zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Fest - Teil 3"

 

 


 

Kapitel 3: Die Geburt

 

Wir kamen alsbald im Hause Cathal an. Ilari begleitete mich auf mein Zimmer. Ich wollte mir meinen guten Anzug anziehen, doch seine sanften Hände hielten mich zurück. Stattdessen öffnete er einen Wandschrank, der mir bisher verborgen geblieben war. Die goldenen Paneelen der Wand waren so geschickt mit Schnitzereien verziert, dass sie als einzelne Türen unmöglich erkennbar waren.

Darin tummelte sich Kleidung in so reichlicher und bunter Auswahl, wie ich in keinem Bekleidungsgeschäft je gesehen hatte. Bald erkannte ich, dass es doch eine gewisse Anordnung in diesem Durcheinander gab. Während die Mitte von ausgesprochener Farbvielfalt überquoll, war die linke sehr viel kleinere Seite mit warmen rot-braunen Kleidungsstücken belegt. Die rechte Seite beinhaltete nur wenige und einfache alltägliche Kleidung. Ein einzelner auffälliger grün-samtener Umhang hing dort. Genau diesen griff sich Ilari und hielt ihn mir hin.

Ich nahm ihn an und betrachtete ihn genauer. An den Säumen entlang war er mit goldenen Ornamenten bestickt. Ansonsten war er sehr einfach gehalten und als ich ihn mir umlegte war er wie für mich gemacht.

"Er steht dir ausgezeichnet, Aiven. Du solltest dich noch einmal im Bad frisch machen. Wenn du soweit bist, komme einfach nach unten in die Eingangshalle." Er küsste mich sacht und flüsterte: "Und wie seltsam auch die nächsten Stunden für dich sein werden, habe keine Furcht oder gar Zweifel. Cathal und ich sind nur für dich da." Und erneut ließ er mich mit rätselhaften Gedanken allein zurück.

***

Ich stieg noch einmal in das tiefe weite Bassin; das Wasser war wieder warm und wohlriechend. Dann zog ich mir die Hose vom Tag, jedoch ein neues Hemd an, ließ dieses am Kragen offen. Die bequemen Stiefel erschienen mir auch jetzt eine gute Wahl. Mit dem warmen Umhang im Arm begab ich mich schließlich in den Empfangsbereich.

Dort stand Duncan und wartete auf mich. "Herr Aiven, Herr Ilari ist bereits aufgebrochen. Sorgt Euch nicht, Ihr seid nicht zu spät. Es muss noch einiges im Tempel vorbereitet werden. Ich werde Euch nun hinbringen." Er lächelte mir wohlwollend entgegen und öffnete mir die Tür nach draußen.

Es war noch nicht ganz dunkel. Letzte Sonnenstrahlen tauchten das Meer in goldenes Licht und die kaum erkennbare Sichel des Neumondes war gerade über dem Tempelberg zu sehen. Der Himmel war sonst wolkenlos und es würde eine klare, angenehm kühle Nacht werden.

Duncan führte mich sicher durch die von Fackeln erleuchtete Stadt und erzählte mir kleine Anekdoten von verschiedenen Plätzen, die wir passierten. Er war ausgesprochen höflich und ich war sicher, seine Freundlichkeit war ehrlich und aufrichtig. Er war ein charakterstarker Mann, der seine Pflicht ernst nahm, aber Freude hatte an dem, was er tat.

Ein leises aber stetiges dumpfes Schlagen wurde mir bewusst, als wir uns dem Tempel näherten. Erst dachte ich, es wäre mein Puls. Doch es wurde lauter und klarer als die Wege steiler und oben von Treppen abgelöst wurden. Es war eine einzelne große Trommel, die andauernd im gleichen Takt schlug. Es war ein durchdringender Klang, der meinen eigenen Herzschlag vereinnahmte und schon bald ging ich im Gleichtakt.

Das hohe Tor war geschlossen. Duncan hielt mich auf der kleinen Terrasse davor an und gab mir ein paar Minuten meinen Atem vom Aufstieg zu beruhigen. Er nahm mir den Umhang aus der Hand, legte ihn mir schwungvoll um und schmückte mich mit einer ausgesprochen schönen Fibel auf der linken Seite. Ich erkannte das Sonnensymbol wieder. Es war mir bereits an der Eingangstür von Cathals Haus aufgefallen, genauso wie an diesem riesigen Tor. Auch an anderen Eingängen sah ich sie schon, jedoch nur an den auffällig edlen Herrenhäusern.

Er richtete mir noch einmal die halblangen Haare mit einem samtenen Band, dann war er zufrieden. "Wir gehen hinein, wenn die zweite Trommel gleich einsetzt. Ich werde Euch an Euren Platz führen und bis zum entsprechenden Zeitpunkt an Eurer Seite sein. Ihr werdet die Herrin dieses Volkes kennenlernen. Sie führt die Zeremonie durch bis Cathal kommt." Er legte seine Hand über die Fibel, die genau über meinem Herzen lag. "Und wenn es soweit ist, folgt nur noch Eurem Herzen, Herr Aiven."

Diese und Ilaris früheren Worte überzeugten mich, dass ich bei dieser Zeremonie mehr eingebunden war, als nur als bloßer Zuschauer. Ich vertraute allen dreien, Cathal, Ilari und Duncan, und als die zweite Trommel einsetzte und der Diener mich hineinführte in eine Welt so überwältigend und anders, begann ich nur noch zu fühlen.

***

Es war ein riesiges Gewölbe, von unzähligen Kerzen beleuchtet. Die beiden Trommeln im Dunklen schlugen einen verwirrenden Rhythmus. Die Menschen der Stadt standen dicht beieinander, alle in bunte Umhänge gehüllt. Ich konnte nicht weit sehen und hielt mich nah bei Duncan. Dieser ging unbeirrt gerade voran und die Menge teilte sich vor ihm, schloss sich direkt wieder hinter mir.

Der Kreis der Menschen umschloss einen steinernen Altar, mit Sonnensymbolen verziert.

Eine dritte Trommel begann zu schlagen. Die Menge teilte sich abermals und mir gegenüber trat eine wunderschöne Frau in den Kreis. Sie trug ganz goldene Kleidung und Geschmeide. Das Haar war kunstvoll nach oben gesteckt und Sonnenschmuck hineingearbeitet. Sie war sehr zierlich und doch verbreitete sie eine Aura der Macht. Und als ich in ihre Augen blickte, sah ich das Alter darinnen.

"Es ist eine besondere Nacht", hob sie die Stimme an und obwohl die Trommeln nicht leiser spielten, konnten alle sie hören. "Sonst halten wir diese Feier bei vollem Mond. Doch dieses Mal zeigt sich der Neumond. Es ist selten und umso wertvoller. Mein Sohn Cathal wird diese Nacht sein zweites Kind bezeugen und somit seine Seele vollständig gestalten."

Sie kam geschmeidig um den Altar herum. Fast erschrocken bemerkte ich, dass sie direkt auf mich zuhielt. "Aiven, ich heiße dich willkommen." Sie sprach leise, nur zu mir. "Du brauchst keine Angst zu haben. Du hast ein gutes Herz, dass sehe ich." Ihre warmen Finger streichelten mir über die Wange, den Hals hinab und blieben schließlich auf der goldenen Fibel liegen. "Und das spüre ich", fuhr sie fort. Sie nahm die Hand wieder weg und hatte die Fibel in ihren Fingern. Mein Umhang glitt über meine Schultern hinab, doch da war Duncan. Er fing den schweren Samt auf, folgte ihr zum Altar hin und legte den Stoff ausgebreitet über den Stein.

"Duncan, treuer Diener des Hauses Cathal, bist du willig, auch dem zweiten Kinde Cathals loyal zu dienen?" "Ja, Herrin", lächelte dieser sacht und streckte ihr seine Hand entgegen. Sie musste sich ein wenig strecken, um ihm den feinen Kuss auf die Stirn geben zu können. "So nehme ich dein Blut als festen Bund", sprach sie noch leise, bevor ein langer Dolch in ihren Händen aufblitze und ihm einen kleinen Schnitt auf der dargebotenen Hand zufügte. Sie ließ einige Tropfen davon auf den grünen Samt fallen, dann legte sie Duncan ein kleines Tuch um die Wunde. Es hatte bereits mit bluten aufgehört, als er zu mir zurückkam.

Eine vierte Trommel begann zu schlagen. Schneller und aufregender als die anderen. Die Menschen teilten sich erneut und Ilari trat in den Kreis auf die Herrin zu. Er trug, wie konnte es anders sein, einen rot-goldenen Umhang mit gleicher Fibel verschlossen. "Ilari, erstes Kind des Hauses Cathal, bist du willig, auch dem zweiten Kinde Cathals deine Liebe zu schenken?" "Ja, Herrin", lächelte er sanft, blickte mich an, als seine Blutstropfen auf den grünen Samt fielen. Es brachte mir die Erkenntnis! Die ganze Tragweite meines Hierseins.

Ich fühlte meine Beine zittern, meine Hände kalt werden. Das Atmen fiel mir schwer. Ilari! Erstes Kind! Ich!

Eine fünfte Trommel schlug an. Gegen den Rhythmus aller anderen. Es brachte mein Herz zum Stolpern. Die Menge teilte sich erneut und endlich, endlich sah ich Cathal wieder. Meine Sehnsucht brandete über mich herein, wie ein Orkan.

Cathal war schöner denn je. Seine tief rot-braunen Augen glänzten feurig. Die wilden Haare im Zopf kaum gebändigt. Der dunkle Samtumhang verbarg seine hohe, kräftige Figur. Er ging auf die Herrin des Tempels zu, beugte sich ihr entgegen. Auch ihm gab sie einen Kuss auf die Stirn, dann fielen Blutstropfen auf den Samt.

Er blickte zu mir, ebenso sehnsuchtsvoll und unergründlich. Mein Herz schlug noch schneller, die Trommeln passten sich ihm an. Da waren Hände auf Cathals Schultern. Ilaris Hände. Sie strichen liebkosend über Cathals Brust hin zum Herzen, glitten unter den Umhang. Cathal legte den Kopf genießend zurück, an Ilaris schmale Schulter und ich sah, dass Cathals Oberkörper unter dem Samtstoff unbedeckt war.

Die bronzene Haut schimmerte hervor und wie sehr wünschte ich, mehr davon zu sehen. Bittend blickte ich in Ilaris goldene Augen. Er knapperte an Cathals Hals und löste den Sonnenschmuck. Cathal war vollkommen nackt.

Durch sanftes Schieben zwang Ilari Cathal auf den Altar nieder, streichelte ihn mit Händen und bald auch mit Küssen. Wo zuvor der kalten Schrecken saß, spürte ich jetzt nur noch Hitze. Mein Blut brodelte. Mein Cathal, wie er genießend auf grünem Samt lag, sich Ilari hingab, ihm entgegen kam. In meinen Ohren rauschte es. Ich hörte nur sein Stöhnen, spürte seinen brennenden Blick auf mir, seine Hand streckte sich mir hoffend, begierig entgegen.

"Folge deinem Herzen", sind die letzten Worte, die ich neben mir hörte. Der letzte zusammenhängende Gedanke, der mir klar in Erinnerung blieb. Dann wurde ich von vier Händen empfangen und endlich konnte ich Cathal wieder riechen, seinen süßlich-herben Duft, der mich so sehr an Zedernholz erinnerte. Und ihn erstmals schmecken. Ihn ganz an mir spüren. Haut an Haut. Und dazwischen der fruchtig leichte Duft Ilaris.

Cathals Berührungen waren fest, vereinnahmend. Seine Küsse ungebändigt. Er hielt mich auf sich, erkundigte meinen ganzen willigen Körper. Der Schmerz war unerwartet und heftig. Und so sehr ich Cathal in mir genießen wollte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten - Er wurde sanfter, langsamer. Ilari stütze mich von hinten und lenkte mich mit tröstenden Worten und feinen Küssen über Gesicht und am Hals ab. Er knabberte auch hier und bald hatte ich mich so gewöhnt, dass Cathal den hämmernden Rhythmus einer weit entfernten Wirklichkeit wieder aufnahm. Mir blieb nichts anderes als ihm zu folgen, und mit jedem Stoß verging ich mehr in Gefühl und Liebe.

Ilaris Küsse an meinen Hals wurden intensiver, ein feiner Schmerz. Seine Hände wanderten nach unten, berührte mich und auch Cathal. Er schob sich höher, drängte mich nach vorn, so dass ich Cathal küssen konnte, seinen Geschmack wieder erleben konnte. So süß. Das warme Nass.

Nie gekannte Empfindungen durchliefen mich jäh. Das Stakkato der Trommeln drang tiefer in mein Innerstes, Ilaris Duft wurde durchdringender, seine Berührungen intensiver. Cathals Bewegungen noch zwingender. Er trieb mich voran. Weiter, weiter in seine Welt, in der ich letztlich Erlösung fand.

Dann war samtene Dunkelheit.

***

 


 

Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5