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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Finders Keepers - Teil 1"


Regen. Regen. Regen.
Seit Tagen ohne Unterlass nur Regen.
Und gemäß dem Wetterbericht sollte es auch noch eine Weile so weitergehen.

Was für ein schreckliches Wetter, wo es doch eigentlich noch schneien sollte. Das erste Wochenende im neuen Jahr begann jedoch nass-kalt, der leichte Schnee war längst weggespült und drückte die Stimmung. Sven wollte und konnte aber sein Training nicht vernachlässigen und so sehr es ihn innerlich jetzt schon schüttelte, er musste raus. Seine Kondition hatte über die kalorienreichen und bei den Großeltern träge verbrachten Weihnachtsfeiertage stark gelitten und musste nun wieder aufgebaut werden. Zwar hatte er auch an den Feiertagen das Joggen nicht komplett vernachlässigt, aber er hatte immer nur kleine Runden drehen können.

Er schlüpfte in seine regentauglichen Laufsachen und schaute dabei gequält aus dem Fenster. Windig war es auch noch. Fast stürmisch! Die Wipfel der Bäume schwankten weit hin und her und die Wolken zogen in so raschem Tempo am Himmel daher, dass er an wild galoppierende Pferde denken musste.

An der Tür griff er sich seine Trial-Schuhe, die er sich extra für solch regnerisches Wetter gekauft hatte. Auf eine weitere Erkältung, weil er mit nassen Füßen unterwegs war, konnte er gerne verzichten. Während er sie sich anzog, fiel sein Blick auf Ardmore und Ben Nevis, die es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht hatten und ihn nur faul anblinzelten. Die zwei Katzen hatten es gut. Sie konnten hier liegen und das Sauwetter da draußen ignorieren. Nur heute Morgen waren sie kurz im Gebüsch nebenan gewesen, aber sofort wieder hereingekommen, als das Nötigste erledigt war.

Kurz streichelte er seinen beiden felligen Mitbewohnern noch einmal über die kleinen etwas abgeknickten Ohren, dann wagte er sich hinaus. Er hatte wohlweislich an seine Handschuhe gedacht und auch die dünne Mütze nicht vergessen, die seine dunkelblonden Haare versteckte und seine Ohren schön warm hielt.

Noch einmal atmete er tief ein, bevor er endlich in langsamem Tempo loslief und den Weg zum nahen Wald einschlug.

*

Er gewöhnte sich schnell an den Regen, und sobald er den Wald erreichte, wehte auch der Wind nicht mehr so stark. Er fand trotz Festtagspause gut in seinen Laufrhythmus hinein und lauschte auf die Waldgeräusche, die heute aufgrund des nassen Wetters ganz anders waren.

An einer Kreuzung bog er auf den schmaleren Waldpfad ab, der nicht so gut ausgebaut war wie der breite Spazierweg. Der Pfad wand sich um verschiedene Büsche und Bäume und die eine oder andere Wurzel erhob sich aus dem weichen Erdboden. Sven fand diesen Weg viel besser für das Training geeignet, konnte er hier doch Ausdauer und Koordination gleichermaßen trainieren und es war nicht so langweilig.

Selten schön war die Tatsache, dass er heute wohl der einzige war, der sich nach draußen wagte. Gerade Sonntage waren die Wege oft sehr voll und verschiedenes Stimmengewirr mischte sich mit den ruhigeren Waldklängen. Doch war heute das Wetter für besinnliche Spaziergänge einfach zu schlecht, zudem war er auch recht früh unterwegs. Er freute sich immer mehr darüber, dass er sich zum Laufen hatte überwinden können und schlug an einer weiteren Weggabelung den Pfad zur ganz großen Runde ein. Er würde seinen Lauf heute genießen, trotz Regen und Wind.

*

Die Zeit vergessend folgte Sven einem weiten Ausläufer, der um den nicht gerade kleinen See führte. Fast erleichtert entdeckte er irgendwann das Wanderschildchen, das ihn wieder auf den breiten Spazierweg leiten würde. Er merkte, wie seine Kraft jetzt schnell nachließ und wollte nur noch den kürzesten Weg nach Hause nehmen. Da hatte er seine Ausdauer doch überschätzt.

Außerdem bemerkte er, wie nicht nur der Regen stärker wurde, sondern auch der Wind schlagartig zunahm. Es war regelrecht orkanartig. Er sollte schleunigst weiter und bei Sturm nicht noch im Wald herumgeistern. Er übersprang geschickt eine dicke Wurzel und wich einem kleineren Ast aus, der mitten im Weg hing. Er sah frisch abgeknickt aus und es wurde ihm mulmig zumute. Er legte noch einen Zahn zu, als er es schon bedrohlich im Geäst knacken hörte.

Es rauschte über ihm, er blickte sich um, sah nur etwas Dunkles auf sich zurasen…

*

Als er die Augen kurz öffnete wunderte er sich, warum seine Wange auf einem Mooshügel lag. Es roch nach frischer nasser Erde…

*

"Hey, du…"
Sven traf sachte eine Hand im Gesicht. Er wollte sie wegstoßen. Alles, was er schaffte, war ein schmerzliches Aufstöhnen.
"Hey. Kannst du aufstehen?"
Aufstehen? Sven versuchte diese Frage zu verstehen und fragte sich im Gegenzug, wer da wohl war? Aber beides war für seinen schmerzenden Kopf nicht zu bewältigen. Der andere war wohl nicht ganz von der zarten Sorte. Er zerrte an ihm und zog ihn in eine sitzende Position, hielt ihn sicher fest.

Sven versuchte die Benommenheit abzuschütteln. Keine gute Idee! Zu seinen Schmerzen kam jetzt auch noch eine plötzliche Übelkeit. Er fand die Kraft sich auf die Seite zu wenden und spie sein Frühstück wieder aus. Da gab es nicht viel, er hatte nur ein wenig Obst gegessen und Tee getrunken. Doch die Bewegung verschlimmerte die Schmerzen und kraftlos ließ er sich wieder zurücksinken. Seine Atmung ging hektisch und in kleinen Stößen. Er wusste, dass er sich beruhigen musste, schaffte es aber nicht.

Da spürte er eine Hand auf seiner Brust, die sich in langsamen Kreisen bewegte, und des Fremden Stimme erklärte ihm in sicherem Ton, wie er atmen solle. Er wollte die Hand wegstoßen, doch ihm fehlte die Kraft. Es war unangenehm so direkt berührt zu werden. Aber die gleichmäßige Bewegung, die unbekannte Wärme der Hand und die feste sichere Stimme des anderen machten ihn wirklich ruhiger. Sein Puls wurde langsamer, die Schmerzen insgesamt weniger und punktueller. Er summte jetzt nicht mehr durch seinen ganzen Körper. Er konnte einzelne Stellen ausmachen, die ihm wirklich wehtaten. Vor allem sein Kopf schmerzte. Er tastete fahrig danach.
"Au!"
Da musste eine riesige Beule sein, so wie sich das anfühlte.

"Kannst du aufstehen?", fragte die Stimme erneut. Sie klang jetzt wieder drängend und wenig mitfühlend. Sven versuchte sich diesen Typen genauer anzuschauen, ließ es aber bleiben. Sein Kopf wollte nicht gedreht werden. Also versuchte er vorsichtig auf die Beine zu kommen.

Tatsächlich stand er nach kurzer Zeit. Aber wie! Seine Beine zitterten vor Anstrengung und wollten ihm wieder wegsacken. Vor seinen Augen drehte sich alles und die Nässe ließ ihn richtig frösteln. Zum Glück wurde er von den kräftigen Händen sicher gehalten.

"Du hast es echt übertrieben, Freundchen", hörte er den anderen sagen und jetzt versuchte Sven ihn doch genauer anzuschauen. Vor ihm stand ein großer junger Mann in voller Radler-Bekleidung, professionell fürs Regenwetter angepasst, inklusive sicherem Fahrradhelm. Und da, neben ihnen, lag ein Mountain-Bike auf der Erde.

"Los. Auf geht's. Wir müssen aus dem Wald heraus. Der Sturm wird immer heftiger. Und ich habe keinen Handy-Empfang hier. Wir müssen also zumindest auf die breiten Spazierwege."

"Ja", stöhnte Sven nur heraus und stützte sich schwer auf seinem Helfer ab. Groß genug war er, dass er Sven sicher halten konnte. Geschickt schob dieser einen Arm um Svens Mitte und übernahm das meiste seines Gewichts, während er mit der anderen Hand sein Bike griff. Den Arm schob er unter den Sattel und hob es so ein Stück auf seine Schulter, mit der Hand griff er das Unterrohr vom Rahmen. So hievte er das Bike ganz auf seine Schulter und trug es sicher, während er auf der anderen Seite Sven gut festhielt.

Wie machte der Typ das?, fragte sich Sven, doch als der andere losging, vergaß er seine Verwunderung, denn er hatte gut zu tun mitzukommen und sich auf den Weg zu konzentrieren. Der Kopf schmerzte nach wie vor und der Schwindel wollte auch nicht nachlassen. Mit Mühen konzentrierte er sich darauf, nicht wieder spucken zu müssen, und blickte starr auf den Weg direkt vor sich. Die ganze Zeit über wünschte er sich nur noch in sein Bett…

*

Sven merkte erst wieder auf, als er Asphalt unter seinen Füßen spürte. Sie waren stehen geblieben und er blickte auf. Da vorne! Da konnte er doch schon das Weiß der Hausfassade des kleinen Sechsparteienhauses durch einige Bäume blitzen sehen!
"Da", keuchte er heraus und deutete vorsichtig auf das Haus. Sein Retter hatte eben sein Handy aus irgendeiner Tasche hervorgezauberte, ließ es jetzt aber sinken.
"Dort wohnst du? Ok. Kein weiter Weg mehr. Und los." Er rückte sich Sven und sein Bike zurecht und ging weiter.

Der Weg war wirklich nicht mehr weit, und doch brauchten sie eine ganze Weile. Sven konnte einfach nicht schneller. Und der stetige Regen, der wie lange Fäden vom Himmel fiel, machte es auch nicht leichter.

Erleichtert seufzte Sven auf, als sie das Haus erreichten. Sein Helfer setzte an der kleinen Gartenmauer das Fahrrad ab und ließ es einfach ins nasse Gras fallen, aber so, dass es keinem im Weg lag. Dann endlich standen sie unter dem kleinen Vordach an der Eingangstür.

Unsicher wühlte Sven nach seinem Schlüssel, als hinter ihnen ein starker Motor aufjaulte und ein Auto mit quietschenden Reifen quer auf der Straße hielt. Sven kannte das Geräusch, konnte sich aber nicht auch noch umdrehen. Sein Helfer dagegen blickte sich irritiert um, entdeckte ein riesiges himmelblaues amerikanisches Auto, aus dem ein junger Mann heraussprang und eiligst auf sie zugelaufen kam. Dieser hatte einen langen Zopf und eine typische Cowboyjacke in hellem Braun mit Fransen an, dazu die obligatorischen Cowboy-Stiefel.

"Sven, was ist denn hier passiert? Bist du gestürzt? Brauchst du einen Arzt?" Er stützte Sven sofort auf der anderen Seite ab und nahm seinen eigenen Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Sven war erleichtert, seinen Nachbarn da zu haben. Der kannte sich aus.
"Ein Ast ist abgebrochen und hat ihn wohl ziemlich hart am Kopf getroffen. Ich habe ihn mitten im Wald gefunden", antwortete Svens Retter, auch wenn er nicht wusste, wer der neue Typ war.
"Mensch, Sven. Was musst du auch bei so einem Wetter da unterwegs sein? Training in allen Ehren, aber doch nicht, wenn es gefährlich wird", schimpfte der junge Mann vor sich hin. Gemeinsam schafften sie es endlich ins trockene Treppenhaus.

Sie stolperten gleich weiter in Svens Wohnung und steuerten umgehend das Bad an. In stillem Einvernehmen wurde mit Sven kurzen Prozess gemacht. Er konnte gar nicht so schnell gucken, geschweige denn sich wehren, als man ihn rigoros von den nassen Sachen befreite, recht rüde mit einem Handtuch trocken rubbelte und schließlich, in warme Schlafsachen gestopft, ins Bett verfrachtete. Er hörte die Tür klappen und war allein.

Doch schlafen konnte Sven nicht, auch wenn er froh war, endlich zu liegen. Er hatte Tränen in den Augen und in seiner Verzweiflung griff er sich seine Schildi und schob die Nase in den duftenden Bauch. Sie war eines seiner wenigen Relikte aus der Kindheit. Eine flauschige echt wirkende Schildkröte, die eine wohl riechende Lavendelfüllung hatte. Sie hatte schon so manche Tränen getrocknet und jetzt musste sie wieder dafür herhalten. Denn der Gedanke, nackt vor anderen Menschen gewesen zu sein, war für Sven kaum ertragbar. Zudem noch vor fremden Leuten, auch wenn der Kerl ihn im Wald gerettet hatte. Sven war hässlich und unansehbar, und wollte daher nicht von anderen Menschen berührt werden. Schon die Umarmung seiner Schwester oder seiner Mutter war schwer für ihn; dass ihn der Kerl und Thore gestützt hatten noch schlimmer. Aber was sie gegen seinen Willen im Bad mit ihm gemacht hatten, war unverzeihlich und beschämend gleichermaßen. Zum Glück würde er den Unbekannten nie wieder sehen und Thore konnte er gut einige Zeit aus dem Weg gehen.

Er beschloss sich in den Schlaf zu flüchten, wenn er schon hier in seinem Bett lag. Sollten die zwei Verbrecher doch in seiner Wohnung machen was sie wollten, wenn sie schon so skrupellos und tiefgehend seine Intimsphäre verletzten. Schlimmeres konnten sie ihm eh nicht mehr antun.

 


 

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Teil 2