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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 3"


Das war unerwartet. Verwirrt schüttelte Steven den Kopf. Er merkte, dass er das heute schon zum wiederholten Male tat. Aber Sven und seine Nachbarn waren zum sich verwirrt fühlen.

Er setzte Ardmore auf der Couch ab und streichelte ihm beruhigend über das Köpfchen; aß dabei endlich seine Banane auf. Dann ging er auf die unschuldig malträtierte Tür zu und klopfte entschlossen. Solch ein Gebaren war doch nicht tragbar! Was war so schlimm daran, ihm zumindest ein Hallo zu gönnen und kurz zu sagen, wie es einem ging? Er erwartete ja keine Lobeshymnen für seine Aktion. Aber wenigstens ein freundliches Wort.

„Sven. Ich möchte nur wissen, wie es dir geht oder ob du doch einen Arzt brauchst. Sobald ich das weiß, werde ich hier verschwinden und du hast deine Ruhe. Außerdem sind deine Katzen gerade sehr aufgeregt. Sie wissen nicht, was los ist.“ Und Steven auch nicht, aber das musste er sicher nicht noch sagen. Er war über seinen eigenen hitzigen Tonfall überrascht und versuchte sich etwas zu zügeln. Er entschied, sich zu erklären, auch wenn das durch eine Tür nicht so prickelnd war. „Falls du dich wunderst, warum ich noch hier bin, dann musst du dich bei deinen zwei Freunden bedanken. Die haben mich hier quasi eingesperrt und mir Zugang zu deinem Kühlschrank, deinem Kleiderschrank und eigentlich auch zu allem anderen gewährt. So, wie es gute Freunde wohl tun…“

Gemütlich lehnte er sich jetzt an die Wand neben der Tür und lockte Ardmore zu sich, der ihn vom Sofa aus beobachtet hatte. Sofort kam er angehoppelt und Steven nahm ihn wieder auf die Arme. Der war aber auch verschmust.

„Als ich heute Morgen mit meinem Rad los bin, wollte ich eigentlich nur eine kleine Runde drehen. Dass dann so ein Abenteuer daraus wird, hätte ich nicht gedacht…“, plauderte Steven weiter. Vielleicht brachte das den Patienten zum Vorscheinen. „Außerdem würde ich wirklich gerne wissen, wie es dir und deinem Kopf jetzt geht. Denn dann kann ich dich beruhigt allein lassen. Immerhin hatte ich heute auch anderes geplant.“ Hatte er nicht. Nur mal faul ausspannen. Aber das musste ja keiner wissen.

*

Auf der anderen Seite der Tür hörte Sven auf dem Bett sitzend zu, während er noch immer seine Schildi an sich drückte und deren Lavendelduft einatmete. Er musste sich beruhigen. Wenn Thore und Kerstin den Kerl gebeten hatten, auf ihn aufzupassen, war er bestimmt kein schlechter Mensch. Er lachte humorlos. Natürlich war er kein schlechter Mensch! Er hatte ihn vom Wald bis hierher gebracht.

Aber er hatte ihn nackt gesehen! Wie konnte er ihm da nur wieder unter die Augen treten? Er war regelrecht geschockt gewesen, als er ihn dort in seinem Wohnzimmer entdeckt hatte. Mit seinen Klamotten an, mit seiner Katze auf dem Arm, sicher auch mit seiner Banane. Und dann blitzte die Idee auf, dass er dort eigentlich ganz gut hinpasste, mit seinem durchtrainierten Körper und den etwas längeren wuscheligen Haaren und dem besorgten Blick. Dieser Gedanke hatte Sven noch viel mehr erschrocken. Niemals würde er so einen Traummann haben können, schon gar nicht jetzt, wo er ihn so gesehen hatte. Außerdem: warum ging er eigentlich davon aus, dass er schwul war? Nur weil Sven es sich wünschte?

Dann horchte er eine Weile auf die Stimme seines Retters. Es war ein wenig wie im Wald. Auf die Stimme lauschen und sich beruhigen. - Ja. Er sollte sich wenigstens entschuldigen und sagen, dass es ihm gut ging. Ging es ihm denn gut? Sven prüfte seinen zuvor so schmerzenden Kopf und stellte fest, dass es eigentlich ganz ok war. Die Beule war nicht mehr so geschwollen und drückte nur etwas. Aber ihm war nicht mehr schwindelig.

Aber schlecht. Das lag jedoch mehr am Hunger, wie sein Magen und auch beginnender Appetit ihm verriet. Stand in der Küche nicht sein Krug auf dem Tresen? Hatte der andere etwa Tee gekocht? Das wäre schon mal ein guter Anfang. Er legte Schildi endlich beiseite und stand auf, bemerkte, dass ihm doch ganz schön viel Kraft in den Beinen fehlte, und kramte in seinem Kleiderschrank nach einer bequemen weiten Sporthose und seinem Lieblingskuschelpullover, der vor allem sehr weit war, sodass man sich darin hervorragend verstecken konnte. So getraute er sich auch wieder hinaus. Zuvor machte er aber noch sein Bett ordentlich und öffnete das Fenster, um frischen Regenduft hineinzulassen. So sah sein Schlafzimmer wieder begehbar aus.

Vorsichtig öffnete er seine Tür und fand sich direkt seinem Retter gegenüber. Er stand so dicht an der Tür gelehnt, dass er sofort dessen Wärme spürte und seinen Geruch in der Nase hatte. Das – das war gar nicht gut, befand Sven. Zuviel Nähe. Er machte einen großen Schritt zur Seite und begann dann stur seinen Text aufzusagen, den er sich im Schlafzimmer zurechtgelegt hatte, vermied dabei den direkten Blickkontakt und starrte sich auf den roten Teekrug fest.
„Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du mich im Wald gefunden und hergebracht hast. Außerdem möchte ich mich für gerade eben entschuldigen. Das war nicht sehr höflich. Ich war nur so erschrocken, jemanden hier in meiner Wohnung zu sehen. Mir geht es soweit wieder gut. Der Kopf tut nur noch wenig weh. Wenn du möchtest, kannst du gerne nach Hause fahren.“
War das ok? Reichte das dem anderen? Oder war er zu barsch gewesen? Im Grunde hatte er seinen Retter gerade vor die Tür gesetzt. Das war nicht ok. Er musste ihm etwas anbieten…
„O-oder möchtest du noch einen Tee?“ Ja. Das war gut. Ein Tee für sie beide. Er steuerte ohne eine Antwort abzuwarten auf seine Küche zu und prüfte den Inhalt des roten Kruges. Tatsächlich war da noch lauwarmer Früchtetee drinnen. Er holte zwei Tassen hervor, befüllte sie und stellte sie in die Mikrowelle. Dann schnappte er sich das Spültuch und wischte die wenigen Teetropfen von der Marmorplatte, schob den Teekrug an seinen richtigen Platz, wenn er schon hier draußen stand, und entdeckte die querliegenden Schuhe an der Eingangstür. Die mussten auch noch richtig gestellt werden. Einen kurzen Abstecher um den Couchtisch herum, wo noch eine benutzte Tasse herumstand, dann war er zufrieden.

Erst als er das erledigt hatte und zur Küche zurückkam, wurde ihm sein Besucher wieder bewusst. Er stockte und schaute auf. Sein Retter saß auf einem Barhocker, hatte Ardmore vor sich auf der Küchenplatte abgesetzt, um ihn dort gut kraulen zu können, und beobachtete ihn interessiert. Sven fühlte sich ertappt und wie ein Tier im Zoo.
„Was?“, fragte er grob. Zur Antwort pinkte die Mikrowelle. Er eilte hin und holte ihre Tassen hervor.
„Ach nichts weiter“, lachte sein Besucher. „Du bist nur genauso, wie es deine Wohnung schon verrät?“
„Und wie bin ich?“, wollte Sven aggressiv wissen und stellte jedem seine Tasse hin. Konnte er noch was zum Knabbern hinstellen, kam ihm nebenher ein Gedanke? Kekse oder Kuchen hatte er nicht. Aber einen Apfel könnte er kleinschneiden. Das wäre auch für seinen Magen nicht das Schlechteste.
„Sehr geordnet und diszipliniert“, erhielt er eine unerwartete Antwort, die ihn davon abhielt, den Apfel im Kühlschrank zu suchen. Sehr geordnet und diszipliniert waren keine Attribute, die ihm seine sonstigen Gäste oder Familie sagten. Da waren Begriffe, die mit übertrieben ordnungsliebend seicht anfingen und über Zwangsstörung bis hin zu Obsessive Compulsive Cleaner weitergingen. Nachdem er sich das im Wörterbuch übersetzt hatte, wusste er, dass es nichts anderes hieß wie Putzneurotiker.

Er schaute seinen Retter nachdenklich an. Er sah grüne Augen aufmerksam auf sich gerichtet und ihm fiel es nicht schwer, diesem Blick standzuhalten. Der breite Küchentresen bot ihm genug Abstand und Sicherheit. Während er das attraktive Gesicht vor sich ein wenig betrachtete, fiel ihm noch etwas ganz anderes ein…
„Wie heißt du eigentlich?“ Der Schlag auf seinen Kopf musste doch härter gewesen sein. Da hatte er seit wie vielen Stunden einen Gast in der Wohnung und wusste seinen Namen gar nicht. Sein namenloser Gast lachte warm und hielt Sven die Hand hin, die Sven auch automatisch annahm.
„Ich bin Steven Winter-Sogemeyer. Schön, dich kennenzulernen.“
Sven lächelte etwas schräg.
„Ja. Schön dich kennenzulernen“, machte er den kleinen Neustart mit. „Ich bin Sven Radenbroeck.“ Stevens Hand fühlte sich warm und stark an. Er ließ sie aber gleich wieder los. Steven wollte bestimmt nicht solange von ihm angefasst werden. Dann suchte er sich endlich den Apfel und ein Messer und Schneidebrett heraus.
„Du fährst also Mountain-Bike“, versuchte er sich dabei in harmlosen Smalltalk.
„Ja. Unter anderem.“
„Was machst du denn sonst noch?“
„Och. Eigentlich alles, was mir Spaß macht. Im Sommer gehe ich gerne ins Wasser. Oder besser gesagt: auf das Wasser. Surfen, Paddeln… Oder auch in die Luft oder an eine Kletterwand. Im Winter aufs Eis. Was man halt so alles machen kann, um Energie los zu werden und kleine Abenteuer zu erleben.“
„Kleine Abenteuer erleben“, wiederholte Sven leise. Das klang schön, aber vieles würde er sich nicht zutrauen.

„Willst du mal mitkommen?“, wurde er da gleich gefragt und Sven sah begeistertes Glitzern in Stevens Augen funkeln.
„WAS?!“
„Na, zum Klettern zum Beispiel. Natürlich wenn du wieder fit bist“, erklärte Steven sich.
„Aber – aber das geht nicht…“, wiedersprach Sven aus alter Gewohnheit, wo er vieles wirklich einfach nicht mehr bewältigen konnte, weil die Kraft und die Ausdauer zu wenig war und das andere zuviel.
„Warum nicht?“
„Ich – ich kann das doch gar nicht.“
„Keine Sorge. Es gibt hier in der Nähe eine wirklich tolle Kletterhalle. Da sind ganz einfache und kurze Kletterwege bis hin zu den schweren Wänden für die Profis. Kletterausrüstung kann man dort ausleihen.“
„Hast du keine Freunde, mit denen du das machen kannst?“, versuchte Sven einen Ausweg zu finden.
„Ne. Mein Kletterpartner ist für ein Jahr auf Weltreise. Der kommt so schnell nicht wieder. Der schickt mir immer nur Bilder von Bergen, an denen er gerade dran hängt. Mit wunderschönen Ausblicken über Täler, Meere oder Städte…“ erzählte Steven ein wenig neidisch. „Und weil man mindesten zu zweit sein muss, um sich gegenseitig abzusichern, suche ich die ganze Zeit schon einen neuen Kletterpartner. Überleg es dir doch nochmal.“
„Ich habe doch gar nicht die Kraft, dich zu halten, wenn du abstürzt“, überlegte Sven und schob die Apfelspalten in die Mitte. Nachdenklich kraulte er auch endlich Ardmore, der es sich auf der Arbeitsplatte recht bequem gemacht hatte.
„Da mach dir keine Sorgen. Selbst mein zierliches Schwesterchen könnte mich halten. Und es macht wirklich Spaß…“
„Warum nimmst du dann dein Schwesterchen nicht mit?“
„Weil die sich die Nägel nicht kaputt machen will. – Aber ich merk schon. Klettern ist wohl nicht so dein Fall. Schade.“
Sven merkte, dass Steven enttäuscht war. Hätte er sich so gerne mit ihm zum Klettern verabredet? Er gab sich einen Ruck!
„Vielleicht könnten wir es mal probieren…“, sagte er ausweichend.
„Wirklich?! Super. Ich sage dir, es wird dir gefallen. Und wenn du keine Kraft mehr hast, dann sag es einfach. Wir können dort jederzeit wieder weg oder eine Pause machen. Oder ich klettere eine Weile nur…“ Beschwingt biss Steven von einer Apfelspalte ab und wirkte sehr zufrieden, kraulte Ardmore kurz hinter den kleinen Ohren.

„Aber sag mal, Sven. Jetzt mal was ganz anderes.“
Oh oh! Wollte Steven jetzt doch auf seinen Körper zu sprechen kommen. Ungemütlich zog er sich die Ärmel vom Pullover noch etwas weiter über die Finger.
„Was sind das für Rassen? Katzen mit solch abgeknickten Ohren habe ich noch nie gesehen.“
Katzen? Steven wollte nur über Katzen reden? Das hatte gerade so wichtig und dramatisch geklungen.
„Äh – ja. Das sind Scottish Folds, Oder Schottische Faltohrkatzen. Die sehen immer so aus“, erklärte er und hielt Ausschau nach Ben Nevis. Wo hatte der sich wieder verkrochen?
„Ah. Schottische Katzen also. Hmm…. Süß sind sie schon. Falls du deinen orangenen Kampftiger suchst, der hat sich nach einem Gartenausflug hinter das Sofa verkrochen. Der ist sehr unleidlich. Meckert und faucht ständig…“

„Öhm, ja. Er ist eine grummlige Katze. Aber eigentlich passt er nur sehr gut auf sein Revier auf.“
„Ja. Das habe ich schon gemerkt. Thore hat mich gleich am Anfang vor ihm gewarnt. Aber Kerstin durfte ihn streicheln…“
„Manchmal glaube ich, er hat was gegen Männer…“, überlegte Sven laut. Denn das war ihm schon öfter aufgefallen. Aber zu ihm kam er gerne zum Schmusen. Nur wenn Besuch da war, versteckte er sich.
„Ist Ben Nevis nicht ein Berg irgendwo in England?“, erinnerte sich Steven an seine Geographiestunden in der Schule. Lang ist’s her…
„Nja“, druckste Sven herum.
„Oh! Ein peinliches Geheimnis“, witterte Steven da eine Chance, um mehr von Sven zu erfahren, wo er jetzt so redselig war. „Nur heraus damit!“, forderte er energisch.
„Ben Nevis ist ein Berg. Er liegt in Schottland, ist aber der höchste Berg Großbritanniens. Außerdem heißt so auch eine Whisky-Distillery am Fuße des Berges. Das ist der eigentliche Grund für seinen Namen. Und Ardmore ist auch eine schottische Distillery.“
„Ah. Wie passend. Weil die beiden eine schottische Katzenrasse sind?“
„Nja…“
„Oho! Es geht noch weiter…“
„Also. Ich habe diese schottische Rasse von meiner Schwester geschenkt bekommen, weil ich Schottland liebe.“
„Ah. Aber warum dann Whisky-Namen? Ihr hättet sie ja auch Scotty und Nessie nennen können…“
„Wie klischeehaft. Aber ich verstehe. Meine Bar hast du also noch nicht entdeckt…“

Sven wusste das noch nicht, aber solche Aussagen waren für Steven geradezu eine Aufforderung. Er sprang nämlich umgehend von seinem Hocker und blickte sich grübelnd im Raum um, suchte einen Schrank, der für eine Bar geeignet schien. Er ging zum Wohnbereich hinüber und entdeckte einen Schub, der groß genug für Flaschen sein könnte. Er streckte die Hand aus, schaute aber zu Sven zurück. Der schüttelte den Kopf und wunderte sich, was er da nur für einen Gast ins Haus geschleppt hatte. Steven war alles, was Sven nie gewesen war und nie sein wird: offen, fröhlich, locker drauf, abenteuerfreudig und vor allem selbstbewusst. Allein wie er sich in dem viel zu engen Shirt bewegte, das jeden Muskel genau nachzeichnete. Dabei hatte Sven extra eine weitere Größe gewählt, wie er eigentlich hätte tragen können. Steven war nicht nur so viel größer als er, er hatte auch eine Menge mehr Muskeln an sich. Trotzdem war er kein Muckibuden-Typ. Er wirkte sehr beweglich und geschmeidig. Fast wie eine seiner Katzen. Kurz: er war ein Traummann. Wie zuvor schon bemerkt.

Er schüttelte wieder den Kopf, als Steven eine weitere mögliche Tür ansteuern wollte. Hatte er den großen Globus neben der Couch wirklich noch nicht entdeckt? Oder wirkte er gar so altmodisch, dass er es als mögliches Versteck niemals in Betracht ziehen würde? Der große massive Globus wurde von einer detailreichen geschnitzten Figur gehalten, die den griechischen Gott Atlas darstellen sollte. Das innere der Weltkugel war hohl und bot eine Menge Platz für Alkohol und die passenden Gläser. Es war ein sehr schönes Stück komplett aus echtem Eukalyptusholz und war ein gemeinsames Geschenk seiner Familie gewesen, über das er sich riesig gefreut hatte. Und jetzt gerade stand Steven davor, allerdings mit dem Rücken dazu, und blickte auf die riesige Mediawand, um das Alkoholversteck zu finden. Als wären sie in der Prohibition, wo man seinen Alkohol unter den Fußbodenblanken verstecken musste. Sven war einsichtig.
„Sehr kalt dort, wenn nicht sogar eisig. Aber dein Hintern könnte verbrennen.“ Besser vorwarnen, nicht dass dieser tolle Hintern noch Schaden nahm.
Nun, schwer von Begriff war Steven jedenfalls nicht, denn sofort erkannte er das Versteck.
„Der Globus! Na klar!“ Er linste vorsichtig hinein und entdeckte eine Menge diverser guter Scotchs. Wie Sven sehr gut wusste, alles Single Malts. Sogar ein Single Cask war dabei. Wenn Steven wüsste, was das für ein wertvoller Schatz war.

„Ja, jetzt verstehe ich die Namenswahl deiner Katzen“, erklärte Steven und kam zum Tresen zurück, kraulte wieder durch das weiche Fell von Ardmore.
„Aber ich glaube, ich mache mich jetzt wirklich wieder auf den Weg. Dann kannst du dich noch ein wenig ausruhen. Du musst morgen sicherlich auch wieder auf Arbeit, nicht?“
Sven nickte und spürte, wie er bleib doch noch ein bisschen sagen wollte. Aber er schwieg. Steven verschwand in seinem Bad, kramte dort etwas und kam dann in seinem Fahrradoutfit wieder heraus.
„Deine Sachen habe ich vorhin auch eben mit in die Waschmaschine und den Trockner geworfen. Ist also alles wieder sauber und trocken. Dann brauche ich jetzt noch deine Nummer.“
„Hä?“ Sven biss verwirrt von seinem Apfelstück ab. „Nummer?“, nuschelte er hinterher.
„Na deine Handy-Nummer“, lachte Steven. „Ich wollte dich anrufen, wenn ich weiß, wann wir klettern gehen können. Ich muss zu Hause erstmal meine Termine checken. Obwohl ich eigentlich sicher bin, nächstes Wochenende Zeit zu haben…“
„Ach ja. Moment.“ Aus einem kleinen Schubfach in der Küche holte Sven einen blauen Post-It-Zettel hervor und einen von IKEA gestibitzten Bleistift. Dann schob er Steven seine Handynummer hinüber.

„Super. Danke.“ Er schob ihn sich in eine kleine Brusttasche mit Reißverschluss und zog dann schon die Schuhe an. Den Helm klemmte er sich einstweilen unter den Arm. Sven kam ihm hinterher und stand etwas unbeholfen daneben und schaute zu. Entgegen seiner Angst, hatte er sich mit Steven sehr wohlgefühlt. Steven hatte ihn auch nicht ablehnend oder kritisch behandelt, sondern sehr kumpelhaft und ziemlich normal. Ein anderes Wort fiel Sven nicht ein, aber er befand, dass das für den Anfang ziemlich gut war.
„Dann nochmals danke für alles“, sagte Sven und öffnete Steven die Wohnungstür. Im Hausflur gleich an der Wand neben der Tür entdeckten sie Stevens Bike.
„Oh! Sag auch deinem Nachbarn Dankeschön. Er hat mein Fahrrad ins Trockene geholt“, freute sich Steven und schob es dann ganz nach draußen, als Sven ihm auch die Haustür öffnete. Dort setzte er sich gleich auf, friemelte seinen Helm auf, winkte noch mal kurz, schenkte Sven ein breites freches Grinsen – dann düste er davon.

Sven winkte verhalten hinterher, bevor er wieder nach innen gehen wollte. Da entdeckte er, dass die Tür der zweiten Wohnung ihm gegenüber einen Spalt offen war und die alte Nachbarin neugierig durchlinste.
„Ich wünsche ihnen einen schönen Sonntagnachmittag, Frau Sabrowski“, blieb er übertrieben höflich gegenüber der alten indiskreten Schrapnell, die bestimmt schon morgen allen im Haus berichtet haben wird, dass dieser seltsame Sven von ganz unten unbekannten Herrenbesuch empfangen hatte, dass das doch nicht gehen würde, das die sicher Unzucht trieben, was wohl Gott dazu sagen würde, und in was für einer Zeit wir leben würden, wo die Jugend so unsittlich und schamlos und ungläubig war und… Tja. Die Nachbarn konnte man sich nicht aussuchen. Sie schlug die Tür grußlos zu und Sven zuckte nur die Schultern, sich bewusst, dass er durch den Spion weiterhin beobachtet wurde.

Er wendete sich seiner Wohnung zu und stolperte gegen eine verschlossene Tür. Verdammt. Jetzt hatte er den Schlüssel innen liegen lassen. Grummelnd begann er den Aufstieg in die oberste Etage, wo er bei Thore seinen Ersatzschlüssel wusste. So musste er sich also heute doch noch dessen Blicken stellen, fühlte sich aber durch Stevens Abenteuerfreude gestärkt, und nutzte gleich die Gelegenheit, sich bei seinem Nachbarn für die Hilfe zu bedanken. Auch Stevens Dankeschön fürs Fahrrad retten gab er brav weiter…

Später lag er schon zeitig im Bett, hatte Schildi im Arm und zu seiner Schande lag auch das von Steven getragene T-Shirt neben ihm auf dem Kopfkissen…

Was für ein Tag, war sein letzter Gedanke.

 


 

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