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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 2"


Svens Retter schloss leise die Tür zum Schlafzimmer und wendete sich dem offensichtlichen Amerika-Fan zu.
"Also Sven", und damit deutete er hinter sich zum Schlafzimmer, "ist sicher hier angekommen. Ich denke, Schlaf ist das Beste. Er hat aber eine ziemlich dicke Beule am Kopf. Wenn es ihm nicht bald besser geht, dann sollten Sie doch lieber einen Arzt anrufen. Er könnte sogar eine leichte Gehirnerschütterung haben. Ihm war schlecht und schwindelig."
"Erst mal: vielen Dank, dass du Sven mit hergebracht hast. Ich bin Thore und Svens Nachbar von ganz oben. Und lassen wir doch das ‚Sie' weg. Wir sind doch irgendwo alle ähnlich alt." Damit reichte Thore dem anderen die Hand.
"Steven. Steven Winter-Sogemeyer. Aber ich lasse euch jetzt in Ruhe."
"Also, ich habe noch anderes zu tun", antwortete Thore, hob abwehrend die Hände und schob sich unauffällig zur Wohnungstür hin. "Mein Auto zum Beispiel. Sven hat bestimmt ein paar trockene Sachen für dich und sein Kühlschrank ist mit gesunden Dingen immer gut gefüllt. Da findest du auf jeden Fall was für dich. Fühl dich wie zu Hause. Ach - bevor ich es vergesse: Ben Nevis kratzt manchmal. Also lieber nicht streicheln." Er tippte sich wie ein Cowboy an die nicht vorhandene Hutkrempe und schlüpfte aus der Tür hinaus.
"W-was?", stammelte Steven nur verwirrt.
"Finders Keepers!", rief es noch durch die bereits geschlossene Tür.

"Finders Keepers!?", wiederholte Steven gedehnt und kam sich selten dämlich vor. Er blickte auf die Wohnungstür und wusste nicht, ob dieser Thore Scherze machte. Aber anscheinend hatte er das ernst gemeint. Er hörte nur von draußen einen Motor aufjaulen. Stimmt. Thore hatte sein Auto einfach schräg auf der Straße stehen lassen, als er Sven und Steven an der Tür so gesehen hatte.

Ein Maunzen weckte ihn aus seiner Starre. Um seine Füße strich eine silber-grau getigerte Katze herum und beobachtete ihn aus grünen Augen. Das war wohl besagtes Haustier, vor dem er sich in Acht nehmen sollte.
"Du kratzt, ich soll dich nicht streicheln", erklärte Steven ihr und drehte sich endlich wieder in den Raum hinein, dabei seinen Fahrradhelm erst mal an der Garderobe ablegend. Seine Crossmax MTB-Schuhe hatte er vorhin schon an der Tür abgestreift und in die Ecke geschoben, in der bereits einige andere Schuhpaare ordentlich in Reih und Glied standen.

Dann fuhr er sich aufseufzend durch die Haare. Was sollte er denn jetzt hier machen? In einer fremden Wohnung mit einem Verletzten? Was war Thore nur für ein Typ, der unbekannte Leute in der Wohnung seines Nachbarn ließ? Nicht dass er, Steven, hier etwas Schlimmes machen würde, aber er hätte ja auch sonst wer sein können…

Er beschloss, einige Zeit zu bleiben. Ein oder zwei Stunden. Vielleicht hatte sich Sven bis dahin ein wenig erholt und Steven könnte mir ruhigem Gewissen nach Hause radeln. Nochmals seufzend und sich damit in sein Schicksal ergebend, ging er in die Küche hinüber.

*

Svens Wohnung war sehr offen gestaltet. Ein kleiner Esstisch stand mittig an der hinteren Wand und trennte den großen Wohnraum optisch in zwei Bereiche. Links war der eigentliche Wohnzimmerbereich, von dem auch die Tür zum Schlafzimmer abging, rechter Hand befanden sich die Küche und der Zugang zum Bad.

Das Bad war typisch weiß gekachelt und sehr sorgfältig sortiert gewesen, wie Steven vorhin mit einem schnellen Blick gesehen hatte. Nichts lag herum. Das Weiß war mit hellgrünen, frühlingshaften Farben für Fußmatten und Handtüchern aufgelockert worden und versprach am Morgen sicherlich farbenfrohe Gedanken und einen guten Start in den Tag. Ob Sven hier den psychologischen Farbentrick bewusst angewendet hatte oder einfach nur Grün mochte, konnte Steven nicht beurteilen. Ihm gefiel es auf jeden Fall.

Genauso wie die weiße Hochglanzküche. Sie wirkte sehr neu und modern mit einer Arbeitsinsel in optimaler Höhe, um im Stehen daran Schnippelarbeiten zu erledigen oder auf einem Barhocker sitzend etwas zu trinken. Das Chrom der Garnituren blitzte und auch in der Spüle war kein Wassertropfen zu sehen. Wie gerade frisch poliert. Außer dem WMF-Wasserkocher in matt-silber und einer hölzernen Teebox, sowie einem Power Standmixer der gleichen teuren Marke stand nichts weiter auf der Arbeitsplatte aus schwarzem Marmor mit markant weißer Maserung. Auf Steven machte es den Eindruck einer Ausstellungsküche eines teuren Küchenstudios, so aufgeräumt und fleckenlos glänzend, wie sie war.

Die hochwertige Ausstattung zog sich weiter durch die ganze Wohnung. Der große Wohnzimmerbereich war von einer Megacouchlandschaft eingenommen. Sie war direkt auf die Mediawand ausgerichtet, die nicht nur einen verteufelt riesigen Flachbildfernseher beinhaltete, sondern auch eine monstermäßig große DVD-Sammlung. Auch hier war fast alles in Weiß gehalten, nur von einigen Grautönen unterbrochen. Die Wand hinter dem Mediacenter war kontrastreich mit einer schwarzen Vliestapete mit trendigen Barockmotiven gestaltet. Die gleiche Tapete hatte er vorhin schon im Schlafzimmer bemerkt. Das Stück Wand, an der das Bett mit dem Kopfteil anstieß, war mit dieser Tapete versehen, und rahmte das Bett quasi ein.

Für Steven aber war das Highlight der Wohnung die große Glasfront mit Terrassentür, die sich fast über die gesamte Wand parallel zur Couch erstreckte und den Blick auf den schön gepflegten Garten des Hauses bot. Zwar hatte auch die Küche drei kleine Fenster, doch die durchgehende breite Fensterfront des Wohnzimmers ließ viel natürliches Licht herein. Auch wenn es heute recht trübe war.

*

Steven blickte sich nachdenklich einmal im Raum um und befand, dass die Ausstattung wirklich sehr erlesen war. Sven musste einen wirklich profitablen Job oder ein gutes Sümmchen Erbe erhalten haben. Aber die Wohnung wirkte sehr steril. Man hatte das Gefühl, hier wohne gar keiner. Alles aufgeräumt und penibel arrangiert. Es gab noch nicht mal Weihnachtsdekoration. Hatte Sven nach nur einer Woche Neujahrsbeginn tatsächlich schon wieder alles verräumt oder hatte er zuvor gar nicht erst etwas Weihnachtliches angebracht gehabt?

Ah! Da war aber etwas Lebendiges. Er wurde von einem gestreiften Mini-Tiger verfolgt. Jetzt bemerkte Steven auch die seltsam abgeknickten Ohren. Der Flohbeutel wirkte gar nicht aggressiv, eher sehr neugierig. So war er mutig und kniete sich zu der Katze hinunter und hielt ihr die offene Hand hin. Gleich kam sie näher, schnupperte kurz, dann schmuste sie sich ganz an ihn heran. Von Kratzen oder Angriffslust keine Spur.

"Du bist ja gar nicht so gefährlich", befand er und hob sie hoch; setzte sie zum weiteren Beschmusen auf den Arbeitsblock der Küche, um währenddessen Wasser aufzukochen. Er suchte nebenher noch einen Kanne für den Tee und fand zu seiner freudigen Überraschung im Schubfach gleich unterhalb des Wasserkochers einen tollen großen roten Keramikkrug, der wohl die gesamten 2 Liter des Kochers aufnehmen konnte. Ein heißer Tee tat ihm und Sven sicher sehr gut. Außerdem brachte das schöne Rot ein wenig Farbe in die Küche. Während der Wasserkocher seine Dienste tat, stützte Steven sich auf der Arbeitsplatte auf und streichelte den getigerten Kater, der beständig leise vor sich hinschnurrte. "Na. Du hast aber ein ganz schön schwieriges Herrchen. Er rennt im Regen draußen herum und lässt sich von Bäumen schlagen und hier hat er nur gegrummelt. Na hoffentlich ist er nur so schlecht drauf, weil er ne fette Beule am Kopf hat. Da wäre ich auch nicht gerade der blühende Frühling."

Apropos Gesundheit: auch er sollte aus den nassen Sachen heraus, wenn er nicht gleich weiter fahren sollte. Leise schlich er noch einmal zu Sven ins super aufgeräumte Schlafzimmer; keine einzige Socke lag herum. Sven selbst lag still in seiner kuscheligen Decke vergraben. Man sah nur ein wenig Haar. Ansonsten gab er keinen Mucks von sich.

So ließ er ihn schlafen und öffnete leise die Schranktür. Er wusste nicht, ob ihm die Klamotten passten, da er größer und breiter gebaut war als Sven, aber er wollte nur eben seine nasse Sportkleidung in den Trockner werfen. Solange konnte er auch in einer Shorts und einem einfachen T-Shirt die Zeit rumbringen. Auch wenn die Sachen eine Nummer kleiner als seine eigenen Klamotten waren.

Mit einer kleinen Auswahl kam er zurück in den Wohnraum und erstarrte. Auf dem Tresen saß neben der silbrigen Katze plötzlich eine zweite. Sie war orangefarben und starrte ihn misstrauisch an. Schon als er näher kam, fauchte sie warnend. "Aha! Du bist also der Kampftiger, was?", sprach er die neue Katze an, die etwas dicker wirkte, als das Silberfell. Er machte einen Bogen um die Katzen und goss das heiße Wasser in den großen Krug mit Tee. Er hatte sich für einen Waldfrüchtetee entschieden, der auch gleich sein frisches Aroma in der Küche verteilte.

Dann verschwand er im Bad. Er entdeckte eine Schnellwaschfunktion bei der Waschmaschine und stopfte seine und Svens Klamotten, die hier noch verstreut herumgelegen hatten, zusammen in die Maschine. Er borgte sich auch noch ein Handtuch und alsbald in trockenen Klamotten, machte er es sich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa gemütlich und versuchte sich am Fernseher. Dabei hatte er die beiden Katzen im Blick. Die zwei waren bei weitem spannender, als das Nachmittagsprogramm in der Glotze. Schlussendlich hatte er einen Musik-Sender gefunden und stellte ihn leise ein.

Während er also auf dem Sofa herumlag, beobachtete er die Samtpfoten, wie sie aus der Küche gestromert kamen und das Sofa umwanderten. Die silberne kuschelte sich bald zu ihm und ließ sich wieder kraulen, die andere strich unruhig mit zuckendem Schwanz eine Weile herum, bis sie sich weit entfernt in der anderen Sofaecke einringelte, ihn aber immer im Auge behaltend.

*

Es klopfte. Steven schrak aus einem leichten Schlummer hoch und weckte damit auch den silbergrauen Tiger, der es sich auf seinem Bauch gemütlich gemacht hatte. Da klopfte es noch einmal und er erkannte, dass es von der Wohnungstür her kam. Er tapste etwas verpennt dahin und öffnete. Ihm stand eine junge etwas mollige Frau gegenüber, die ihn belustigt musterte.
"Ähm, ja?", fragte Steven verwirrt nach. War das Svens Freundin?
"Hallo. Ich bin Kerstin Freyning. Ich wohne oben neben Thore. Er sagte mir, Sven ginge es nicht gut und bat mich, mal eben schauen zu gehen. Er sagte zwar etwas von einem Besucher, aber dass ich gleich so nett empfangen werde, hätte ich nicht gedacht." Sie lachte leise und drängelte sich dann gleich hinein, begrüßte die beiden Katzen auf dem Sofa. Sogar die orangefarbene ließ sich von ihr anfassen.

Steven schloss die Tür und kam ihr hinterher. Er stellte sich eben vor und erklärte kurz, dass er Sven im Wald gefunden und gemeinsam mit Thore ins Bett verfrachtet hatte.
"Und seitdem schläft er. Ich wollte mir nur eben die Klamotten trocknen und wieder auf den Weg machen."
Kerstin hatte ihm zugehört und auch leise nochmal im Schlafzimmer reingeschaut. Sven schlief wirklich tief und fest.
"Ach, du kannst bleiben, solange du möchtest. Ich bin vor allem wegen Ardmore und Ben Nevis hier. Ich wollte schauen, ob sie Futter oder Wasser brauchen."
Oh, daran hatte Steven gar nicht gedacht. Er schaute zu, wie Kerstin die Wasserschale in der Küche für die beiden Stubentieger mit frischem Wasser auffüllte und noch etwas Trockenfutter in die zweite Schale gab. Dabei erklärte sie: "Ardmore ist die silber-graue Katze. Sie ist sehr zutraulich und neugierig. Ben Nevis dagegen ist immer etwas mürrisch und vorsichtig. Er kratzt auch gerne mal. Vor allem Thore hat keinen guten Stand bei ihm. Deswegen bin ich hier."

"Aha", machte Steven nur und kratzte sich verlegen am Kopf. Immerhin stand er hier in Unterhose vor einer fremden Frau. Außerdem: machte auch sie sich keine Sorgen, dass er als wildfremder Mensch hier in der Wohnung des Freundes war? Er könnte hier alles durchsuchen, Zeugs mitgehen lassen oder noch ganz Anderes anstellen. Genau das fragte er jetzt Kerstin.

"Was? Wieso fremd? Thore sagte, er würde dich kennen. Du wärest sein Physiotherapeut."
"Was?!" Steven bekam große Augen. Thore war sein Patient? Er merkte sich nicht alle Patienten, aber… Er grübelte und grübelte, bis es ihm wieder einfiel. Vor einem halben Jahr hatte er für mehrere Termine einen Patienten in seiner kleinen Massage- und Physiotherapiepraxis erfolgreich behandelt, der sich die Schulter heftig geprellt hatte. Das musste Thore gewesen sein. Langer Typ mit Pferdeschwanz. Daher also das Vertrauen?
"Thore sagte, du könntest daher auch besser auf einen Kranken achtgeben."
"Na ja. Sven hat sich vor allem heftig den Kopf gestoßen. Da kann ich auch nicht viel machen. Wenn es ihm nicht besser geht, würde auch ich einen Arzt anrufen."
"Oh! So schlimm? Ich dachte, er hätte sich nur wieder ein wenig verausgabt. - Warum muss er immer so übertreiben?" Sie wirkte betrübt.
"Wie meinst du das?", fragte Steven alarmiert nach.
"Sven hat sich ein Ziel gesetzt und wir machen uns ein wenig Sorgen, dass er es deswegen übertreibt. Aber er hört nicht auf uns."
"Was denn für ein Ziel?"
"Er will unbedingt am Berliner Marathon im September teilnehmen."
Steven senkte nachdenklich den Kopf. Das war nun nicht so schlimm. Ein Marathon in Berlin war doch ok, wenn man regelmäßig trainierte.
"Wenn er dafür trainiert, ist das doch ok. Was sollte daran verkehrt sein?", fragte er daher.
"Nicht, wenn man erst vor einem halben Jahr bei absolut Null damit begonnen hat und so vernarrt ist, dass ich jederzeit Angst habe, er kippt um. Ist er nicht viel zu dürr?"
"Hmmm…", machte Steven nur. Das hatte er sich auch schon gedacht. Schon da, wo er ihn im Wald aufgehobbelt hatte. Er war überraschend leicht gewesen. Und später - er hatte nicht so direkt schauen wollen - aber als sie ihn im Bad von den nassen Sachen befreit hatten, war es ihm deutlich aufgefallen. Sven wirkte wirklich etwas zu dünn für seine Größe.

Er wiegte den Kopf grüblerisch hin und her, wurde aber von Kerstin in seinen Gedanken unterbrochen.
"Vielleicht sind wir auch einfach zu nah an ihm dran. Manchmal braucht es einfach einen Außenstehenden, der Sven das mal so sagt. Er soll ja nicht mit Sport aufhören, wo er so Spaß dran hat, nur auf ein gesundes Maß achten… Aber das später, wenn es ihm wieder gut geht. - Also, die Katzen sind versorgt. Wenn du noch etwas brauchst, bediene dich. Ansonsten findest du mich oder Thore ganz oben. Wir wohnen unter dem Dach…" Sie winkte nochmal und war auch schon an der Wohnungstür.
"Aber Moment… ich kann doch nicht einfach hierbleiben. Was ist mit Sven?"
"Na, du hast ihn gefunden, also musst du dich um ihn kümmern, nicht? Altes Indianergesetz…" - und schwupps, war sie aus der Wohnung hinaus.
Waren die hier im Hause alle verrückt? Finders Keepers? Wer's findet, darf's behalten? Sven war doch kein Goldschatz, den er irgendwo ausgebuddelt hatte und deswegen als Finderlohn bekam?!

Seufzend blickte er aus dem Fenster in den weitläufigen Garten hinaus. Es war noch immer grau draußen, regnete aber nur noch schwach. Auch der starke Wind hatte nachgelassen. "Meow", machte sich ein silberner Tiger neben ihm bemerkbar.
"Ah, müsst ihr mal raus? Na kommt."
Er öffnete die Terrassentür und beobachtete eine Weile, wie die beiden Katzen mit schüttelnden Pfoten in den Regen tapsten, hinter Büschen verschwanden und eiligst wieder hereingesprungen kamen. Die orangefarbene, Ben Nevis, meckerte dabei fortwährend vor sich hin und verzog sich anschließend grummelnd hinter das Sofa. Also so eine miesepetrige Katze hatte Steven noch nicht erlebt. Sie passte ein wenig zu Sven, den er bisher auch nur grummelnd und murrend kennengelernt hatte.

Ardmore schmeichelte ihm wieder um die Beine, bis er sie also hochhob und auf den Arm setzte, dabei hinter den Ohren kraulte oder unter dem Kinn. Die beiden Katzen waren so unterschiedlich; wie Feuer und Wasser…

Da fiel ihm die Waschmaschine wieder ein. Die müsste doch schon längst fertig sein. Mit Ardmore auf dem Arm ging er in das Badezimmer und verfrachtete die Klamotten in den Trockner daneben. Leise rumpelte der auch gleich los.

Dann schlenderte er zurück in die Küche. Nach kurzem Zögern machte er doch den Kühlschrank auf. Er hatte richtig Hunger. Immerhin war er auch schon mit dem Rad eine große Runde unterwegs gewesen und seit über einer Stunde hier, wie ein kurzer Blick auf die Uhr verriet. Es war kurz nach Mittag und er hatte nur ein kleines Frühstück gehabt.

Er guckte nicht schlecht, als er den Inhalt des Kühlschranks entdeckte. Er fand Paprika, Gurke, Möhre, Tomaten und Zwiebeln. Es gab Feldsalat und Chicorée. Er sah Rosenkohl und Rote Beete.

Dazwischen lag Mozzarella und Fetakäse und eine kleine Packung Salamisticks, die aber so weit hinten verstaut war, dass sie entweder als Notfall da gelagert oder einfach vergessen worden war. Doch das glaubte Steven nicht. Der Kühlschrank war wie alles andere in dieser Wohnung akkurat aufgeräumt und alles sah frisch und appetitlich aus. Und es entsprach ganz Kerstins Sorge. Es gab keine Kohlenhydrate, kein Fleisch. Frische Milch und Eier standen in der Tür, sowie zwei Flaschen Mineralwasser.

Unten im Gemüsefach lag Obst. Bananen und Äpfel. Steven nahm sich eine Banane heraus und hatte sofort eine neugierige Nase da dran schnuppern.
"Also ich glaube nicht, dass das was für dich ist, Ardmore", erklärte er der Katze, die auch gleich die Nase rümpfte.

So schlenderte er mit Katze auf dem Arm und die große Banane futternd wieder durchs Wohnzimmer; diesmal auf das gut gefüllte Bücherregal zu. Hier fand sich eine große Auswahl unterschiedlichster Autoren, wie er erfreut feststellte. Es gab deutsche Klassiker sowie auch englische, dann eine Reihe aktueller Thrillers. Einige Biografien und dekorative Bücher zu verschiedenen Sachthemen. Sogar eine alte Bibel war dabei. Sie war in schwarzes Leder gebunden, und die geprägte Schrift mit Gold verziert. Zusätzlich stand sie in einem stabilen Schuber. Das war bestimmt ein Erbstück.

Und hier fand er endlich auch mal etwas Persönliches von Sven. Er hatte nämlich die Foto-Galerie entdeckt. In verschiedenen Rahmen waren diverse Fotos untergebracht. Er nahm sich die Zeit, sie näher anzuschauen. Da waren sogar noch Schwarz-weiß-Fotos dabei. Sicher waren das Svens Großeltern und vielleicht sogar noch die Urgroßeltern. Farbige Fotos zeigten ein Ehepaar in modernen Look. Sie sahen Sven recht ähnlich. Ganz sicher seine Eltern.

Dann gab es häufig Bilder mit zwei jungen Menschen darauf. Das mussten Svens Geschwister sein: Bruder und Schwester. Sie waren beide rundlich, wobei der Junge schon stark übergewichtig war. Sehr im Gegensatz zu Sven selbst. Doch sie lachten offen und herzlich in die Kamera und hatten sichtlich viel Spaß in den Momenten der Aufnahmen gehabt. Es gab Bilder an einem herrlich blauen See, reitend auf Haflingern in ebenso gold-gelben Weizenfeldern, auf Skiern irgendwo im Gebirge, in einem Freizeitpark. Sie mussten etwas jünger als Sven sein. Er schätzte sie auf maximal 18 Jahre, während Sven ungefähr 25 war.

Dann erkannte er auch Thore und Kerstin auf einigen Bildern. Es wirkte fast wie eine kleine Gartenparty mit Grill, Lampions und einer Menge Bier. Der Hintergrund zeigte Svens Terrasse mit der großen Fensterfront. Auf einem anderen Foto sah man auch die beiden Katzen einträchtig auf dem großen Sofa liegen.

Es war eine schöne bunte Bildergalerie, die Steven gut gefiel. Nur eines vermisste er. Sven selbst! Ihn konnte er nirgends entdecken. Wahrscheinlich war er unheimlich Kamerascheu. Solche Leute kannte er gut; seine eigene Mutter war so ein Mensch. Immer wegducken, verstecken oder böse Drohungen aussprechen, wenn um ein Bild gebeten wurde…

*

Ein Geräusch schreckte Steven aus seinen Betrachtungen auf. Er blickte sich um und entdeckte Sven in der offenen Schlafzimmertür. Unsicher hielt sich dieser am Türrahmen fest, in der anderen Hand hatte er tatsächlich ein Kuscheltier. Er hielt es gegen seinen Körper gedrückt, als brauche er etwas zum Anlehnen. War das etwa eine Schildkröte?

Seine Haare waren völlig durcheinander, genau wie Sven selbst wohl auch. Er wirkte in der Art, wie er dort stand, verloren und einsam und blickte verwirrt durch seine Wohnung. Bei der Küche angefangen, wo der große rote Krug auf dem Tresen nicht zu übersehen war, dann rüber zu seiner Couch - bis er Steven an der Bücherwand entdeckte.

Er erstarrte, blickte ihn aus so großen entsetzten Augen an, dass Steven den Eindruck hatte, Sven würde den Teufel persönlich hier stehen sehen. Der Moment zog sich in die Ewigkeit, in der sie zwei sich nur anguckten. Endlich schluckte Steven das Stück Banane runter, was er im Augenblick von Svens Erscheinen abgebissen hatte, und fragte mit einem leichten Lächeln: "Hallo, Sven. Wie geht es dir?" Zur Antwort erhielt er eine zuschlagende Tür. Sie wurde mit so viel Kraft ins Schloss geschmettert, dass in der Küche tatsächlich einige Gläser im Regal klirrten. Ardmore krallte sich erschrocken in seinem Arm fest und fauchte aufgebracht. Im Schloss der Schlafzimmertür hörte man noch den Schlüssel drehen, dann war Steven wieder allein im Wohnraum…

 


 

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