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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Verzweiflung und Hoffnung - Teil 1"

 

 


Mit Faszination schaue ich zu, wie das Messer leicht in meine Haut schneidet. Der Schmerz ist nicht bedeutend. Langsam ziehe ich das Messer weiter entlang meiner Pulsader. Das Blut quillt dunkel und dickflüssig aus der Wunde. Es läuft meinen Arm herab und tropft auf die kalten Fliesen des Badezimmers. Ich lasse mich an der Wand herabgleiten und spüre, wie unerwartet Tränen in meinen Augen brennen.

Warum weine ich? Warum weine ich meinem sinnlosen Leben hinterher?

Ich versuche das Messer in die andere Hand zu nehmen um dasselbe an meinen zweiten Arm durchzuführen. Doch ich kann es nicht mehr fest halten und das tiefe Schluchzen, welches sich aus meinem Inneren quält, lässt mich erbeben. Die scharfe Schneide rutscht ab und zieht einen langen Schnitt quer über meinen Unterarm, ohne die Ader zu treffen.

Klappernd fällt das Messer auf den Boden. In dem Maße, in dem das Blut aus mir tritt, werden auch die Tränen mehr, die sich unaufhörlich aus mir befreien. Mein aufgeschnittener Arm verliert immer mehr an Gefühl. Mein Sichtfeld verengt sich und ich merke, wie es mir kalt wird. Neben dem Zittern, was vom Weinen ausgelöst wurde, beginnt mein Körper nun noch heftiger vor Kälte zu beben.

Undeutlich höre ich ein dumpfes Klopfen von irgendwoher. Automatisch reagiere ich auf das Geräusch und die Stimme, welche sich in mein umnebeltes Bewußtsein drängt. Was ich sage, weiß ich nicht – meine Stimme klingt fremd in meinen eigenen Ohren und ich kann die Worte nicht verstehen. Meine Kräfte verlassen mich schnell und ich sacke an der Wand zusammen. Bevor sich mein Blickfeld verdunkelt, erkenne ich einen verschwommenen Schatten vor mir. Die Worte „Jesse – warum?“ klingen verzweifelt und lassen mich noch einmal überrascht zu ihm aufblicken. Die Dunkelheit reiß mich schließlich mit sich fort.

 

Unendlich schwer schafft es mein Geist, sich aus der Dunkelheit wieder zu befreien. Langsam dringt er an die Oberfläche und durchbricht das schwarze Meer um mich herum. Mit einem Ruck öffne ich die Augen. Weißes, verschwommenes Licht ist das Erste, was ich sehe. Ein Schatten, welcher ruhig in diesem Licht steht. Ich blinzle ein paar Mal.

Wo bin ich? Was ist geschehen?

Der Schatten bildet sich zu einem schlanken Körper heraus, der mit dem Rücken zu mir an einem hellen Fenster steht. Die Sonne scheint in das Zimmer. Das Fenster ist weit geöffnet und lässt die Geräusche von draußen gedämpft herein. Nur langsam kann ich mich erinnern, was geschehen ist.

Warum bin ich noch immer hier? Oder bin ich wirklich tot? Es ist warm und friedlich hier.

Mein Blick fällt wieder auf die schlanke Gestalt am Fenster.

Nein – ich bin nicht tot! – Warum? Warum hat er mich nicht sterben lassen?

Unbemerkt schleichen sich Tränen in meine Augen. Ich spüre sie nun heiß mein Gesicht herunterlaufen. Mein Schluchzen zieht sofort die Aufmerksamkeit der Gestalt auf mich. Mit schnellen Schritten ist er am Bett und beugt sich zu mir herunter. Ich wende den Kopf zur Seite, von ihm weg, in der Hoffnung, dass er meine Tränen nicht sehen kann.

„Jesse...“

Seine Stimme dringt leise an mein Ohr und warme Finger legen sich auf meine mit weißem Stoff bandagierte Hand. Wenn ich die Kraft gehabt hätte, hätte ich meine Hand weggezogen. Ich will nicht, dass er diesen dreckigen Körper berührt.

„Jesse...Wie geht es dir?“

„Warum hast du mich nicht sterben lassen?“

„Jesse, was erzählst du für Sachen? Wie hätte ich meinen besten Freund sterben lassen können?“

Seine warme Hand legt sich auf mein Gesicht und wischt einige Tränen weg. Ich versuche meinen Kopf noch weiter von ihm weg zu drehen.

„Ich bin nicht dein Freund. Ich bin nichts.“

„Hör‘ auf, so etwas zu sagen. Das stimmt nicht. Ich brauche dich.“

„Wozu? Um dich mit mir abzuplagen? Ich störe nur.“

Eine Hand schiebt sich unter mein Kinn und dreht meinen Kopf sanft zu ihm. Ich versuche den Blick der warmen, blauen Augen zu vermeiden.

„Du störst nicht. Ich bin gerne bei dir. Wir haben immer viel Spaß zusammen.“

„Den Spaß kannst du genauso mit deinen Freunden haben. Dazu brauchst du mich nicht.“

Fest schaue ich ihn nun an.

„Ich bin wertlos.“

„Das bist du nicht. Du kannst so viele Sachen, die ich nicht kann. Ich bewundere dich dafür.“

„Was kann ich schon?“

„Du kannst wunderbar Klavier spielen. Wenn ich da sitze und deinem Spiel zuhöre, weiß ich, was du in dem Moment fühlst. Ob du traurig oder fröhlich bist. Deine Musik verzaubert mich.“

„Es sind nur kleine, einfache Musikstücke, nichts Besonderes. Das könnte jeder andere auch.“

„Aber dein Spiel ist es, welches mich begeistert. Und nicht das der anderen.“

Wieder wende ich meinen Blick von ihm ab.

„Ich kann nichts. Ich kann von allem etwas, aber nichts kann ich richtig. Egal wieviel ich übe, wieviel Mühe ich mir gebe, es ist immer zu wenig. Ich sehe, wie einfach du etwas lernst. Wie schnell du es verstanden hast. Und obwohl ich jedesmal denke, jetzt hast du genug gemacht, diesmal wirst du besser sein, geht wieder alles schief. Egal was ich anfasse, es geht zunichte... ... ... ... ...ich gehöre nicht mehr hierher... ... ...habe nie hierher gehört............es wird keinen weiter stören, wenn ich nicht da bin... ... ... ...ihr werdet mich schnell vergessen haben... ... ... ...froh darüber sein, dass eine Last von euch genommen ist... ... ... ...“

„Hör‘ endlich auf damit!“

Seine harte Stimme lässt mich zu ihm aufblicken. Seine Augen funkeln mich an.

„Hör‘ auf, dich selbst zu erniedrigen. Was glaubst du wohl, warum ich dich im Regen und der Kälte bis in das Krankenhaus getragen habe? Bestimmt nicht, damit du dich dann gleich wieder umbringen willst. Da hätte ich mir die Mühe auch sparen können.“

„Warum hast du es nicht? Warum willst du, dass ich am Leben bleibe? Es gibt nichts mehr, was mich hier halten könnte. Sogar unsere Freundschaft habe ich zerstört... ... ... ...ich... ...ich...“

Wieder steigen die Tränen in mir auf, treten unaufhörlich aus mir hervor und das Weinen lässt mein Stimme zittrig werden.

„... ...ich will nicht mehr... ...ich... ... ... ...ich kann nicht mehr... ... ...Julian... ...bitte... ...hilf mir... ...“

Verzweifelt klammer ich mich mit einer Hand an seinen Arm. Halte ihn fest. Flehend blicke ich in seine Augen.

„...Julian...hilf mir... ...bitte... ... ...“

Zwei Arme halten mich plötzlich fest umschlungen. Ich vergrabe meinen Kopf an seiner Schulter.

Immer wieder sage ich dieselben Worte. Meine Arme drücken ihn fest an mich, meine Hände sind in sein Shirt gekrallt. Ich habe Angst. Ich will nicht noch einmal in diesen schwarzen Abgrund fallen. Ich habe Angst. Ich will nicht wieder eine Freundschaft zerstören. Ich habe Angst. Ich will nicht mehr so verzweifelt sein. Ich habe Angst...Angst...Angst...

Die Angst lässt meinen Körper erbeben und ihn noch verzweifelter an mich ziehen.

„... ... ...Julian... ... ...“

Meine Stimme versagt mir. Meine Kraft lässt nach und mein Kopf fällt auf das Kissen zurück. Zitternd liege ich in seinen Armen.

„Jesse, du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin bei dir. Ich werde bei dir bleiben.“

Seine Stimme ist wieder sanft und warm. Mit leichten Druck zwingt er mich, ihm in die Augen zu schauen. Er blickt beruhigend und lächelnd auf mich herab. Seine Lippen berühren mich leicht im Gesicht. Sanft küsst er die Tränenspuren weg und folgt dem Weg bis zu meinen Lippen. Nur zaghaft berühren sie meine Haut. Dieser Hauch einer Berührung lässt mich leise vor Überraschung aufkeuchen. Noch immer blicke ich in seine blauen Augen, welche mich nicht mehr loslassen wollen.

Seine Lippen legen sich nun fest auf meine und ich schließe die Augen. Zärtlich dringt seine Zunge in meinen Mund ein. Ich lasse mich von ihm verwöhnen und genieße seinen Geschmack – und das Wissen darum, dass er mich nicht verlassen wird.

Erst zögernd, dann immer fordernder erwidere ich seinen intensiven Kuss, währen eine Hand über meinen Oberkörper wandert, einen Weg unter den Stoff findet und sich auf meine nackte Haut legt. Sie ist warm. Langsam streicht sie über meinen Körper und lässt mich leise aufstöhnen.

Allmählich zieht er sich zurück. Seine Lippen wandern wieder über mein Gesicht, bis sie leicht mein Ohr berühren.

„Schlaf, Jesse. Morgen reden wir weiter.“

Während ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf falle, spüre ich noch immer seinen warmen Körper an mir und die Arme, welche sich fest um mich legen.

 


 

Teil 2