zurück zur Bibliothek

 

 

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Schloss: ABC-Trilogie - Teil 1"

 


Auch heute werde ich wieder abrupt aus meinem Schlaf geweckt.

Bereits zur frühen Stunde höre ich das laute Scheppern von Metall auf den Gängen meines Schlosses.

Charmant wie immer wird mir kurz darauf die Decke weggezogen, schwebt einen Moment in der Luft bis sie zu Boden fällt und ich aus noch verschlafenen Augen der weiß schimmernden Gestalt entgegen blinzle, welche mich aus ihren tiefblauen Augen anlächelt.

„Du musst doch aufstehen, dein Besuch kommt bald“, ruft die sanfte Stimme und zieht mich voller Energie aus dem Bett ins angrenzende Bad, während zwei weitere durchscheinende Geister im Zimmer auftauchen und mein Bett aufschütteln und die Vorhänge ganz aufzuziehen.

Es erstaunt mich immer wieder, wie man zu so früher Stunde so munter und fröhlich sein kann, obwohl ich die drei aufgeweckten Geister nun schon lange kenne.

Für mich ist es jedoch besser so – verschlafe ich doch nicht den ganzen Tag.

Grummelnd verschwinde ich also im Bad und scheuche meine drei guten Geister aus dem Raum; mit dem Auftrag, im Gang wieder Ordnung zu machen.

Heißes Wasser plätschert auf mich nieder und ich genieße die wenigen Minuten Ruhe, bevor der Trubel wirklich losgeht.

Ich freue mich auf meinen Geliebten, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe und welcher heute endlich mit hier einziehen wird, aber meine Aufregung kann nicht mit derer meiner drei Geister konkurrieren.

Je mehr sie mir bei der Vorbereitung helfen, desto mehr geht schief und da denke ich nicht nur an heute Morgen, als sie wahrscheinlich die alten Rüstungen polieren wollten, sie jedoch gleich die Treppe hinabgestoßen haben.

Kurze Zeit später bin ich fertig und gehe die langen, alten Flure zu der breiten Treppe, die am Anfang von zwei steinern aussehenden Großkatzen bewacht wird.

Leise steige ich die Treppen hinunter und kraule der einen Katze zärtlich hinter den Ohren, worauf ich mit einem leisen Schnurren belohnt werde; das steinerne wandelt sich unter meinen Fingern sofort in seidiges, glänzendes Fell.

Mit einem zufriedenen Knurren springt der Löwe von seinem Podest und folgt mir auf samtenen Pfoten, während der schwarze Puma mit einem Satz auf der anderen Seite neben mir ist und den Kopf an meinem Bein reibt, um ebenfalls einige Streicheleinheiten zu erhaschen.

Natürlich werde ich von drei fürsorglichen Geistern mit einem köstlichen Frühstück in der Küche erwartet.

Ohne lange zu zögern, werde ich von dem am hellsten schimmernden Geist mit den so herrlich blauen Augen an den Tisch gezogen und bedient; meine beiden Katzen werden von den anderen Geistern versorgt.

Plötzlich werde ich von meinem Geist wieder vom Tisch gezogen und auf meinen fragenden Blick erhalte ich nur ein liebes Lächeln.

Quirlig schwebt er vor mir her und zeigt mir aufgeregt das Schloss und mit Erstaunen stelle ich jetzt erst fest, dass meine drei Freunde die Nacht über nicht nur den Eingangsbereich, sondern wirklich das ganze Schloss in all dessen Pracht für den Empfang meines Geliebten vorbereitet haben.

„Rahim, es sieht herrlich aus“, ist das einzige, was ich sagen kann und blicke mich freudig um, sehe dann, wie Rahim seine ganze menschliche Gestalt annimmt und mich so lange kräftig umarmt, bis er die feste Gestalt nicht mehr aufrecht erhalten kann und in seine geisterhafte Form zurückkehrt, die blauen Augen leuchten jedoch noch immer intensiv.

„Schön, dass es dir gefällt; er soll sich bei uns wohl fühlen.“

Tränen der Rührung stehen in meinen Augen, so froh bin ich, dass mein Schloss und seine Bewohner meine Liebe akzeptieren und mich sogar tatkräftig unterstützen.

Um mich auf meinen kommenden Besuch vorzubereiten, drängt mich Rahim wieder auf mein Zimmer.

Voller Energie sucht er mir ein passendes Kleid heraus, frisiert mir die langen Haare und verteilt auch etwas Farbe in meinem Gesicht; so schnell und sicher, dass ich es besser nicht hinbekommen hätte.

Wie begeistert er ist, sich so um mich zu kümmern, kann ich aus den glänzenden Blau seiner Augen erkennen und dem unentwegten Reden, bis ich fertig vor ihm stehe und er diesmal still sein Werk bewundert, mich schließlich eilig aus dem Zimmer scheucht, auf die Treppe postiert, dann eilig zum Tor schwebt, um den soeben eingetroffenen Besucher die Tür zu öffnen.

Xavier tritt ehrfurchtsvoll ein und sein Blick fällt sofort auf die liebliche Gestalt auf der Treppe, welche ein helles Kleid trägt, mit glitzernden Silberfäden durchzogen, genauso wie die langen Haare mit Silbersträngen verflochten sind.

„Yamilé“, ruft er nur, ergriffen von dem Moment sie endlich wieder zu sehen.

Zeitgleich geht er auf sie zu und hält sie einfach nur fest, glücklich sie einfach bei sich zu haben; bis er die unverfrorenen Blicke der drei Geister und der beiden Katzen spürt, Yamilé einfach auf die Arme hebt und sie mit einem liebevollen Lächeln in ihre Räume trägt.

 

(11.02.2012)


 

Teil 2