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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Helijas"


Ich habe hier den Beginn einer Geschichte (wieder)-gefunden. Sie ist schon älter und etwas sehr klischeehaft. Sicher wollte ich daraus einmal ein großes Abenteuer-Epos schreiben. Nun aber bleibt es bei dieser Anfangsepisode.

Da die Namen spanisch angehaucht sind, wird der tapfere Ritter Vijos 'Wichos' ausgesprochen und Prinz Helijas 'Elichas'.


Die Nacht war warm aber wolkenlos. Eine drückende Stille lag über dem Palast. Die Geräusche der Dunkelheit, die er so mochte, klangen nur gedämpft aus den Gärten. Das leise Plätschern der Brunnen war kaum zu vernehmen. Die Wachen am Tor unterhielten sich nicht. Dies war selten. Oft hörte man sie laut lachen. Sich irgendwelche Worte zurufen. Der Alkohol tat seine Wirkung. Doch heute konnte man kein befreiendes Lachen hören.

Vijos durchquerte eilig den Vorhof des Palastes, stieg die Treppe hinauf, immer zwei, drei Stufen mit einmal nehmend und hastete durch die Gänge. Vor der Tür, was schon eher ein Tor war, blieb er stehen bevor, er sie leise öffnete.

Er wusste, dass der Herrscher um diese Zeit noch immer in dem Saal verweilte. Bis spät in die Nacht hinein arbeitete er hier. Lenkte die Geschicke des Landes. Nicht viele waren mit seinen Handlungen einverstanden. Schon mehrfach drohten Unruhen auszubrechen. Nicht nur mit den feindlich gesinnten Nachbarländern. Auch innerhalb des eigenen Reiches brodelte immer wieder die Flamme des Krieges gefährlich auf. Lange würde der Frieden nicht mehr bestehen. Nicht, wenn der jetzige Herrscher auf dem Thron blieb.

Noch während er den Thronsaal betrat, hörte er zwei Stimmen. Nur kurz vernahm er eine junge, unbekannte Stimme. Gleich darauf lief es ihm kalt den Rücken herunter, als er den Herrscher sprechen hörte. Ohne jegliche Emotionen in der Stimme, sagte er ein paar Worte zu der Gestalt am Fuße des Thrones. Harte, unbarmherzige Worte, die sogar Vijos in der Seele schmerzten.

Für einige Minuten herrschte absolute Stille. Vijos sah, wie der Körper der Gestalt sich straffte und den Kopf hob, um dem Herrscher direkt in die Augen zu sehen. Doch kein Wort wurde gesprochen.

Ein stummes Duell zwischen dem Herrscher, und demjenigen, den er seinen Sohn nannte.
Der Herrscher gewann, so wie er alles gewann. Und er vernichtete, so wie er alles vernichtete.
„Geh!“
Nur ein Wort. So eisig ... so abwertend ... so endgültig ... Vijos war an der Tür stehen geblieben. Nicht fähig sich zu bewegen. Seine Knie zitterten leicht.
‚Wie kann ein einzelnes Wort, was noch nicht einmal mir gegolten hat, mich so kraftlos werden lassen?‘

Er blickte weiterhin auf den Jungen vor ihm. Noch immer hatte er den Kopf gehoben. Langsam drehte er sich um. Mit festen Schritten und unbeweglicher Miene entfernte er sich vom Thron, vom Herrscher. In der klirrenden Stille klangen seine Schritte laut. Vijos sah nicht den Jungen, der auf ihn zukam. Er war gefangen von tiefen, dunklen Augen die sich ihm näherten. Und obwohl sein Ausdruck hart war, keine Emotionen zeigte, so sprachen die Gefühle in diesen Augen umso mehr. Eine Flut von Empfindungen wirbelte unter der dünnen Oberfläche, die Vijos so leicht durchbrechen konnte. Wut, Schmerz, vor allem Trauer und Sehnsucht. Aber er konnte auch Fröhlichkeit in ihnen entdecken.

Der kurze Moment, in dem der Junge an ihm vorbeiging, dehnte sich in die Ewigkeit. Vijos blickte weiterhin in den Wirbel der Gefühle. Hielt die Fröhlichkeit fest, die er gefunden hatte und zog sie an die Oberfläche. Nur etwas. Aber es reichte, um Wut, Schmerz und Trauer zu verdrängen.

Die Sehnsucht blieb.

Ein unsicheres aber warmes Lächeln begegnete ihm. Dann war der Junge durch das noch offene Tor geschlüpft und auf dem dunklen Gang verschwunden.
Vijos starrte noch einige Augenblicke auf das Tor, bis ihn abermals die kalte Stimme traf.
„Vijos, was willst du?“
Er richtete sich zu voller Größe auf und mit sicheren Schritt ging er auf den Thron zu. Vor den wenigen Stufen ließ er sich sinken und stützte sich mit dem rechten Knie auf dem glatten Boden ab.
„Was ist so dringend, dass du die Unterhaltung zwischen mir und dem Thronerben störst?“
‚Ja. Thronerbe. Mehr ist er für dich nicht.‘

Er ignorierte seinen aufkommenden Hass gegen diesen Mann. Er erhob sich und holte eine Schriftrolle hervor. Ohne den Kopf jedoch zu heben, sagte er schließlich:
„Diese Botschaft brachte ein Reiter vom südlichen Grenzgebiet eures Reiches. Er ritt ohne Pause durch, nur um diese Nachricht an euch übergeben zu können.“
Mit diesen Worten näherte er sich den Stufen. Als er keine Antwort erhielt, stieg er sie herauf und überreichte dem Herrscher die Schriftrolle. Eilig geht er die Stufen wieder hinab.

„Du kannst gehen.“
Wie ein Schlag in den Rücken traf ihn der Befehl. Er drehte sich noch einmal um, verneigte sich leicht und ging mit eiligen, aber nicht hastigen Schritten aus dem Thronsaal. Erst als er die Tore hinter sich geschlossen hat, lehnte er sich an das kühle Mauerwerk des Ganges und atmet tief durch.

‚Hier draußen ist es nicht mehr so kalt. Und obwohl ich ihn nun gut kenne, kommt jedesmal die Angst in mir auf, wenn ich ihm gegenüberstehe.‘ Er schloss für einen Moment die Augen.
‚Helijas!‘ Sofort schlug er die Augen wieder auf. Er machte sich Sorgen um den Jungen.

Er war ihm nie näher begegnet. Nur von weitem hat er ihn gesehen. Mit seiner Schwester zusammen. Nie war er ohne sie anzutreffen. Doch nun ist sie für einige Wochen unterwegs. Sie sollte einem noch freundlichen Nachbarland einen Besuch abstatten, um die Verbindung frisch zu halten. Sie war gut für die Diplomatie geschaffen. Noch so jung, gerade mal achtzehn, und schon beherrschte sie die hohe Kunst des Verhandelns. Dass sie wie ein kleines Kind auf ihre Verhandlungspartner wirkte, machte alles noch einfacher.

Und Helijas? Es war das erste mal, dass er ihn im Thronsaal gesehen hat. So voller Kraft stand er vor dem Herrscher, sich keine Gedanken ansehen zu lassen. Keine Regung, wie sehr ihn die Worte des Herrschers, seines Vaters, trafen. Und Vijos wusste, dass sie ihn trafen. Er hatte es deutlich in den Augen gelesen.

Ohne weiter zu überlegen ging er die Gänge zurück, die er gekommen war. Seine Schritte führten ihn in den herrlichen Garten des Palastes. Er war gerne hier. Besonders der versteckte Brunnen gefiel ihm. In einsamen Nächten war er oft dort. Lauschte den Stimmen der Nacht.

Die schlanke Gestalt die sich nun vor dem Brunnen abzeichnete, ließ ihn für einen Moment stocken.
‚Helijas? Was macht er hier?‘
Er ging ein paar Schritte weiter und blieb abermals stehen. Beobachtete was vor ihm geschah. Helijas stand mit geschlossenen Augen da. Den Kopf in den Nacken gelegt. Die Arme etwas von seinem Körper zur Seite gestreckt. Sein Gesicht war konzentriert. Für einige Minuten geschah nichts. Dann konnte Vijos erkennen, wie sich um den schlanken Jungen ein blasses Licht bildete. Es schien aus ihm heraus zu schimmern. Es nahm an Intensität zu und Vijos sah das nun friedliche Gesicht Helijas vor sich. Je mehr sich dieses Licht um ihn herum aufbaute, desto entspannter wirkte der ganze Körper.

Lange stand er da und war fasziniert von dem Schauspiel vor ihm. Die ruhige Energie, die der Junge ausstrahlte, ging auch auf ihn über und verjagte die letzten Schrecken des Herrschers.

Leise Stimmen zweier Wachen ließen ihn aufhorchen. Steif gingen sie an ihnen beiden vorbei. Doch sie grüßten nur ihn mit einem kurzen Nicken.

‚Wie können die es wagen den Prinzen nicht zu grüßen, überhaupt nicht zu beachten?‘
Schon wollte er sie mit harter Stimme zurückrufen. Doch die plötzliche Veränderung der Energie ließ ihn diesen Gedanken schnell vergessen. Er blickte wieder zu Helijas zurück. Das warme Licht verblasste allmählich wieder, doch der friedliche Ausdruck auf seinem Gesicht blieb. Aufmerksam beobachtete Vijos, wie Helijas wieder zu Bewußtsein kam. Er senkte den Kopf und öffnete die dunklen Augen. Sein Blick war noch verschleiert, doch mit Erkennen blickte er direkt in Vijos Augen. Die Helligkeit um ihn herum wurde nun endgültig von der Dunkelheit verschlungen und nur der blasse Mond gab ihnen etwas Licht. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf Helijas Gesicht bevor er lautlos in die Knie brach.

„Prinz, was ist mit euch?“
Schneller, als ein normales Auge es hätte sehen können, überwindete Vijos die letzten zwei Schritte und fing Helijas sicher in seinen Armen ab. Er ließ sich ebenfalls auf die Knie sinken und bettete Helijas auf seine Beine.
„Mein Prinz, geht es euch nicht gut?“
Helijas hob schwer die Lider und schüttelte leicht den Kopf. Etwas hektisch senkte und hob sich sein Brustkorb. Beruhigend blickte er Vijos an.

Die Nacht um sie herum war noch immer lautlos und außer dem leisen Wasserplätschern hinter sich hörte Vijos keinen Ton. Fast wie ein Flüstern direkt in seinem Kopf vernahm er schließlich die Stimme Helijas.

„Es geht schon wieder. Ich danke euch, Vijos.“
Vijos spürte, wie der Junge sich regte, um aufzustehen. Doch seine Bewegungen stoppten und Vijos hielt den Jungen, dessen Augen nun in den wolkenlosen Himmel gerichtet waren, weiterhin in den Armen. Er folgte kurz dem Blick und sah in den mit silbrig leuchtenden Sternen übersäten Himmel. Er senkte den Kopf um Helijas anzusehen. Noch immer war der friedliche Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wagte nicht sich zu bewegen oder Helijas anzusprechen um dies nicht zu zerstören.
„Ich habe noch nicht so viel Kraft. Vor allem, wenn eine zweite Person von der Energie erreicht wird. Aber ich finde in ihr den Frieden.“
Die Stimme des Prinzen war nur ein Wispern.
„Andere sehen mich in diesem Zustand eigentlich nicht.“
Vijos hörte die Worte. Sie klangen nicht verwundert, waren eine Feststellung und er glaubte Hoffnung aus ihnen sprechen zu hören.
„Ich weiß, dass meine Schwester es auch kann. Sie sagte mir davon nichts.“
Vijos hörte Trauer und Sehnsucht heraus.
„Wie mein...wie der Herrscher ebenfalls alles verbergt. Doch sie will mir nichts Böses. Ich weiß es. Deswegen erzählt sie auch nichts von unserer Mutter. Ich habe noch nicht einmal ein Bild von ihr gesehen.“ Es schmerzte Vijos in der Seele, als er den Jungen so sprechen hörte. Stumm ließ er Helijas weiterreden.

„Meine Schwester weiß nichts von den Auseinandersetzungen, die ich mit dem Herrscher habe. Sie macht sich immer so viel Sorgen um mich und hat sich von klein auf um mich gekümmert. Sie ist jetzt im Reich von Argaiis. Sie liebt den jungen König. Ihre Augen haben es mir verraten. Sie soll eine glückliche Zeit dort haben und sich keine Gedanken um ihren kleinen Bruder machen.“

Das fahle Mondlicht brach sich in den Tränen, die unaufhaltsam über Helijas Gesicht laufen. Eine Hand krallte sich in das Oberteil von Vijos. Er drückte den Jungen noch etwas näher an seinen eigenen Körper und legte seine Hand auf die Helijas‘.
„Prinz, ich werde euch in eure Räume bringen.“
Nur ein leichtes Nicken erfolgte als Antwort. Langsam stand er auf, den zitternden Jungen in seinen Armen.
„Ich werde ab jetzt auf euch acht geben“, flüsterte er ihm leise zu. Helijas legte seinen Kopf an die Schulter Vijos‘.
„Danke.“
Mit leisen Schritten verlässt Vijos den Garten und geht die viel verwinkelten Gänge des Palastes entlang. Er spürte, wie Helijas sich zunehmend beruhigte.

Geräuschlos schloss er bald die Tür zu den Räumen des Prinzen hinter sich. Er schaute in das Gesicht des Jungen.
‚Er schläft!‘

Mit einem sanften Lächeln wendete er sich dem Bett in der Mitte des Raumes zu. Vorsichtig legte er ihn auf die Decken und entfernte die Kleidung, soweit es ihm recht erschien, und deckte ihn zu. Bevor er sich zum Gehen wendete, blickte er noch einmal in das schlafende Gesicht. Sogar jetzt konnte er die Trauer noch erkennen. Während er sich vom Bett erhob, hielt ihn eine Hand schwach zurück.

„Bitte, geht nicht.“
Die dunklen Augen blickten ihn bittend an.
„Ich werde bleiben.“
Wieder ließ er sich auf das Bett nieder und hielt die Hand des Jungen fest in den seinen. Sofort schloss Helijas die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Ende. – Irgendwie… ----

Angedacht war es, Helijas auf Reisen zu schicken und natürlich begleitet ihn Vijos. Sie werden gemeinsam viel erleben. Sie werden Magiern und Fabelwesen begegnen, sie werden auf einem Drachen reiten und Nixen in tiefen Gewässern treffen. Sie werden neue Verbündete finden. Sie werden durch das Himmelsmeer reisen und die Sterne berühren. Sie werden die große Liebe zueinander entdecken...

(2014?)

 


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