zurück zur Bibliothek

Impressum

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die Vorahnung des Reginald Barclay - Teil 2"

 


Ich dachte mir, es könne nicht schaden, der Cosa Nostra einen Besuch abzustatten. Auf dem Weg nach Little Italy klapperte ich bekannte dunkle Ecken ab und verteilte einige Dollars bei meinen Quellen. Es gab die üblichen Gerüchte. Vor Mario's, Franks Lieblingsitaliener, stand sein nagelneuer weinroter Alfa Romeo 1900. Die Tür zum Restaurant bewachten zwei Gorillas in feinen Anzügen. Der eine hatte eine riesige Narbe im Gesicht.

Ich trat offen auf die beiden zu und lupfte meinen Hut.
"Guten Tag. Ich wollte Mister Costello auf ein Wort sprechen."
"Mister Costello isst gerade zu Mittag. Er will nicht gestört werden", antwortete Mackie Messer.
"Ich habe Informationen zu Tommy Brown. Man munkelt, er bereitet eine Übernahme vor."
Er stutzte, dann gab er seinem Kollegen ein Zeichen. Der verschwand nach innen. Ein paar Momente war ich noch den mordlüsternen Augen ausgesetzt, dann ging die Tür wieder auf und ich hatte freien Zutritt. Ich sah mich im schummrigen Licht des Restaurants um. Es gab keine Gäste, nur noch zwei weitere Aufpasser. Hinten an einem runden Tisch saß Frank, Kopf der Luciano-Familie.

Frank Costello war mir immer noch der angenehmste Boss der Fünf Familien. Er benutzte nämlich sein Gehirn. Mit ihm konnte man reden. Die anderen schossen erst, fragten dann, wenn überhaupt. Außerdem hatte ich ihm in der Vergangenheit das Leben gerettet. Die Narbe ziepte.

Er erblickte mich und breitete dann die Arme in einer willkommenen Geste aus.
"McNeill, Junge. Schön dich zu sehen. Komm her, komm her."
Ich folgte seiner Aufforderung, auch wenn es mich ärgerte, dass er mich als ‚Junge' bezeichnete. Immerhin war ich kurz vor der Dreißig.
"Mensch, du hast mich ganz schön erschreckt mit deinem Tommy-Brown-Scherz", lachte er und begann wieder zu essen.
"Tschuldige. Aber deine Gorillas wollten mich nicht reinlassen."
"Schon gut, schon gut. Ich werde ihnen sagen, dass DU immer Zutritt hast."
"Danke. Du schaust gut aus. Wie laufen die Geschäfte?"
"Gut, gut. Ich kann nicht klagen."
"Und die Pferde? Gute Tiere?"
"Oh. Ein paar wirklich Ausgezeichnete. Du solltest bei Gelegenheit ein Rennen besuchen. - Aber Schluss mit dem Geplänkel. Was gibt es, dass du mich beim Essen störst? Du weißt doch, dass mir mein Mittag heilig ist, Junge", deutete er mit dem spitzen Steak-Messer auf mich, bevor er damit weiter sein Fleisch zerteilte.

"Ich habe einen neuen Fall. Es geht um den Erben der Barclay-Familie."
Frank nickte kauend und hmmte zu meiner kurzen Information. Als er geschluckt hatte, sagte er: "Ja, ja. Der neu aufgetauchte Sohn, der jetzt alles erbt. Habe ich gelesen. Was ist mit ihm?"
"Ich frage mich, was hinter den Gerüchten steckt, dass der alte Charles Barclay vergiftet wurde."
Frank schaute auf und blickte mich lange an.
"Robert, was willst du mir unterstellen?"
"Frank, ich will dir gar nichts unterstellen", schüttelte ich den Kopf. Das Misstrauen kannte ich schon. "Ich will wissen, ob du etwas gehört hast. Es gibt Anzeichen, dass der Junge umgebracht werden soll."

"Ach. Ist das dein Auftrag? Sollst du den Kleinen beschützen?" Es klang fast sanft, als er das sagte.
"Ja, genau. Wir haben nicht viele Anhaltspunkte, wer ihm etwas tun wollte und dann hörte ich davon, dass sein Vater nicht auf natürliche Art gestorben sein soll."
"Also, eins kann ich dir sagen, Robert. Mit der Barclay-Familie hat die Organisation nie Streit gehabt. Sie haben ihre eigenen ehrlichen Geschäfte, die mit unseren zwar parallel laufen aber nie störend waren. Im Gegenteil. Ich war mit Charles locker befreundet und es betrübt mich, dass er nun tot ist. Ich wollte zu seiner Beerdigung kommen", berichtete er und schüttelte bedauernd den Kopf.

Nach einem neuen Happen erzählte er weiter.
"Die Barclays verdienen ihr Geld und halten sich sonst aus allen anderen Angelegenheiten heraus. Sie sind zwar auch politisch aktiv, aber mehr in den sozialen Bereichen. Bau von Schulen und Krankenhäusern, Kinderheime, Suppenküchen, Notunterkünfte für Arme, all solche Sachen. - Wir haben keinen Grund uns an ihnen zu vergreifen."

"Nun, danke für deine Offenheit, Frank. Dann muss ich mich woanders weiter umhören."
Ich war enttäuscht. Ich dachte, ich würde hier etwas herausfinden können.
"Wir sehen uns, Frank." Ich nahm meinen Hut und stand auf. Dann fiel mir eines der Gerüchte von vorhin wieder ein.
"Ach, Frank. Das mit Tommy war nicht ganz ein Scherz. Ich habe gehört, dass es bei seinen Jungs rumort. Da ist was im Gange. Vielleicht will sich nur ein Neuling aufspielen, aber wer weiß…"
Frank wirkte gleich sehr nachdenklich.
"Wie sicher bist du dir?", fragte er.
"Es ist auf jeden Fall was dran."
"Hm. Hm", nickte Frank bedächtig, bevor ihm wohl auch noch ein Gedanke kam. "Robert, vielleicht solltest du dich bei seiner Familie umschauen", sagte Frank.
"Bei seiner Familie? Reginald? Er ist doch der letzte? Laut seiner Aussage hatte Charles Barclay weder Frau noch Kinder. Andere Verwandte sind auch schon verstorben."
"Das ist nicht ganz richtig. Es gab einst einen angeblich unehelichen Sohn von Christopher Barclay, dem Vater von Charles Barclay. Dieser Sohn hatte damals, als Charles das Erbe antrat, versucht, gerichtlich einen Anteil zu erstreiten. Er konnte seine Abstammung jedoch nicht beweisen und verlor vor Gericht. Stand einige Tage lang in den Zeitungen."

Das waren ja mal ausgezeichnete Informationen. Der Besuch hatte sich also doch gelohnt.
"Und wo ist dieser angebliche Sohn jetzt?"
Frank zuckte mit den Schultern. "Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt."
"Ah!", konnte ich dazu nur sagen.

"Robert", wurde ich in meinen Gedanken von Frank aufgeschreckt. Er schaute mich tadelnd an. Der Blick erinnerte mich an Mary. "Wenn du dich in Gesellschaft bewegst, und damit meine ich Gesellschaft wie die Barclay-Familie, nicht den Gossenabschaum mit dem du dich sonst abgibst, dann solltest du dich auch entsprechend herrichten. So kannst du doch nicht draußen herumlaufen und einen reichen Jungen bewachen. Da glaubt ja jeder, du wärest selbst der Attentäter. Schau dir meine Leute an. Alle ordentlich zurechtgemacht. Ich empfehle dir meinen Friseur, gleich hier um die Ecke. Er gibt dir bestimmt Rabatt. Und kauf dir einen neuen Anzug."

"Jawohl, Frank."
"Junge, ich meine das ernst. Wenn ich dich nicht kennen würde, hätte ich dich längst wie einen räudigen Köter davon jagen lassen."
"Dass du es nicht tust, dafür danke ich dir. - Frank, ich muss los. Ich muss einen Klienten beschützen. Lass dich nicht unterkriegen."

Ich war voller Tatendrang. Ich ließ Frank endlich in Ruhe sein heiliges Mittagessen verspeisen und störte mich auch nicht an Mackie Messers bösen Blick draußen. Ich winkte mir ein Yellow Cab heran und machte mich auf den Weg zum Anwesen der Barclay-Familie in Bedford. Völlig unrasiert und mit Fleck auf dem Hemd!

*

Das Barclay-Anwesen lag in ländlicher Idylle inmitten von alten Bäumen und Blumengärten. Das Taxi hoppelte über den sauberen Kieselweg zum Landhaus, wo ich mich einem weißen gepflegten Gebäude gegenüber sah. Man konnte von hier aus auch einige eingezäunte Wiesen sehen. Sehr wahrscheinlich gab es Pferde.

Ich reichte dem Fahrer sein Geld und stieg aus. Noch bevor ich an der Tür anklopfen konnte, öffnete mir eine junge Frau mit schwarzem Kleidchen und weißer Schürze. Sie machte einen höflichen Knicks.
"Mister McNeill? Wir erwarten Sie schon."
"Ja. - Und wie heißen Sie?" Ich reichte ihr die Hand, die sie verdutzt annahm, und lächelte ein wenig anzüglich. Sie errötete. Mein Charme funktionierte also noch ausgezeichnet.

Ein strenges Räuspern unterbrach meine Flirtattacke. Hinter ihr tauchte ein Mann auf, der nur der Butler sein konnte. Seine gesamte Kleidung und das typische Auftreten verrieten ihn.
"Annie, Sie können gehen. Gehen Sie Rose in der Küche zur Hand."

"Ja, Mr. Haywood", sagte Annie, verdrehte dabei aber die Augen, was nur ich sehen konnte. Mir schnell zuzwinkernd eilte sie davon. Seltsames Benehmen eines Hausmädchens…

Ich wandte mich dem Butler zu. Dieser bedachte mich mit einem derart abschätzenden Blick von oben nach unten, dass mir Franks Worte in den Sinn kamen. Aber ich war hier, um jemanden zu beschützen, nicht, um auf eine Abendgala zu gehen.

"Sie sind dann also James Haywood, Butler der Barclay-Familie?"
"So ist es, Sir. Schon mein ganzes Leben lang diene ich der Familie. Ich habe unter Christopher Barclay begonnen, seinem Sohn bis zu seinem traurigen Ende gedient und nun habe ich die Ehre, auch dem Enkel in allen Lebenslagen beizustehen. - Kann ich Ihnen den Mantel abnehmen?"

"Ja. Danke."

Mit spitzen Fingern nahm James meinen Trenchcoat entgegen. Er hängte ihn in einen großen Kleiderschrank. Mein Hut fand Platz auf der Ablage. Dann zeigte James zum breiten Treppenaufgang.

"Der junge Herr wartet in der Bibliothek auf Sie, Mister McNeill."

Ein Teppich dämpfte die Schritte, als ich James hinauf folgte. Er war so ganz und gar ein perfekter Butler, wie ich ihn mir beim König im Buckingham Palace vorstellen konnte.
"Sind Sie Engländer, James?"
"Ja. Es sind nun schon lange Jahre her, als ich mit meinen Eltern nach Amerika kam, doch nach wie vor solidarisiere ich mit Georg VI. Meine Loyalität gilt jedoch der Barclay-Familie."

Er öffnete eine Tür. Ich erhaschte einen Blick auf volle Bücherregale.
"Sir, Mister McNeill ist da", kündigte mich James an, dann trat er zur Seite, um mich einzulassen.
"Mister McNeill. Schön, dass Sie hier sind. Ich habe auf Sie gewartet."
Der junge Barclay legte ein schweres Buch weg und stand aus einem großen Ohrensessel auf. Er sah wirklich erfreut und erleichtert aus.
"Danke, James", sagte er und der Butler schloss von außen die Tür. Wir waren allein.

In meinem Bauch rumorte es und ich fühlte Erleichterung, Regis wohlauf zu sehen.
"Mister Barclay, ist alles bisher in Ordnung?"
"Ja, ja. Es ist nichts passiert. Wie Sie sagten, habe ich niemanden etwas erzählt und bin den ganzen Tag in der Bibliothek geblieben. Außer James war keiner hier drin. Haben Sie denn in der Zwischenzeit etwas herausfinden können?"

"Ja. Es gibt einiges. Ob das jedoch genau damit zu tun hat, weiß ich nicht."

Regis ging derweilen auf den großen Tisch zu und goss zwei Gläser Zitronenlimonade ein, die dort bereits stand. Er reichte mir ein Glas. Es kribbelte in den Fingerspitzen, als ich ihn dabei berührte. Die Limonade schmeckte gut und erfrischend. Nicht zu süß.

"Wenn Sie den ganzen Tag hier drinnen waren, vielleicht wollen Sie einen Spaziergang machen? Dabei könnte ich mir das Grundstück und die Angestellten einmal anschauen und ich erzähle Ihnen, was ich herausgefunden habe. Es hat auch mit Regnen aufgehört", schlug ich vor. "Ja. Das klingt sehr gut."

Wenige Minuten später waren wir draußen vor der Tür. Es hatte nicht nur mit regnen aufgehört, sondern auch die Wolken hatten sich verzogen. Der Himmel war klar und von sattem dunklem Blau. Dem Gärtner begegneten wir zuerst. Er nickte uns zu und ich wechselte ein paar harmlose Worte mit ihm. Er wirkte arglos und schien sich mehr um die Rosenstöcke zu sorgen, als um irgendetwas anderes. Ich strich ihn gleich von meiner mentalen Verdachtsliste.

Wir kamen um das Haus herum und tatsächlich erblickte ich einige Pferde auf den Wiesen.
"Züchten Sie?", fragte ich Regis.
"Nein. Es sind die Pferde meines Vaters. Aber auch er hat nicht gezüchtet. Jermaine erzählte mir, dass es alles Pferde sind, die ‚nicht gut genug' waren."
Wir standen am Zaun und zwei Pferde kamen neugierig zu uns, stupsten Regis mit ihren weichen Nüstern zur Begrüßung an. Er lachte und streichelte ihre starken Hälse.

"Sie sehen doch hervorragend und gesund aus", stellte ich fest.
"Es sind alles gesunde treue Tiere. Aber eben nicht die Besten für den Rennsport. Sie sollten zum Abdecker. Vater kaufte solche Pferde immer auf. Oder solche, die schon zu lange dabei waren und einfach nicht mehr konnten. Wie die weiße Stute dahinten. Sie verbringt nun einen geruhsamen Lebensabend hier, statt einfach eine Kugel zu kriegen."

Ich blickte über die Pferde hinweg. Anscheinend hatte Charles Barclay ein großes Herz für die Bedürftigen, Menschen wie Tiere. Und diese Eigenschaft hatte er offenbar an seinen Sohn weitergegeben. Er hatte die Pferde alle schon in sein Herz geschlossen.

Ich lehnte mich an den Zaun und erzählte Regis von dem Verdacht, dass sein Vater vergiftete worden sei. Er war entsetzt, wollte es nicht glauben.
"Mr. Barclay, dies sind Informationen, denen ich nachgehen muss. Vielleicht ist nichts dran und er starb auf natürlich Art, dann wissen wir aber genauesten Bescheid. Wo ist denn ihr Vater derzeit?"
"Nachdem der Arzt den Tod festgestellt hatte, beauftragte James das Bestattungsinstitut Castiglia Mortuary. Es soll ein public viewing stattfinden."(1)
"Hat der Arzt etwas Besonderes festgestellt?"
"Nein. Herzversagen nach langer Krankheit."
"An was für einer Krankheit litt er denn?"
"Ich weiß nicht genau. Seit über einem Jahr soll er sich schon nicht wohlgefühlt haben. Es wurde kontinuierlich schlechter. Er litt an Lähmungserscheinungen und Krämpfen. Sein Leibarzt war auch ratlos, sie hatten alles ausprobiert."

Unbestimmte Beschwerden, Lähmungen und Krämpfe. McKenzie hatte wohl doch Recht. Ich wollte nicht voreilig urteilen und dachte an Alexander Gettler, forensischer Toxikologe am OCME. Der würde was finden, wenn denn wirklich Gift im Spiel war. Wenn mein Verdacht wahr war, hatten wir hier einen Mordfall. Damit konnte auch die Polizei mit ins Boot geholt werden.

Ich sprach meine Gedanken laut aus und sah in aufgeschreckte große Augen.
"Sie meinen das ernst, nicht wahr?"
Ich nickte.

Eine weiche Nase wuselte mir durch die Haare, dann kaute das Pferd an meinem Mantelkragen. Es schnaubte zufrieden, als ich es streichelte.
"Zeigen Sie mir doch noch den Stall", bat ich Regis, um ihn ein wenig von dem Schrecken zu nehmen. Er nickte und führte mich an der Weide entlang zum Stall hinüber. Die Pferde begleiteten uns noch eine Weile, bis sie sich spielerisch über die Wiese jagten.

Im Stall trafen wir auf den bereits erwähnten Jermaine. Jermaine war der Stallbursche, außerdem war er schwarz, überdurchschnittlich groß und begrüßte uns mit einer tiefen Stimme. Er saß auf einer kleinen Bank und hatte einige Trensen zum Putzen in der Hand. Sein Blick lag wohlwollend auf Regis, mich schaute er misstrauisch an. Verständlich in einer Zeit, wo die Rassentrennung noch immer herrschte. Mir war die egal, ich reichte ihm die Hand. Nach kurzem Zögern nahm er sie an.

"Jermaine, wie lange arbeiten Sie schon hier?", fragte ich.
"Einige Jahre", war er kurz angebunden.
"Wie sind Sie zu dieser Anstellung gekommen?", ließ ich mich nicht irritieren.
"Mr. Barclay, also Charles Barclay, hat mir die Stelle angeboten. Ich sagte ‚Ja'."
"Wo haben Sie sich denn kennengelernt?"
"Ich arbeitete als Junge auf der Pferderennbahn. Mr. Barclay war oft dort, um nach Pferden zu schauen. Ihm ist aufgefallen, dass ich mit Herz die Tiere umsorgte. Deswegen hat er mich angesprochen."
Er legte das Zaumzeug weg und stand auf. Er war wirklich riesig.
"Mr. Barclay, wollen Sie die Kleinen sehen? Molly hat heute Nacht geworfen", fragte er Regis, der gleich leuchtende Augen bekam und mir ungewohnte Aufregung im Bauch bescherte.

Wir gingen auf eine Box zu. Sie war mit frischem Stroh ausgelegt und in einer Ecke lag eine schwarze Katze auf einer weichen Decke. Bunte Fellbälle wuselten um sie herum. Es waren fünf kleine Kitten. Jermaine streichelte Molly zur Begrüßung, dann nahm er vorsichtig eines der Kleinen hoch. Anscheinend konnte er allgemein mit Tieren gut.

Er reichte Regis ein orangefarbenes Kitten. Regis schien wirklich begeistert, das kleine Lebewesen in Händen zu halten, streichelte es etwas und gab es Jermaine zurück, als es maunzend nach seiner Mutter verlangte.
"Danke, dass du sie mir gezeigt hast. Sie sind wirklich hinreißend."
"Sie können sie jederzeit besuchen kommen, Mr. Barclay", lächelte Jermaine.

Wir verließen den Stall. Jermaine war zwar groß mit tiefer Stimme, aber auch ihn strich ich von meiner Verdachtsliste. Ein Mensch, der sich so um Tiere sorgte, bringt keinen um. Außerdem wirkte er ehrlich betrübt über den Tod des alten Barclay und schien Regis richtig zu mögen.

Im Haus waren überall schon die Lichter an und mein Weg führte mich zuerst zum Telefon in die Bibliothek. Da waren wir beide ungestört. Ich rief das NYPD an und verlangte Detective Edward Rogers. Ich bekam den mürrischen Detective auch recht bald ans Telefon und erläuterte meinen Verdacht zum Tod von Charles Barclay und leitete damit ein Ermittlungsverfahren ein. Regis hatte nach kurzem Zögern zugestimmt, dass der Körper seines Vaters noch einmal untersucht werden dürfe. Ich verlangte ausdrücklich Alexander Gettler, der Charles untersuchen solle. Einem anderen wollte ich dies nicht überlassen.

Damit war das auch erledigt. Ich war zufrieden, bis ich in das überaus besorgte Gesicht des jungen Barclay blickte. Ich hätte ihn gerne umarmt, stattdessen sagte ich nur: "Keine Sorge, es wird sich alles aufklären. Wir werden herausfinden was mit Ihrem Vater passiert ist und Sie werde ich beschützen, bis wir die Mörder gefunden haben." Er war tapfer, atmete zittrig ein und aus, dann versuchte er sogar ein Lächeln.
"Ich glaube Ihnen ja, Mr. McNeill. Aber es ist einfach zuviel auf einmal passiert in letzter Zeit."

"Mr. Barclay", wurden wir von James unterbrochen. "Das Essen für Sie und Ihren Gast kann in wenigen Minuten aufgetischt werden."
"Ja, James. Wir kommen", sagte Regis. "Ich esse immer im kleinen Salon. Sicher haben Sie auch Hunger, Mr. McNeill?"
"Ja. Wenn ich darf, würde ich zuvor der Küche noch einen Besuch abstatten. Dann habe ich alle Angestellten im Haus einmal kennengelernt."
"Ja, tun Sie das. Ich mache mich noch einmal kurz frisch. Treffen wir uns im Salon", entschied er.

In der Küche sah ich Annie wieder und eine mollige Frau, die über das ganze runde Gesicht strahlte. Sie wirbelte zwischen Töpfen und Pfannen hin und her und schien unbesorgt. Sie freute sich über einen Gast, den sie zusätzlich bewirten durfte, gleichzeitig war sie ungehalten, dass ein Fremder ihr Reich betrat. Mich traf ein Kochlöffel auf die Finger, als ich von einer Traube naschen wollte.
"Das ist der Nachtisch", wurde mir erklärt. So lernte ich Rose McCarty kennen.

Hinter uns klirrte es. Ich schreckte herum und sah Geschirr auf dem Boden liegen, in tausende Scherben zerbrochen. Annie stand daneben und wusste offenbar nicht, was sie nun tun sollte.
"Dummes Ding", schimpfte Rose. "Als ob du noch nie Geschirr aufgetragen hättest. Los, die Herrschaften wollen zu Abend essen. Spute dich. Wegräumen und neues Geschirr holen. Diese Teller werden dir vom Lohn abgezogen."

Mir wurde das zu heikel in der Küche und leise schlich ich mich hinaus. Draußen fand ich mich James gegenüber, der mich ohne Worte in den kleinen Salon führte, wo auch schon Regis saß. Er hatte sich nicht nur frisch gemacht, er hatte sich gar ganz umgezogen. Er sah hübsch aus.

Unwillkürlich fühlte ich mich in meinen Sachen unwohl. Die hatte ich schließlich schon - ähm - ich musste nachdenken - zwei Nächte lang an und die Flecken waren nicht zu übersehen. Frank und Mary hatten Recht. Nun, ich musste zumindest diese Nacht damit noch ausharren, bis ich mir morgen ein paar frische Sachen aus meiner Wohnung holen konnte.

(1) Ursprünglich wird Public Viewing im englischen Sprachraum gebraucht, um eine Präsentation einer Sache zu beschreiben. Dazu gehört auch die Aufbahrung. Regis und McNeill gehen hier also nicht zu einer öffentlichen Live-Übertragung eines Fußballspiels, sondern es ist die Trauerfeier von Regis Vater gemeint.

...

 


 

Teil 1

nach oben

Teil 3