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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Verzweiflung und Hoffnung - Teil 2"

 

 


„Jesse, willst du denn gar nichts essen?“

Ein kleines Kopfschütteln antwortet ihm. Mehr nicht.

„Hast du überhaupt keinen Hunger? Du hast schon seit fast zwei Tagen nichts mehr gegessen.“

Noch einmal ein leichtes Kopfschütteln. Julian lässt sich neben dem Stuhl in die Hocke und dreht Jesse zu sich. Dessen Augen irren ziellos umher, versuchen Julians Blick auszuweichen.

„Jesse. Schau mich an!“

Jetzt dreht Jesse den Kopf nur zur Seite weg und schaut nach unten. Julian legt sanft einen Finger unter sein Kinn und hebt den Kopf langsam zu sich an.

„Schau mich an!“, wiederholt Julian geduldig, diesmal aber mit einem festeren, bestimmenden Ton in der Stimme. Nur ganz langsam richten sich die traurigen Augen auf ihn. Sie blicken ihn hilflos und verzweifelt an.

„Jesse. Du musst doch Hunger haben. Versuche es doch einmal.“

Mit diesen Worten deutet er auf den frischen Obstsalat, der in einer bunten Schale auf dem Tisch steht. Jesse schaut kurz auf den Tisch, dann zurück in Julians Augen.

„Ich…ich kann nicht…“, flüstert er leise und senkt den Blick.

„Warum? Du hast doch vorher auch gegessen.“

Wie unter einem Schlag schreckt Jesse auf und fällt weiter auf dem Stuhl in sich zusammen. Er beginnt leicht zu zittern. Wartet nur auf die verachtenden Worte seines Gegenübers.

Julian versteht das seltsame Verhalten seines Freundes sofort. Ungläubig blickt er mit großen Augen in das blasse Gesicht.

„Aber ich habe dich doch essen sehen. Und immer so viel. Ich habe mich gewundert, wie du so schlank bleiben konntest, aber du hast ja auch Sport gemacht. Jesse. Wie hast du das gemacht?“

Jesse fühlt sich den Tränen nahe. Julians Worte waren keineswegs voller Abscheu und Widerwärtigkeit. Sie klangen nur sehr besorgt, besorgt um einen sehr guten Freund.

„Sag‘ es mir“, bittet Julian weiter, obgleich er längst weiß, dass Jesse sich erbrochen hat. Doch er will es von ihm selber hören. Will, dass Jesse es selber sagt, dass es ihm wirklich bewusst wird, was er gemacht hat.

„I-Ich…ich… …habe…danach… …danach im Bad… …“

Stockend bleibt Jesse schließlich wieder still. Hart beißt er sich auf die eigene Lippe.

„Was hast du im Bad gemacht?“

„…am Anfang…wollte ich nichts…mehr essen… … …doch das wäre zu…zu auffällig gewesen… …also habe ich gegessen… …obwohl ich es bald nicht einmal riechen konnte. Am Anfang war es noch schwer – es hat im Hals gebrannt – dann ging es besser. Und es gehörte einfach dazu. Nach jedem Essen musste ich es tun. Es war ganz einfach. Und ich habe mich danach einfach wohl gefühlt… …“

Zu Beginn noch unsicher, wurden Jesses Worte flüssiger. Und Julians Herz begann schmerzhaft zu schlagen. 'So lange schon? Warum habe ich nie etwas gemerkt?'
„Oh Gott, Jesse. Warum hast du das nur gemacht?“

Unfähig noch irgendetwas zu sagen, schüttelt sein kleinerer Freund den Kopf. Julian entdeckt die Tränen und noch bevor er Jesse in eine feste Umarmung zieht, laufen sie unaufhaltsam über das Gesicht.

Jesse klammert sich verzweifelt an Julian. Sein Kopf wird von einer sanften Hand weiter an den warmen Körper gedrückt. Die andere fährt beruhigend seinen Rücken auf und ab.

„Ich…wollte…einfach nur sterben…“, flüstert er kaum hörbar.

„Ich…habe nicht den Mut gehabt… …es direkt zu tun… … …so schwach bin ich…und ich kann nichts…nicht einmal so etwas Einfaches… … … …und… … …und dann wieder im Krankenhaus aufgewacht… … … …auch das habe ich nicht richtig gemacht… … …“

Julian kann darauf nicht antworten. Erst jetzt – danach – wird ihm die tiefe Verzweiflung bewußt, die Jesse in sich trägt. Und die Hilflosigkeit.

Vorsichtig schiebt er seinen Freund von sich und wischt die letzten Tränen weg. Beschämt senkt Jesse den Kopf.

„Willst du es nicht doch versuchen? Nur ein kleines Stück. Du kannst es dir selber aussuchen.“

Mit einer abgehackten Bewegung verneint Jesse.

„Ich…kann es nicht…“

„Woher willst du das wissen? Du hast seit dem nichts mehr gegessen. Komm‘. Versuche es. Zeige, dass du Kraft in dir hast und etwas schaffen kannst.“

Von Julians Worten geleitet, heftet Jesse seinen Blick auf den Salat, der noch immer unberührt dort steht. Langsam zieht er die Schüssel näher zu sich heran. Dann lässt er die Hand wieder sinken.

„…ich kann nicht…“

„Doch du kannst.“

Julian nimmt den Löffel in die Hand und sucht eine große, frische Erdbeere heraus.

„Ich weiß, dass du ganz am Anfang fürchterlich in diese Dinger hier vernarrt warst. Immer hast du Erdbeeren gegessen. Und sie sind ja auch wirklich lecker. Besonders wenn sie die richtige Reife haben. Siehst du? Diese ist nicht zu dunkel, aber auch nicht mehr zu hell. Sie wird bestimmt süß und fruchtig schmecken.“

Provokativ schiebt er sich die Erdbeere selber in den Mund und kaut genüßlich. Schließt dabei genießend die Augen.

Jesse sitzt stumm da und starrt Julian an. Er verfolgt, wie der Löffel die Erdbeere aus der Schale hebt, zu Julians Mund geführt wird und wie sie endlich von diesen schönen Lippen erfasst wird. Wie Julian mit Genuss die Erdbeere isst. Er ist fasziniert von dem Schauspiel, das sein Freund ihm bietet. Und erinnert sich an den Geschmack dieser Frucht. Dass er diesen Geschmack liebte und wie schwer es für ihn war, nicht mehr davon essen zu wollen.

Noch immer ist sein Blick auf den Mund gerichtet. In den Mundwinkeln hat sich ein kleines Lächeln geschlichen, was Jesse ebenso wunderbar findet, wie das gesamte Schauspiel in diesem Moment. Fast selbständig greift er nach dem Löffel, den Julian noch immer in der Hand hält.

Überrascht schlägt Julian endlich seinen Augen wieder auf. Jesses kühle Hand berührt seine Finger und erstaunt schaut er hinauf zu seinem Freund. Dieser lächelt schwach, kaum merklich, aber doch spürbar.

„…ich werde es versuchen…“, haucht er leise in den sonst so stillen Raum hinein. Er will mit seiner Stimme diesen magischen Augenblick nicht zerstören. Ebenso Julian. Er nickt nur und lächelt zufrieden.

Mit langsamen, fast tastenden Bewegungen, führt Jesse den Löffel zu der Schale, schiebt verschiedene Obst – und Fruchtstücken beiseite, bis er endlich eine weitere Erdbeere gefunden hat. Zögerlich hebt er den Löffel wieder an. Plötzlich stoppt er, hält den Löffel still.

Julian holt tief Luft. Gespannt verfolgt er Jesse. Noch hat sein Freund nicht aufgegeben. Noch immer hat dieser seinen Blick auf die Erdbeere gerichtet. Dann hebt er seinen anderen Arm, der bis jetzt still in seinem Schoß lag. Er nimmt die Frucht zwischen zwei Finger und hebt sie nahe an seinen Mund, nimmt den typischen Geruch der Beere in sich auf, bevor er endlich, nach so langer Zeit, in eine der ihm so geliebten Früchte beißt. Noch hat er Angst, doch das Gefühl des Brechreizes bleibt aus, kein drängendes Krampfen in seinem Magen.

Er beißt wieder von der Frucht ab und schiebt sie schließlich ganz in seinen Mund hinein. Er verliert sich in dem Genuss, bemerkt nicht die Tränen, die abermals über sein Gesicht laufen.

„Jesse…!“, flüstert eine weiche Stimme neben ihm. Mit verschleiertem Blick, wendet er sich Julian zu, sieht in die besorgten Augen.

Ganz langsam beugt er sich vor, nähert sich seinem Freund, bis seine Lippen endlich die weichen Julians berühren. Er erhält eine zärtliche Antwort und lehnt sich weiter nach vorn, übt mehr Druck aus.

Julian schmeckt Jesse und das köstliche Aroma der Erdbeere. Seine Zunge streicht mehrmals über die Lippen, die sich ihm so bereitwillig hingeben, bevor er in den warmen Mund eindringt.

Wie schon einmal lässt sich Jesse von Julian verwöhnen. Er gibt sich den wundervollen Gefühlen hin. Lässt sich von ihnen mitreißen – ...

… - und fällt mit einem erstickten Keuchen vom Stuhl. Direkt in die kräftigen Arme seines Freundes, die ihn sogleich fest umarmen und sanft halten. Der Löffel fällt irgendwo klappernd hinter ihm auf den Boden. Ein leises Lachen dringt an sein Ohr. Kein Auslachen. Einfach ein erleichtertes Lachen.

„Jesse. Was machst du für Sachen?“

Dabei streicht er seinem kleineren Freund durch die kurzen Haare.

„‘s tut mir leid. Wollt‘ ich wirklich nicht“, entschuldigt sich Jesse hastig und will sich widerwillig von der festen Umklammerung befreien. Erfolglos.

„Das macht nichts. Ich habe dich gerne aufgefangen.“

„Danke.“

Für einige Minuten bleiben sie auf dem Boden der Küche liegen. Julian spürt die erschreckende Leichtigkeit des Körpers, der auf ihm liegt.

„Jesse!“

„Mmmmhh...?“

„Wie hat es dir geschmeckt?“

„Ich habe…hatte vergessen…wie gut es wirklich schmeckt. Und es war besser als jemals zuvor.“

„Jesse. Ich bin stolz auf dich.“

Jesse klammert sich nur mehr an Julian, drückt so seine große Dankbarkeit aus.

„Komm! Der Boden ist etwas hart und kalt. Außerdem müssen deine Wunden neu verbunden werden.“

Unwillig löst sich Jesse von seinem Freund, kommt etwas wankend auf die Füsse. Die Gefühle, die alle mit einmal auf ihn eingestürmt sind, hat er noch nicht vollkommen verarbeitet. In seinem Kopf herrscht ein großes Durcheinander. Er ergreift die Hand, die sich ihm nicht auffordernd, sondern bittend und beschützend entgegenstreckt, und lässt sich von Julian in dessen Zimmer führen, sacht auf das Bett hinunter drücken.

„Komme gleich wieder.“

Nach kaum einer Minute ist Julian wieder da. Hat zwei feste Mullbinden dabei und Heilsalbe. Unaufgefordert streckt Jesse ihm seine Arme entgegen. Wieder kniet sich Julian vor ihm in die Hocke und nimmt erst eine Hand sanft in seinen Griff.

Er schiebt den Ärmel des Pullovers nach hinten und gibt den Blick auf weißen Verband frei. Langsam beginnt er diesen abzunehmen.

Jesse schaut währenddessen weg. Er will nicht sehen, was Julian da macht.

„Jesse. Siehst du?“

Zögernd schaut er erst Julian an, bis dieser seinen Blick senkt und den Jesses einfach mitzieht. Leicht streicht Julian über die Narbe. Jesses erste Reaktion ist ein Zittern. Er will seine Hand wegziehen, doch lässt er sie in den sicheren Hände Julians.

„Siehst du, Jesse? Du hast es nicht gewollt, so wie du vorhin behauptet hast. Wenn du wirklich sterben wolltest, hättest du es exakter getan. Du machst sonst auch alles ganz genau.“

Schweigend bringt er die Salbe auf und verbindet das Gelenk neu. Diesmal schaut Jesse ihm zu. Julian hat recht, wird es ihm in diesen kurzen Momenten bewußt. Er wollte nie sterben, wollte nie aufhören mit essen. Wollte diese schöne Welt nie verlassen.

„Julian,“ flüstert er bittend. „Bleibst du da?“

Julian blickt zu ihm herauf, lächelt offen und hell, legt eine Hand an die leicht gerötete Wange seines Freundes und streicht mit dem Daumen über die Haut.

„Ja. Ich bleibe bei dir. Wie ich es versprochen habe.“

 

Ende

 

(03/12/2002)

 

Teil 1