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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Schloss: ABC-Trilogie - Teil 3"

 


An diesem Morgen, an dem ich in den Armen meines geliebten Xavier aufwache, bin ich weder von ihm, noch von Rahim oder irgendeinem anderem aus dem Schloss geweckt worden, sondern es ist die Sonne, welche hell durch die hohen Fenster fällt und mich an der Nase wachgekitzelt hat.

Blinzelnd schaue ich in den weiten, wolkenlosen Himmel, gähne ungeniert und räkel mich wohlig in dem großen Bett und entdecke schließlich den durchscheinenden Körper Rahims.

Cremefarbene und weinrote Vorhänge schimmern durch ihn hindurch, die er noch in Händen hält; also hatte mich doch nicht allein die Sonne geweckt.

Durchschaut blickt er mich entschuldigend an, lässt die Vorhänge los und kommt lautlos zu mir geschwebt.

„Einen schönen guten Morgen, Rahim“, begrüße ich ihn und sage mir, dass dieser herrliche Tag wirklich ein Grund ist, von ihm so zeitig geweckt zu werden, auch wenn die vergangene Nacht lang und anstrengend war, was mir stillschweigend ein noch tief schlafender Xavier bestätigt.

Fröhlich lächelt Rahim wieder, als er sieht, dass ich nicht böse auf ihn bin und beginnt mir schließlich auch die Bettdecke mit den aufgeregten Worten wegzuziehen: „Komm, aufstehen, der Garten wartet.“

Genießend strecke ich mich noch einmal, bevor Rahim mich endlich aus dem Bett zieht und ins Bad drängt.

„Habe schon alles vorbereitet und während du dich fertig machst, versuche ich ihn aus den Federn zu holen.“

Ich lache leise auf, da ich weiß, wie ungern Xavier so zeitig aufsteht, noch dazu geweckt von einem heute besonders gut gelaunten und aufgeregten Rahim.

Ja, heute ist er besonders glücklich und dieses Glücksgefühl steckt an, nicht nur mich sondern alle Bewohner des Schlosses.

Keiner wird einen trübsinnigen Tag erleben, wenn Rahim fröhlich ist.

Leckerer Duft von Kaffee und frischen Brötchen locken schließlich auch Xavier aus dem Bett, zu mir ins Bad und bald in einfache Kleider, die Rahim bereits für uns herausgesucht hat.

Meine beiden Treppenwächter folgen, als wir schon bald an ihnen vorbeigehen und hungrig stürzen sich die zwei Katzen auf das von den beiden anderen Geistern für sie bereitgestellte frische Fleisch.

Nuss-Nougat-Creme und Erdbeermarmelade sind Xaviers und mein Frühstück und auf warmen Brötchen schmeckt es gleich noch mal so gut.

Ohne Worte weiß Rahim immer, auf was ich Lust habe und so steht jeden Morgen ein anderes abwechslungsreiches Frühstück auf dem Tisch.

Planmäßig werden wir alsbald von ihm wieder aufgescheucht, damit wir endlich in den Garten gehen können.

Quietschend öffnet sich die große, alte Eichentür und wir treten in den strahlenden Tag hinaus.

Rahim aufgeregt vorneweg, dahinter schleichen elegant meine Katzen einher, sich nicht daran störend, dass die beiden anderen Geister sie neckend an den Schwänzen ziehen.

Schimmernd liegt der See seitlich zu uns und im Gegensatz zum letzten Abend ist seine Oberfläche heute glatt und ruhig.

Torflandschaft erstreckt sich weit dahinter und saftiges Gras bedeckt die seichten Hügel.

Unweit vor uns sehe ich schon den Garten mit seinen großen Bäumen, Sträuchern und anderen Gewächsen aller Art, die man sich auf der Erde nur vorstellen kann.

Vor so vielen Jahrhunderten schon angelegt, ist der Garten immer gut gepflegt, sodass man die Schönheit fremder Pflanzen auch hier in aller Ruhe genießen kann.

Weit voraus, befindet sich Rahim bereits an dem kleinen nostalgischen Türchen, um es uns aufzuhalten.

Xavier sieht dieses kleine Paradies nun zum ersten Mal und folgt mir nur mit staunenden Blicken.

Yuccas, Silberpappeln und Steineichen empfangen uns und führen uns in einer wilden Allee direkt zu einem kleinen Teich, auf dessen glitzernden Oberfläche Seerosen in allen Farben wachsen.

Zusammen verbringen wir einfach einen gemütlich faulen Tag in dieser herrlichen Umgebung – nicht ahnend, dass wir uns bald Sorgen um den liebsten Freund machen müssen.

 

(11.02.2012)

 

Teil 2