zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Fest - Teil 2"

 

 


 

Kapitel 2: Der Tag vor Neumond

Neue aber nicht ungewöhnliche Laute drangen am nächsten Morgen durch das geöffnete Fenster zu mir herein. Da waren bereits seit frühster Stunde die Vögel zu hören. Laut und aufgeregt zwitscherten sie. Später kamen angenehme Stimmen von Menschen dazu, die schon zeitig draußen unterwegs waren. Sie lachten warm, sprachen sanft miteinander, so wie ich Cathal und auch Ilari kennen gelernt habe.

Ilari! Er lag ganz an mir. Eines seiner Beine hatte sich zwischen meine geschoben. Sein Gesicht lag in meiner Halsbeuge und ich konnte jeden seiner tiefen Atemzüge an meiner Haut spüren. Sachte streichelten meine Finger über seine nackte Hüfte, wo ich ihn an mir hielt. Da war Ilari des Nachts wohl seiner Kleider verlustig gegangen.

Ich atmete tief ein, konnte den frischen Regenduft von draußen wahrnehmen, aber noch viel mehr Ilaris ganz eigenen Geruch. Er erinnerte mich an eine gelb-rot-orange Edelrose, die ich in England entdeckte. Ein leichter frischer angenehmer Duft. Fast ein wenig fruchtig.

Bald regte sich der Körper unter meiner Hand. Ich streichelte intensiver, kam mit der Hand höher und hatte plötzlich einen strampelnden jungen Mann neben mir, der vergnügt lachte und sich mir entwand. "Guten Morgen, Aiven. Ich hoffe, du konntest so gut schlafen wie ich. Doch dass du so schnell meine empfindliche Seite gefunden hast, war schon gemein. So konnte ich nicht länger träumen."

Er streckte sich ausgiebig und ließ sich dabei wieder gründlich bestaunen. "Doch wenn ich in deine grünen Augen blicke, weiß ich, dass ein Traum niemals so schön sein könnte." Er beugte sich herab, gab mir einen Kuss auf die Stirn, legte dann seine eigene Stirn gegen die meinige. "Ich hatte Angst. Doch sie war unbegründet. Cathal hat Recht. Es wird vollkommen sein", flüsterte er leise und mit einer Ernsthaftigkeit, die mich grübelnd zurückließ, als er seine Kleidung vom Boden aufsammelte und damit im Bad verschwand.

***

Wir frühstückten draußen auf der Terrasse im Sonnenschein. Ein Diener mit einfacher Kleidung aber wunderschön verzierten Bändern an den Handgelenken, brachte Tee, Toast und Marmelade, frisches Obst. Es sah lecker aus und auch der Ausblick war einmalig. Zwischen schönen Häuserfluchten hindurch, sah ich über die abgeflachte Bergkante hin ins weite Meer. Auf der anderen Seite lag der Park mit seinem regenfrischem Grün, weiter dahinter die steile Felskante mit dem riesigen Tor darinnen.

"Ich möchte dir die Stadt zeigen, Aiven. Bis zum Abend hin, wo Cathals Zeremonie stattfindet, haben wir noch Zeit. Du wirst ihn auch dort erst wieder sehen. Und mache dir nicht so viele Gedanken über seine Familie. Sie ist mit allem einverstanden, dass hier geschieht."

Ilari schien meine Gedanken gelesen zu haben. Umso erleichtert war ich, nicht selbst das Thema hatte ansprechen zu müssen. So folgte ich seinem Beispiel, aß auf und zog mir dann leichte Kleidung an; eine einfache enge Leinenhose und ein weit offenes weißes Baumwollhemd, dazu meine bequemen schwarzen Stiefel.

Wir spazierten durch die Stadt, durch enge Gässchen, durch kleine Grünanlagen, besuchten verschiedene Geschäfte. Es gab nicht viele, doch stets waren die Waren von bester Qualität und man fand alles Nötige und sinnvollen Luxus.

Selten tobten Kinder an uns vorbei. Es waren nicht viele in der Stadt, doch waren sie ungewöhnlich fröhlich, manche auffallend elegant und gefällig für ihr junges Alter. So auch die Erwachsenen. Jeder wirkte ausgesprochen ruhig und zufrieden, viele überaus vornehm und sehr reizvoll anzusehen.

Den Menschen, denen wir begegneten, waren wir willkommen. Ilari unterhielt sich mit ihnen in seiner leichten, feinen Art. Er vergaß nicht, mich vorzustellen und mit nur wenigen Worten war ich in die kleinen Gemeinschaften aufgenommen.

Ich genoss den Tag in vollen Zügen. Wie sich herausstellte, hatte Ilari eine ausgeprägte Leidenschaft für feinste Speisen und Naschwerk. Besonders hatten ihn die kandierten Früchte gefangen genommen. Nun saßen wir unten am Strand, hörten nur noch gelegentlich die Geräusche der Stadt und aßen süße Ananasstücke aus einer kleinen Papiertüte heraus. Das Meer war heute ruhig, nur leichte Wellen brachen sich an den Klippen rechts und links von uns. Ich streckte mich im warmen Sand nieder und blickte in den Himmel, der genauso weit wie das Meer war.

Nicht lange und Ilari kuschelte sich an mich, legte den Kopf auf meine Brust, lauschte wohl meinem Herzschlag. Meine Hand verirrte sich wieder in seinen seidig goldenen Haaren.

"Es ist ein sehr schöner Tag. Danke, dass du so geduldig mit mir durch die Geschäfte gebummelt bist, Aiven. Cathal hat manchmal nicht die Geduld dafür", lachte Ilari gutmütig. "Er kann wochenlang auf Reisen sein, doch mit mir zwei Stunden durch die Läden streifen, da fehlt ihm die Gelassenheit."

Wir genossen noch ein wenig die warmen Sonnenstrahlen, bis wir einen Ruf von weiter oben hörten. Ich blinzelte und erkannte am kleinen Weg, der zum Strand hinab führt, oben am Hang den Diener des Hauses. Er trug eine Tasche, wohl mit Lebensmitteln gefüllt. Mit der anderen winkte er uns zu. "Oh, Duncan", rief Ilari aufgeregt und winkte zurück. "Ich hatte wirklich die Zeit vergessen. Wir müssen zurück. Die Zeremonie beginnt bald und wir müssen uns noch zurecht machen."

Aufgeregt sprang er auf die Füße, zog mich gleich mit auf und eilig strebten wir den Pfad hinauf zu dem geduldig wartenden Diener.

***

 


 

Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5