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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die Vorahnung des Reginald Barclay - Teil 3"

 


Das Dinner verlief äußerst angenehm, auch wenn ich zu Beginn meine liebe Mühe mit dem Besteck hatte. Anscheinend war es in gehobener Gesellschaft üblich, den Essenden mit zu vielen Gabeln, Messern und Löffeln zu verwirren.

Regis versuchte sein Kichern hinter einem vornehmlich Husten zu verstecken, bis ich ihn direkt darauf ansprach.
"Entschuldigen Sie, Mr. McNeill. Sie haben mich eben nur an mich selbst erinnert, als ich das erste Mal vor einem voll eingedeckten Tisch saß. - Aber sehen Sie, es ist ganz einfach: von außen nach innen arbeiten und wenn da kein Besteck mehr liegt, nach oben ausweichen."

Diesen Ratschlag nahm ich an und siehe da, die nächsten Gänge waren mit Hilfe von weiteren kleinen Tipps gut zu meistern, auch wenn sich ein Soßenfleck auf meine Hose verirrte, wo er nicht alleine war.

Ansonsten unterhielten wir uns über Charles Barclay und Regis neues Leben in diesem Haus. Ich erfuhr einiges Persönliches über ihn. Andere Themen, wie der angebliche Sohn von Christopher Barclay, wollte ich hier nicht ansprechen, wo die Köchin und das Hausmädchen uns jederzeit zuhören konnten. Das hatte Zeit, bis wir wieder unter uns waren.

Das Essen selbst war hervorragend und als Rose die Teller vom Dessert abräumte, lobte ich sie in den höchsten Tönen. Sie wurde rot und bedankte sich freudestrahlend. Tatsächlich hatte ich selten so gut gegessen.

Wir zogen uns wieder in die Bibliothek zurück. Regis schien sich zwischen den Büchern wohl zu fühlen. Mir war so viel Lesestoff suspekt, aber die Einrichtung des Zimmers wirkte sehr gemütlich und der Blick aus dem großen Fenster über das grüne Land war beruhigend.

Regis sortierte eben das Buch ein, in dem er heute Nachmittag gelesen hatte und suchte nach einem anderen, in welchem er gerne den Abend über schmökern wollte. Ich wollte ihn dabei eigentlich nicht stören, doch musste die Information einfach heraus.

"Regis, ich habe noch etwas in Erfahrung gebracht. Ihr Vater hatte einen angeblichen Halbbruder. Dieser Mann konnte seine Abstammung aber nicht beweisen, wie Sie zum Beispiel durch die Kette Ihrer Mutter, und verschwand darauf hin."

Regis schaute verblüfft zu mir und hielt das Buch fest an seine Brust gedrückt.
"Das wusste ich nicht. Sie meinen, er könne hinter all dem stecken?"
Ich musste mich bewegen und ging nachdenklich vor dem Fenster auf und ab.
"Ich weiß es nicht. Wir sollten James fragen. Er sollte doch etwas darüber wissen…"
"Ja. Gute Idee." Regis rief sogleich nach dem Butler, der gerade sowieso mit einer Kanne Kaffee zu uns unterwegs war. Ich erzählte ihm von den Geschehnissen, die mir Frank berichtet hatte.
"Ja. Diesen Vorfall hat es gegeben", bestätigte James. "Jedoch verschwand dieser Mann plötzlich, er nannte sich übrigens William, und wurde seither nicht mehr gesehen. Ich dachte daher nicht, dass dies relevant sein könnte, da es doch nun schon über 20 Jahre her ist. Sie meinen, er könnte jetzt, nach all dieser langen Zeit, wieder aufgetaucht sein?"

"Gut möglich. Können Sie sich denn an jenen Mann erinnern, James?", fragte ich weiter.
"Ja. Sehr deutlich. Er war mir nämlich nicht geheuer. Er hatte den Drang, andere Menschen einzuschüchtern. Nicht mit Worten, allein seine Erscheinung war dazu gemacht, Menschen zu verängstigten. Er war unheimlich groß und breitschultrig. Es reichte, wenn er mit starkem Schritt auf einen zukam, um Angst zu bekommen. Dazu hatte er einen stechenden Blick und eine sehr tiefe, kratzige Stimme."

"Das ist der Mann!", rief Regis aufgebracht aus. Er sah so verängstigt aus, dass ich diesmal meinem Gefühl nachgab. Ich zog ihn in meine Arme. Und tatsächlich, Regis zitterte so heftig, dass ich mir Sorgen machte. Ich führte ihn zu dem gemütlichen Ohrensessel und bat James um einen kräftigen Scotch oder dergleichen. Er nickte beflissen und brachte eiligst das Gewünschte.

Regis verzog das Gesicht als er den guten Whisky in einem Zuge leerte und dann kräftig hustete. Ich schmunzelte. Er war wohl so starkes Zeug nicht gewohnt. Es verlangte mir auch nach einem Schluck, doch verzichtete ich, als James mir ein Glas anbot. Ich musste die Nacht über bei klarem Verstand bleiben. Der Kaffee war dafür bestens geeignet.

"James, ist Ihnen in der letzten Zeit so eine Person irgendwo aufgefallen? Oder ist Ihnen irgendetwas anderes hier seltsam vorgekommen?"

James überlegte eine Weile, konnte dann aber nur mit dem Kopf schütteln.
"Es ist hier alles wie seit Jahren schon. Mr. Barclay hatte einen festen Tagesablauf, der sich nur selten änderte. Selbst als der junge Mr. Barclay zu uns gestoßen ist, hat Charles Barclay seinen Tagesablauf beibehalten, soweit es die Krankheit zuließ", beschrieb er das Leben auf dem Gut.
"Und die Mitarbeiter? Wem würden Sie 100%ig vertrauen?"
"Jermaine und Rose", antwortete er ohne nachzudenken.
"Jermaine?", fragte ich nach, obwohl auch ich dem Schwarzen vertrauen würde. Ich wollte aber wissen, was James von ihm hielt.
"Ja. Jermaine kam als sehr junger Mensch zu uns. Er hat sich nicht nur um die Tiere gekümmert, sondern auch um Mr. Barclay, als es ihm immer schlechter ging. Seine Körperkraft war in letzter Zeit oftmals sehr hilfreich. Zudem mochten sich die beiden. Ich würde sogar behaupten, dass sie eine Art Freundschaft verband."
"Und Rose?"
"Sie ist die gute Seele hier im Hause", und das erste Mal sah ich ein angedeutetes Lächeln bei James.
"Was ist mit dem Gärtner und Annie?"
"Der Gärtner ist ungefähr seit drei Jahren bei uns. Er wohnt mit seiner Familie gleich hier in der Nähe und ist fleißig und bescheiden. Sein größtes Glück ist das Wachstum der Pflanzen. Er hätte keinen Grund, der Barclay-Familie etwas anzutun."
"Und Annie?"
"Nun. Annie ist seit ungefähr 15 Monaten bei uns. Unser vorheriges Hausmädchen heiratete und zog zu der Familie ihres Mannes. Wir schalteten darauf eine Anzeige und Annie stellte sich bei uns vor. Sie schien recht gewandt und höflich…"
"Schien?"
"Nun. Wir werden sie wohl bald entlassen müssen. Man hat das Gefühl, dass sie noch nie zuvor ein Zimmer geputzt oder in der Küche geholfen hatte. Obwohl ihre Referenzen gut waren… Sie macht zu viele Fehler und wirkt immer etwas abgelenkt."
"Hmmm… seit ca. anderthalb Jahren…", grübelte ich vor mich hin. War das nicht der Zeitraum, in dem Charles Barclay erkrankte? Regis' Hand fasste mich am Arm. Es tat fast ein wenig weh.
"Mr. McNeill, glauben Sie etwa, Annie hat damit etwas zu tun? Sollte sie zu dem Mann, also zu William, eine Verbindung haben?"

Ich überlegte. Sollte es tatsächlich so sein, musste ich schnellstens handeln. Ich glaubte nicht, dass Annie und ihr Verbündeter länger warten werden. Vor allem, da ich heute hier auftauchte und offensichtlich Fragen stellte.

"Mr. Barclay", fasste ich Regis fest in meinen Blick. "Vertrauen Sie mir?"
Er schaute mich aus seinen großen Augen an und seine Angst schmerzte mich.
"Regis", sagte ich sanfter und brach damit jeglichen Anstand. "Vertraust du mir?"
"J~ja", hauchte er zittrig heraus. Ich nickte und präsentierte meinen Plan.

"Folgendes: Sie gehen jetzt zu Bett. James, bereiten Sie alles so vor, wie sonst auch, wenn Mr. Barclay schlafen geht. Wenn er einen Abendtee trinkt, dann lassen sie auch heute einen bereiten. Zuvor jedoch verabschieden Sie mich. Ich werde das Grundstück auffällig verlassen, dass jeder im Hause dies bemerkt. Dann suche ich mir heimlich einen Weg zurück auf das Gelände. Gibt es einen Hintereingang außer der Küche, durch den ich wieder herein kommen kann?"

"Ja. Durch den Keller. Ich zeige es ihnen gleich noch. Ebenfalls gibt es eine kleine Pforte im Wäldchen hinter dem Stall. Jermaine könnte sie da hereinlassen. Ich werde es ihm sagen", erklärte James und war umgehend bei meinem Plan dabei.

"Gut. Dann werde ich zu Ihnen in das Zimmer kommen, Mr. Barclay und mich verstecken. Wir werden den Mörder auf frischer Tat ertappen. Und wenn nicht heute, dann morgen."

Regis nickte nur und zeigte mir sein Schlafzimmer, damit ich es kurz in Augenschein nehmen konnte. Er wohnte nicht im Master-Bedroom. So kurz nach dem Tode seines Vaters wollte er dies noch nicht beziehen. So fanden wir uns in einem kleineren Zimmer wieder, dessen hohes Fenster den Blick über die Weiden zeigte. Direkt darunter war der hintere Kücheneingang. Als ich mich über die Brüstung des französischen Balkons beugte, sah ich Licht aus einer nur angelehnten Tür dringen.

Ich verabschiedete mich einstweilen bei ihm, auch wenn ich ihn nicht allein lassen wollte. Er war noch immer verängstigt. Ich sagte mir, dass es ja nur für eine kurze Weile wäre und drückte ihm aufmunternd die Schulter.

Unten verabschiedete mich James indem er mir Mantel und Hut reichte. Der Zufall wollte es, dass tatsächlich Annie gerade den kleinen Salon verließ und zur Küche ging. Sie lächelte mir lieblich zu und machte einen Knicks, dann aber eilte sie unter James strengen Blick schnell weiter.

"Auf Wiedersehen, Mr. McNeill. Das Taxi wird am Eingang zum Grundstück auf Sie warten. Dann können Sie noch einen schönen Spaziergang machen." Er klang dabei so gelangweilt desinteressiert, wie es ein Butler nur sein konnte, der einem Gast alles wünschte, nur nicht einen schönen Spaziergang.

Ich spazierte wirklich gemächlich den Weg entlang und genoss dabei das letzte Abendrot. Auf der anderen Seite schob sich ein blasser kleiner Mond in die Höhe und gab mir ausreichend Licht. Als ich die Mauer der Einfahrt erreichte, war es gänzlich dunkel. Nun spurtete ich los. Ich folgte erst ein paar Meter der Straße entlang, bis der Zaun endete und von einer dicht bewachsenen Hecke abgelöst wurde, die aber nun im rechten Winkel abging und das Gelände einrahmte. Ich folgte dieser, wenn es auch mühsam war, sich im Dunklen durch hohes Gras und Gestrüpp zu kämpfen. Grasflecken und ein Riss gesellten sich zum Soßenfleck.

Einige Bäume erschienen vor mir und ich hatte das kleine Wäldchen erreicht. Es raschelte, ich hatte die Pistole sofort im Anschlag.
"Mr. McNeill?"
"Herrgott, Jermaine. Ich hätte sie fast erschossen."
"Ich wollte kein Licht machen. Mr. Haywood sagte mir, es solle keiner bemerken, dass Sie zurückkommen."
"Guter Mann. Richtig gemacht." Ich folgte ihm durch ein kleines Türchen und von hinten kamen wir in den Stall. Die Boxen waren mit den Pferden belegt. Einige schnaubten leise. Der Schein einer kleinen Laterne drang von vorne aus einem Stallabteil. Es war Mollys Box und neben ihr lag eine zweite größere Decke und ein Kissen.

"Sie schlafen hier?", war ich überrascht.
"Ja. Ich will Molly mit ihren Kleinen noch nicht allein lassen. Außerdem finde ich es bei den Pferden und im Heu angenehmer, als in einem zu kurzen Bett im Haus."
"Dann passen Sie aber auf. Es könnte sein, dass sich ungebetene Gäste heute Nacht hier herumtreiben… Es wäre mir lieber, Sie würden im Haus sein, wo Sie nicht hinterrücks überrumpelt werden können."

Ich sah ihn lächeln.
"Ich weiß mich zu verteidigen. Ich kann Vorkehrungen treffen." Ich traute Jermaine dies durchaus zu, warnte ihn aber nochmals, bevor ich zum Haus hinüberging. James erwartete mich an der Kellertür.

Nur im Foyer brannte eine kleine Tischlampe und erhellte gerade so die ersten Stufen zur Treppe hinauf. James bedeutete mir, mich im Dunklen zu halten, während er aus der Küche eine Kanne Tee holte. Dann gingen wir die Treppen hinauf. Oben leuchtete eine ebenfalls nur kleine Wandlampe.

Sonst war es still, dunkel und leise im Haus. Obwohl es noch gar nicht so spät war, waren wohl bereits alle auf ihren Zimmern. Dachte ich zumindest. Gerade als ich die letzte Stufe nehmen wollte, ging eine der Türen auf der anderen Seite auf und Annie kam heraus. Ich duckte mich eilig in den Schatten der dunklen Treppe. Das Mädchen wirkte kurz überrascht, als sie James erblickte.

"Annie, was machen Sie denn noch hier draußen auf dem Flur?"
"Oh… Ähm… ich dachte, Mr. Barclay hätte gerufen und bräuchte etwas. Da wollte ich nachschauen."
"Ja. In der Tat. Er wollte noch einen Tee. Wie Sie sehen, habe ich ihn bereits geholt. Gehen Sie unbesorgt wieder zu Bett. Der morgige Tag wird anstrengend."

"Jawohl, Mr. Haywood", lächelte sie verschüchtert und verschwand wieder in ihrem Zimmer. Das Mädchen wurde immer verdächtiger. Doch vorerst schlich ich weiter die Treppen hinauf war erleichtert, endlich wieder Regis zu sehen. Er saß aufrecht im Bett, hatte ein großes Buch offen vor sich liegen, las aber nicht. Dafür war er viel zu aufgeregt. Die Beleuchtung seiner Nachttischlampe spendete nur vage Licht und ließ seine Augen noch größer und dunkler wirken.

James stellte ihm die Teekanne direkt ans Bett zu einer Tasse.
"So, Mr. Barclay. Nun ist alles da, was Sie für die Nacht gebrauchen könnten. Sollten Sie noch etwas anderes haben wollen, scheuen Sie sich nicht, nach mir zu rufen. Und nun wünsche ich Ihnen eine gute Nacht."

James beachtete mich gar nicht weiter, als er die Tür schloss und seine Schritte auch bald auf dem Flur nicht mehr zu hören waren.

Ich hockte derweilen am Boden und krabbelte über den Teppich hinüber zu Regis' Bett. Auf der von der Lampe gegenüber liegenden Seite sagte ich Regis endlich leise ‚Guten Abend'. Erleichtert blickte er mich an, lächelte sogar etwas.
"Sie sehen wie ein Käfer aus, wenn Sie da so herumkrabbeln", flüsterte er mir leise zu. "Schön Sie wieder hierzuhaben, Mr. McNeill."
Ich lächelte zurück.
"Sie können mich gerne Robert nennen, Mr. Barclay", antwortete ich ebenso leise. "Außerdem will ich vermeiden, dass man mich als Schatten oder so doch noch erkennt. Annie war gerade draußen auf dem Flur unterwegs. Sie war ganz überrascht Ihren Butler zu sehen."

"Was machen wir denn jetzt, Mr. - ähm, Robert?"
Mein Name von ihm ausgesprochen klang ganz anders, als wenn Mary mich tadelnd zurechtwies. Das war schön.
"Sie machen das Licht aus und stellen sich schlafend. - Ich passe genau hier auf. Ich möchte Sie bitten, auch dann schlafend zu tun, wenn jemand in das Zimmer eindringt. Dies kann durch die Tür oder das Fenster geschehen. Er muss bis hier her ans Bett kommen. Dann greife ich ein."
Ich zog meinen Mantel aus und legte ihn zusammen mit dem Hut unter das Bett, damit nichts im Weg lag. Dann prüfte ich die Halterungen auf meinem Rücken, die von der Weste gut verdeckt war. Zum Schluss zog ich meine Pistole aus dem Halfter hervor und hielt sie griffbereit.

"Ich vertraue dir, Robert", sagte Regis noch einmal, dann löschte er das Licht und kuschelte sich nahe bei mir in seine Kissen.

Dann begann die Zeit des Wartens. Ich lauschte angestrengt in alle Richtungen. Im Haus war nichts zu hören, von draußen drangen typische nächtliche Geräusche. Wind, der in Bäumen rauscht, eine Eule, ein Käuzchen. Fehlte nur noch das Heulen des Wolfes. Zu meinem Erstaunen stellte ich bald fest, dass Regis' Atem sehr tief und gleichmäßig ging. War er doch wirklich eingeschlafen. Nun, umso besser.

Die Nacht zog sich und ich nutzte die Gelegenheit, Regis' Gesicht zu betrachten. Ich erkannte nicht wirklich etwas im Dunklen, konnte mich aber an viele Einzelheiten erinnern. So sehr hatte er sich schon in mein Inneres gearbeitet.

Das schleifende Geräusch nahm ich zuerst gar nicht bewusst war. Dann hörte ich es aber wieder. Da war etwas unterhalb vom Fenster. Ich blieb wo ich war, lenkte aber meine Aufmerksamkeit wieder in das Zimmer hinein.

Und da ging auch noch die Zimmertür auf. Und herein schlich… Annie. Ich erkannte sie an ihrer schlanken Figur. Sie huschte hinüber zum Fenster und öffnete es. Dann beugte sie sich gleich hinaus und flüsterte etwas hinunter. Sie machte dabei eine ganze Menge Krach, was mich nur den Kopf schütteln ließ. Jeder Mensch wäre doch dabei längst erwacht. Und tatsächlich, Regis begann sich zu regen. Er durfte jetzt nur nicht laut werden.

Ich schob meine Hand zu ihm und legte sie über seinen Mund. Er erschrak sich wirklich, doch blieb er sofort wie er war, als er mich bei sich wusste. Er nickte, sodass ich die Bewegung spüren konnte und schloss wieder die Augen. Ich streichelte ihm mit dem Daumen eben beruhigend über die Wange, dann ließ ich wieder von ihm ab.

Ich machte mich sprungbereit, denn soeben schob sich ein massiger dunkler Schatten durch das Fenster hinein. Ein sehr großer Mensch. Er war erstaunlich leise für seine Körpergröße; im blassen Mondlicht blitzte ein Messer auf. Er ging direkt auf das Bett zu und näherte sich dem Kopfende. Dann sah ich aber, dass er ein Tuch hervorholte. Ah, ich verstand. Er wollte Regis erst nur knebeln und dann aus dem Haus fortbringen. Erst woanders sollte er richtig getötet und möglichst tief vergraben werden. So vermied man einen zu schnellen Leichenfund, wenn überhaupt jemals die Überreste des Opfers gefunden wurden. Das ähnelte Mafia-Methoden.

Er näherte sich von der anderen Seite und ich hatte ein freies Schussfeld. Ich legte an, Annie rief plötzlich erschrocken auf und während mein Schuss fiel, bewegte sich der Angreifer zu schnell. Er sprang davon, zum Fenster hin. Ich eilte ihm sofort hinterher. Annie verpasste ich im Vorbeilaufen einen harten Schlag. Sie brach besinnungslos zusammen. Sie war erst einmal ruhig gestellt.

Am Fenster sah ich eine lange Leiter am Geländer. Der Mann war schon fast unten. Mit einem Satz ließ er sich die letzten Sprossen fallen. Er war schlau, denn er griff die Leiter und warf sie ins Gras. Verdammt! Aber nicht mit mir. Ich kletterte über die Brüstung, ließ mich so weit hinunterhängen wie möglich und sprang. Ich kam geschickt auf, federte mit einer Rolle ab und war sofort wieder auf den Beinen und hinter dem Kerl her. Verdammt. Die Narbe ziepte dabei schrecklich.

Er flüchtete Richtung Stall. Er schien sich hier gut auszukennen, denn er umrundete geschickt die gemeine Wurzel, über die ich bei meinem Hereinschleichen selbst gestolpert war. Aus dem Stall drangen Licht, ein Schuss krachte und weitere Kampfgeräusche. Im schummrigen Licht erkannte ich Jermaine. Er lebte und stand aufrecht. Zum Glück.

Der Gejagte wechselte plötzlich die Richtung, nun wollte er wohl um die Scheune herum. Er will zu dem Türchen im Wald, dachte ich.
"Jermaine!", schrie ich. "Zur Tür! Zur Tür!"
Ich legte noch einen Zahn zu. Der Mistkerl durfte mir nicht entkommen. Wir kamen dem Türchen näher, da schob sich Jermaines hohe breite Gestalt ins Blickfeld. Mit einer Mistgabel bewaffnet, versperrte er das Türchen. Sein böses Grinsen brachte seine weißen Zähne zum Leuchten, die Augen hatte er weit aufgerissen. Er sah irre aus und musste jeden, der ihn nicht kannte, Angst einjagen. Und das tat er auch bei dem Fremden. Der stockte. Dann hatte er eine Pistole in der Hand. Der Schuss krachte in dem Moment, in dem Jermaine auf ihn zusprang. Die Mistgabel fest im Griff hielt er genau auf den Kerl zu.

Ich hörte einen Schmerzenslaut. Jermaine hatte ihn wirklich erwischt. Und jetzt war ich auch endlich heran. Der Kerl hielt sich den Oberschenkel, Jermaine lag am Boden. Hatte ihn der Schuss doch getroffen?
"Stehen bleiben oder ich schieße!", rief ich. Immerhin wollte ich ihn doch lebend fangen.
"Dann schieß doch, Bürschchen", knarzte eine kalte Stimme, die einem Gänsehaut verursachte. Es blitze auf und ich warf mich zur Seite. Der Schuss ging daneben.
"McNeill, schnell, schnell", rief Jermaine. Ich kam in einer Rolle direkt wieder hoch und sah den Kerl weiter davonrennen. Jermaine versuchte aufzustehen, konnte es wohl nicht.
"Jermaine?", fragte ich atemlos und kam zu ihm. Ich würde ihn hier nicht sterben lassen.
"Alles gut. Fangt den Kerl", rief er und deutete mit der Mistgabel zum Türchen. Da war der Unhold schon fast angelangt. Ich reichte ihm meine Pistole. Wir wussten nicht, wieviele sich hier noch herumtrieben.

Dann gab ich alles, rannte und bekam den Mistkerl sogar zu packen, als er das Tor aufriss. Ich sprang ihm regelrecht auf den Rücken und durch den Schwung gingen wir gemeinsam zu Boden. Er verlor seine Pistole. Ich bekam sie zu fassen und warf sie weit weg ins Gebüsch.
"Also gut. Du willst einen Kampf? Den sollst du bekommen, Jungchen!"
Ich kam gerade auf die Beine, als ich ihn auf mich zukommen sah. Er hatte ein Messer in der Hand. Ich konnte ausweichen und zog im gleichen Moment meine eigene Klinge aus der Halterung auf dem Rücken.

Er hielt sich nicht mit Spielchen auf, sondern griff direkt wieder an. Ich blockte, drehte mich unter seinem Arm hindurch, zog meine gebogene Klinge in einem weiten Bogen nach, verpasste ihm damit einen langen Striemen über Brust und Seite, und kam hinter seinem Rücken zum Stehen. Sofort setzte ich zu einem direkten Stich an. Er konnte ihm ausweichen, stolperte ungeschickt und überrascht nach vorn, raus aus meiner Reichweite.

"Du Hund. Was sind das für miese Tricks?", knurrte er.
Ich grinste ihn nur in Jermaine-Manier an. Mein Karambit glänzte im Mondlicht. Ich wusste, dass viele nur direkt kämpften. Stich und Stich. Ich hatte mir meinen eigenen Messerkampf antrainiert. Immerhin hatte New York nicht nur Little Italy zu bieten, sondern auch Chinatown. Außerdem war ich um einiges kleiner als der Kerl. Mit reiner Körperkraft konnte ich gegen ihn nicht gewinnen, aber mit Schnelligkeit und Geschick.

Ich antwortete ihm nicht, sondern setzte zu einem neuen Angriff an. War ihm wohl nicht geheuer. Er zögerte. Sein Fehler. Ich täuschte einen direkten Stich mit der Rechten gegen seine Schulter an. Er blockte diesen mit einem Hieb ab, der mich wegschleudern sollte. Ich nutzte den enormen Schwung zu einer weiteren Drehung und mit der Linken zog ich mein zweites Karambit diesmal durch seine andere Seite. Es war ein tiefer Schnitt, der ihn wanken ließ.

Doch bei diesem Mann musste man aufpassen. Ich stand sofort sicher, meine beiden Klingen gekreuzt vor mir, in gespannter Abwehrhaltung.

"Was bist du für ein Feigling, dass du mit sowas kämpfst?", fragte er keuchend.
"Was bist du für ein Feigling, dass du einen jungen Menschen umbringen willst. Heimlich in der Nacht."
"Er hat es verdient. Er ist nicht der rechtmäßige Erbe!"
"Er ist der Sohn von Charles Barclay. Damit ist er rechtmäßiger Erbe."
"Ich bin es! Ich und meine Tochter!", schrie er aufgebracht und stürzte auf mich zu. Er versuchte tatsächlich mit einem direkten Schlag mich anzugreifen. Ich blockte ihn mit den Klingen. Er hatte aber solch eine Kraft in den Schlag gelegt, dass er mich schwanken ließ. Meine Arme schmerzten. Ich musste schnell aus seiner Reichweite kommen. Ich wollte mich unter ihm hinwegdrehen, als meine Hüfte blockierte. Die alte Wunde verhinderte die Drehung und ich konnte mich nur noch ungeschickt zur Seite fallen lassen. Ich hörte das Zischen seiner Klinge in der Luft, dann spürte ich schon den Schmerz in der Seite. Als nächstes traf mich ein Faustschlag im Gesicht.

Verdammt! Ich sah nur noch Sterne. Ich reagierte blind, nutzte die automatischen Bewegungen jahrelangen Trainings und zog meine klauenförmigen Klingen vor mir durch die Luft. Ich musste etwas getroffen haben. Flüssiges tropfte auf mich nieder.

Ich kämpfte mich unter ihm hervor und kam schwankend auf die Beine. Ich schüttelte den Kopf. Der Schlag hatte echt gesessen. Ein Wunder, dass ich nicht ohnmächtig geworden bin. Ich stellte mich auf einen weiteren Schlagabtausch ein, doch musste ich das nicht. Der Mann kniete vor mir auf allen Vieren, röchelte und gurgelte.

Ich hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Da war nichts mehr zu machen. Ich sah seinem Todeskampf zu. Zum Glück dauerte dieser nicht lange. Nach nur kurzer Zeit lag er regungslos auf dem Boden. Ich näherte mich vorsichtig, setzte eine Klinge in sein Genick und prüfte den Puls. Nichts mehr. Dieser Mann war tot.

Ich wischte meine Klingen sauber und schob sie zurück in die Halterungen auf meinen Rücken, wo sie unter meiner Weste für alle anderen verborgen, für mich aber immer griffbereit waren.

Dann prüfte ich meine eigene Wunde. Sie blutete und schmerzte, war aber soweit zu ertragen. Sie war wohl nicht lebensbedrohlich. Ich zerrte an dem Toten, wollte ihn zurück zum Stall bringen, ließ es aber bleiben. Er war im Moment für mich einfach zu schwer. Doch er würde mir schon nicht davonlaufen.

Ich stolperte zurück zu Jermaine, der sich mit Hilfe seiner Mistgabel auch schon in die Höhe gekämpft hatte. Er reichte mir meine Pistole zurück und ich schob sie gleich ins Holster.
"Jermaine, sind Sie schwer verletzt?", fragte ich und stützte ihn.
"Nein. Ich glaube, es ist nur ein Streifschuss."
Wir kamen zum Stall zurück, wo ausreichend Licht vorhanden war und dort sah ich zwei Männer liegen. Sie waren gefesselt und geknebelt. Sie konnten sich weder bewegen noch sprechen. Sie schauten uns verängstigt an.
"Sie können hervorragend Pakete schnüren", lobte ich Jermaine. "Wie geht es Molly?", dachte ich an die Katze und ihre Kleinen. Zur Antwort maunzte es da von oben und als ich zur niedrigen Zwischenetage schaute, schob Molly gerade ihren schwarzen Kopf über die Heukante hinweg und blinzelte uns an.

"Denen geht es gut. Ich habe sie vorsichtshalber dort hoch gebracht. Die Kleinen können ja noch nicht wegkrabbeln."
Das war gut so.
"Jetzt aber erst mal zum Haus. Ich muss die Polizei informieren. Und Regis beruhigen, dass nun alles friedlich ist." Damit gab ich Jermaine zu verstehen, dass ich ihn dieses Mal nicht in seiner Scheune allein zurück ließ. Auch wenn er sich zuvor ausgezeichnet geschlagen hatte.

Er ließ sich auch führen. Die Wunde war wohl doch nicht ganz ohne. Aber dann hörte ich ihn leise lachen.
"Sie mögen ihn", sagte er leise.
"Was? Wen?"
"Na den jungen Mr. Barclay."
"Sie doch auch", konterte ich.
"Ja. Aber nicht SO", sagte er in einem dermaßen bestimmten Ton, dass ich da nichts entgegnen konnte. Ich wollte auch gar nicht.

"Das ist gut. Er wirkte immer so allein, seit er hier ist."
Na der hatte wohl schon Pläne gemacht. Ich schüttelte nur den Kopf und während wir uns dem Haus näherten, in dem überall Licht brannte, hörte ich das nervige Geheul der Polizeisirenen, dann sahen wir auch schon das typische blau flackernde Licht von drei Streifenwagen.

Wir kamen beim Vordereingang an und auf den Treppen standen James und Regis. Als Regis uns erblickte eilte er auf uns zu und seine großen Augen blickten besorgt. Er sah das viele Blut und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Aber wir waren am Leben und mit einem beherzten Sprung umarmte er mich.

"Ich bin so froh! Ich hatte solche Angst", flüsterte er mir zu. Dann besann er sich all den Leuten um uns herum. Er ließ los und erkundigte sich bei Jermaine, wie es ihm gehen möge.
"Alles ok. Und die Täter sind wohl auch alle gefasst", erklärte er kurz.
"Ja", stimmte ich ihm bei. "Die Herren Polizisten", rief ich dann den Leuten in Uniform zu, die nun alle ebenfalls eingetroffen waren. "Sie finden zwei gefesselte Männer in der Scheune und die Leiche des Anführers am Tor im Wäldchen, direkt hinter der Scheune. Nehmen sie genug Männer mit, er ist zu schwer für einen allein. Und dann ist da noch Annie, das Hausmädchen…"
"… Das Mädchen finden sie in ihrer Kammer. Ebenfalls gefesselt", hörte ich James sagen.
Die Polizisten eilten los und verteilten sich.

Ich kämpfte mich mit Jermaine ins Foyer, um dort auf der Bank erst einmal zum Sitzen zu kommen. Regis blieb die ganze Zeit neben uns und stütze, wo es nötig war. Rose war plötzlich da und begann sich um unsere Wunden zu kümmern, soweit es ihr möglich war. James hörte ich im Hintergrund Anweisungen geben. Er hatte die Polizisten gut im Griff.

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. Was für ein Tag!

...

 


 

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