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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Das Fest - Teil 1"

 

 


 

Kapitel 1: Ankunft in der Stadt

 

Wir schreiben das Jahr 1887 und ich war bereits seit einigen Tagen unterwegs. Eigentlich wohnte ich im Süden, in Savannah. Dort bin ich geboren, aufgewachsen, habe gelernt und studiert. Ich liebte meine Geburtsstadt und das Land umher, doch zog es mich schon immer hinaus in die Welt, kehrte aber stets nach kurzen Zeiten wieder heim. Ich reiste und fand bald Gefallen am alten England und dort an der Küste in dem kleinen Kurstädtchen Whitby traf ich jene Person, auf dessen Bitten hin ich vor Tagen zu einer Reise aufbrach, dessen Ziel ich nicht kannte.

Das Ostmeer zog mich zu sich und endlich, im Zwielicht des endenden Tages, hörte ich die Wellen gegen harte Felsen branden und zog den unverkennbaren Geruch der See tief in mich auf. Der Wind scheuchte die Regenwolken hinter mir her und so stapfte ich eilig weiter die nasse Straße entlang, der Stadt entgegen, die ich hinter der Hügelkuppe vermutete.

Jenseits der Felsenerhebung sah ich sie endlich. Vor mir breitete sich eine Stadt aus, wie ich sie noch nie gesehen hatte. In einer weiten Talsenke, dessen linke Seite zum Strand hinabführte und dessen gegenüberliegendes Ende durch eine fast steile Bergwand begrenzt wurde, tat sich mir eine seltsame Welt auf.

Vom Berg her gespeiste Bäche schlängelten sich durch die Stadt und ergossen sich über die Felsenklippen hinab ins Meer, herrschaftliche Kolonialbauten waren entlang den kleinen Wasserwegen gebaut, alte steinerne Brücken führten zu den Hauptwegen, überall kleine Terrassen mit steinernen Bänken, kleine grüne Anlagen, in denen das kristallene Bergwasser in Teichen gestaut wurde, kleine Parks. Alle Wege windeten sich wie ein Labyrinth zwischen den Bauten hinauf zur Felswand. Und wo es in der Stadt keine einzige Kirche zu finden gab, so war in diese riesige Felswand ein Tor eingehauen, das einen Tempel dahinter vermuten ließ, der einem ägyptischen Gotte gleichkam. Goldener Schimmer stahl sich durch die nicht ganz geschlossene hohe Doppeltür. Und das Alter schwebte im Wind über die Dächer der Stadt. Und das verschwiegene uralte Meer schlug seine Wellen gegen die Kiele unten am Strand.

Ich fühlte mich auf eine seltsame Weise "angekommen". Als wenn eine lange Reise vorbei wäre und ich endlich in mein vertrautes Heim zurückkehren konnte. Doch lebte ich nicht hier und bin nur auf eine Einladung hin hier her gekommen. Ich zog den feinen Papierbogen aus meiner Tasche und las noch einmal die Worte, die in säuberlicher, altertümlicher Handschrift mit roter Tinte geschrieben war:

Mein lieber Aiven,

wie sehr habe ich unsere gemeinsame Zeit genossen, die Gespräche, die Spaziergänge, Deine warme Hand, die ich halten durfte. Und obwohl wir uns erst so kurz kannten, fühlte sich mein Herz, als kenne es Dich schon seit Ewigkeiten. So haben sich mir Dein Anblick, Deine Stimme, Dein Geruch und Dein Wesen in mein Inneres gebrannt. Und glaube mir, wenn ich Dir sage, dass ich bisher noch keinen Mann wie Dich getroffen habe.

Doch mein Leben rief mich zurück in meine Welt. Ich musste mich schmerzlich von Dir trennen und kam nach einsamer Reise in meinem Zuhause an. Und ich hoffe, auch Du bist wieder wohl in Savannah angekommen.

Jetzt ist es also so weit, und es dauert nicht mehr lang, da sich ein weiterer Abschnitt meines Daseins auftut. Mein zweites Kind wird bald geboren werden. Zu diesem Anlass lade ich Dich mit sehnlichsten Bitten ein. Und eile Dich, denn es ist nicht mehr viel Zeit. Noch vor dem nächsten Mondwechsel musst Du bei mir sein.

So erwarte ich Dich ungeduldig und heiße Dich alsbald in meinem Heim willkommen.

Dein Cathal.

Auf der zweiten Seite dieses kurzen aber gefühlvollen Briefes fand sich noch die Wegbeschreibung zu seinem Haus. Erst verwundert, doch bald erkannte ich, dass die Straßen hier keine Namen trugen. So folgte ich der großen Straße bis in die Mitte der ruhigen Stadt und wand mich dann nach links in den kleinen Weg, direkt an einem Park entlang. Am Ende der Gasse stand ein eindrucksvolles Haus mit rotgolden verzierter Eingangstür, das gemäß der Beschreibung Cathals Heim sein sollte.

Ich hob die Hand zum Türklopfer, doch zögerte. War es richtig hier her zu kommen? Zur Geburt seines Kindes? War es seiner Frau recht?

Meine Gedanken wurden unterbrochen, als sich die Tür fast wie von selbst öffnete. Goldener Kerzenschein drang nach draußen und ein junger Mann mit Kerzenleuchter in der Hand erschien. Er war sehr schlank, trug die langen blonden Haare offen und war in weite rot-goldene Kleider gehüllt, die jedoch die Konturen seines Körpers im Gegenlicht erahnen ließen. Ich war so überwältigt von seinem Erscheinen, dass ich ihn eine Weile nur anschauen konnte.

Er lächelte und ließ sich geduldig bestaunen. Dann sprach er sanft: "Du bist Aiven? Wir haben dich bereits erwartet. Cathal ist zurzeit nicht da. Er hat dir ein Zimmer zugewiesen. Ich bringe dich dahin, da findest du alles was du brauchst, um dich frisch zu machen."

Er lud mich mit einer kleinen Geste ein einzutreten und mit erstaunten Blicken betrachtete ich die große mit goldenen Ornamenten verzierte Eingangshalle. Dicke Teppiche dämpften die Schritte, lange Vorhänge waren bereits vor den Fenstern zugezogen und sperrten Zugluft und nasse Dunkelheit aus. Schimmernde Tapeten schmückten die Wände und phantasievolle Gemälde zierten die hohen Wände und den breiten Aufgang in die nächste Etage hinauf. Leichtfüßig schritt der junge Mann voraus und ging auf die größte Tür zu. Trotz dass sie aus massivem Holz bestand, schwang sie lautlos auf.

Er stellte den großen Kandelaber auf einen kleinen Tisch seitlich. Gegenüber brannte ein großes Feuer und machte den ohnehin einladenden Raum behaglich und nach der Kälte und Nässe da draußen angenehm warm. Das übergroße Prunkbett mit den elegant geschnitzten Pfosten, dem samtenen Baldachin und den schweren Vorhängen dominierte das Zimmer und lud geradezu zum Hineinlegen ein.

"Du kannst hier alles benutzen, wie du möchtest. Durch diese kleine Tür hindurch findest du das Badezimmer. Ich habe dir Wasser bereit gemacht. Es sollte jetzt gerade richtig sein. Wenn du fertig bist, komme einfach nach unten in den Salon. Dort warte ich mit einem kleinen Abendmahl auf dich. Wenn du dich gesättigt hast, zeige ich dir das restliche Haus."

Er erklärte ruhig, drehte sich dann direkt zu mir, lächelte sachte. In einer liebevollen Geste strich er mir eine verirrte Strähne aus der Stirn. "Ich bin Ilari. Ich wohne auch hier."

Dann verließ er den Raum und ich war allein.

***

Ich legte frische Kleidung aus meiner kleinen Reisetasche vor dem wärmenden Kamin bereit.

Das Badezimmer war ein Traum. Nur einmal habe ich je so ein Zimmer gesehen. Als ich im Orient unterwegs war, hatte ich das Vergnügen in diesen mit Mosaik geschmückten Räumen zu baden. Dieses Badezimmer hier war ganz in Türkis gehalten, hatte goldene Bordüren und Armaturen. Ein großes Buntglasfenster erstreckte sich über die ganze äußere Wand. Wenn Sonne durchfiel, musste das ein unvergleichlicher Anblick sein.

In der Mitte des Raumes war ein kleines Bassin in den Boden eingelassen. Es war rund und so groß, dass sicherlich 5 Personen ohne Drängeln Platz fanden. Zwei Stufen erleichterten den Einstieg, wobei die unterste Stufe einmal um das ganze Becken ging, sodass an jeder Stelle bequem gesessen werden konnte.

Ich kam mir ein wenig verloren vor in dem großem Raum allein, doch genoss ich das heiße duftende Wasser. Zu gern hätte ich mich sehr viel länger im wunderschönen Bad aufgehalten, doch wollte ich Ilari nicht noch länger warten lassen.

***

Im Salon fand ich ihn in einem Buch lesend vor dem Kamin. Ein zweiter Sessel war neben den seinen geschoben und ein kleines Tischchen davor präsentierte eine Silberplatte mit allerlei kleinen Leckereien und ein Glas roten Weines. Er schaute zu mir auf und erst jetzt sah ich, dass auch seine Augen golden glänzten.

"Bitte, setze dich doch. Ich dachte, so ist es bequemer, als an der großen Tafel. Und du kannst die Wärme des Kamins noch besser genießen."

Geduldig erklärte er mir einige Speisen, die ich so noch nicht kannte und die aus verschiedenen Ländern der Welt zu stammen schienen. Dabei ging er so ins Detail, nicht nur die Zutaten betreffend, sondern auch deren Fertigung in der Küche, dass ich annehmen musste, er habe all dies selbst zubereitet. Er war mit Eifer dabei und ab und an klaute er sich selbst ein Stück, um es genießend zu essen. Er zeigte eine so kindliche Freude, dass es mir warm ums Herz wurde. Die nächste gerollte Bratenscheibe in meiner Hand führte ich an seinen Mund und mit viel Vergnügen kaute er es.

"Ich danke dir, Aiven. Ich freue mich, dass du hier bist. Es wird wunderbar werden." Er stand auf, brachte die fast leere Platte in die Küche und kam mit einem zweiten Glas Rotwein für sich selbst zurück. Wir stießen gemeinsam an, doch statt sich in den Sessel neben mich zu setzen, ließ Ilari sich auf den hochflorigen Teppich vor dem Kamin nieder und blickte mich wissbegierig an.

"Nun, Aiven. Erzähl mir doch etwas über dich. Ich bin so neugierig. Wie hast du Cathal kennengelernt? Und wo kommst du ursprünglich her? Er sagte, du reisest viel. Wo warst du schon überall?"

Sein Gesicht zeigte ehrliches Interesse und seine Augen blickten offen und groß zu mir auf. Ich erzählte Ilari alles, was er wissen wollte. Während des Abends kam er zu mir, lehnte sich vertrauensvoll an meine Beine und war schließlich still geworden. Ich strich ihm zärtlich durch die weichen Haare und trank meinen Wein in der angenehmen Ruhe.

Es war spät, als ich ihn leise ansprach. Es kam nur ein kleines Seufzen als Antwort. Ilari schlief. Und nun? Seine Neugierde verhinderte den Hausspaziergang. Ich war nicht böse darüber, hatten wir doch einen sehr angenehmen ja fast intimen Abend miteinander verbracht. Doch nun wusste ich nicht, wo Ilari sein Zimmer hatte. Auf dem Sofa im Salon wollte ich ihn nicht schlafen lassen.

So nahm ich ihn vorsichtig auf meine Arme und brachte ihn in mein Zimmer. Das Bett war groß genug, es sollte genügen, dass wir beide darin schlafen konnten ohne uns auch nur annähernd zu berühren. Ich legte ihn ab, zog die Decke unter ihm hervor und breitete sie über ihn aus. Seine Kleidung schien mir bequem genug, dass er sie auch nachts tragen konnte.

Nachdem ich noch einmal im Bad war und meine einfache Nachtkleidung angezogen hatte, legte ich mich auf die andere Seite des Bettes, schloss die Augen und war sofort tief und fest eingeschlafen.

***

 


 

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