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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Alpträume"

 


Zur Geschichte:

Dies ist meine zweite größere Geschichte. Ich habe sie geschrieben, als ich in der 7. Klasse war. Ich habe sie jetzt wieder entdeckt und so übernommen, wie sie einst geschrieben wurde. Nur die Rechtschreibfehler habe ich entfernt und den durchlaufenden Text mit Absätzen aufgelockert.

 

Vorsichtig geht er die Straße entlang. Alles ist still. Plötzlich hört er Stimmen näher kommen. Er versteckt sich hinter einer Hausecke und wartet. Doch es ist niemand zu sehen. Er dreht sich um…- -…und läuft dem Gangster direkt in die Arme.

In diesem Augenblick wacht Julian auf. Er versucht sich an das Gesicht zu erinnern, aber das Bild ist schon nicht mehr in seinem Kopf. Es ist noch eine Stunde Zeit. Aber da Julian nicht mehr einschlafen kann, steht er auf und mach schon einmal für seine Mutter und sich das Frühstück. Dann setzt er sich vor den Fernseher und schaut sich einige Musikvideos an.
"Hast du wieder Alpträume gehabt?", fragte seine Mutter, als sie zum Frühstück kam. Er nickte nur und setzte sich zu ihr.

Seit jenem schrecklichen Unfall vor zehn Jahren, den Julian als Fünfjähriger miterlebte, wohnt er zusammen mit seiner Mutter in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Wenn er morgens zur Schule geht, muss er einen abgelegenen Park durchqueren, durch dessen dicht belaubte Bäume kaum Sonnenlicht auf die kleinen Wege fällt. Dort beschleicht ihn immer ein seltsames Gefühl. An diesem Morgen hat er noch zwanzig Minuten Zeit, ehe die Schule beginnt.
"Tschüs, Mama. Ich gehe jetzt."
"Ist gut. Und pass auf dich auf."

Im Laufschritt überquert er die ruhige Straße, bis er das große alte Eingangstor des Parks erreicht. Langsam bummelt er den schmalen Kiesweg entlang. Die Bäume und Denkmäler um ihn herum verschmelzen zu einer Traumwelt, und plötzlich steht er wieder auf der Straße, hinter der Hausecke und wartet auf die Stimmen. Doch es bleibt ruhig. Er dreht sich um, versucht die düstere Gestalt hinter sich zu erkennen - aber da ist niemand. Da stehen nur die großen Bäume und ein beeindruckendes Marmordenkmal, welches sich deutlich von der moosbewachsenen Parkmauer abhebt. Von weitem hört er die Kirchturmglocke acht Mal schlagen. Julian schaut erschrocken auf seine Uhr. Das war Stundenanfang!

"Entschuldigen sie bitte, dass ich zu spät komme, aber…" Julian stockt. Er will den Satz nicht zu Ende bringen.
"Du hast wieder gebummelt, was?", fragt der Lehrer.
"Wenn das noch öfter vorkommt, arbeitest du am Nachmittag die verlorenen Minuten wieder auf." Ein Kichern geht durch die Klasse. Julian setzt sich auf seinen Platz, neben das Mädchen Jasmin. Er kann sie gut leiden, aber mit seinen anderen Schulkameraden kommt er nicht sehr gut aus. Jasmin hat ein Buch aufgeschlagen, schiebt es ihm hinüber und zeigt mit dem Finger auf eine Übung, die sie gerade durchsprechen. Der Lehrer beginnt wieder, zu erklären. Julian schaut auf das Buch und bemerkt nicht, wie die Stimme des Lehrers in den Hintergrund rückt.

Erst erscheint die Stimme ihm aus der Ferne, doch sie kommt rasch näher und wird immer hektischer. Zwischen den Häuserreihen sieht Julian, wie zwei Polizisten einen jungen Mann verfolgen. Einer der Beamten ruft immerzu nur nach Julian.

Julian sieht Jasmin ins Gesicht, als wenn er sie nicht kenne.
"Ist alles in Ordnung? Du siehst so komisch aus."
"Nein. Es ist nichts."
"Ruhe dahinten!", dröhnt der Lehrer. "Julian, ich werde wohl einmal mit deiner Mutter reden müssen." Julian verzieht erschrocken das Gesicht.

"So, der Unterricht ist beendet. Julian, du kommst noch einmal her. - Was ist denn eigentlich mit dir los? So bist du doch nie gewesen. Du hast dich dieses Jahr sehr verändert. Auch deine schulischen Leistungen lassen zu wünschen übrig. Wenn du ein Problem hast, kannst du es mir ruhig sagen. - Und nun geh, damit du nicht noch einmal zu spät kommst."

Wie jeden Tag verlassen Jasmin und Julian gemeinsam die Schule.
"Sag mal, was ist denn eigentlich mit dir los. Mir fällt es schon lange auf, dass du dich … unnormal verhältst. Du bist immer so ruhig und heute hast du die ganze Zeit geträumt.
"Es ist nichts. Ich bin nur etwas müde."
Kurz vor dem Park trennen sie sich. Julians Mutter ist noch nicht zu Hause. Er macht jetzt schon seine Hausaufgaben, da sie am Abend noch gemeinsam ins Kino gehen möchten. Vergebens versucht er sich auf ein Gedicht zu konzentrieren, das er für den Unterricht lernen soll. Doch seine Gedanken schweifen immer wieder zu diesem seltsamen Traum zurück. Er wird das Gefühl nicht los, dass er eine der Gestalten schon seit langer Zeit kennt.

Es klingelt. Julian öffnet seiner Mutter und nimmt ihr die Einkaufstaschen ab.
"Bist du fertig? Wir können gleich zum Kino gehen. Es beginnt in einer halben Stunde."
"Ja, ich bin fertig."

Im Kino wird ein Actionfilm gezeigt, mit einer Verfolgungsjagd. Als im Film plötzlich der Hauptzeuge von zwei Verbrechern verfolgt, auf die Straße gelaufen kommt, erinnert Julian sich wieder an seinen seltsamen Traum. Wieder sieht er die drei Gestalten, der Fliehende dreht sich um - zieht eine Pistole und …

Erschrocken fährt er auf. Seine Mutter rüttelt ihn am Arm.
"Julian, schläfst du? Jetzt hast du die schönste Szene verpasst."

In dieser Nacht ist Julian sehr unruhig. Er kann den Traum nicht vergessen.
Am nächsten Morgen geht es ihm sehr schlecht. Er ist abgespannt und völlig durcheinander. Müde erscheint er in der Schule.
"Herr Lehrer", klingt es von der letzten Bank.
"Was ist Jasmin?"
"Julian ist es nicht gut."
Der Lehrer kommt zur letzten Bank, um sich selbst zu vergewissern.
"Mein Gott, Julian! Was ist denn mit dir los? Willst du nicht an die frische Luft gehen? Jasmin, bring ihn bitte nach Hause."

Als Julian mit einigem Widerwillen etwas gegessen hatte, setzt er sich aufs Sofa. Jasmin folgt ihm.
"Was ist denn nun los? Du hast die ganze Nacht nicht ein Auge zugemacht. Das sieht man dir an. Also, was ist?"
"Ich weiß es selber nicht."
"Aber du kannst mir trotzdem sagen, was dich bedrückt."
Nach einigem Zögern beginnt er, ihr von seinem Traum zu erzählen. Jasmin hört aufmerksam zu und macht ein besorgtes Gesicht. Auch sie weiß nicht, was das zu bedeuten hat.
"Ich denke, du solltest mit deiner Mutter darüber reden. - Sie ist gerade gekommen. Soll ich noch bleiben?"
"Nein, das muss nicht sein."
"Na gut. Tschüs, bis morgen."
Mit einem etwas aufmunternden Lächeln lässt Jasmin die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

"War das nicht Jasmin, das Mädchen aus deiner Klasse?"
"Ja. - Mom, ich möchte mit dir reden."
"Um was geht es denn?"
"Du weißt doch, dass ich … ich möchte gerne wissen, was mit meinem Vater passiert ist."
Die Mutter schluckt. Das hat sie jetzt nicht erwartet. Sie dachte, dass Julian es schon längst vergessen hatte, weil er damals noch so klein war, als der Unfall passierte. Langsam beginnt sie zu erzählen:
"Dein Vater war ein sehr guter Polizist. Schon sehr lange arbeitete er an einen besonders schwierigen Fall. Zusammen mit seinem Partner verfolgte er einen sehr einflussreichen Mann. Dieser fand unseren Namen und die Adresse heraus. Eines Tages gab er sich als deinen Onkel aus und holte dich vom Kindergarten ab. Er wollte Jake - Jakob, deinen Vater, er wollte ihn erpressen, damit die Anklage fallen gelassen wird. Doch anstatt auf die Forderungen einzugehen, suchte er nach dir…"
Sie wischt sich vorsichtig eine Träne aus dem Auge. Es vergeht einer Weile, bis sie weitersprechen kann. Julian horcht gespannt und gleichzeitig erschüttert auf die Worte seiner Mutter. Er traut sich kaum zu atmen. Sie fährt fort.
"Er hat dich gefunden, dich und die Verbrecher. Diese aber entdeckten ebenfalls die beiden Polizisten. In dem Augenblick bist du weggelaufen. Dein Vater verfolgte mit seinem Partner die Kidnapper, die sich bald darauf trennten. Der eine konnte sich verstecken. Der andere floh weiterhin. Dein Vater wusste nicht, wo du warst. Er rief immerfort nach dir. Plötzlich drehte sich der Verfolgt um - er hatte eine Pistole in der Hand…"
Sie kann nicht weitersprechen. Julians Blick war auf den Boden gerichtet. Einige Minuten bleibt es still im Raum. Nur das leise Schluchzen seiner Mutter ist zu hören.
"Er hat ihn erschossen, nicht wahr? Und dann hat Vatis Partner den Verbrecher erschossen. Der zweite stand plötzlich hinter mir. Der ist dann weggerannt. - Mama, ich weiß es wieder." Julian hatte sehr leise gesprochen. Auch ihm standen Tränen in den Augen. Seine Mutter schaut ihn ungläubig aus ihren verweinten Augen an.
"Ja, so war es. Du hattest einen Schock. Du konntest dich an nichts mehr erinnern."

Sie fallen sich einander in die Arme und weinen. Julian fällt es wie ein Schleier von den Augen. Auf einmal fühlt er sich so allein. Er vermisst seinen Vater, mehr als je zuvor. Julians Mutter kämpft mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist sie froh, dass ihr Sohn den Schock nach all den Jahren überwunden hat, andererseits ist sie betrübt, dass ihr Sohn dieses schreckliche Ereignis seines bisher kurzen Lebens noch einmal erfahren musste.

Ende