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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die Vorahnung des Reginald Barclay - Teil 4"

 


Ich saß im kleinen Empfangszimmer des Barclay-Anwesens. James hatte mir eine große Kanne Kaffee gebracht und auch sonst hatte er sich um meine äußere Erscheinung bemüht. Nachdem ein Arzt aufgetaucht war und Jermaine und mich genäht und verbunden und mit gut gemeinten Ratschlägen zu Ruhe und wenig Bewegung und einigen Schmerzmitteln zurückgelassen hatte, war James mit einer Waschschüssel, sauberer Kleidung und Rasierzeug bei mir erschienen.

Ich schaute ihn misstrauisch an, aber sein resoluter Blick hielt mich davon ab, dagegen zu sprechen. So fand ich mich sauber, vollkommen suppenfleckenfrei, rasiert und in wirklich hübscher Kleidung hier im Empfangszimmer auf einem bequemen Sofa wieder. James lupfte nur eine seiner Augenbrauen, was soviel heißen konnte wie ‚Oh, da ist ja sogar ein Mensch zu erkennen'. Vielen Dank.

Das hieß aber nicht, dass ich meine Ruhe hatte. Während Jermaine in sein Zimmer gehen durfte, um sich dort ordentlich auszuschlafen - Rose wollte auf ihn aufpassen - hatte ich eine Menge Besuch. Regis war der erste, den James zu mir ließ. Er blieb erst erstaunt in der Tür stehen. Sein Blick war mir nicht geheuer, daher raunzte ich.
"Sie sind nicht im Bett, Mr. Barclay?"
"Im Bett? Es ist doch bereits Morgen, Robert."
Ich schaute aus dem Fenster. Tatsächlich sah man schon beginnendes Morgenrot. Regis kam zu mir und fasste nach meiner Hand, dann ließ er sich vor mir auf die Knie nieder.
"Ich danke dir so sehr, Robert. Nicht nur hast du mich beschützt, du hast auch gleich alle Beteiligten gefasst. Und dass Annie da auch mit drinnen steckte, hätte ich nie gedacht. Und du und Jermaine seid nur wegen mir verletzt worden. Zum Glück geht es euch beiden gut. - Zum Glück geht es DIR gut, Robert", sagte er, schmiegte seine Wange an meine Hand und schaute zu mir auf. Da waren doch schon wieder Tränen in den hübschen Augen.

"Jetzt ist aber gut. Erstens hat Jermaine zwei Männer allein überwältigt. Und außerdem, muss man denn weinen, wenn es mir gut geht?" Ich grummelte. Ihn brachte es zum Lachen. Er sprang auf, ließ sich neben mir auf das Sofa fallen und lehnte sich ungeniert an mich an.
"Nein, du hast Recht. Ich sollte mich freuen, was ich ja auch tue. Es ist nur alles so überwältigend."
Ja, das war es. Vor allem ihm so nah zu sein. Ich legte meinen Arm um ihn, ignorierte das Stechen in der Seite, und zog ihn näher. Ich gab ihm einen Kuss auf die Haare. Er roch so gut.

James, der Spielverderber, ließ uns nur wenige Minuten Zweisamkeit. Er klopfte und kündigte zwei Herren an. Regis setzte sich ein wenig sittlicher hin, blieb aber neben mir. Der eine Besucher, der hereinkam, war Detective Edward Rogers. Ihn kannte ich schon. Wir hatten uns bereits mehrmals getroffen. Er war typisch im Trenchcoat und Hut unterwegs und kaute auf einer Zigarre, ohne die er nie zu sehen war. Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, den James so rückte, dass wir uns gut unterhalten konnten.

Den zweiten Mann hatte ich noch nie gesehen, war aber erstaunt, ihn hier zu erblicken, als er sich vorstellte. Es war Alexander Gettler, der Toxikologe. Er blieb lieber stehen, nahm dafür dankend einen Kaffee an. Auch er wirkte müde.

Mr. Gettler war so müde, da er die Nacht über gearbeitet hatte. Er hatte sich nämlich nach meinem gestrigen Anruf sofort auf den Weg gemacht und den Leichnam von Charles Barclay in Augenschein genommen. Nach seiner Aussage habe er sofort die typischen Merkmale einer chronischen Bleivergiftung erkannt. Um aber vor Gericht einen aussagekräftigen Beweis, also eine Analyse mit Zahlen, vorlegen zu können, hatte er sich eine Haarprobe genommen. Diese war nun gerade im Labor zur Untersuchung.

Regis war erleichtert und erschrocken zugleich. Er hatte sich Sorgen gemacht, dass an seinem Vater nun herumexperimentiert würde. Andererseits war es schrecklich zu wissen, dass er tatsächlich mit Absicht vergiftet worden war.
"Aber der Arzt. Der muss das doch festgestellt haben", fragte er Mr. Gettler.
"Im Prinzip schon. Da mir Detective Rogers die Anweisung zur Untersuchung gab, habe ich ihm dies auch mitgeteilt."
"Hmja… ham den Halunkn heut Nacht ausm Bett geholt und direkt inne Zelle geschteckt. War so erschrocke, dasser gar net versuchte zu leuschnen. Wurde gut dafür bezahlt." (1)
"Was? Der Arzt hat ihn vergiftet", fragte Regis nach.
"Ne", kaute Rogers auf seiner Zigarre. "Hat aber so getan, als wüsst er von nüschts."
"Dabei ist eine Bleivergiftung eine recht eindeutig erkennbare Angelegenheit für einen Mediziner. Zumindest in Mr. Barclays Fall", erläuterte Mr. Gettler. "Die Verfärbungen und so." Er wollte vor Regis wohl nicht zu konkret werden.
"Na. Wir ham ja das Mädschen. Die wird schon reden…", nickte Rogers und klang sehr zuversichtlich. "Aber was anners. Wir ham de zwee Ganoven ausm Schtall, aber net den Leischnam. War nur ne Menge Blut."
"Was?!", rief ich. Sollte Williams doch noch gelebt haben? Nein! Unmöglich.

Es klopfte. James öffnete und in der Tür stand - Mackie Messer!
"Oh", rutschte es mir heraus und mir wurde grad das Verschwinden von Williams Leiche klar. Regis spannte sich neben mir an, Dr. Gettler trat einige Schritte von der Tür weg, Rogers griff automatisch nach seiner Pistole. James räusperte sich und fragte, wer der Besucher denn sei und wie man ihm helfen könne.

"Das ist Mackie, ein Bekannter von mir. Er will sicher zu mir. Dr. Gettler, vielen Dank, dass Sie sich so schnell um die Angelegenheit gekümmert haben. Ich bin Ihnen etwas schuldig." Ich kämpfte mich hoch, reichte ihm die Hand und verabschiedete ihn damit. Dr. Gettler schaute besorgt auf Mackie Messer, als er an ihm vorbei durch die Tür ging. Zum Glück machte der Gorilla Platz und wartete im Foyer an der Seite.
"Und Rogers, altes Haus, danke, dass du deine Einsatztruppe geschickt hast. Passt gut auf die Gefangenen auf. Sollte ich William zufällig wiederfinden, melde ich mich."
"Dein Umgang miter Organisation is mir net geheuer, Jungsche. Pass bloß uff, daste net uff de schiefe Bahn gerätst", grummelte der Detective mich an und ich verdrehte bei der Anrede nur die Augen. Klar wusste er sofort, wer dort vor der Tür wartete. Doch er machte kein weiteres Aufheben um die Sache und verließ den Raum, nachdem er Regis und James zugenickt hatte. Ich begleitete ihn noch bis zur Eingangstür.

Es lichtete sich im und vor dem Haus. Die Polizeikolonne verließ geschlossen das Anwesen, hinterher zuckelte das kleine Auto des Toxikologen. Zurück blieb ein weinroter Alfa Romeo, aus dem nun Frank ausstieg. Ich wartete, bis er heran war und reichte ihm die Hand.
"Junge, du siehst gut aus. Hast meinen Ratschlag ja doch angenommen", grüßte er mich und deutete an meiner äußeren Erscheinung wohlwollend auf und ab. Dass ich Schmerzen hatte und völlig übermüdet und fertig war, schien ihm egal zu sein.
"Verdammt, Frank. Ich werde dieses Jahr Dreißig. Ich bin kein Junge mehr."
"Solange du dich so benimmst und dich in solch gefährliche Situationen begibst, ohne nach Hilfe zu bitten, solange werde ich dich ‚Junge' nennen."
Da war kein Argument gegen anzubringen. Ich führte ihn in das Zimmer zurück, auch um mich wieder setzten zu können. Ich war viel zu unsicher auf den Beinen. Mackie Messer blieb zum Glück draußen im Foyer.
"Ah. James. Sie sind ja auch noch da", begrüßte Frank den Butler.
"Jawohl, Sir", sagte James und bot Frank Kaffee an, als würde hier jeden Tag die Mafia ein- und ausgehen.

Ich ließ mich neben Regis wieder auf das Sofa nieder und drückte ihm beruhigend die Hand. Er wirkte etwas verloren bei all den fremden Leuten.
"Regis, das ist Frank Costello. Er kannte deinen Vater", stellte ich den neuen Besucher vor.
Frank streckte seine Hand aus und Regis nahm sie zögernd an.
"Was kann ich für Sie tun?", fragte er unsicher und wusste wohl nicht, wo und wie er diesen Mann einordnen sollte.
"Ich wollte Sie schon vor einer kurzen Weile mal besuchen, Mr. Barclay. Ihr Vater und ich kannten uns eine gewisse Zeit lang und ich habe mich mit ihm immer recht gut verstanden. Nun wollte ich seinen Sohn kennenlernen. Dass der Anlass, uns zu treffen, sein eigener Tod sein würde, betrübt mich. Es würde mich aber freuen, wenn Sie mir gestatten würden, zu seiner Beerdigung zu kommen."
Frank konnte so schön mit Worten umgehen. Ich beneidete ihn dafür.
"Ähm. Natürlich. Warum sollte ich es Ihnen verbieten. Ähm - James, wann ist sie gleich nochmal angesetzt?"
"Übermorgen, Mr. Barclay. Um 11 Uhr."
"Ah. Sehr schön. - Aber nun zu etwas anderem", wurde Frank ernst.
"Du hast meine Leiche geklaut!", sagte ich und ließ ihn gar nicht weiter sprechen.
"Er ist derjenige, der Regis' Vater auf dem Gewissen hat und auch ihn selbst umbringen wollte. Er hat das Recht, ihn zu sehen."
"Ganz ruhig, McNeill. Ich glaube, wir haben größeres Interesse an ihm. Wir müssen ein Exempel statuieren. Außerdem, nachdem du ihn derart zugerichtet hast, willst du sie dem jungen Mr. Barclay tatsächlich noch zeigen? Du scheinst deinen Messerkampf noch verbessert zu haben seit damals."

Ich merkte, wie Regis mich fragend anschaute. Ich brummte nur und hatte nicht vor, darauf zu antworten.
"Nun, Mr. Barclay, Sie haben mit Robert den besten und tödlichsten Bodyguard engagiert, den es hier in New York nur geben kann. Seine Feinde sollten sich wirklich fürchten", erzählte Frank dafür munter.
"Genug!", brauste ich auf und verbot Frank mit einer herrischen Geste weitere Worte. Ich wollte nicht, dass Regis von mir als Killer dachte. Meine Wunde schmerzte und ich spürte nässende Wärme. Scheiße! Waren die Nähte gerissen?

"Beruhige dich doch, Robert", sprach Regis neben mir und legte eine Hand auf meinen Arm, dann aber stand er auf und sprach direkt zu Frank.
"Ich weiß sehr wohl, wen ich aufgesucht habe, als ich einen Privatdetektiv suchte, Mr. Costello. Ich komme schließlich aus einer der schlimmsten Gegenden New Yorks. Da bekommt man das ein oder andere mit. Auch weiß ich, wen ich in meinem Hause empfange. Ich freue mich, dass Sie den Weg auf sich genommen haben und mich hier draußen besucht haben. Ich danke Ihnen für die Freundschaft zu meinem Vater und bin erfreut, Sie zu seiner Beerdigung wieder zu sehen. - Aber nun müssen wir uns um die Verletzungen von Robert kümmern."

Oh, oh! Mir wurde bange. Frank ließ nicht so mit sich reden. Die Kaffeetasse klirrte, als Frank sie auf die Untertasse zurückstellte. - Dann lachte er.
"Ha! War das ein Rauswurf? Hervorragend. So höflich bin ich noch nie hinaus komplimentiert worden. Aber Sie haben Recht, Mr. Barclay, Robert sieht nicht gut aus. - Ich wollte eigentlich auch nur sagen: Der eigentliche Grund, weswegen wir jetzt schon hier sind, ist Ihr Mörder. Ich bin deinen Hinweisen nachgegangen, Robert, und habe mit Tommy Brown gesprochen. Er wusste bereits, dass etwas im Gange ist, aber auch er hatte nichts Konkretes. Ich habe also meine Leute darauf angesetzt und die Spur, die sie fanden, führte uns direkt hierher."
"Was? Einer im Hause ist bei der Mafia", platzte es aus Regis heraus.
"Nein. Der Mörder. Er gehörte zu Tommy Browns Jungs und wollte die Organisation benutzen, wenn er hier einmal Fuß gefasst hätte. Er hat einigen Jungs viel Geld und Macht versprochen, was für mächtige Unruhe gesorgt hat. Im Falle seines Todes, soll ich dir von Tommy die besten Grüße und seinen Dank aussprechen, Robert. Solltest du einmal Unterstützung brauchen, kannst du dich jederzeit bei ihm melden."
"Herzlich Dank", brummte ich. "Und was ist mit den zwei Kerlen, die Williams dabei hatte und Annie?"
"Diese zwei kleinen Ganoven könnt ihr ruhig haben. Sie bedeuten uns nichts, können euch aber wohl einiges über Williams Pläne für die Barclay-Familie erzählen. Von der Tochter haben wir bisher allerdings nichts gewusst. Sie muss woanders aufgewachsen sein… Aber das wird der liebe Detective Rogers sicher herausfinden, der alte Jagdhund", lachte Frank zuversichtlich, bevor er aufstand, seinen Hut nahm und grüßend in die Runde nickte.

"Mr. Barclay, vielen Dank für den Empfang, wir sehen uns in zwei Tagen. Robert, benimm dich", drohte er mit erhobenen Finger. "James, passen Sie gut auf Mr. Barclay auf. Immerhin haben Sie nun einen Tunichtgut im Hause", warnte er James.
"Bei Gott, ich weiß, Mr. Costello", antwortete James in seinem typisch leicht herablassenden Butler-Tonfall. "Ich bringe Sie eben an die Tür."

Die Tür schloss sich hinter den beiden und ich war mit Regis allein. Ich sank auf das Sofa zurück. Das konnte doch nicht wahr sein. Hatten den sich alle gegen mich verschworen? An Marys tadelnden Tonfall hatte ich mich über die Zeit hin irgendwie gewöhnt, aber dass ich nun auch Frank so hören musste und gar James voll und ganz auf seiner Seite war, wollte ich nicht glauben. Was musste man tun, um akzeptiert werden? Hatte ich heute Nacht nicht mein Leben riskiert?

Da war Regis wieder neben mir.
"Robert. Lass dich nicht ärgern. Ich habe das Gefühl, dass Frank dich mag, auf eine väterliche Art."
"Wie schön, dass er einem das so direkt sagt. Dafür muss er nicht meine Kampfmethoden erörtern."
Regis kniete abermals vor dem Sofa nieder. Diesmal aber, um mit mir auf einer Augenhöhe sein zu können. Er lächelte. Wie hübsch das ihn machte.
"Robert, ich habe dir im Büro nur die eine Vorahnung erzählt", sagte er leise und lächelte verschüchtert. "Die andere konnte ich bisher nicht so richtig einordnen und wollte sie zu Beginn nicht glauben."
"Was für eine weitere Vorahnung?", fragte ich perplex. Sollte er noch einmal umgebracht werden?
"Ich habe einen Mann darin gesehen, der mich küsste…", sagte er leise und blickte mir vielsagend in die Augen. "Auch habe ich gesehen, dass er ein Kämpfer Ohnegleichen ist. Ich wusste also sehr genau, wem ich in jenem Büro begegnen würde. Ich wusste nur nicht, dass ich mich tatsächlich so sehr in ihn…" Er seufzte lächelnd. "Und jetzt, so hübsch hergerichtet und doch so stark verletzt, nur für mich. Robert, willst du nicht auch endlich nur Regis zu mir sagen?"

Hätte ich nicht gelegen, ich wäre glatt aus den Schuhen gekippt. So eine Liebeserklärung hatte ich in meinem Leben noch nie gehört. Zumindest nicht für mich bestimmend.
"Ja. Das hier war James' Werk", knurrte ich und zupfte an dem frischen Hemd. Es war das einzige was ich auf Regis' sehnsuchtsvolle Worte antworten konnte.
"Ja. James sorgt sich um alle", kicherte Regis. Ich glaubte fast, er fand meine Verlegenheit lustig. Schön, wenn er sich amüsieren konnte.
"Er sorgt sich? Er hätte mich beim ersten Blick am liebsten wieder rausgeworfen. Ich war ihm wohl nicht fein genug", brummte ich weiter.
"Nun, James möchte nur, dass es mir gut geht", verteidigte Regis seinen Butler.
"Regis! Dir geht es doch aber gut!", begehrte ich auf. Au! Das tat schon wieder weh.
"Ja. Wegen dir geht es mir gut", sagte er und endlich küsste er mich viel zu sachte auf den Mund.

Ende

 

(1)
Der gute Detective Edward Rogers spricht "Sächsisch" und kaut zusätzlich auf seiner Zigarre herum.
Daher auch seine leicht verständliche Aussprache.

(INFO)
Die Geschichte spielt am 23. und 24. September des Jahres 1951.

 


 

Teil 3

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