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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 6"


Foxy kam sie zwischendurch besuchen, um zu schauen, wie sich ihr Lieblingsneuling machte, wie sie ihm zwinkernd erklärte. Er fühlte sich geschmeichelt und wusste damit nicht umzugehen. Komplimente hatte er früher nur bekommen, wenn man ihn veralbern wollte oder wenn er geistige Leistung gezeigt hatte. Doch Foxy blieb an ihm dran und fragte ihn aus. Sie wollte alles von ihm wissen. Vor allem wo er Steven kennengelernt hatte. Er erzählte von seinem Waldabenteuer und kam nicht umhin, Steven als seinen Retter hoch zu loben.

"Ah. Ich verstehe", sagte sie mit einem derartigen Unterton, dass er sich ertappt fühlte und vor Schreck fast das Seil losließ, an dessen anderem Ende Steven in luftiger Höhe kletterte.
"Keine Angst", sagte sie. "Ich verrate nichts. Das musst du schon selber machen", zwinkerte sie ihm zu und ließ Sven mit seinen verwirrenden Gedanken allein. War er wirklich so leicht durchschaubar? Dass Sofie, seine Chefin, seine Gefühle erkannte, war ja nichts Ungewöhnliches. Sie kannten sich schon lange, auch privat. Aber Foxy kannte ihn gerade ein paar Stunden. Oder war das die berühmte weibliche Intuition? Und wenn Foxy ihn allein machen ließ, hieße das dann, dass Steven wirklich schwul war? Und vielleicht sogar Single? Konnte er denn einfach so fragen? So eine plumpe Anmache war doch aber nicht romantisch und schreckte Steven sicherlich ab.

Sven war sich nicht sicher, was er machen sollte. Sollte es so einfach sein? Er schob seine verwirrenden Gedanken vorerst beiseite und achtete darauf, dass Steven wieder sicher auf dem Boden aufkam.

*

Sven brauchte eine Pause. Das sagten ihm seine kraftlosen Arme und ein eindeutig lautes Grummeln seines Magens. Steven lachte und knotete sich von seinem Seil ab.
"Ich glaube, nun wäre der passende Zeitpunkt, um herauszufinden, was du in deinen Picknickboxen alles versteckt hast."
"Ja, das ist er wohl."

Nach wenigen Minuten saßen sie an einen der Pausentische oben auf der Empore neben dem Tresen und Steven staunte nicht schlecht, was Sven alles gemacht hatte. Sie stürzten sich ausgehungert über die Leckereien her und stellten fest, dass sie schon vier Stunden hier waren. Es ging auf drei Uhr Nachmittags zu. Kein Wunder, dass Sven Hunger hatte.

Mit Steven war es leicht, ein Gespräch zu beginnen, das unkompliziert war und trotzdem persönliche Vorlieben des anderen zu Tage förderte. Da Sven sich immer noch nicht traute, Steven direkt zu fragen, ob er nun schwul sei oder nicht, fragte er ihn nach seiner Arbeit.

So erfuhr er auch endlich, dass Steven gelernter Physiotherapeut war und seit zwei Jahren schon eine eigene kleine Massagepraxis führte. Daher auch sein Wissen über die verschieden beanspruchten Muskelgruppen bei unterschiedlichen Sportarten.

Wenn er in seiner Freizeit nicht gerade Sport machte, konnte er sich zur Entspannung auch in ein gutes Buch vertiefen. Vor allem Krimis hatten es ihm angetan. Derzeit entdeckte er gerade deutsche Krimiautoren für sich. Im Augenblick lag "Friesennebel" auf seinem Nachttisch.

So kamen sie von Bücher und Musicals alsbald auf Filme zu sprechen.
"Weißt du, da spielt Ewan McGregor mit. Toller Schauspieler. Nicht zu vergessen dass er Schotte ist…", erzählte Sven und wusste gut über diesen Schauspieler Bescheid. Steven zuckte mit den Schultern und lächelte verzeihend. Mit Hollywoodschauspielern und diversen Blockbustern konnte er nicht viel anfangen.
"Tut mir leid, den kenne ich nicht."
"Jeder kennt den. Der hat den Obi-Wan Kenobi in den Episoden 1-3 gespielt."
"Sorry, aber den ‚Herrn der Ringe' habe ich nie gesehen…", erklärte sich Steven. Sven bekam erst entsetzte große Augen und Steven wusste: irgendetwas hatte er falsch gemacht. Dann begann Sven zu lachen - laut und herzhaft. Dass er damit so manchen Blick auf sich zog, bemerkte er nicht, oder war ihm gerade ziemlich egal.
"Was habe ich Falsches gesagt?", wollte Steven verwirrt wissen, freute sich aber, dass Sven so losgelöst sein konnte. Bisher wirkte er eher schüchtern, wenn auch höflich anderen gegenüber. Aber er hatte ihn auch schon grummelig und entsetzt erlebt.

Sven beruhigte sich nur langsam.
"Ich hatte nur eben ein Bild vor Augen, wie Frodo heroisch seinen Weg durchs All bahnt, um den Ring zum Todesstern zu bringen. Da hätte aber der schwarze Lord geguckt, wenn ein kleiner Hobbit vor ihm gestanden hätte, statt seinem Sohn."
Steven schüttelte den Kopf. Sven hätte mit ihm auch Chinesisch reden können. Das hätte er genauso gut verstanden. Nämlich gar nicht. So sah er wohl auch aus.
"Mensch, Steven. Noch nie Star Wars gesehen? Wirklich noch nie den Herrn der Ringe gesehen? Was machst du in deiner Freizeit?"

"Na ja", begann Steven und schnappte sich Svens kleine Hand. Er hielt sie fest, damit Sven sie ihm nicht wieder entziehen konnte, denn der zuckte schon so… Dann tippte er den kleinen Finger an.
"Wie du schon mitbekommen hast, mache ich sehr viel Sport."
Dann tippte er auf den Ringfinger.
"Dann lese ich, wie du gerade gehört hast, sehr gerne Krimis."
Der nächste Finger.
"Ich mache Fortbildungen in meinen Therapie-Bereichen."
Ein weiterer Finger.
"Ich muss meine Buchhaltung für die Praxis auf dem laufenden Stand halten."
Der letzte Finger.
"Und ich passe auf Jogger auf, die sich im Wald verirren und sich von Bäumen schlagen lassen."
Damit umfasste er Svens Hand ganz und gab einen Kuss darauf.
"Du siehst, ich habe eine ganze Menge zu tun, was verhindert, dass ich Fernsehen schauen kann oder will. Denn ich verbringe viel lieber einen tollen Nachmittag in einer Kletterhalle mit einem tollen Menschen, als mir fiktive Geschichten anzuschauen."

Das machte Sven alles verlegen. Ein Kompliment direkt gepaart mit einem Vorwurf, dazu die warme sichere Hand von Steven. Und was sollte das heißen, dass Steven gerne mit ihm den Nachmittag verbringt? Sollte er ihn wirklich mehr als nur mögen? Hätte er wirklich Chancen?

"Ich… ich schaue gerne fiktive Geschichten. Sie bringen mich in andere Welten, in denen ich der Held sein kann und nicht von anderen gemoppt werde", erklärte er schüchtern.
"Wieso sollte dich jemand moppen?"
Sven schaute auf und sah, dass Steven ihn ganz ernsthaft fragte und nicht wusste, was er damit meinte.
"Na, du weißt schon. Wegen meinem Körper", sagte er dann ganz leise und schämte sich.
"Was sollte damit sein? Du bist doch ein völlig normaler Typ. Meiner halber könntest du auch gerne ein paar Kilos mehr haben."
"WAS?!" Das hatte Steven jetzt nicht wirklich gesagt, oder?! "Niemals! Kein Pfund mehr!"
Er sprang auf und nur wenige Sekunden später war er aus der Halle heraus. Die Treppe hinunter und ums Eck herum und er hatte eine kleine überdachte Sitzgruppe hinter einigen Büschen entdeckt.

Da saß er nun, hatte ernsthaft Tränen in den Augen und wusste nicht, was er tun sollte. Das war alles so viel auf einmal. Eben noch war Steven ein so toller Mensch und dann hinterging er ihn doch! Wie hatte er nur so etwas sagen können? Sven war sich bewusst, dass er wieder viel zu emotional reagiert hatte. Wie eine hysterische Tucke. Doch er wollte einfach nicht mehr verletzt werden, solche blöde Sprüche nicht mehr hören. Und dass gerade Steven es getan hatte, wo sie doch so einen tollen Tag bisher gehabt hatten, schmerzte umso mehr.

Leider konnte er nicht einfach weiter flüchten. Seine Sachen waren ja alle noch in der Halle. Aber da wieder hineingehen konnte er auch nicht. Erst jetzt bemerkte er den Regen. Na toll. Wie hervorragend das doch passte! Wenigstens war es hier trocken, wenn auch kalt.

*

Er wusste nicht, wie lange er hier draußen saß und fror, als er neben sich ein Geräusch hörte. Er schreckte auf und entdeckte genau denjenigen, den er am wenigsten sehen wollte. Steven war da.

Er hatte Svens warme Fleecejacke dabei und hielt sie ihm stumm hin. Er lächelte nicht mehr, sah sehr besorgt und verwirrt aus. Sven wollte gerne das schöne Lächeln wieder sehen, aber dann fiel ihm ein, dass Steven ja der Grund für seine Misere war. Er griff sich wortlos seine Jacke und zog sie sich an.

"Sven, was soll das? Warum flüchtest du einfach, ohne mir eine Erklärung zu geben, was dich so verärgert hat?"
Steven war wohl auch noch so ein Mensch, der sofort direkt auf den Punkt kam. Kein langes Drumherum.
"Nichts", schoss Sven beleidigt zurück.
"Ah ja. Deswegen sitzen wir hier draußen und du schmollst und ich weiß nicht, was ich gesagt habe, um dich so zu verletzen. Ich kann nur Vermutungen anstellen. War es etwas, dass ich über dein Gewicht gesagt habe?"
"Vielleicht", kam es nur knapp von Sven. Er hatte wirklich keine Lust, Steven noch mehr von sich preiszugeben.
"Sven, ich will wirklich mit dir reden, also rede du auch mit mir. Es bringt doch keinem etwas, wenn du jetzt vor dich hinschmollst."
"Ich schmolle nicht", brauste Sven auf und stand plötzlich vor Steven.
"Dann sag mir endlich, was los ist", verlangte Steven und trat auch einen Schritt näher.
"Wir hatten so einen schönen Tag und dann sagst du einfach, ich könne ruhig mehr wiegen. Auf solche Scherze kann ich verzichten. Das habe ich lange genug durch!", wurde Sven immer lauter.
"Das habe ich nicht böse gemeint", hob Steven nun beschwichtigend die Arme. War es also wirklich nur das gewesen. "Aber ich habe schon gemerkt, dass du mit Menschen mit mehr Gewicht Probleme hast. Was du über Bine gesagt hast und dass du nie von deinem Bruder sprichst…"
"WAS? Mein Bruder?!" Sven klang so in Rage, dass Steven merkte, dass da irgendetwas nicht richtig war.
"Na, die Fotos bei dir zu Hause", erklärte er Steven.
"Ich habe keinen Bruder, verdammt! Ich habe nur eine Zwillingsschwester!", zischte Sven, schubste Steven zur Seite und machte sich zur Halle auf.

*

"Oh", hauchte Steven. Jetzt wurde er schon wieder allein gelassen, hatte aber immerhin Svens Geheimnis gelüftet. Jetzt wurde ihm so einiges klar. Dieses stetig scheue Verhalten, die kohlenhydratfreie Ernährung, die exzessiv geputzte Wohnung, die Abneigung anderer dicker Menschen, aufgrund der Angst, selbst wieder zuzunehmen.

Dann grinste er aber. Er mochte Sven, egal ob dick oder dünn. Natürlich konnte er mit einem fitten Sven mehr sportliche Abenteuer erleben, aber das waren nicht seine Auswahlkriterien. Viel mehr hatte ihm gerade der starke Sven gefallen, der auch mal direkt auf ihn zuging und ihn sogar gestoßen hatte, auch wenn er gleich wieder geflüchtet war. Er machte kehrt und flitzte zurück zur Halle.

Er kam gerade zur Tür hinein, als Sven mit seiner Tasche am Tresen stand und sich von Foxy verabschiedete. Er trat eilig hinzu und fasste Sven am Arm, damit er ihm nicht wieder entkommen konnte.
"Lass uns reden", sagte er nur und schob einen überrumpelten Sven in den leeren Schulungsraum, schloss die Tür.

"Was gibt's denn da noch zu reden?", schimpfte Sven und verschränkte abwehrend die Arme. "Willst du dich weiter über mich lustig machen?"
"Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass ich mich über dich lustig mache. Nur weil ich meinte, du könntest ein bisschen mehr auf den Rippen haben, meinte ich nicht, dass du fett sein sollst. Aber zwischen schlank und dürr gibt es einfach noch ein paar Abstufungen. Und so sehr du dich über das Übergewicht von Bine sorgst, so sehr sorgen sich Menschen in deiner Umgebung um dein Untergewicht."
"Untergewicht?!" So was Absurdes hatte Sven ja noch nie gehört und er drehte sich weg, starrte aus dem kleinen Fenster.

"Sven, wie viel wiegst du?"
"60, oder so", wich Sven aus. Wusste er doch genau, dass er 59,5 Kilos wog, da er sich jeden Morgen auf die Waage stellte.
"Das ist für deine Größe zu wenig, Sven." Steven sprach fest und sicher und als er Svens Gesicht sah und der schon wieder giftig werden wollte, schnappte er ihn sich einfach und zog ihn in seine Arme.
"Sven. Ich mache doch auch Ernährungsberatung und kenne mich aus. Keiner will, dass du wieder dick wirst. Aber du solltest auf ein gesundes Gewicht achten. Wie sonst willst du jemals einen Marathon laufen, wenn dir die Energie fehlt? Ich habe die Fotos gesehen, Sven. Der Junge da drauf sah glücklich aus. Bist du jetzt glücklich?"

Sven wollte sich wehren, doch alles Winden und Biegen half nicht, er konnte sich aus Stevens festen Armen nicht lösen. Da blitzte der Gedanke in ihm auf, dass er es sich doch schon die ganze Zeit gewünscht hatte, in Stevens Armen zu sein. Er hörte also Steven zu und so, wie Steven erzählte, klang es logisch und wahr. Sollte er es wirklich übertrieben haben in seinem Eifer endlich schlank zu sein? Er versuchte sich zu erklären…

"Ich will nicht mehr immer nur über meinen Körper reden, egal ob dick oder dünn. Immer ist es in meinem Kopf. Immer zähle ich Kalorien, die verbrauchten oder die gegessenen. Ich habe soviel an mir gearbeitet, aber immer denke ich, man sieht es mir an, dass ich dick war. Immer geht es nur darum... Und dann sagst du mir auch noch, ich solle wieder zunehmen. Das… das macht gar nicht glücklich", nuschelte er in Stevens Schulter. Ja. Genauso war es. Er war es müde, immer alles kontrollieren zu müssen…

"Glaube mir, man sieht dir überhaupt nicht an, dass du dick warst. Und ich habe dich schließlich schon - ganz nackt gesehen", senkte Steven zum Schluss hin die Stimme. Er wollte Sven damit aus seiner traurigen Stimmung locken.
Sven wurde auch prompt knallrot und sagte gar nichts mehr. Wusste Steven eigentlich, was er damit verursacht hatte?

"Na. Gar keine Antwort?", neckte er weiter.
"Wie kannst du so was nur sagen?", fragte Sven und versteckte sein Gesicht noch mehr. Warum war Steven nur so direkt?
"Na, weil es stimmt."
"Was stimmt?"
"Ich finde dich toll!"
"Ach…", wusste Sven nichts weiter darauf zu antworten. Er konnte das nicht glauben. Es klang zu schön um wahr zu sein.
"Du nicht?"
"Doch - ich finde mich auch toll", sagte Sven und kicherte leise. Das musste er jetzt sagen. Die Stimmung wurde ihm gerade viel zu ernsthaft.

"Sven. Ich mag dich wirklich", wurde Sven an den Schultern gepackt, sodass er ihn Stevens Augen schauen musste. Er konnte die Ehrlichkeit darinnen sehen. Und noch bevor er etwas anderes tun oder sagen konnte, hatte Steven ihm einen zarten Kuss auf die Lippen gegeben.

 


 

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