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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 7"


"Guten Tag, wie kann ich Ihnen heute helfen?", begrüßte Sven fröhlich die ältere Dame, die noch unsicher im Eingangsbereich der kleinen Sparkassen-Filiale stand. Er erkannte sie wieder. Es war die Frau, die ihn gleich so gemein angegangen war, an dem Tag, als es ihm nicht so gut ging. Sie erkannte ihn wohl auch wieder, denn sie zögerte noch immer.
"Bitte, wenn ich Ihnen helfen kann, dann tue ich das gerne", sprach er sie weiter an. Sie kam tatsächlich heran und schob einen Überweisungsauftrag hin.
"Oh, das erledige ich sogleich", nahm Sven gutgelaunt den Auftrag entgegen und tippte sofort alles in den PC ein.
"So. Das wäre schon erledigt. Brauchen Sie noch etwas? Sind Sie mit Ihren Anlagen zufrieden oder wünschen Sie noch eine Beratung?"
"Nein, vielen Dank." Sie blieb höflich, wenn auch etwas irritiert. Sie verabschiedete sich eiligst und war gleich darauf wieder verschwunden.

"Sven, was ist heute nur mit dir los? Erst vergraulst du uns die Kunden, weil du Kopfschmerzen hattest und griesgrämig warst und jetzt verscheuchst du sie, weil du zu gut drauf bist. Was willst du mir erzählen? Hat es möglicherweise etwas mit deinem Wochenende zu tun?"
Sofie entführte ihn zur Mittagspause in ihren kleinen Aufenthaltsraum, während ein anderer Kollege die Stellung hielt. Zum Mittag war eh meistens nicht viel los. Sie schob Sven auf einen Stuhl am Tisch, bereitete ihm seinen Milchkaffee, um ihn zu bestechen und setzte sich dann ihm gegenüber. Da hatte sie ihn besser im Blick.

"So! Erzähl!"
"Was denn erzählen? Es gibt gar nichts zu erzählen", lachte Sven und freute sich, Sofie etwas auf die Folter spannen zu können.
"Ach. Nichts zu erzählen? Du strahlst wie tausend Sonnen und es gibt nichts zu erzählen? Jetzt mach schon. Muss ich erst noch betteln?"

Sven war ganz aufgeregt. Er wusste gar nicht, wie er es in Worte fassen konnte.
"Ihr wart klettern", half ihm Sofie.
Er nickte.
"Er sah toll aus beim Klettern und du hast dich noch mehr verliebt."
Er nickte, denn das stimmte auch.
"Ihr habt euch geküsst!", schoss Sofie einfach mal ins Blaue.
Auch da nickte Sven.
"Nicht wahr! Wirklich?"
Sven nickte noch einmal, dann endlich erzählte er. Er berichtete Sofie einfach den Tag, angefangen beim frühen Abholen über den schönen Tag und den Schlamassel dazwischen bis hin zum Abend, als Steven ihn auch wieder nach Hause gebracht hatte. Dort hatte er sich ordentlich von ihm verabschiedet, mit einem dahinschmelzenden Kuss, der gar nicht enden wollte und ihn dann zur Nacht allein gelassen. Das war sehr anständig von Steven gewesen. Doch Sven hatte anschließend in Schildis Lavendelbauch geschmollt, denn anständig wollte Sven nun gewiss nicht sein. Doch Steven musste wegen seiner Arbeit sonntags früh raus.

So schwebte Sven auch am Montag noch auf Wolke 7 und wusste mit seinen Gefühlen nicht wirklich wohin. Was auch Sofie merkte. Sogar sein Waldlauf am Sonntag hatte da nichts ändern können. Und auch seine Katzen haben es schon zu spüren bekommen. Noch nie wurden sie so viel geknuddelt wie an diesem Wochenende. Sven wusste einfach nicht wohin mit seiner Nervosität und den überschäumenden Gefühlen. Es hatte ihn wohl so richtig erwischt.

"Und wann wollt ihr euch wieder treffen?"
"Er hat gesagt heute…"
"Aha. Dann viel Spaß… bei was auch immer", neckte Sofie.
Doch Sven konnte man heute mit nichts ärgern. Mit seiner guten Laune brachte er in der Filiale alle zum Grinsen und zu Feierabend trat er singend den Heimweg an.

"Ach, guten Abend Frau Sabrowski", begrüßte Sven seine Nachbarin, die sehr geschäftig das untere Treppenhaus wischte - wie auch gestern schon…
"Ich wollte sie nur darauf hinweisen, dass ich heute Abend Herrenbesuch empfangen werde und es vielleicht ein wenig lauter werden könnte", teilte er ihr gutgelaunt mit, amüsierte sich über ihren empört-geschockten Gesichtsausdruck und verschwand mit einer letzten Drehung in seiner Wohnung.

"Hallo, ihr zwei. Los, raus mit euch in den Garten. Die Sonne scheint", kraulte er seine beiden Kater und machte ihnen die Terrassentür weit auf. Dann schnappte er sich den Staubsauger und ging durch alle Zimmer, räumte hier und da was weg, putzte gründlich das Bad… - und zum Schluss auch sich selbst.

So verging die Zeit und er schrak fast zusammen, als es endlich klingelte. Sven war aufgeregt, nervös und zu seinem Ärger auch etwas ängstlich. Er wusste, dass sich Steven heute nicht für die Nacht verabschieden würde, sondern bleiben wollte. Sie würden in seinem Schlafzimmer landen und dann das tun, was man üblicherweise dort zu zweit machte…

Doch er wollte kein Feigling sein, öffnete die Tür und wurde von Steven mit einer festen Umarmung begrüßt, die seine Bedenken gleich wieder vertrieben. Bis ihn eine Pfote auf den Kopf tatzte. Ardmore hockte auf Stevens Schulter und wollte auch begrüßt werden, denn immerhin hatte er pflichtbewusst Svens Lieblingsbesucher wieder vorne am Gartentürchen in Empfang genommen.

So wurde Ardmore gekrault, mit einem Snack belohnt und dann überließ man die Katzen wieder sich selbst. Steven schnappte sich Sven und machte mit der Begrüßung weiter, die war ihm nämlich zu kurz und mit nur einer Umarmung viel zu wenig ausgefallen. Er suchte Svens Lippen, verfehlte sie zuerst und erreichte dann lachend sein Ziel.

*

Er schob Sven harsch auf dessen Sofa, ohne mit Küssen aufzuhören. Er hatte fast zwei ganze Tage auf Sven verzichten müssen und sich nur schwer auf seine Massagen konzentrieren können. Er wollte Sven eigentlich nicht so überfallen, da er nun dessen Vergangenheit kannte und wusste, dass dieser sehr zurückhaltend und wohl auch noch fast unerfahren war, doch er konnte sich nicht zügeln. Und Sven machte nicht gerade den Eindruck, dass es ihm zuviel wurde.

Als sie endlich wieder zu sich kamen, hatte Steven eine Hand erfolgreich unter Svens Pullover geschoben und streichelte die warme Haut. Es erinnerte Sven ein wenig an ihre erste Begegnung im Wald und wirkte angenehm beruhigend und schön. Stevens andere Hand durchwuselte Svens Haare und nebenbei bemerkte Steven, dass sie so ziemlich jedes Kissen vom Sofa gekickt hatten, weil sie einfach im Weg gewesen waren.

"Sorry", lachte Steven etwas außer Atem. "Ich habe dein Wohnzimmer und dich ein wenig… derangiert", entschuldigte er sich.
"Machtnix", nuschelte Sven keuchend zurück. "Wenn du dafür immer so toll küsst…", hauchte er noch hinterher.
"Keine Sorge. Ich küsse immer toll." Und mit einigen weiteren Küssen bewies Steven seine kühne Behauptung. "Aber was hältst du davon, wenn wir uns ein anderes Lager dafür suchen?", schlug er dann aber direkt vor. Er wollte mehr von Sven. Der roch nämlich so lecker und fühlte sich auch gut an.

Sven wurde tatsächlich rot und fragte sich, ob es in Ordnung war, einfach so direkt ins Bett zu verschwinden oder ob das aus ihnen Sexmonster machte, die nichts anderes mehr im Kopf hatten. Aber da er es doch auch wollte, genauso wie Steven, war es wohl ok. Irgendwie stolperten sie bis zu Svens Bett und landeten weich in seiner Daunendecke. Es gab ein Rangeln und Schieben und Ziehen und Rücken, bis sie endlich nackt unter der Decke lagen. Da fühlte sich Sven sicherer. Steven lenkte ihn mit weiteren tollen Küssen ab und schickte eine Hand langsam aber bestimmt auf Wanderschaft.

Sven war sehr angespannt, wartete auf das Gefühl von Unwohlsein und Ekel sich selbst gegenüber.
"Steven, ist das… ist das wirklich ok? Also, findest du mich ok?", fragte er zögerlich nach einer Weile und getraute sich nicht, Sven dabei anzuschauen. Steven knurrte. Das war ein seltsamer Laut, der Sven gleichermaßen verunsicherte und erregte.

"Wenn du sowas fragst, klingst du wie eine Frau, die ihren Busen zu klein oder zu groß findet und ihren Po zu … irgendwas. Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis…"
Sven schaute ihn kritisch an. Er wollte nicht wie eine nörgelnde Frau klingen. Aber was sollte Steven schon für Geheimnisse kennen?
"Willst du es wissen?", spannte er Sven sogar noch länger auf die Folter.
"Ja."
"Also, wenn ich dich nicht wollte, wären wir gar nicht erst hier. Und glaube mir, meine untere Region ist ganz begeistert von dem was sie hier vorfindet", kicherte Steven albern und schob sich sehr direkt mit der Hüfte an Svens Bein, sodass er alles genau fühlen konnte. Bestimmt wurde er schon wieder knallrot im Gesicht.

Steven lachte weich und küsste sich über Svens Gesicht und den Hals hinunter. Auch seine Hand wanderte weiter. Sven versuchte seine nervenden Gedanken zu vergessen und sich zu entspannen. Er wollte doch so gern alle Eindrücke genießen. Doch er fühlte sich beobachtet.
"Warte", sagte er plötzlich und sofort blieb Stevens Hand auch still, lag jetzt schon weiter unten und sehr angenehm auf seiner Hüfte, wo sie wohlige Schauer durch seinen Körper schickte.

"Willst du noch ein Geheimnis wissen?", fragte Steven ob der erneuten Unterbrechung.
"Ne." Sven griff neben sich, nahm Schildi auf und setzte sie anders herum hin. So schaute sie jetzt an die Wand und nicht die ganze Zeit auf sie beide. Das war schon besser.

"Kann weiter gehen", lachte Sven, als er Stevens ungläubiges Gesicht sah. Steven schüttelte den Kopf und lachte auch. Das löste Svens angespannte Stimmung komplett und nachdem er sich noch einmal gemütlich zurechtruckelte, hatte er eine so unerwartete schöne Nacht, wie er sich das nie hätte erträumen können.

*

Es klingelte sehr nervtötend. Sven kickte den Wecker vom Nachttisch, wo er stumm auf dem kleinen Läufer vor dem Bett liegen blieb. Dann drehte Sven sich um, kuschelte sich zufrieden brummend an Stevens warmen Körper und schlummerte wieder ein.

Irgendwann klingelte es an seiner Wohnungstür. Sven versuchte es standhaft zu ignorieren, aber es hörte und hörte nicht auf. Er fluchte vor sich hin, schob sich aus dem warmen Bett und angelte nach etwas, dass er sich eilig überwerfen konnte.

"Was is?", knurrte er beim Türe öffnen.

"Yo, Man", begrüßte ihn Thore mit einem Tippen an seinen imaginären Cowboyhut. "Ich wollte nur checken, ob bei dir alles im Lot ist."
"Ja, is es. Noch was?"
Sven bemerkte grad selbst, dass er zu dieser frühen Stunde sehr unleidlich war. Doch Thore war eine Frohnatur, der nichts so schnell die gute Laune verdarb.
"Wie ich sehe, hat er seinen Schatz behalten", stellte Thore fest. Sven standen die Fragezeichen deutlich ins Gesicht geschrieben.
"Thore. Was ist denn nun?", rieb sich Sven die Augen. Er war ja noch so müde.
"Ich habe einen Anruf erhalten. Sofie lässt anfragen, ob es dir gut geht. Und wenn ja, brauchst du heute nicht auf Arbeit kommen. Du hast einen Tag Urlaub bekommen." Bei dieser Erklärung lächelte Thore hinterhältig. Und Sven bekam große Augen. Sofie! Arbeit!! Verschlafen!!!

"Oh Gott!", hauchte er nur hervor. "Ich hab sowas von verpennt."
Thore lachte. "Ja. Kommt davon, wenn man die ganze Nacht das Haus wachhält."
"WAS?!"
"Na, dein Herrenbesuch. Die Alte hat uns entsprechend informiert…", erklärte Thore und griente noch mehr. Er musste Sven ja nicht verraten, dass man nichts gehört hatte.

Und Sven spürte die Hitze durch seinen ganzen Körper rieseln. Das war ja sooo peinlich.
"Geht dich nix an", fuhr er Thore an und schmiss die Tür zu, ignorierte Thores Lachen im Hausflur. Auf seinem Rückweg stellte sich ihm ein orangenes Fellknäuel in den Weg und meckerte ihn unleidlich an.
"Ja, Ben Nevis. Thore ist blöd, ich weiß. Und du hast Hunger, was?"
Er machte seinen Stubentigern eben schnell frisches Futter und Wasser und wollte ihnen die Terrassentür aufmachen, als er feststellte, dass die vom gestrigen Nachmittag noch offen war. Er schüttelte nur den Kopf. Da hatten sie wirklich alles andere vergessen.

Er schlich sich zurück ins Schlafzimmer und erst dort stellte er fest, dass er zwar seine Hose anhatte, aber nicht sein eigenes T-Shirt. Das musste Thore auch gemerkt haben. Wie peinlich. Er zog sich wieder aus und suchte Trost bei Steven, der ihn einfach in seine Arme schloss.

"Müssn wir aufstehn?", fragte der verpennt.
"Ne. Hab Urlaub", grummelte Sven. Dann aber breitete sich ein glückliches Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er konnte es genau spüren. Er drückte Steven einen Kuss auf die Schulter und beschloss, den Tag solange im Bett zu verbringen, wie es nur ging. Den neugierigen Blicken, Fragen und Anspielungen seiner Freunde konnten ihm heute völlig egal sein. Und wenn er die das nächste Mal traf, würde er Steven dabei haben, der ihn ganz sicher beschützen wird.

 

Ende.

 


 

Teil 6

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