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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 4"


Sven hatte zwar gut geschlafen, fühlte sich aber auf Arbeit trotzdem nicht besonders wohl. Die noch leichten Kopfschmerzen vom Morgen hatten sich hartnäckig festgesetzt und wurden immer drückender. Er schreckte auf, als die alte Dame vor ihm am Schalter mit etwas verschnupfter Stimme fragte, ob er ihr denn gar nicht zuhören würde und ob sie ihr Geld lieber einer anderen Bank anvertrauen solle.
„Gibt es hier ein Problem? Kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte eine höfliche Stimme hinter Sven und sogleich trat seine Chefin ganz heran.

Sofie Richter war nur wenige Jahre älter als Sven, hatte aber diese kleine Sparkassen-Filiale schon seit zwei Jahren als Leiterin gut im Griff. Sie war auch der Grund, warum er gerade hier seine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht hatte. Sie hatten sich schon vorher öfter gesehen, da seine Eltern hier ein Jugendkonto für ihn einrichten ließen, und irgendwann hatte sie ihn einfach gefragt, ob er nicht nach seinem Abitur hier seine Ausbildung machen wolle. Sie schloss gerade ihr ausbildungsbegleitendes Studium zum Bachelor of Finance ab und war bereits für den Posten des Filialleiters vorgesehen, damit der alte Chef in Rente gehen konnte.

Sie wusste also ganz genau, was von einem Auszubildenden erwartet wurde. Und Sven hätte angeblich den nötigen Grips, die bedachte Sorgfalt mit Geld umzugehen und eine natürliche Freundlichkeit, die für diesen Job am wichtigsten waren. Außerdem bot eine kleine Filiale viel mehr die Möglichkeit, alle Bereiche einer Bank zu durchlaufen: von der Eröffnung eines Kontos über die Beratung für eine Geldanlage bis hin zu Finanzierungsgesprächen war alles mit dabei. Nicht zu vergessen, dass es ihm das beste Wissen für ertragreiche Anlagen für sein eigenes Geld brachte.

So hatte er sich also von der Ausbildung zum Bankkaufmann überzeugen lassen und es auch nicht bereut. Bis jetzt, aber auch nur, weil die alte Dame gleich so zeterte.
„Dieser junge Mann will mich nicht beraten“, wurde Sven angeklagt.
Sven wusste darauf keine Entschuldigung und bekam gleich noch mehr Kopfschmerzen.
„Sven, du siehst aber auch ganz blass aus. Geht es dir nicht gut?“, war seine Chefin gleich besorgt.
„Ich… ich hatte gestern einen Unfall. Einen festen Schlag auf den Kopf“, brachte er dann doch zu seiner Verteidigung heraus.
„Besser, du gehst nach Hause. Ruh dich aus, damit du morgen wieder fit bist. Ich kümmere mich um die Kundin.“ Sie ließ ihm gar keine Wahl, sondern schob ihn schon sanft aber bestimmend nach hinten zu ihren privaten Räumen und dem Hinterausgang.

Während er davon trottete, hörte er noch, wie sich Sofie noch mehrmals höflich bei der alten Dame entschuldigte und sogar erfolgreich die Empörung in mitfühlendes Verständnis für Svens Kranksein wandelte. Sie war einfach die Beste und er konnte sie getrost zu seinen Freunden zählen, obwohl sie ja seine Chefin war. Aber neben Thore, Kerstin und seiner Familie war sie einer der wenigen Menschen, der auch schon zuvor ohne Vorurteile fest zu ihm gestanden hatte…

*

Als Sven den Flur des Wohnhauses betrat, kam ihm ein weißes Fell entgegengehopst und wollte begrüßt werden.
„Hallo, Raf. Wie geht es dir?“, fragte Sven und streichelte den kleinen weißen West Highland White Terrier. Raf hieß eigentlich Raffaello, weil er wirklich ganz und gar weiß war, außer den dunkelbraunen lebendigen Knopfaugen und die schwarze Nase.
„Ah, Sven. Wie geht es dir? Hast du dich wieder erholt?“
„Guten Tag, Frau Baumgartener“, begrüßte Sven seine Nachbarin aus der mittleren Etage, die soeben die letzten Stufen herunterkam. Wie erwartet wusste sie also schon Bescheid. „Es geht so. Ich habe noch etwas Kopfschmerzen und bin daher schon eher von der Arbeit nach Hause. Ich werde mich noch etwas ausruhen.“
„Ich bin erleichtert, dass es nichts Ernstes ist.“ Sie lächelte aufmunternd, dann rückte sie verschwörerisch näher an ihn heran und flüsterte mit Augenzwinkern. „Ich habe ja ganz schreckliche Gräueltaten über dich gehört, Sven. Fremde Männer und so... Aber ich habe dann doch lieber Thore gefragt. Schön, dass es Menschen gibt, die einem so vorbehaltlos helfen. – So, ich gehe jetzt mit Raffaello spazieren und etwas einkaufen. Brauchst du vielleicht etwas, Sven? Ich könnte etwas für dich mitbringen.“
„Oh. Danke für das Angebot, aber ich habe alles. Danke.“
„In Ordnung. Dann gute Besserung. – Komm, Raffaello. Sven muss jetzt zu seinen Katzen…“, lockte sie ihren Hund hinaus.

Sven blickte erleichtert seiner Nachbarin hinterher. Zum Glück waren sie sich im Hause alle einig und jeder wusste, dass die alte Sabrowski immer nur hetzte. Also lieber jemanden fragen, der die echten Fakten wusste. Fake News gab es in der Welt schon genug.

Er schloss seine Wohnungstür auf und wurde gleich von zwei Augenpaaren kritisch beobachtet. Er war zu früh! Er störte sie bei dem, was Katzen taten, wenn sie allein und unbeobachtet waren. – Schlafen nämlich.

Er nahm sich nur etwas zu trinken und gesellte sich dann gleich zu seinen Katzen auf das Sofa. Schlafen war eine wirklich gute Idee. Er rückte sich Kissen, Sofadecke und Katzen zurecht und schlief fast sofort ein.

*

Sven wurde unsanft und doch gerade rechtzeitig von seinem Handy aus dem Schlaf gerissen. Der Alptraum mit einer bösen Hexe und wilden Verfolgungen ließ ihn gehetzt und verwirrt vom Sofa aufspringen. Er atmete hektisch und registrierte erst nach einigen Sekunden, dass es sein Telefon war, das dort so vehement nach ihm rief.

Er ging ran und meldete sich mit einem kurzangebundenem Ja.
„Hey, Sven. Hier Steven“, rief ihm eine fröhliche energiegeladene Stimme entgegen.
„Wer?“
„Steven.“
„Ich – ich kenne keinen Steven“, schüttelte Sven den Kopf und versuchte zu begreifen, dass er in seiner Wohnung war und nicht in einem dunklem Wald, und er auch nicht verfolgt wurde von hässlichen grausamen alten Hexenraben, sondern hier in Sicherheit war. Er streichelte seine beiden Katzen, die ihm besorgt nachgelaufen waren und fand so ganz in die Realität zurück.
„Sven? Ist alles in Ordnung mit dir? Geht es dir gut? Soll ich vorbeikommen?“
„Hä?“
„Sven! Wenn du mir jetzt sagst, dass du dich nicht mehr an gestern, deinen Unfall im Wald und mich erinnern kannst, dann rufe ich sofort den Notarzt. – Sven! Was ist denn los?“

Wäre Steven im Raum gewesen, hätte er die Groschen alle einzeln fallen hören können. Sven hauchte ein langes Ohhhhh heraus.
„Steven. Na klar. Mein Retter aus dem Wald“, erklärte er dann weiter. „Ich… ich. Tut mir leid. Mich hat nur gerade so eine grässliche Hexe gejagt und ich konnte nicht wegrennen. Dann hat so plötzlich das Handy geklingelt.“
„Wenn du mir erzählst, dich hätte Baba Jaga verfolgt, klingt das nicht gerade vernünftiger, weißt du? Was ist denn nur los?“
Sven nahm sich ein Glas Wasser und machte die Terrassentür weit auf. Die Katzen stromerten ins regenfeuchte Gras hinaus und Sven atmete die frische Luft tief ein, bevor er endlich eine vernünftige Erklärung herausbrachte:
„Ich habe geschlafen und hatte einen heftigen Alptraum, dann hat das Handy plötzlich geklingelt und ich wusste erst mal nicht wo ich war, geschweige denn, wer da überhaupt dran ist. – Außerdem klingst du am Telefon ganz anders“, verteidigte Sven sich.

„Aber es geht dir jetzt besser?“
„Ja. Danke. Quasi hast du mich ja durch das Handyklingeln schon wieder mitten im Wald gerettet“, lachte er und war froh, Stevens Stimme zu hören. Sie beruhigte ihn wirklich.
„Ich hoffe, dass das nicht zur Gewohnheit wird. Ich komme dich auch ohne Rettungsaktion gerne wieder besuchen.“
Oh! Das klang richtig lieb und Sven wusste vor Verlegenheit gar nichts zu antworten.
„Aber warum ich eigentlich anrufe: ich wollte dir sagen, dass ich am Samstag Zeit habe. Wir können ins High Mountain fahren“, erklärte Steven seinen Anruf.
„Du meinst diesen Kletter-Dings?“, fragte Sven unsicher. Er war sich immer noch nicht einig, ob das so eine gute Idee war.
„Ja. Ein Indoor-Kletterpark. Also egal ob es regnet oder schneit oder Bäume im Wald nach einsamen Läufern schlagen, dort kann das Wetter uns nichts anhaben“, lachte Steven.
„Hmmm…“
„Du brauchst wirklich keine Sorgen zu haben, Sven. Du musst nichts machen, was du nicht kannst oder willst. Und wenn es dir wider Erwarten gar nicht gefällt, fahren wir nie wieder dorthin. Dann suchen wir was anderes. – Meine Frage lautet jetzt nur, ob ich dich mit dem Auto abholen soll oder mit dem Fahrrad. Hast du überhaupt ein Fahrrad?“

Was anders? Wollte Steven ihn gar zu noch mehr sportlichen Abenteuern entführen? Sie kannten sich doch gar nicht? Sven wurde aus diesem Kerl nicht schlau. Er schob den Gedanken erst mal beiseite…
„Ja. Fahrrad hab‘ ich. Ist es denn weit?“
„Ich weiß nicht“, überlegte Steven unsicher. „Eigentlich geht es relativ eben dahin und nach Google-Maps sind es von dir aus ca. 15 Minuten…“
Erleichtert atmete Sven aus. Das klang zuerst nach viel mehr.
„Das ist in Ordnung. Is ja nicht so, dass ich völlig unsportlich bin“, grummelte Sven. Ein bisschen war er da jetzt schon angegriffen. Sah er so unfit aus? Er ging doch nicht umsonst laufen.

„So war das nicht gemeint, Sven“, reagierte Steven umgehend auf Svens beleidigten Tonfall, was Sven sehr überraschte. Er hatte nicht gewollt, dass man es ihm gleich so stark anhörte.
„Ich fahre einfach so viel Fahrrad, dass ich dazu neige, Strecken und ihren Schwierigkeitsgrad für Normal-Radler zu unterschätzen. Und da du vor allem Laufen bist, und nicht Fahrrad fährst, wollte ich lieber nachfragen. Die Ausdauer ist ja immer nur das Eine, aber die Muskeln werden ganz anders beansprucht.“

„Ja. Das ist ja richtig“, lenkte Sven ein und verfluchte seine Überempfindlichkeit. Steven hatte sich ja nur Gedanken gemacht und wollte ihm nichts zumuten, was er vielleicht nicht schaffen könnte. Er hatte ja selbst schon gemerkt, dass Steven einfach viel durchtrainierte und stärker war als Sven selbst. Er musste da ja nur an die tollen Muskeln denken. Umso erstaunter war er, dass Steven so sehr darauf achtete, was andere konnten oder nicht.
„Ansonsten musst du zusehen, wie du mich wieder nach Hause kriegst“, sprach Sven weiter und tat leise lachend ein wenig arrogant.

„Kein Prob“, lachte auch Steven. „Kriegen wir alles hin… - Aber noch etwas. Es geht ums Mittag. Man kann dort Essen kaufen, aber das ist eher ein kleiner Imbiss. Die Schnitzel sind echt lecker und die Bratkartoffeln auch, aber ich gehe davon aus, dass du das nicht möchtest. Aber wir können auch ein Picknick selbst mitnehmen.“
Mensch, Steven dachte ja an alles.
„Dann… dann bereite ich etwas für uns vor. Gibt es denn etwas, was du nicht isst?“
„Ich?“ Und Steven lachte laut. „Ich bin quasi ein Allesfresser! Du kannst machen, was du möchtest.“

Damit war das also abgemacht. Steven gab ihm noch durch, dass er ihn am Samstag um Zehn abholen kommen würde, dann legte er auf. Er klang dabei enthusiastisch und voller Vorfreude, was Sven lächeln ließ.

*

Die Woche ging in den ersten Tagen mit Regen weiter und morgens mit Scheibe kratzen. Auch wenn es tagsüber schon fast frühlingshaft war, durfte man nicht vergessen, dass sie erst Januar hatten. Freitag ließ sich manchmal die Sonne blicken und nach den Wettervorhersagen sollte es Samstag zwar wolkig, aber trocken sein. Für eine Fahrradfahrt optimal.

Sven ging es im Laufe der Woche wieder besser. Auf Arbeit war er wie gewohnt höflich und professionell und verärgerte keine Kunden mehr. Sofie war erleichtert, dass er keine ernsthafte Verletzung hatte und wählte ihn kurzerhand zum Arbeiter der Woche und überreichte ihm feierlich eine Möhre aus ihrer privaten Frühstücksbox. Mit allen Ehren, die dieser Trophäe zustand, wurde sie von Sven knackend weggeknabbert.

Er war auch schon wieder im Wald unterwegs gewesen. Allerdings hatte er sich wirklich kurze Strecken ausgesucht, war auf den Hauptwegen geblieben und hatte Pausen eingelegt, wenn er merkte, dass es zuviel wurde. Er war überrascht, wie die Weihnachtspause und der Unfall seine Kondition und Kraft angegriffen hatten. Er musste wirklich langsamer wieder anfangen, durfte nicht übertreiben und sollte auf die Vernunft hören. Klar wollte er im September nach Berlin zum Marathon. Aber wenn es dieses Jahr nicht klappte, dann eben nächstes.

Seine Stimmung stieg weiter, wenn er an den Samstag dachte. Er freute sich auf das Wiedersehen mit Steven. Außerdem wurde ihm bewusst, dass Steven einen Sport ausgesucht hatte, bei dem Sven keine großen Berührungen oder peinliche Ansichten fürchten musste, wie beim Schwimmen zum Beispiel. Man musste zwar so ein Klettergeschirr tragen, aber das musste ja nicht so knapp anliegen.

Er machte sich nur Gedanken um das Outfit. Wenn er klettern sollte, konnte er schlecht in Jeans dahin. Aber seine bequeme Couchhose war nicht ausgehtauglich. Ob er seine Laufkleidung tragen konnte? In ihnen fühlte er sich wohl und sie waren weder zu eng, noch zu weit.

Seine beschwingte Vorfreude bemerkten auch seine Sparkassen-Mitarbeiter und neckten ihn mit Vermutungen über ein Date. Nun. Ganz so weit weg war der Gedanke ja nicht, auch wenn es nur ein Date zum Sport war. Als er mit Sofie allein zur Mittagspause saß, nutzte sie die Gelegenheit, um ihn weiter auszufragen.
„Also, Sven. Wer ist es, der dich so zum Leuchten bringt?“, fragte sie und reichte ihm einen Kaffee rüber. Sven nahm einen Schluck, bis ihm bewusst wurde, was Sofie da wirklich sagte.
„Leuchten? Jetzt übertreibst du es aber. Ich freue mich einfach, mal was Neues zu probieren. Klettern war ich nämlich noch nie.“
„Sven. Du kannst uns nicht täuschen. Alle haben bemerkt, dass du dich nicht nur aufs Klettern freust. Ist dir aufgefallen, wie oft du von Steven, deinem Retter aus dem Wald, gesprochen hast? Steven ist so stark, Steven ist so hilfsbereit, Steven ist so voller Tatendrang, Steven mag deine Katzen – na ja. Ardmore. Aber wer kommt nicht mit Ardmore klar?“
„Das stimmt doch gar nicht!“, begehrte Sven auf. Er hatte doch nur in einer ruhigen Minute erzählt gehabt, was wirklich am Wochenende passiert war, damit sich keiner weiter Sorgen machen musste.
„Und wie jedes Mal deine Augen aufleuchten, wenn du den Namen Steven hörst oder sagst. – Siehst du? Schon wieder!“
„Jetzt hör aber auf. Das stimmt doch gar nicht. Ich bin ihm nur so dankbar, dass er mir geholfen hat – und wenn du ihn sehen würdest, würdest du genauso schwärmen. Was für ein Mann! Ein Traum!“ Den Schluss flüsterte Sven nur noch, denn es musste nicht jeder seine ausschweifende Schwärmerei mitbekommen. Zwar wussten alle von seiner Neigung und akzeptierten sie auch, aber deswegen musste er sie nicht so direkt jedem unter die Nase reiben.

Sofie lachte. Das bestätigte doch ganz ihrer aller Vermutungen. Sven war hin und weg von diesem Steven. Das merkte auch Sven allmählich, der mit roten Wangen in seinen Kaffee starrte.
„Und? Dann mach dich doch ran…“, spornte sie ihn an.
„Er ist doch gar nicht schwul“, entgegnete er.
„Oh! Ja. Das ist ein Argument. Hat er es dir gesagt?“
„Nein. Aber so ein Mann ist einfach viel zu hetero. Der hat bestimmt so eine tolle Freundin, die ein Topmodel sein könnte.“ Der Gedanke schmerzte und er merkte, wie seine gute Laune gerade in den Keller sank.
„Solange er dir das nicht klipp und klar sagt, ist alles noch offen, Sven. Auf jeden Fall mag er dich schon mal, sonst hätte er dich nicht noch einmal sehen wollen. Warte den Samstag einfach ab, dann merkst du schon, wo du dran bist…“
Sie klang so zuversichtlich, dass sie Sven damit aus seiner kläglichen Grübelei herausholte. Sie hatte Recht. Er sollte den Samstag abwarten und schauen, was passieren wird…

***

Sven war ein wenig aufgedreht. Der Wecker überraschte ihn, da er am Wochenende meist ausschlief. Aber heute war sein Klettersamstag und Sven wollte nicht von Steven erst aus dem Bett geklingelt werden, sondern schon mit allem fertig sein, wenn er kam. Dafür hatte er gestern schon sein Rad aus dem Keller geholt und Luft aufgepumpt. Als er auch die Spinnweben mit einem Besen entfernt hatte und mit einem feuchten Lappen überputzte, merkte er, dass er sein Fahrrad wirklich schon lange nicht mehr gebraucht hatte.

Sven kam nicht umhin, auch jetzt am Morgen noch mal durch die Küche zu putzen und sogar mit dem Staubsauger einmal durch alle Räume zu flitzen, obwohl er wusste, dass eigentlich alles in Ordnung war. Zwischendurch ließ er Ardmore und Ben Nevis in den Garten und machte sich zum Frühstück einen Tee und eine Banane.

Trotz dem zeitigen Aufstehen dauerte es, bis er endlich unter der Dusche stand und als er gerade so fertig war und die Haare trocken rubbelte, klingelte es schon an der Tür. Aber… aber es war doch noch gar nicht Zehn? Sven warf einen schnellen Blick auf die Uhr. Er hatte eigentlich noch eine viertel Stunde Zeit. Er sprang eilig in eine Jeans und ein T-Shirt, da er grad sehr nackt war und hetzte zum Türöffner für die Außentür. Er hörte auch sofort, wie die Tür aufgeschoben wurde und öffnete seine Wohnungstür; spitzte neugierig hinaus. Vielleicht war es ja auch nur der Briefträger?

Sein Herz machte einen aufgeregten frohgemuten Hopser, als er Steven sah. Der hatte eng anliegende Kletterkleidung an und sah damit natürlich hervorragend aus. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Rucksack und in den Armen hielt er… Ardmore!

„Hey, ihr zwei. Schön, dass ihr da seid“, begrüßte er beide. Was machte denn sein Kater dort?
„Hallo“, grüßte Steven zurück. „Dein Tiger balancierte gerade auf dem Zaun vorne, als ich kam und hat mich begrüßt. Ich dachte, ich bringe ihn dann gleich mit.“ Er lachte, was er anscheinend die ganze Zeit machte, und kam einfach hinter Sven in die Wohnung herein.

„Ich weiß. Ich bin etwas zu früh da. Ich bin durch den Wald gefahren und dachte, dass ich etwas länger brauche. Aber plötzlich war ich schon hier“, erklärte er, als er sich schon automatisch an den Tresen lehnte und Ardmore oben aufsetzte. Der machte es sich dort gleich gemütlich und schnurrte leise, während Steven ihn weiterhin kraulte. Sven füllte ihm derweilen ein Glas mit Mineralwasser, ließ noch eine Scheibe Zitrone hineinfallen und reichte es Steven. Dann entschuldigte er sich, dass er noch nicht ganz fertig war und verschwand im Bad, um sich die Haare zu föhnen.

„Sag mal“, rief er hinaus. „Was soll ich denn überhaupt anziehen?“
„Normale Sportkleidung ist völlig in Ordnung. Wenn du magst, auch deine Laufkleidung. Du solltest dich gut bewegen können, ohne dass die Kleidung zu weit ist, sonst verheddert man sich im Seil. Ich empfehle dir dort für 5 Euro Kletterschuhe auszuleihen. Es geht zwar auch mit handelsüblichen Turnschuhen, aber die anderen sind einfach optimaler. Ich habe meine eigenen mit dabei, genau wie den Klettergurt. Den bekommst du aber auch dort. Man kann sich vor Ort umziehen, aber ich ziehe immer gleich die Sachen an. Vielleicht nimmst du noch eine extra Jacke oder Pullover mit. Wenn man schwitzt und sich ausruht, kann man schnell frieren“, klärte Steven ihn in aller Ausführlichkeit auf.

„Ja. Dann mache ich das so“, stimmte Sven Stevens Vorschlägen ganz zu. Es klang alles vernünftig und bewährt. Er eilte eben in sein Schlafzimmer, um sich umzuziehen und noch einen extra Pullover einzupacken. Steven konnte er getrost in der Küche lassen, denn um den kümmerte sich ja Ardmore. Und Steven schien auch nichts dagegen zu haben, denn er war begeistert bei der Sache. Die zwei verstanden sich besser als gedacht. Zwar war Ardmore ein neugieriger und zutraulicher Kater, aber so derart verschmust bei Fremden hatte er ihn auch noch nicht erlebt.

Ben Nevis dagegen war schon länger wieder im Wohnzimmer angekommen und lag schlummernd in einer Sofaecke.

Umgezogen und bereit für den Tag, kam Sven wieder in die Küche zurück. Noch etwas unsicher fragte er Steven, ob diese Kleidung wirklich in Ordnung war. Sie war nicht ganz so stabil wie Stevens richtige Kletterkleidung.
„Das passt schon, Sven. Du willst ja nicht gleich auf den höchsten Gipfel klettern. Es gibt dort auch Erstlinge, die es nur mal probieren wollen, die kommen sogar in einfachen Leggings. Da würde ich eine bequeme Jeans noch besser finden.“ Sven stellte sich ein junges Girlie in pinkfarbenen Sternchenleggings vor und musste lachen. Na, solange die damit die Wand hochkamen und sicher wieder runter, war ja alles ok.

„Ach, unser Mittag“, fiel es Sven noch ein. Im Kühlschrank suchte er nach dem vorbereiteten Picknick. Er hatte eine bunte Auswahl an Gemüsesticks mit Dip, gekochte bunte Eier, Hackbällchen, Minisalamis und Käsewürfeln gemacht. Alles gut mit den Fingern zu essen, zudem ohne Kohlenhydrate und trotzdem sättigend. Er verriet nicht, dass er für Steven extra eine Auswahl Schokoriegel gekauft hatte, die schon längst im Rucksack versteckt waren. Er wusste, dass er anderen nicht dauerhaft seinen Speiseplan aufdrücken konnte und Steven machte den Eindruck, genug Kalorien zu verbrennen, um auch Naschen zu können.

Er stapelte die Boxen auf dem Tresen und musste dabei auf Diebe achten. Ardmore wurde nämlich schon neugierig und schob seine Nase näher. Und Steven zog sich auch schon eine Box weg und wollte heimlich hineinschauen.
„Hey. Hier wird nicht gekuckt und nicht geklaut. Erst zum Mittag“, erklärte er und rettete seine Überraschung, indem er Ardmore mit einem Katzenknuspersnack ablenkte und Steven mit dem Finger drohte. Er machte seinen zwei Tigern noch einmal frisches Wasser und genug Futter fertig. Dann nahm er Ardmore auf und trug ihn zum Sofa zu Ben Nevis hinüber, der ihn anblinzelte. Auch sein mürrischer Tiger bekam noch einen Snack, beiden kraulte er noch einmal über die Ohren, dann endlich war er fertig!

„So! Ich bin bereit“, sagte Sven dann, schob sich den Rucksack auf den Rücken und fühlte sich wie früher zum Wandertag in der Grundschule.
„Dann auf!“

 


 

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