte er sie hinter das Sofa, und ging bereits neugierig hinunter in den Laden. Denn in der Nacht hatte er kaum etwas davon sehen können. Gabe begleitete ihn.

Doch kaum unten angekommen, musste Reece sich zuerst einem langen prüfenden Blick von Aidens Großvater stellen. Es kam schon häufiger vor, dass ein Geist Aiden bis in den Laden folgte, oder bei Aiden in der Wohnung sich ihm gar zuerst zeigte. Meistens in der Nacht, was nicht selten zu unheimlichen, wenn auch zum Glück harmlosen Szenen führte.

Doch noch nie passierte es, dass zum Geist gleich noch ein Mensch dabei war. So war es nicht verwunderlich, dass Grandpa Wil diesen jungen Mann intensiv betrachtete. Gabe wurde schon ungeduldig, dann besorgt. Was gab es da noch groß zu überlegen? Erst als ein völlig argloser aber freudiger Aiden ihnen von der Treppe aus entgegen kam, lächelte William Reece zu und nickte.

Zur Begrüßung Aidens nahm Grandpa Wil ihn fest in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die unbändigen Haare… schob ihn dann bestimmend zu Reece. Gabriel hatte nämlich William bereits über alles informiert und so wollte Aidens Grandpa die drei nicht länger aufhalten und scheuchte sie gleich lachend hinaus, auf dass er im Geschäft wieder seine Ruhe hatte. Denn auch er hatte vorhin Gabe laut lachen gehört. Wirklich: ein sehr ungestümer junger Geist. Dieser Geist flüsterte William noch schnell ein ernstes "Danke" zu und entschwand grad durch die bereits wieder geschlossene Tür.

***

Gemütlich spazierten Sie zum Fluss hin, entlang am Ufer, bis sie über die Market Street in die Shambles kamen. nach unten

Aiden zeigte aufgeregt, welche der Geschäfte er mochte und welche nicht. Sie merkten, dass sie da nicht immer ganz einer Meinung waren. Reece war doch sehr erstaunt, wie viele Interessen Aiden hatte. Er konnte sich für viele Dinge begeistern, ohne jedoch gleich komplett darin zu versinken. Reece dagegen konnte sich immer nur auf wenige Dinge konzentrieren, dafür auf diese dann richtig. Wie seine Musik. Sie war ihm das Wichtigste und das restliche Leben gestaltete sich um seine Band, die Proben und Auftritte.

Und erneute überraschte es Reece wie gut er Aiden verstehen konnte. Er musste sich nur daran gewöhnen, Aiden immer direkt anzuschauen, wenn er eine Frage stellte. Das war jedoch kein Problem, konnte er doch so ohne Ausrede immer wieder in diese herrlichen schokobraunen Augen sehen, die ihn enthusiastisch anstrahlten.

So genossen sie den wunderbaren sonnigen Nachmittag und saßen bald im Park, nahe den Ruinenteilen alter gotischer Fenstermauern, hinter großen Bäumen. Aiden schleckte ein Eis und Reece hatte sich einen großen Cafe Latte geholt.

Gabe vertrieb sich die Zeit, indem er zwei Eichhörnchen in den Bäumen erschreckte, doch dann wurde es langweilig und er kam zu den beiden auf die Wiese, kuschelte sich näher bis er seinen Kopf auf Aidens Beinen liegen hatte und ließ sich genüsslich durch die Haare kraulen. Aiden konnte das aber auch zu gut…

Es herrschte eine friedliche Stille, in der man nur das leise Knuspern hörte, als Aiden auch der restlichen Eiswaffel den gar aus machte.

Reece blickte derweil abwesend vor sich hin, lauschte zwar Aidens Waffelknuspern, war aber in Gedanken weit weg. Endlich sprach er leise, fast wie nur für sich: "Gabe hat auch immer so gern Eis gegessen…"

Aiden starrte Reece' Profil an und wusste darauf nichts zu antworten. Die Traurigkeit in den Zügen des anderen stimmte ihn genauso unglücklich. Dann blickte er zu Gabe hinab.
Du musst mir helfen, Gabe. Erzähle ihm, wie alles passierte. Ich glaube, er macht sich noch immer Vorwürfe, dass er dran schuld war.
"Soll ich wirklich? Kannst du es, Aiden? Nicht, dass es wieder so knapp ist wie gestern Abend."
Keine Sorge, ich bin ausgeschlafen und diesmal passen wir genau auf. Ich werde dir direkt sagen, wenn es zu viel wird und du weißt, auf welche Anzeichen du achten musst.
Gabe nickte dazu, dann schob er sich nach vorn, auf Aiden zu und weiter, bis er das warme Gefühl wieder spürte und sich sofort in dem anderen Körper wohl fühlte. Dann ließ er sich zur Seite rutschen, lehnte sich an Reece und umarmte ihn, wie er es als Bruder auch immer getan hatte.
"Es ist alles gut, Reece. Ich bin hier bei dir", sagte er dann mit Aidens Stimme und freute sich, als er die Finger seines Bruders in seinen Haaren spürte, wie sie sachte hindurch strichen. Er seufzte zufrieden und wartete geduldig, bis Reece ihn endlich bewusst wahrnahm.

Erst nach einigen Minuten blickte Reece ihn direkt in die nun blauen Augen, dann lächelte er glücklich, aber auch besorgt.
"Du sollst doch nicht so etwas Gefährliches machen, Aiden, Gabe. Aber danke, dass ich dich sehen darf." Er schloss die Augen und lehnte seine Stirn an Aidens.
"Es tut mir so leid, Gabe. Ich wollte nie, dass das passiert. Wir hatten uns den Tag so schön ausgemacht und ich war sogar pünktlich fertig in der Uni, und dann doch: da kam der blöde Tutor und hat mich vollgequatscht, ewig lang, wegen der scheiß Lerneinheit und den letzten Prüfungen und ich wollte fort, doch er hat mich tatsächlich am Rucksackgurt festgehalten. Dabei ging es gar nicht um mich, sondern um die blöde Tussi aus unserer Lerngruppe, um die er sich wegen der Prüfungen Sorgen macht. Ich hätte ihr mehr zu helfen… so ein quatsch. Er ist doch der Tutor, nicht ich. Ich habe ihn dann richtig grob weggeschuppst und bin eilig los und dann, als ich an der Kreuzung ankam, da habe ich es Krachen gehört. Ein Quietschen und Kreischen von Metall auf Metall und da war schon so eine schreckliche Ahnung in mir und ich wollte da gar nicht hin … aber ich musste … und da … da warst dann du, Gabe…", zitternd stockte Reece, brachte kein Wort mehr hervor, aber umarmte Aiden viel zu fest, dass Gabe die Luft wegblieb. Doch er streichelte ihm nur beruhigend über die Arme und nach einigen Momenten begann er zu erzählen.

"Es war nicht deine Schuld, Reece. Ich war zu ungeduldig, wollte dir entgegenkommen, zumal doch auf der Strecke das italienische Eiscafe liegt. Ich weiß, dass es dekadent ist, auch im Winter dauernd Eis zu holen, aber ich hatte einfach Lust darauf. Und dann bin ich weiter gelaufen, in Gedanken versunken. Und plötzlich habe ich auch die Reifen quietschen gehört und wusste nicht was los war, da kam auch schon das Auto auf mich zugerutscht, weil doch an diesem Tag die Straßen vom Eisregen alle so glatt waren. Und dann… dann war nichts mehr… alles schwarz und leer… ich wusste nicht woher und wohin… und dann habe ich langsam meine Umgebung wieder erkannt, die Unfallstelle und die Straße bis zum Eiscafe hin. Weiter bin ich nicht, konnte ich nicht. Ich bin immer da hin und her und keiner wollte mich ansehen oder erkennen und dann stand ich plötzlich vor Aiden, natürlich hatte er sich gerade ein Eis geholt. Er sah mich direkt an und sprach auch mit mir. In meinem Kopf. Seit dem bin ich bei ihm und kann überall hin, wohin ich will. Er scheint eine Blockade gelöst zu haben."

Reece hörte der Erzählung Gabes ruhig zu. Doch dann sagte er noch einmal: "...wenn ich nicht so rumgetrödelt hätte, wäre das alles nicht passiert."

Gabe schüttelte nur den Kopf. Wenn Reece sich was in den Kopf gesetzt hatte, dann war es nicht so leicht ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Fast wütend schimpfte er daher los: "Jetzt ist aber gut, Reece. Wenn du schon jemanden die Schuld geben willst, dann dem blöden Tutor, oder den Autofahrern oder gar dem Eiscafe, weil es auch im Winter auf hat, und vor allem mir, weil ich da unbedingt hinwollte…"
"Aber, Gabe, ich…"
"Kein ABER! Reece, verdammt! Merkst du nicht, dass es auch was Gutes hat?"
"WAS!?! GABE, bist du verrückt gewor~…"

Gabe sah keinen anderen Ausweg mehr. Er ignorierte einfach alles um sich herum, von Reece' Aufschrei verschreckte Passanten und Eichhörnchen, einen ungläubigen Aiden in sich und vor allem einen aufgebrachten Reece, der die Klappe einfach nicht hielt. Er küsste ihn. Und erfreute sich an plötzlicher angenehmer Stille.

Dann, nach vertrauten zärtlichen Momenten, löste er sich und blickte Reece lächelnd an.
"Merkst du es, Reece? Es ist alles gut so wie es ist. Ich werde Aiden nicht mehr verlassen, solange er es nicht selbst will. Er hat mich gerettet und viele andere bereits vor mir und er braucht meinen Schutz. Aber so weißt du, dass ich immer bei ihm bin. Es ist nun deine Entscheidung, wo du sein wirst."
Mit diesen Worten verließ er zufrieden Aidens Körper und ließ diesen vom Seelentausch noch etwas verwirrt und schwer atmend in Reece' Armen zurück.

 

~~~

 

[1]

York ist eine der ältesten Städte in Britannien. Bereits im Jahre 71 siedelten sich dort Römer an, die eine militärische Basis aufbauten. Damals schon wurde das Lager mit einer festen Stadtmauer umzogen, die immer wieder erneuert wurde. Die heutige Stadtmauer wurde zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert gebaut und ist die besterhaltene komplett begehbare Stadtmauer Great Brittans. Einzelne Stadttore sind noch älter als die Mauer selbst und können auf das 11. Jahrhundert datiert werden.

Die Stadtteile um den Minster herum bestehen aus engen, mittelalterlichen Straßen, die oft einfach über noch älteren Straßen gebaut wurden. "Stonegate" und "The Shambles" sind hier die berühmtesten Straßen, die mit allerlei kleinsten Geschäften für reges Treiben sorgen.

In der Vergangenheit gab es viele Veränderungen für York: u.a. regierte hier Konstantin der Große, Wikinger nahmen die Stadt ein, William der Erobere eroberte, das Minster war Ort vieler adliger/ königlicher Hochzeiten.

Die also so alte und geschichtsträchtige Stadt York trägt den Titel "von Geistern meist heimgesuchte Stadt der Welt". Man sähe unter anderem Römer, die in Reih und Glied die altrömischen tiefer gelegenen Straßen entlang marschierten, sodass sie erst ab Kniehöhe zu sehen wären.

Übrigens ist Münster die deutsche Partnerstadt Yorks.

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