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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Frühjahrsputz"


"Hey, Ilian, wo willst du denn hin?"
Der kleine blonde Wirbelwind war schon den Hügel hinauf geflitzt und drehte sich oben zu Ingvar herum. Der Wind zauste die Haare und die goldenen Strähnen strahlten mit der Sonne um die Wette.
"Komm schon, Ingvar. Wo bleibst du denn?", winkte Ilian zu ihm zurück und lachte hell, als Ingvar grummelnd den Berg hinauf lief.

Es war nicht einfach, auf Ilian aufzupassen, aber Ingvars Mutter hatte im als Kind gesagt, er habe gut auf den kleinen Blonden zu achten, denn er wäre etwas Besonderes. Das hatte sich Ingvar gut gemerkt und zu Herzen genommen. Seitdem passte er also auf Ilian auf und hatte ihn schon aus so manch brenzliger Situation herausgeschlagen. Ilian half ihm dagegen in der Schule und bei den Hausaufgaben. Sie verstanden sich so gut wie Brüder und für Ingvar war Ilian wirklich etwas ganz Besonderes. Ohne den fröhlichen Jungen wollte er nicht mehr leben.

Doch heute würde er erfahren, dass Ilian noch ein ganz anderes Geheimnis in sich barg, das er bisher noch nicht kannte. Das wusste Ingvar noch nicht, weswegen er recht unbesorgt Ilian folgte und ihn auch endlich auf dem Hügelkamm erreichte.

"Was gibt es denn hier oben so wichtiges?", fragte er und blickte sich um. Vor ihnen lag der Berg, den man gut von ihrem Dorf aus sehen konnte.
"Da schau", deutete Ilian auf einen dunklen Flecken im Berg.
"Da liegt die Bärenhöhle. Da willst du doch nicht hin, oder?"
"Doch. Ich muss. Immerhin hat mich Großvater Petz gerufen", antwortet Ilian und rannte sofort weiter.

Ingvar verstand kein Wort, doch seine Fragen wehte der Wind von seinen Lippen. Ilian hörte ihn nicht. Außerdem war er eh schon zu weit weg. Emsig lief er auf die Höhle zu, in der bekannter Weise ein großer alter Bär lebte. Das war nicht nur leichtsinnig, das war gefährlich. Selbst Ingvar, groß und kräftig, hatte gegen Bären keine Chance.

Ingvar bekam Angst. So richtig Angst. Er konnte Ilian nicht mehr einholen und im Geiste sah er schon, wie Ilian von riesigen Tatzen in Fetzen gerissen wurde.
"Ilian, warte doch! Du darfst da nicht hin", versuchte er es noch einmal mit Rufen. Doch vergebens. Ilian verschwand in der Höhle.

Ingvar rannte was das Zeug hielt und erreichte auch endlich die dunkle Höhle. Seine Augen mussten sich erst an das Zwielicht gewöhnen, bis er etwas erkennen konnte. Er trat in eine flache weite karge Höhle, die sich nach hinten verjüngte und schließlich um die Ecke führte, sodass er nichts mehr sah. Im Eingangsbereich lagen einige abgenagte Knochen. Ein eindeutiger Beweis, dass der Bär hier noch lebte.

Vorsichtig schlich Ingvar weiter. Vielleicht, wenn der Bär noch im Winterschlaf lag, könnten sie unbeschadet wieder herauskommen. Dafür musste er aber Ilian erst einmal finden. Zu rufen getraute er sich nicht.

Er folgte der Höhle um die Biegung und erschrak sich zutiefst. Er stand genau vor dem Bären. Er war riesig und starrte ihn direkt an. Und dann holte der Bär auch schon mit seiner Pranke aus. Ingvar schrie entsetzt auf, machte sich ganz klein, um wenig Angriffsfläche zu bieten und spürte die Pfote über sich - und schlug verwirrt die Augen wieder auf. Er wurde zwar gegriffen, aber nicht verletzt. Langsam aber beständig schob der Bär Ingvar vor sich her, aus der Höhle heraus.

Was war das denn? Und wo war Ilian?
"Ilian! Wo bist du?"
Der Bär knurrte und ließ Ingvar nicht aus seinen Pfoten. Er musste ihm gehorchen, bis sie draußen in der Sonne vor der Höhle ankamen. Da setzte sich der Bär auf seine Hinterläufe und ließ auch endlich Ingvar los.
"Wo ist Ilian? Ich muss ihm helfen", erklärte Ingvar und wunderte sich nicht, dass er mit einem Tier sprach, das ihn wohl auch verstand. Immerhin schüttelte der Bär den gewaltigen Kopf, brummte und schlug mit der Pfote auf den Boden. Demonstrativ legte er sich hin.
"Wir sollen hier warten?", fragte Ingvar und Mr. Petz nickte.
"Aber wie kann ich hier warten, wenn Ilian da drin ist? Was macht er eigentlich? - Das ist doch alles nicht normal. Ich träume bestimmt…" Vor sich hinmurmelnd, ging Ingvar vor der Höhle auf und ab.

Dann spürte er etwas. Ein ungewöhnlicher Wind kam auf. Er fegte aus der Höhle heraus und brachte fremde Worte mit sich. Ingvar erkannte sofort Ilians Stimme. Dazu kam ein dunkles Flüstern und Grummeln. Was passierte da nur? Ingvar hatte Angst, vor dem Fremdartigen und dass es Ilian nicht gut ging. Erst noch zögerlich machte er einige Schritte auf die Höhle zu, dann aber wollte er entschlossener gehen.

Der Bär brüllte ihn laut an und schüttelte den großen Kopf.
"Ich kann doch Ilian nicht allein lassen…"
In diesem Moment nahm Ilians Stimme zu, wurde lauter und der Wind kräftiger. Ein heftiger schwarzer Schatten fegte aus der Höhle heraus, streifte Ingvar und warf ihn um. Dann entschwand er nach draußen. Im Schein der hellen Sonne verpuffte er schrill kreischend und gurgelnd. Zwei kleinere folgten.

Dann wurde es ruhig und friedlich. Ingvar rappelte sich hoch und lief in die Höhle hinein.
"Ilian. Ilian! Wo bist du? Geht es dir gut?"
Fast wäre er mit Ilian zusammengestoßen. Dieser kam, sich die Kleidung von Staub abklopfend, um die Ecke. Ingvar packte ihn und riss ihn in seine Arme.
"Ilian! Ich hatte solche Angst um dich. Mach das nie wieder. Egal, was du da getan hast."
"Au. Ingvar. Du erdrückst mich", lachte Ilian fröhlich. "Und keine Sorge. Großvater Petz kann jetzt wieder sicher in seiner Höhle wohnen."

Ilian sprang auf den großen Bären zu, streichelte ihn kurz, um sich dann von ihm höflich zu verabschieden. Der Bär brummte und drehte sich behaglich in der Sonne.

"So. Nachdem ich also den Frühjahrsputz erledigt habe, wäre doch ein Eis nicht schlecht. Was meinst du, Ingvar?", fragte Ilian.

Ingvar nickte nur. Was auch immer er in den letzten Minuten erlebt hatte, ein Eis ging immer! Und dann hatte ihm sein kleiner Schamane so einiges zu erklären.

Ende

(02.03.2018)

 


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