zurück zur Bibliothek

Impressum

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Hamster-Maus"

 

 


 

Leise schlich sich Jonas aus dem Zimmer. Geschickt umwanderte er dabei die Luftmatratzen, die querbeet im Zimmer verteilt waren und auf denen noch immer die anderen schliefen. Das Wohnzimmer von Markus, sein bester Kumpel seit Kindheitstagen, wirkte eher wie ein Zeltlager, statt einem gemütlichen Fernsehraum mit Riesencouch. Selbst auf der lagen noch Leute und schnarchten leise vor sich hin.

Er schaffte den Hindernisparcours ohne zu stolpern oder jemanden zu wecken und schloss leise die Tür hinter sich. Im Flur streckte er sich erst mal ausgiebig, dann kramte er in seiner Tasche nach seinem Waschzeug. Markus ist an Zeltlager dieser Art schon gewöhnt und hielt jeden an, seine Tasche im Flur zu lagern. Da konnte man nach Herzenslust wühlen, ohne die selig Schlafenden zu stören.

Also suchte Jonas sich sein Zeug zusammen und verschwand mit Handtuch, Zahnbürste und frischen Klamotten im Bad. Wenn er schon so früh wach war, konnte er auch gleich duschen und sich soweit fertig machen.

*

Etwas später saß Jonas bei einer Tasse frisch gekochten Tees auf dem kleinen Balkon und ließ den Blick über die Dächer der noch ruhigen Stadt schweifen. Es war noch so zeitig am Morgen, dass er einen wunderbaren Sonnenaufgang erlebte. So etwas konnte er ja wirklich genießen. Vor allem, als auch langsam die Wirkung der Schmerztablette einsetzte. Die OP seiner vier Weisheitszähne lag grad mal eine Woche hinter ihm und sein Körper hatte sie nicht wirklich gut verkraftet. Er konnte nicht kauen oder den Mund weiter öffnen, was vor allem hieß: Flüssignahrung. So blieb ihm also nur Tee oder Kaffee. Sogar auf den leckeren Met musste er verzichten, dank der Medikamente. Die Schmerzen waren es auch gewesen, die ihn nicht länger hatten schlafen lassen.

Ein Geräusch ließ ihn aufmerken. Er blickte sich um und entdeckte…
"… der Troll", nuschelte er vor sich hin.
"Ork. Is' was ganz anderes", lachte der andere und setzte sich mit einem heißen Kaffee zu Jonas.
"So zeitig schon wach, Hamster-Maus?"
Jonas knurrte nur. Ihm war auch klar, dass seine Backen noch immer geschwollen und dazu noch leicht bläulich unterlaufen waren, aber musste man einen damit den ganzen Tag aufziehen? Und wenn unerwarteter Weise plötzlich ein riesiger Ork hinter einem stand, durfte man sich gerne auch mal erschrecken. Obwohl, wenn er auf einem MPS unterwegs war, sollte man mit so etwas rechnen. Aber besagter Ork hatte sich einen Spaß daraus gemacht, den ohnehin lädierten Jonas so richtig kräftig überraschen zu wollen. Was ihm auch hervorragend gelungen war, zumal er in einem derart detailreichen und echtwirkendem Kostüm inclusive Waffen und einer gut sitzenden Halbmaske mit langen schwarzen Zottelhaaren und Special FX Zähnen aufwartete, dass Jonas sich in einer teuren Filmproduktion vermutete.

Er hatte vor Schreck gequietscht, was den Ork laut und tief grollend lachen ließ. Nur Momente später stellte ihn Markus als Jendrik vor, ein Studienfreund und begeisterter LARPer. Zum Dank war Jonas den nicht mehr losgeworden. Auf Schritt und Tritt wurde er von diesem Ork verfolgt. Egal an welchem Stand Jonas länger stehen blieb, um sich die Sachen genauer anzuschauen, wartete der Ork auf ihn, während die anderen der Gruppe langsam vorwärts gingen.

Jonas wusste nicht, was der andere an ihm fand, war er doch in normaler Kleidung unterwegs, während andere sich zumindest ein Mittelalterhemd angezogen hatten und Trinkhörner am Gürtel dabei hatten. Außerdem konnte er wegen seinen Hamsterbacken nicht viel reden und hatte mit Fantasiewelten sowieso eher weniger am Hut. Er war hier, weil er die lockere Atmosphäre der MPS-Veranstaltungen mochte, gerne an den Ständen stöberte und vor allem Markus wieder mal sehen wollte. Ihre Wege hatten sich nach dem Abi getrennt, was sie beide sehr schade fanden und dieses Wochenende war perfekt gewesen, sich endlich wieder zu treffen, auch wenn viele neue Freunde von Markus' Studium dabei waren, wie eben dieser anhängliche Ork.

Aber er musste sagen, dass er ein sehr hilfsbereiter Ork war. Denn Jonas war es irgendwann seltsam zumute geworden, seine Kiefer hatten immer mehr geschmerzt und ihm wurde ungesund heiß und schwindelig. Jendrik hatte ihn in den Schatten einer großen Baumgruppe dirigiert, wo er sich auf der weichen Wiese hinlegen konnte, und sich um ausreichend Wasser gekümmert. Er hatte sogar die Sanitäter herbeigerufen, weil er nicht wusste, ob Jonas nur ein wenig Kreislauf hatte oder mehr dahinter steckte.

Die Sanis hatten nur mit dem Kopf geschüttelt und Jonas vorwurfsvoll gefragt, was er mit frisch operiertem Kiefer hier zu suchen hatte. Sie prüften seinen Blutdruck und die Temperatur und empfahlen Ausruhen und dann den Heimweg anzutreten. Dies erklärten sie dem Ork. Anscheinend wirkte er trotz der fantastisch-kriegerischen Aufmachung vernünftig und sie vertrauten ihm mehr als Jonas, der nur schweigend dalag. Liegenbleiben und irgendwann bei Markus auf dem Sofa weiterliegen und schlafen können, war gar keine schlechte Idee.

Jendrik versicherte sich, dass Jonas unter den Bäumen blieb bis er wieder da wäre. Er wollte sich bei Markus abmelden und den Schlüssel für dessen Wohnung holen. Jonas nickte nur, er wollte gar nicht woanders hin. Hier im Schatten war gut. Heiße Tage waren sowieso nicht sein Ding.

Er musste wohl weggedöst sein, denn er schrak auf, als der Ork ihn sanft am Arm berührte. Er gab ihm noch einmal Wasser, dann half er ihm beim Aufstehen. Den Weg durch den Park, durchs angrenzende Schlosspark-Gelände und die wenigen Minuten mit der Bahn, zogen an Jonas vorbei, ohne dass er sich später daran wirklich erinnern konnte. Am Haus angekommen waren sie beide erleichtert, dass Markus' Wohngebäude einen Fahrstuhl besaß. Die Treppen schienen Jonas in diesem Augenblick nicht überwindbar.

Den restlichen Nachmittag lag Jonas auf dem breiten Sofa, mit Kühlpacks an den Hamsterbacken und Schmerztabletten. Der Ork hatte ihm reichlich Wasser griffbereit hingestellt und sogar Kamillentee versorgt, der aus Mangel an anderen großen Tassen in einem Weihnachtsbesser vor sich hindampfte. Danach hatte er alle Fenster in der Wohnung geöffnet und damit für ausreichend Durchzug gesorgt. Als er Jonas soweit versorgt wusste, war Jendrik im Bad verschwunden.

Jonas döste eine Weile, bis er Jendrik wieder neben sich hörte. Er öffnete träge ein Auge und wunderte sich wo plötzlich der blonde Hüne in den einfachen Jeans und dem weißen T-Shirt herkam. Wo war Jendrik? Doch als der Unbekannte ihn ansprach und fragte ob er noch einmal frischen Tee wolle, wurde Jonas bewusst, dass das der Ork war. Selbst ohne die Verkleidung wirkte Jendrik groß wie ein orkischer Berserker und seine Stimme war auch im Original so tief.

Damit war auch klar, das Jendrik nicht wieder zum MPS zurückging. Er kümmerte sich um Jonas, ließ ihn aber schlafen und schaute nebenher leise Fernsehen oder las Zeitschriften, die in Markus' Wohnung so zu finden waren.

Jonas schlief ruhig und gut und fühlte sich zum Abend hin wieder so gut, dass er noch eine Weile mit den Leuten quatschend zusammensitzen konnte, die alle gemeinsam irgendwann nach Sonnenuntergang auf der Matte standen. Manche recht stark beeinflusst von Honigwein, aber es war wirklich keiner Unterwegs verloren gegangen.

Markus freute sich, dass es seinem besten Freund wieder besser ging, doch hatte er sich nicht wirklich Sorgen gemacht, da er ihn bei Jendrik in guten Händen wusste. Dieser hatte außerdem zwischendurch eine Nachricht geschickt, das Jonas gut in der Wohnung angekommen war.

Markus erzählte ein wenig von Jendrik: er war also nicht nur ein starker Ork, sondern auch jahrelang bei der FFW in seinem kleinen Heimatdorf aktiv gewesen. Er kannte sich also mit hitzigen Situationen aus und war auch für Markus schon oft der Fels in der Brandung gewesen.

Jonas erkannte, dass Jendrik also ein weiterer bester Freund von Markus geworden war und fühlte einen kurzen Stich der Eifersucht. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Nur weil Markus neue Freunde hatte, hieß das ja nicht, dass er Jonas vergessen würde. Im Gegenteil, Markus bot ihm sogar sein Bett für die Nacht an. Und mit seinem Bett war Markus sehr eigen. Jonas lehnte aber dankend ab, hatte er doch eine ausgesprochen bequeme Lumatra.

Und wie nicht anders zu erwarten, lag der Ork für die Nacht neben ihm und schniefte manchmal ganz leise beim Atmen; wie ein kleiner Igel. Das war irgendwie niedlich. Hätte Jonas doch von so einem riesen Kerl eher ein Nerv tötendes lautes Schnarchen erwartet.

*

"Wie geht es deinen Zähnen?", fragte Jendrik weiter, als er von Jonas nur ein Grummeln erntete, und schlürfte weiter am Morgenkaffee.
"Geht so. Tat heute morgen wieder weh, aber ich hab' ne Tablette genommen", erklärte Jonas doch bereitwillig. Immerhin sorgte der andere sich ehrlich um ihn.
"Warum eigentlich?", führte er die Frage gleich weiter.
"Warum was?"
"Na, warum kümmerst du dich so sehr um mich? Wir kennen uns doch gar nicht."
Jendrik lachte leise, dann erklärte er: "Das stimmt so nicht ganz. Markus hat in seinen Gesprächen immer wieder einen Jonas erwähnt und ich musste bald feststellen, dass er ihm eine wichtige Person sein musste. Dann habe ich auch Bilder euch zweien gesehen. Süße Bilder aus eurer Kindheit und neuere Bilder. Ich wollte dich unbedingt kennen lernen und dann hat Markus zum MPS-Wochenende eingeladen."

"Aha. Und Leute, die du kennen lernen willst, erschreckst du?"
"Nein. War gar nicht meine Absicht. Nur du warst mit deinen Gedanken wohl so weit weg, dass du mich einfach nicht hast kommen hören. Ich stand schon eine ganze Weile hinter dir."
"Man hätte auch mal ‚Hallo' sagen können, statt zu warten, dass ich den Feind von allein entdecke", war Jonas wieder unleidlich und guckte in den Sonnenaufgang zurück.
"Feind? So siehst du mich? Ich verstehe", sagte Jendrik plötzlich leise und all sein Humor, der bisher immer in der Stimme mitgeschwungen war, war völlig weg. Jonas guckte verwirrt Jendrik hinterher, der in der Wohnung verschwand.

Dafür kam Markus gerade in die Küche. Auch der guckte verwundert dem Ork nach, wie er sich stoisch im Bad einschloss, dann entdeckte er Jonas auf dem Balkon.
"Hey, bester Freund. Wie geht's dem Kiefer?"
"Geht, danke."
"Und was ist mit Jendrik? Habt ihr euch gestritten? Gestern schien es, ihr würdet euch gut verstehen."
"Wohl doch nicht so. Er ärgert mich immer wieder."
Da lachte Markus sanft und zog seinen Freund in eine kurze Umarmung.
"Jonas. Nicht schon wieder. Merkst du wirklich nicht, wenn jemand dich mag? Du hast früher schon immer alle interessierten Männer weggejagt. Und gerade Jendrik ist doch wohl eine perfekte Partie, nicht?"
Jonas guckte mit großen Augen Markus an. Was erzählte der denn schon wieder?
"Mensch, Jonas. Jendrik hat sich in dich verschossen, seit er Fotos von dir gesehen hat, und so wie er gestern um dich herumgeschlichen ist, scheint er dich auch in Natura wirklich zu mögen. Was glaubst du, warum ich dich mit ihm allein gelassen habe, obwohl ich auch gerne mehr von dir gehabt hätte? Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen."
"Du willst mir doch einen Bären aufbinden, Markus. Dieser Kerl ist doch nie und nimmer … also… so wie ich."
"Nein! Ich will dir einen Ork aufbinden. Aber du hast ihn vertrieben! Das solltest du vielleicht ganz schnell in Ordnung bringen. Denn ihr seit beide meine Freunde und ich will keinen von euch verlieren."

Kurz darauf stand Jonas vor der verschlossenen Badtür und zögerte noch, doch endlich konnte er sich überwinden und klopfte.
"Besetzt", rief Jendrik gleich zurück.
"Ich bin's", antwortete Jonas nur. Erst einmal blieb es ruhig, dann wurde doch der Schlüssel gedreht und die Tür schwang auf. Jendrik stand nur mit einem Handtuch um die Hüften vor ihm, nass, die Arme verschränkt. Er wirkte auch ohne Maske gerade wie ein unfreundlicher Ork und Jonas wusste nicht, wie er weitermachen sollte. Denn ganz offensichtlich wartete Jendrik auf eine Erklärung.
"Was ist, Hamster-Maus?", fragte er dann doch, als Jonas keinen Ton rausbrachte.
"Genau das! Warum ärgerst du mich, wenn du laut Markus in mich verknallt bist?!", brach es da aus Jonas raus. Viel zu direkt, aber - Au! Das tat im Kiefer weh und er verzog das Gesicht.
"Und du? Warum vergraulst du jemanden, der sich um dich kümmert?", stritt Jendrik den Vorwurf gar nicht ab.
"Weil ich nicht will, dass ich mich in meinen Helfer vergucke. Ich kann nicht davon ausgehen, dass gerade der Mann, der mir so gut gefällt, auch etwas mit mir anfangen kann", gestand Jonas sein Dilemma und wurde am Ende hin so leise, dass man ihn gar nicht mehr verstehen konnte. Beschämt blickte er zum Boden. Er hatte schon zu oft ein gebrochenes Herz gehabt.

"Ich gefalle dir?", wurde er da lauernd von dem Ork gefragt.
"Was ist das denn für eine Frage?", giftete Jonas zurück. "Wem könntest du denn nicht gefallen, mit diesem Körper? Außerdem hast du Humor und bist hilfsbereit und ohne deine Maske sieht auch dein Gesicht ganz ansehnlich aus."
"Ganz ansehnlich? Ich bin der Meinung, dass ich ein mehr als nur ansehnliches Gesicht habe!", klang Jendrik jetzt beleidigt, aber Jonas hörte da schon wieder ein Lachen heraus.
"Ja. Ansehnlich. Einigermaßen ertragbar. Vielleicht solltest du deine Maske doch lieber wieder aufsetzen", überspielte Jonas sein Eingeständnis.
"Hey, freche Nagetiere gehören bestraft", bestimmte Jendrik und zog seine aufquietschende Hamster-Maus zu sich ins Bad. Es klickte leise, als der Schlüssel im Schloss wieder gedreht wurde.

Zum Glück hatte Markus zumindest noch eine Gästetoilette für seine Besucher. Und Markus selbst ging zufrieden Brötchen beim Bäcker unten an der Ecke holen…

Ende.

(10.07.2016)

 


 

nach oben