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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 5"


Die ersten Meter fühlte sich Sven unsicher auf seinem Rad. Doch Steven fuhr in aller Gemütlichkeit los, sodass Sven sich wieder gut einfinden konnte. Da Steven den Weg wusste, hielt sich Sven einfach immer hinter ihm. Nach nur wenigen Minuten begann er den Weg zu genießen und starrte nicht nur auf Stevens attraktive Hinteransicht.

Sie fuhren eine Weile durch ruhiges Neubauwohngebiet, dann durch einen langgezogenen Park. Es wirkte alles etwas trist. Die Bäume blätterlos, die Wiesen grau und matschig. Es roch nach Regen. Auf ihren Wegen waren große Pfützen, die sie geschickt umradelten. Es waren einige Hunde auf den Wiesen unterwegs, die sich nichts aus dem Matsch machten und sich freudig hechelnd jagten.

Sven wünschte sich, dass endlich Frühling wurde, wenn sie schon nicht richtigen Winter haben konnten. Dieses graue verregnete Irgendwas war wirklich nicht sehr schön.

Sie mussten ein paar große Straßen überqueren und landeten schließlich in einem Industriegebiet. Und als Sven sich gerade wieder so richtig ans Fahrrad fahren gewöhnt hatte und Lust hatte, noch eine größere Runde zu drehen, waren sie schon da. Er schaute überrascht auf seine Uhr und stellte fest, dass sie wirklich gerade 20 Minuten gebraucht hatten.

"So. Wir sind da", erklärte Steven unnötigerweise. An der Halle hing ein riesiges Schild mit einem roten Himmel und schwarzen Berggipfeln, an dem ein Mensch kletterte. Dazu stand in großen dicken weißen Buchstaben "High Mountain" darauf. Die Außenfassade und das Gelände wirkten sehr gepflegt und ordentlich und gaben Sven den Eindruck von Professionalität.

Der Parkplatz war gut belegt mit den unterschiedlichsten Automarken und auch unter dem überdachten Radstand standen eine ganze Menge Räder. Sie brachten ihre beiden Fahrräder auch dorthin und ketteten sie zusammen.
"Und wie geht es dir, Sven? War die Strecke in Ordnung?", fragte Steven nach.
"Ja. Alles Bestens. Ging ja wirklich immer nur eben dahin. Ich hätte sogar Lust, noch eine größere Runde zu fahren", gestand Sven.
"Das ist gut. Dann können wir das nächste Mal auch eine längere Fahrradtour machen. Es gibt hier tolle Strecken durchs Gelände, die nicht so schwierig sind."
Sven nickte dazu und wunderte sich, warum Steven so enthusiastisch ihre gemeinsamen Sportaktivitäten plante. Aber darüber wollte er später nachdenken.

Er folgte Steven zu einer Treppe, die nach oben führte und als sie durch die Tür traten, standen sie auf einer Art Empore gleich mitten in dem gewaltigen Raum. Man konnte von hier aus die gesamte Halle überblicken und Sven sah überall Leute an den Wänden und in den Seilen. Es war ein aufgeregtes Stimmengewirr, Rufen und Lachen.

"Steven! Du bist es!", hörte er da eine laute Begrüßung und er wendete sich der Stimme zu. Steven wurde von einer jungen Frau bestürmt, die ihn fröhlich umarmte. Sie war recht klein und zierlich, weshalb sie gar etwas hüpfen musste, um Steven umarmen zu können. Sie hatte auffällige kurze pinke Haare und sah überhaupt im Gesamten ein wenig wild aus.
"Hallo, Foxy. Wie geht's?"
"Och. Ganz gut. Das Studium stresst ein wenig. Und bei dir?"
"Alles Paletti. - Und wie geht es deinen zwei Piraten?"
Sie wirkte plötzlich ein wenig geknickt, was ihn gleich besorgt werden ließ.
"Sind sie krank? Sie waren doch letztens noch so gut drauf", wollte er wissen.
"Nein. Captain Silver geht es gut. Und Lord Black-Fur geht es sogar gaaanz wunderbar", übertrieb sie sarkastisch.
"Was hat er denn?"
"Er ist verliebt", schmollte Foxy nun und verschränkte die Arme.
"Wie verliebt? Hast du ein neues Chinchi dazu geholt?"
"Nein. Wir haben doch seit Sommer einen neuen Mitbewohner. Blacky liebt ihn und ist immer bei ihm. Die machen sogar Thai Chi zusammen. Er kommt nur zu mir, wenn er Hunger hat, dieser kleine Verräter", erzählte sie und wirkte dabei sehr eingeschnappt.
"Oh. Das ist natürlich sehr dramatisch", lachte Steven und wendete sich Sven zu, um ihn aufzuklären.
"Sven, das ist Foxy. Sie studiert Tiermedizin und arbeitet nebenher hier. Sie macht die Kurse für Anfänger. Außerdem hat sie zwei Chinchillas. Eines davon hat sich wohl in ihren neuen Mitbewohner verliebt", erklärte er lachend.
"Das ist nicht lustig, Steven!", sagte sie und boxte ihn in die Schulter. "Und jetzt stell mir deine Begleitung vor", forderte sie.
"Ah, klar. Foxy, das ist Sven. Er ist heute mein Kletterpartner."
"Hallo", grüßte Sven höflich.
"Hallo, Sven. Bist du denn schon öfter geklettert?", fragte sie gleich nach und reichte ihm die Hand. Dabei wurde er von ihr einmal von oben nach unten und zurück genau begutachtet.
"Nein. Heute zum ersten Mal", erwiderte Sven und nahm die Hand dieser quirligen Person an.
"Ah. Dann brauchst du auch eine Einführung. Nun, die erste Gruppe ist schon durch, aber ich habe Zeit. Soll ich das machen?"
"Das wäre super, Foxy", antwortete Steven, während sie zum Empfangstresen gingen und Foxy ein Formular herausholte. Sie reichte es Sven zusammen mit einem Stift.
"Ich brauche zuerst ein paar Daten von dir, Sven. Wenn du öfter kommen solltest, kennen wir dich und du brauchst das nicht wieder ausfüllen."

So begann Sven das Formular mit seinen üblichen Daten und den Sicherheitshinweisen und diversen Verhaltensregeln auszufüllen und lauschte nebenher dem Gespräch von Steven und Foxy. Sie schienen sich schon lange zu kennen und es wurde über diesen und jenen getratscht. Auch der ominöse Mitbewohner, in den sich ihr Chinchilla verliebt haben soll, kam zur Sprache. Er hörte immer mal wieder den Begriff "Drache 9". Es musste ein Club oder derartiges sein. Er beneidete Steven, dass der so viele Menschen kannte, die er wohl auch Freunde nennen konnte.

Zuerst hatte er noch vermutet, dass Steven mit Foxy zusammen sein könnte, da sie sich so vertraut begrüßt hatten, aber irgendwann hatte Steven direkt nach Foxys Beziehungsstatus gefragt. Sie hatte verneint, erklärt, dass sie von Männern erst mal genug hätte, im selben Atemzug hatte sie Anwesende und ihre WG-Mitbewohner ausgeschlossen. Steven ließ das nur lachen und auch Sven musste schmunzeln. Foxy war ein ganz schön turbulenter Charakter.
"Übrigens gibt es am Montag wieder eine Party. Ihr könnt gerne kommen", lud Foxy sie dann spontan ein.
"Klingt gut. Wir überlegen uns das noch", antwortete Steven für sich und Sven gemeinsam.
"Ja. Sagt mir dann einfach Bescheid."

Sven hatte sein Formular fertig ausgefüllt und reichte es Foxy.
"Komm, Sven. Wir bringen eben unsere Rucksäcke und Jacken in den Umkleideraum. Da gibt es Spinte, in die wir sie sicher einsperren können. Immerhin hast du unser Mittag dabei. Das darf nicht verschwinden", erklärte Steven sehr ernsthaft und führte sie zu einem kleinen Raum, während Foxy sein Formular ordnungsgemäß in einem dicken Ordner abheftete. Sie suchten sich einen großen Schrank aus, in dem alle ihre Sachen zusammen Platz fanden.
"Du kannst auch deine Schuhe hier lassen. Foxy holt gerade die richtigen Kletterschuhe für dich", erzählte Steven weiter, während er sich seine eigenen Kletterschuhe anzog und seinen Gurt herauskramte. Dazu hatte er noch Kletterhandschuhe dabei.

Wieder bei Foxy am Tresen, führte sie die beiden in einen kleinen Schulungsraum. Ab da war Sven ganz im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Ihm wurde ein passender Klettergurt herausgesucht und mit ihrer Hilfe vernünftig angelegt. Dabei rückte sie sehr nah an ihn heran und er wollte sich schon aus Gewohnheit unwohl fühlen. Doch sie war locker drauf, erklärte und scherzte in einem Atemzug und ging ganz unbefangen mit ihm um, wie es für Foxy wohl normal war. Er kam gar nicht dazu, sich über irgendwelche Unbequemlichkeiten Sorgen zu machen. Sie ruckelte an ihm herum, bis der Gurt saß und erklärte nebenher alles, was er als Anfänger dringend wissen musste.

Steven hielt sich die ganze Zeit über heraus und ließ Foxy machen. Er zog sich nebenher seinen Gurt an. Dann ging es schon wieder hinaus und hinunter direkt an die erste Wand. In gleichen Abständen hingen von der Hallendecke Seilsysteme. Im Prinzip war es ganz einfach. Jedes Seil hing über eine Umlenkrolle geschlungen von der Decke, sodass sich der Kletterer an dem einen Ende anhängen konnte und der Partner an dem anderen. Hier zeigte Foxy Sven zuerst den wichtigen Knoten und machte ihn als Sicherungsperson fest. Dann scheuchte sie Steven als Kletterer an das andere Ende. Er sollte ein kurzes Stück klettern und sich dann im Seil hängen lassen, damit Sven ein Gefühl für das Halten bekam. Wie erstaunt war er, dass er Steven wirklich sicher halten konnte. Foxy erklärte ihm noch das System dahinter, wie die Umlenkrollen das meiste des Gewichtes einer Person übernahmen, und zeigte ihm, wie er Steven auch wieder sicher auf die Erde brachte.

Er freute sich über den kleinen Erfolg, konnte das aber gar nicht genießen, denn nun wurde er an die Wand gescheucht. Er musste seinen Knoten selber binden, schaffte es auch einwandfrei und dann stand er vor der großen Wand. Er hatte gesehen, welche Griffe Steven genommen hatte und versuchte die gleichen Punkte zu greifen. Doch er war wohl zu kurz und musste sich andere Haltepunkte suchen. Foxy stand direkt bei ihm und gab ihm Tipps für das beste Greifen und welche Punkte für ihn besser waren. So kam er tatsächlich recht schnell in eine bestimmte Höhe und seine anfängliche Scheu verflog, als er sich auch getraute von der Wand wegzusehen und hinunter zu Foxy zu schauen und dann weiter nach hinten, wo Steven stand und ihn sicherte.

Der streckte ihm sogar eine Hand mit dem erhobenen Daumen entgegen und hatte sein typisches Lächeln im Gesicht.

Ab dann hatte Sven einen Nachmittag, wie er ihn sich nie hätte vorstellen können. Das Klettern machte ihm mehr Spaß, als er vorher dachte. Er erzählte Steven, dass sicher auch seine Schwester bei so etwas gerne mal mitmachen würde, die versuchte möglichst viel Neues auszuprobieren. Zudem war es toll, Steven dabei zu haben. Er schaffte es immer wieder, ihn anzuspornen, merkte aber auch, wann Sven die Kraft ausging und eine Pause brauchte. Wenn sie wechselten und Steven kletterte, suchten sie sich die Profiwände, wo es oben sogar über Kopf ging. Er staunte nicht schlecht, wie sicher Steven an der Wand hangelte und sich zum Teil auch nur mit den Händen festhielt. Außerdem konnte er unter dem Vorwand der Sicherheit ihn ohne schlechtes Gewissen die ganze Zeit unbekümmert anstarren und bewundern.

Mit der Zeit wanderten seine Blicke aber auch durch die Halle. Sven beobachtete die anderen Gäste und es war wirklich eine ganz bunte Mischung. Neben Steven waren nur wenige andere gute Klettere dabei, die sich an die schwierigen Wände wagten. Tatsächlich waren auch junge Mädchen da, die mit ihren knallbunten Leggings geschickt kletterten. Zu Svens Überraschung war auch eine dicke Frau dabei. Sie wirkte munter und gut gelaunt, lachte viel mit ihren Freundinnen und schien genauso viel Spaß hier zu haben, wie alle anderen auch. Erst glaubte er, sie wäre nur da, um ihre Freundinnen zu halten, aber sie hatte selbst auch einen Klettergurt an. Und entgegen allen Erwartungen kletterte sie auch an der Wand und er wusste nicht, wie er das einordnen sollte. Klar sah es etwas seltsam aus und sie kletterte auch nur an den einfacheren Wänden, die auch Sven schon probiert hatte, aber sie kam wirklich bis ganz nach oben. Doch - konnte sie nicht einfach abnehmen? Dann würde man ihr auch gerne zuschauen! Außerdem würde das der Gesundheit besser bekommen. Diese Frau brachte schlechte Erinnerungen ihn ihm hoch und er verlor sich ein wenig in seiner Vergangenheit.

Er merkte gar nicht so recht, wie Steven wieder bei ihm unten ankam und seinem Blick folgte.
"Na, überrascht von Bine?", fragte er direkt heraus.
"Was?", war Sven etwas verwirrt.
"Na, Sabine. Sie ist öfter mit ihrer Gruppe hier. Man glaubt es nicht, aber sie klettert ziemlich gut."
"Aber sie sollte abnehmen!", entkam es Sven recht harsch, gleich darauf schämte er sich für seine rüde Aussage. "Ich meine, wenn sie abnehmen würde, könnte sie noch viel besser klettern und es wäre auch gesünder. Und sie würde sich selbst viel wohler fühlen", erklärte er also genauer seine Gedanken.

Steven schaute erst etwas kritisch, dann lächelte er aber wieder.
"Ja. Das weiß sie. Deswegen ist sie hier. Sie hat schon ein paar Kilos verloren. Sie ist eine Patientin von mir. Ich gebe ihr regelmäßig Massagen und einige Tipps zum Abnehmen. Aber egal wie viele Kilos sie drauf hat, sie ist ein toller Mensch. Falls du mal eine Buchempfehlung brauchst, frag sie. Sie arbeitet im "Bücher-Wurm" neben der Kirche und kennt alles, was sich ‚Buch' nennen darf", klärte Steven umfassend auf.

Sven war überrascht, das von Steven zu hören. Er hätte gedacht, er würde diese Frau nicht mögen, so wie es meistens ist, wenn ein schlanker Mensch, aber vor allem ein Sportler wie er, einem dicken Menschen begegnet. War das nun gut für ihn?

"Ich geh sie mal begrüßen", sagte Steven und löste sich vom Haken. "Kommst du mit?"
Sven nickte, auch wenn ihm nicht wohl war. Steven rief Sabine von weitem schon quer durch die Halle und sie reagierte fast augenblicklich und winkte ihm zu. Sie umarmten sich ganz ungeniert und Steven fragte sie gleich, wie es ihr gehen würde. Sie unterhielten sich locker und ungezwungen miteinander und zwischendurch wurde Sven kurz ihr und ihren Freundinnen vorgestellt, die nicht gerade am klettern waren.

Allerdings hielt Sven sich etwas zurück und verlegte sich auf das Beobachten. Steven hatte Recht, Sabine war ein wirklich toller und liebevoller Mensch und strahlte Fröhlichkeit und Zufriedenheit aus. Das konnte er nicht verstehen. Mit soviel Gewicht KONNTE man nicht zufrieden sein!

Steven blieb aber nicht lang, immerhin waren sie zum Klettern hier und jetzt scheuchte er Sven an eine schwierigere Wand, die er heute noch nicht probiert hatte. Jetzt bemerkte Sven auch erst, dass Steven ihn wohl testen wollte und mit der einfachsten Strecke begonnen hatte und nun immer ein Schwierigkeitsgrad weiter ging. Bisher schlug Sven sich sehr gut und er war etwas stolz auf sich selbst. Er erklomm auch diese Wand, wenn auch mit ein paar Schwierigkeiten, da die Griffe hier weiter auseinander lagen und es einiges an Geschick erforderte. Steven gab ihm immer wieder gute Hinweise, die er versuchte richtig umzusetzen.

Oben angekommen, ließ er sich geschafft im Seil hängen und langsam von Steven wieder runterholen. Das war wirklich anspruchsvoll und seine Oberarme spürte er auch ganz gut. Er war froh, als sie wieder tauschten und er sich ein wenig erholen konnte, auch wenn er gut aufpasste, sollte Steven doch einmal den Halt verlieren.

 


 

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