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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Sinn und Widersinn"

 

 


 

HA! Kann mich mal…jetzt ist Schluss… …wird eh keinen interessieren… mich auch nicht… …hat mich eh noch nie was interessiert… … …außer -…aber ist nicht wichtig…nichts ist wichtig…

Ich stapfe verbissen durch den kahlen Wald. Spüre Trauer, was seltsam ist.

Verschwinde!…Weg!…Nur lästig!

Merke noch immer den Krampf in meinem Magen.

Hat mich sogar beachtet… …einmal… …ein letztes Mal…

Versuche die Bilder in meinem Kopf festzuhalten. War zu viel auf einmal geschehen.

DU BIST EINE SCHANDE FÜR UNSERE FAMILIE, WIE DEINE MUTTER!

Tja…hat wohl recht…

Ein Kichern löst sich aus meiner Kehle. Wird mir erst bewusst, als es schon wieder verklungen ist.

Weiß nicht…wie meine Mutter war… …doch niemals eine Schande… ­…er hatte kein Recht dazu… …

Kann das Echo meines Lachens im Wald hören. Der Wind weht den Schnee von Ästen.

So rein…will ich auch mal sein… …Mutter war es sicher… …wenn ich mich nicht beeile…will ich noch hier bleiben…

Wieder lache ich leise. Ich glaube, es klingt schon irre.

Was soll's… …ob ich neben ihr…mit ihr sein kann?… sicher nicht…werde da unten landen… …aber man wird kostenlos braun…bei der Hitze… …und frieren muss man auch nie…

Schöne, warme Gedanken zur kalten Jahreszeit, lache ich gleich wieder. Klingt beinahe verrückt.

Verzerrt wird das Echo an mein Ohr zurückgebracht.

Ärzte würden mich gleich ins gepolsterte Zimmer stecken…

Ich kann meine Gedanken nicht greifen. Mir fällt nur Sinnloses ein. So sinnlos wie mein Leben ist.

Lass' das Denken Denken sein… …bringt eh nichts! Hau ab!… …17 Jahre genug gedacht… …in der Abgeschiedenheit eines bewohnten Herrenhauses… … …Gott!…ich werde POETISCH… …ein neuer Weg öffnet sich mir!… …

Kann mein irres Lachen nicht mehr einstellen. Folge noch immer meinem bekannten schmalen Pfad durch den einsamen Wald.

Mein Weg wurde versperrt… …als ich zu ihm kam… …meine Mutter hat bestimmt meine Seele schon damals mitgenommen… … …oder sie gleich geholt…als sie von oben gesehen hat…dass es nichts bringt… …dabei liebe ich das Leben… … … … … …ICH HASSE ES…

Jetzt ist mir das Lachen doch vergangen.

Schöne Scheiße… …noch nicht einmal unbeschwert und befreit lachen kann ich… …wo bleibt da der Spass am wunderschönen Leben?… …HA!… …da ist es wieder… …

Mein närrisches Lachen hallt im stillen Wald wider. Verlischt wie die Flamme im starken Wind, da der Wald schlagartig aufhört.

AH!…da ist sie… …einsam und verlassen wie eh und je… …

Die kurze, hohe Brücke endlich erreicht, löst sich ein befriedigender Seufzer von mir. Sie überspannt ein tiefes Tal, welches unten durch einen Fluss geteilt wird, vom dichten Wald umschlossen, jetzt von weißem Schnee bedeckt und genauso kahl wie hier oben. Gebe mich dem freien Wind hin, verlasse den Schutz der Bäume - und stutze.

Was sucht einer…auf meiner Brücke?…noch dazu gerade heute.

Sitzt der auf dem Geländer, die Beine hängen verkrampft darüber hinaus, die Hände krallen sich verzweifelt an dem Stahl fest.

Hmmm… …möchte wissen…was der dort macht… …IDIOT… …ist doch eindeutig… …HALT die Klappe…VERSCHWINDE!… …schon gut…reg' dich nicht auf……sieht aus… …als wenn er nicht wirklich will… …scheint schon lange dazusein…

Den starken Wind ignorierend, nähere ich mich leise und vorsichtig; will auf dem teilweise glatten Untergrund nicht ausrutschen, aber noch weniger will ich ihn erschrecken. Es sieht gefährlich aus, wie er so dort sitzt. Zitternd. Ob vor Kälte oder etwas anderem, kann ich nicht sagen.

Kam wohl grad' von der Schule… …sein Zeug liegt auch noch hier… …

Wenige Meter neben ihm liegt auf der sicheren Seite des Geländers eine Schultasche, ein Ordner quer darüber, droht zu rutschen vom stärker werdendem Wind. Greife automatisch nach dem schweren Ding, halte es fest und schiebe es sicher zurück. Den Schriftzug ebenfalls bemerkend.

Ah… …André…kein Nachname… …komisch…

"Hey, André! Wie geht's?"

Sicher… …wie geht's… …du siehst es doch… … …VERSCHWINDE…sagte ich schon mal… …

Entsetzt dreht sich der Junge zu mir. Braune Haare wehen ihm ins Gesicht. Zuckt furchtbar zusammen, droht das Gleichgewicht zu verlieren.

Geistesgegenwärtig greife ich nach ihm, halte ihn am Arm zurück. Starre in das blasse Gesicht. Noch immer schaut er erschrocken zu mir.

Hätte nicht gedacht…dass ich je so schnell sein kann… …

"Also. Ich weiß nicht, was du hier so vorhast, aber eigentlich ist das mein Platz. Wenn du springen willst, suche dir gefälligst eine eigene Brücke. Verstanden?"

Ruckartig schüttelt der Junge den Kopf. Schaut weiterhin zu mir auf. Seine Lippen beben, welche schon fast blau sind. Der Wind auf der Brücke ist einfach nur eisig.

Hat er Angst?… …vor mir?… …sieht fast so aus… …war wohl zu hart… …aber er stört… …bringt doch nichts, wenn er neben mir in den Anzeigen steht… …kann woanders hin… …es gibt genügend… …er hat die freie Auswahl… …kann sich die Schönste und Höchste aussuchen… …

Verspüre unwillkürlich das irre Lachen in mir nach oben steigen.

Wäre nicht so gut… …fällt vor Schreck gleich doch noch runter…

Bemühe mich nun um Schadensbegrenzung. Der Junge sieht sein Leben sicher anders - nicht als schlechte Parodie einer noch viel schlechteren Komödie.

"Sorry. Kannst ja nicht wissen, dass das mein Lieblingsplatz ist."

Sein Ausdruck verändert sich. Zuvor war noch Angst und Schrecken zu erkennen, jetzt sieht er bedrückt aus. Und doch ziehen mich seine braunen Augen an. Braun wie Schokolade.

Mmmmhh…lecker… Aber nun wirken sie nur noch traurig. So unendlich traurig. Das passt nicht… …Schokolade macht glücklich, nicht traurig…

Zusätzlich rollt ihm eine Träne über das Gesicht. Kämpft, um Fassung zu bewahren und sich nicht vor mir bloßzustellen. Doch hätte ich nie gelacht, ihn verachtet deswegen. Vielmehr beneide ich ihn um seine Tränen, habe selbst keine mehr.

Als ich die Hand danach ausstrecke, zuckt er zurück. Verliert das Gleichgewicht, droht zu fallen. So schnell wir zuvor, greife ich nach ihm, schlinge einen Arm um seinen schlanken Körper. Halte ihn sicher.

Noch leises Entsetzen in seinen Augen, erholt er sich von dem Schrecken. Auch wenn noch die Angst im Schokoladenbraun zu finden ist, sind sie nicht mehr so traurig.

Verwirrt blinzelt er mich an, dann schaut er auf den Arm um seinen Körper. Noch einmal blinzelt er zu mir, wendet sich dann einfach wieder um, blickt hinunter in das tiefe Tal, ignoriert mich.

Tja…wie alle anderen auch… …was soll ich schon anderes erwarten… …

Wende mich resigniert zum Gehen. Soll er hier sein Glück finden, wenn er will.

Jetzt ist mir…das Lachen wirklich vergangen… …

Kraftlos lasse ich meinen Arm von ihm rutschen. Schaue noch einmal zum Fluss hinunter.

Such' ich mir eben eine andere… …

Plötzlich krallen sich zwei Hände in meine Schulter, halten mich mit überraschender Kraft zurück. Schon fast panisch schauen mich seine schokoladenbraunen Augen an. Bemerke das echte Lächeln, dass sich auf meinem Gesicht wohl zeigt. Schon so lange her, dass ich weder eines gespürt habe, noch gesehen.

"Ich bleibe gerne noch ein bisschen, André. Hast du noch einen weiteren Namen? Auf dem Ordner steht nur André."

Blickt kurz zu seiner Tasche, nickt dann, schüttelt den Kopf, nickt wieder, nur um abermals zu verneinen. Scheint schwierig zu werden…

"Jeder hat doch einen. Deine Eltern haben sicher…"

Begriffsstutziger Kerl…ist doch offensichtlich… …

"Oh…Entschuldige …Sind nicht mehr da, was?"

Ich würde noch mehr auf dem Thema 'rumhacken…

Meine Worte waren wirklich nicht gut gewählt, doch scheint André sie gar nicht gehört zu haben, schaut einfach wieder in das Tal hinunter.

"Warte! Du willst denen doch nicht hinterher, oder?"

Nur ein kleines Nicken wieder.

Warum hält er sich dann weiter an mir fest?… …

"Stimmt nicht!!"

Erst überrascht, dann fast zornig blickt er mich an. Von seiner Traurigkeit ist nichts mehr zu sehen.

Lässt sich nicht alles gefallen… …ist sicher ein Kämpfer…auch wenn er jetzt hier ist… …hat wohl keinen anderen Platz, wo er sich sicher fühlt… …zu Hause fühlt…auch keine Freunde… …

"Wenn du wirklich wolltest, wärest du schon längst gesprungen. Du magst das Leben, nicht?"

Plötzliche Erkenntnis in seinen dunklen Augen, dann nickt er wieder bedrückt.

"Dann lass' es bleiben und steige erst mal da runter."

Wenn er das Leben liebt…kann er nicht so traurig sein…kann sicher auch lächeln… …

Einen kurzen Moment zögert er, versucht dann ungeschickt von dem Geländer zu kommen. Fällt dann regelrecht in meine Arme, vor Schwäche und Kälte.

"Nicht so stürmisch." Ein Lachen von mir, diesmal kein irres. Vielmehr erleichtert, da er jetzt nicht mehr auf dem Geländer sitzt. Hält sich noch immer an mir fest, vergräbt sogar seinen Kopf in meine Jacke. Weiß, dass er lautlos weint, spüre es an dem leichten Zittern, das eindeutig nicht von der Kälte kommt. Ziehe ihn noch weiter an mich heran, merke dabei, wie leicht er ist.

"Sag mal, hast du Hunger?"

Kannst nur ans Essen denken… …er ist so leicht …also verschwinde und lass' deine blöden Kommentare… …

Beruhigt sich schnell wieder, löst sich von mir, nickt zu der Frage, wobei seine Haare vom Wind weiter verzaust werden. Geben den Blick eines blauen Flecks auf seiner Wange frei. "André, bist du deswegen hier? Passiert das öfters?"

Nickend wendet er den Kopf von mir ab, versucht die geschundene Wange vor mir zu verstecken.

Wie viel willst du noch wissen…ihm ist kalt…geh' endlich heim...

"O.K., André. Wir gehen heim. Und dort werde ich dir was zum Essen machen. Die können bestimmt nicht kochen, wo du wohnst. Sonst wärest du nicht so dünn, aber ich kann es gewiss…"

Er lächelt… …!! Unsicher und zuerst ungläubig, aber es ist ein Lächeln. Ganz selbstverständlich nehme ich seine Tasche, schultere sie, klemme den Ordner unter einen Arm, den anderen über Andrés Schultern gelegt. Lehnt sich gleich näher, sucht etwas Wärme. Wuschle durch seine braunen Haare, wische noch die letzten Tränen von den Wangen. Diesmal lässt er es ohne Scheu zu.

Gehen gemeinsam durch den kahlen, verschneiten Wald zurück,
- den Weg, den ich allein gekommen war.

***

1 Jahr später:

André ließ die Beine über dem Geländer der Brücke schaukeln. Er schaute nach vorn, über das Tal hinweg, folgte dem Fluss, bis dieser in einem sanften Bogen hinter dem nächsten Hügel verschwand.

Er genoss den kalten Winterwind, doch fror er nicht. Diesmal hatte er eine passende dicke Winterjacke an. Und vor allem fühlte er den starken Arm um seine Taille, der ihn sicher festhielt.

Tonlos schickte er einen Gruß an seine Eltern, dann wandte er sich um und blickte hinauf in das so geliebte Gesicht. Sein Engel. Der ihn gerettet hatte. Erst hatte er ihm Eierkuchen mit viel Nougat-Creme gemacht, dann hat er ihm sein Bett für die Nacht überlassen. Und als er zwei Tage später mit neuen blauen Flecken, einer genähten Platzwunde am Kopf, seiner Schultasche und einem kleinen Koffer, der all seine Habe beinhaltete vor der Tür dieser riesigen Villa stand, schenkte er ihm ein komplett neues Leben. Er hatte sich sogar mit dem herrischen Onkel auseinander gesetzt. Der Onkel hat schließlich eingesehen, dass sein Neffe lieber einen Mann an seiner Seite hatte. Man einigte sich auf die Notlüge der Adoption und so hatte André plötzlich einen Bruder. Den er liebte über alles.

Er ließ sich vom Geländer helfen, streckte sich und küsste seinen Engel lang und zärtlich. Dann aber scheuchte er ihn – immerhin wollte er heute zum Jahrestag seine Eierkuchen mit viel, viel Nougat-Creme. Und danach das Bett …

Ende

(2003)