zurück zur Bibliothek

 

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Die goldene Blume"

 

 


 

Die goldene Blume.

 

Chris streckte sich gemütlich auf der Wiese aus. Der Himmel war strahlend blau und die Sonne schon angenehm warm, um sich hier im Schlosspark auf dem Rasen für ein paar Minuten zu entspannen.

In dem einen Jahr Auslandsaufenthalt an der Partneruniversität in Australien hatte er viel gelernt, nicht nur die Sprache. Er hatte neben den Uni-Projekten viel vom Land gesehen und neue Freunde kennengelernt. Diese wiederum haben gelernt, dass nicht alle Deutschen blond waren. Denn entgegen des Klischees jeder Deutsche hätte strohblondes Haar, war er mit schwarzen Wuschellocken gestraft. Die blauen Augen hatte er aber, genauso wie die hünenhafte Gestalt.

Es war eine tolle Zeit gewesen, dieses eine Jahr, und er würde sie niemals vergessen, zumal reger Kontakt über die Unis bestand, sowie privat über Facebook und E-Mails.

Seit er wieder da war, gab es viel Arbeit an seiner Abschluss-Uni. Er war aufgrund seiner Auslandserfahrung im Labor wie auch für Vorlesungen gefragt. Sogar zum Training fehlte ihm im Moment die Zeit.

Umso mehr genoss er die Mittagspause, die er sich heimlich aus dem Labor davonstehlen konnte, um sie hier in Ruhe mit sich und der Sonne und der bereits erblühten Frühlingwiese zu verbringen. Im Moment konnte er vorerst auf das Züchten von Grippevirenstämme verzichten, vielmehr sah er lieber zu, wie sich auf der Wiese bunte Krokusse, Schneeglöckchen und Narzissen vermehrten.

Der Park war trotz Woche sehr gut besucht. Eine Kindergartengruppe war spazieren und auf dem Spielplatz mit Holzburg und sandigem Anglerteich konnten die Kinder gut toben. Einige Hundebesitzer saßen unweit von ihm entfernt, während die felligen Begleiter gemeinsam über den Rasen tollten und Maulwurfhügel umbuddelten. Es waren sogar einige Jogger unterwegs und Seniorenrunden, die sich am See mit Brotkrumen für die Enten trafen.

Neben ihm summten Bienen in den Blüten und er lauschte auf das Stimmengewirr um sich her, als er die Augen nun ganz schloss und einfach die warme Sonne auf sich genoss.

***

Auf dem kleinen Kiesweg näherten sich ihm Schritte, die im Gegensatz zu allen anderen in weniger Entfernung stehen blieben. Es wunderte Chris ein wenig, doch weil nichts weiter geschah blieb er liegen und döste weiter. Nach einiger Zeit wurde er aber schon neugierig, warum die Person dort nicht weiterlief.

„Die Sonne ist schön warm und auf der Wiese hier genug Platz zum Sitzen. Du musst nicht im Stehen den Park bewundern“, brummte er mit einem Lachen in der Stimme. Na mal sehen, wer da antwortete.

„Der Ausblick ist aber von hier aus außerordentlich bemerkenswert“, antwortete ihm eine weiche Schokoladenstimme, ebenfalls heiter gestimmt. Sie war eindeutig männlich.
„Aber bei so einer Einladung sage ich nicht nein.“

Gleich darauf spürte Chris einen anderen Menschen nahe bei sich und wie dieser sich setzte. Kleidung raschelte, dann war es wieder still. Chris lauschte ein wenig auf den anderen Mann, roch ein frisches Parfum, und spürte eine gewisse Ruhe, die von dem anderen ausging. Es war angenehm ihn neben sich sitzen zu wissen. So schlummerte er tatsächlich ein wenig weg.


„Wenn du gar so müde bist, solltest du lieber ein richtiges Bett aufsuchen“, holte ihn die sanfte Stimme wieder zurück auf die Wiese. Klang sie besorgt?
„Ach, es geht schon. Ich habe heute nur zu viele Virenstämme gezählt und gelistet. Im Labor ohne echte Sonne ist das immer ein wenig anstrengend.“
„Labor? Ich hätte eher an die Sporthalle gedacht“, war der andere ehrlich überrascht.
„Nein. Zuerst Labor. Siehst du, hier ist die Brille“, hielt Chris das Beweisstück seines intellektuellen Berufes hoch, die er vorhin erst abgenommen hatte. „Und danach, wenn Zeit bleibt, der Fußballplatz.“
„Ah. Der Professor mit der obligatorischen Brille. So könntest du mich also gar nicht erkennen, auch wenn du die Augen aufmachst.“
„Man kann sich auch anders sehen, ohne Augen“, neckte Chris mutig. Mal sehen, wie der andere, der so gut roch, darauf reagieren würde.
„Dann will ich dir ein wenig von mir zeigen“, hörte es Chris nah an seinem Ohr. Leichter Atem flog über seine Wange hinweg, verharrte und als Chris sich nicht abwendete, sondern im Gegenteil sein Gesicht ein wenig mehr dem anderen entgegendrehte, spürte er die Lippen auf seiner Haut.

Er nahm einen Hauch von Vanille wahr und dann endlich berührten sich ihre Lippen. Eine Hand stützte sich auf seiner Brust ab und an seinem Arm krabbelten Haare entlang. Seine Finger verwoben sich in die erstaunlich lange und weiche Fülle und zogen ein wenig daran, sodass der andere noch näher kommen musste. Diese Lippen waren aber auch zu köstlich. Zu dem Vanillearoma kam noch Erdbeere hinzu und gleich darauf schob sich sogar ganz frech eine Zunge an seine Lippen und strich zärtlich daran entlang. Nicht fordernd oder mehr wollend, einfach kostend, probierend. Er ließ ihn gewähren und schmeckte dem Aroma nach, was er nicht sofort zuordnen konnte. Da war noch etwas zwischen Vanille und Erdbeere. Ein wenig Rum und – und Sahne. Erdbeersahne. Eine Sahneschnitte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Chris wusste nicht, wie lange sie so beisammen waren und sich küssten. Es war aufregend, aber auch ruhig und einfach schön. Irgendwann ließ der andere von ihm ab, gab ihm noch einen kleinen Kuss auf die Nase und verabschiedete sich einfach mit „bis bald“.

***

Den Geschmack von Erdbeerfruchttorte trug Chris den restlichen Tag über mit sich. Er strich mit seiner Zunge immer wieder über die Lippen. Es lenkte ihn derart stark ab, dass er seine Auswertung der neuesten Tabellen noch einmal von vorne anfangen musste, weil er alles Durcheinander brachte. Erst die einzelnen Zettel, dann die Tabellenspalten untereinander und als er auch noch beim Abspeichern den völlig falschen Ordner auswählte und plötzlich beim Kollegen der Baumrindenforschung in den Unterlagen kramte und sich wunderte wo seine Erkältungsvirenstämme hin verschwunden waren, beschloss er, seine Arbeit für heute ganz abzubrechen.

Es war noch zeitiger Nachmittag und perfekte Kaffeezeit. Er zog seine Zeitkarte durch den Scanner am Haupteingang und beschloss, die kleine neue Konditorei zu besuchen, die ihm eine Kollegin empfohlen hatte. Sie hatte erst vor kurzem neu geöffnet, war aber unglaublich gut und beliebt, wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte. In der kleinen Seitengasse neben dem Schloss fand er den Laden. Es war alles sehr edel hergerichtet. Außen war ein weißes Schild mit einer goldenen stilisierten Blume darauf. In Schreibschrift stand dazu „Die goldene Blume“. Seltsamer Name für eine Konditorei, fand Chris, aber wollte doch einmal probieren, was es an Naschwerk anzubieten hatte.

Innen war es genauso stilvoll, wie es die Tafel draußen vermuten ließ. Es war in den Farben Rot und Gold gehalten; Möbel und Regale gaben mit dunkelbraunen Holz einen hervoragenden Kontrast. Einige wenige kleine Tischchen standen an den Fenstern, die bereits alle belegt waren.

Chris trat an den Verkaufstresen heran, um sich die ausgestellten Leckereien anzuschauen. Es gab Pralinen in verschiedensten Varianten und riesengroße Rumkugeln. Daneben waren Muffins und Cupcakes in all ihrer bunten Vielfalt zu sehen. Sie erinnerten Chris ein wenig an die Frühlingswiese, mit der farbenreichen Blumenpracht. Dann kamen die Torten. Es gab Fruchtschnitten, Schokoladentartes und Sahneküchlein. Alles als kleine Tartelettes oder Petit Fours.

Er konnte sich kaum entscheiden. Ihm schwirrte Erdbeersahne und Vanille-Rum im Kopf umher. So bestellte er bei dem älteren Herrn, der ihn zuvor so herzlichst begrüßt hatte, eine Rumkugel und eine Erdbeer-Tartelette, die er mit sich in den Park nahm.

Es schmeckte himmlisch und als er rebellisch ein Stück Rumkugel und Erdbeersahne gleichzeitig in den Mund schob, hatte er genau den Geschmack gefunden! Ihm wurde klar, sein Unbekannter aus dem Park war zuvor hier auch vorbei gekommen. Mit sich und der Welt vorerst zufrieden, genoss er seine Leckereien bis zum Schluss und spazierten dann durch den Schlosspark nach Hause. Dort kramte er sich seine Sportklamotten heraus und freute sich auf eine ausgedehnte Trainingseinheit auf dem Fußballplatz.

***

Chris hatte sich gestern beim Training so verausgabt, dass ihm jetzt jeder Muskel wehtat, aber auch einen klaren Kopf hatte, um heute endlich die Auswertung vernünftig zu Ende zubringen. Er war bei guter Laune, pfiff ein Lied im Radio mit und ächzte gleichzeitig beim Aufstehen, als die Beine dabei schmerzten. Es sah wohl sehr komisch aus, denn seine Laborkollegen lachten ihn aus. Ihm war das egal, er war gut drauf, hatte einen Plan und freute sich auf seine Mittagspause.

Die war überraschend schneller da, als gedacht. Er hing den Laborkittel an einen Haken, machte sich in den Umkleiden noch mal etwas frisch, bevor er in die Stadt aufbrach. Er kam schon nach wenigen Minuten in der „Goldenen Blume“ an. Der ältere Herr von gestern stand wieder hinter dem Tresen und zwinkerte ihm zu, als er ihn begrüßte.
„Na. Wird die Entscheidung heute wieder so schwierig?“, fragte er neckend. Und tatsächlich. Diesmal gab es Orangenschnitten und Limettentörtchen. Zum Glück aber auch Erdbeerküchlein.

„Nein. Keine Sorge. Ich nehme das gleiche wie gestern, auch zum Mitnehmen wieder.“
Seine Bestellung wurde in der kleinen Pappschachtel sorgsam verstaut und auf seinen Wunsch gab es auch zwei Plastikgabeln dazu.
„Viel Vergnügen“, wünschte der Mann, dem deutlich klar war, dass Chris ein kleines Kaffeepicknick machen wollte.

Gemächlich spazierte Chris durch den Park, der genauso viele Besucher hatte wie gestern. Als er auf seinen Platz von zuschritt, sah er schon von Weiten eine Person dort liegen. Gold schimmerte ihm entgegen. Er wechselte vom Kiesweg auf die Wiese, um seine Schritte zu dämpfen und schlich sich näher.

Er war aufgeregt, stellte er fest, und fühlte sich dabei gleichzeitig albern aber auch glücklich. So sah also sein unbekanntes Kaffeedate aus. Er glaubte nicht, dass es jemand anderes war, der da so zufällig auf ihrem Platz lag. Vor allem waren es diese langen Haare, die den anderen Mann unverkennbar machten. Golden umrahmten sie ein hübsches Gesicht. Scharf gezeichnete Brauen, eine schmale gerade Nase, ein feiner Mund und ungewöhnlich helle Haut. Der ganze Mann wirkte fast unwirklich in der Sonne, wie er da so lag. Er hatte sich seine Jacke als Kissen gewickelt und schien wirklich tiefer zu dösen. Der Atem ging gleichmäßig langsam.

Chris kam näher und setzte sich schließlich neben den anderen in die Wiese. Seine kostbare kleine Schachtel stellte er vorsichtig neben sich ab. Noch eine ganze Weile lang blickte er einfach in das Gesicht des Mannes, der ihn gestern so frech geküsst hatte.

Dann bemerkte er eine dicke Hummel, die sich von der anderen Seite von Blüte zu Blüte hangelte und immer näher kam. Anscheinend wurde sie vom Goldschimmer der Haare angelockt. Sie brummte heran und langsam regte sich sein Picknick-Date. Chris fand es verlockend zuzuschauen, wie der andere erst leicht mit einer Hand wedelte, dann sich zu Strecken begann und langsam die Augen aufschlug. Ihn blendete wohl der wolkenlose Himmel und die Sonne. Er blinzelte mehrfach und dann erst wurde ihm bewusst, dass da nicht nur eine Hummel war, sondern auch jemand neben ihm saß. Er erschrak, riss die unglaublich tiefgrünen Augen auf und war schon in Fluchtbereitschaft, als er Chris endlich erkannte. Er lachte erst, dann lächelte er tief und kam ohne ein Wort der Begrüßung auf Chris zu und gab ihm einen Kuss. Für den er sich ganz schön strecken musste! Diesmal schmeckte Chris Orangen heraus.

„Hallo. Ich hatte gehofft, dich heute hier wieder zu treffen. Aber dass ich fest eingeschlafen bin, war nicht eingeplant.“ Chris leckte sich demonstrativ die Lippen, bevor er antwortete.
„Ich hatte genauso gehofft. Ich wollte dich nicht wecken, aber auch nicht so erschrecken.“
„Ach, schon gut. So bin ich wenigstens richtig wach.“
„Das ist gut. Ich habe eine kleine Leckerei dabei. Magst du etwas abhaben?“
Neugierig schaute der andere auf die Schachtel mit dem verschnörkelten Schriftzug, ehe er leise lachte.
„Wie kommst du denn zu diesem Laden?“
„Habe ich gestern entdeckt. Ich war jetzt ein Jahr im Ausland und bin erst seit einigen Tagen wieder da. Er muss irgendwann im letzten Jahr aufgemacht haben. Und er hat unglaubliche Köstlichkeiten.“
„Na, das hoffe ich doch“, sagte der Blonde und ließ sich bereitwillig von Chris ein erstes Stück Erdbeerkuchen in den Mund schieben.
„Ja, wirklich gut. Ich danke dir. Ich heiße übrigens Chrissi.“
Chris genoss auch ein Stück vom Erdbeerkuchen und musste lachen, als der andere endlich seinen Namen verriet.
„Und ich bin Chris. Nicht, dass man uns noch verwechselt.“
„Ich glaube nicht. Mein voller Name lautet Chrysant. Er ist in Deutschland nicht üblich. Ich habe ihn von meiner griechischen Mutter.“
„Ah. Interessant. Hat er auch eine deutsche Bedeutung oder Übersetzung?“, wurde Chris neugierig, als er Chrissi ein weiteres Stück Kuchen anbot und dieses Kaffeetrinken wirklich in vollen Zügen genoss.
Chrissi kaute erst einmal sein Stück Kuchen in Ruhe, bevor er antwortete.
„Ja. Er heißt Goldblume oder „die goldene Blume“ “, sagte er und blickte Chris dabei aufmerksam an.
Der hatte sich gerade im Anblick der köstlichen Lippen verloren und erst nach und nach begriff er, was Chrissi ihm da sagte. Dann aber verstand er!
„WAS! Der Laden gehört dir?“
Chrissi lachte ihn an und nickte.
„Er gehört nicht nur mir, ich habe auch das gemacht, was wir gerade essen. Ich hoffe, es schmeckt dir noch immer so gut.“

Chris schluckte und verarbeitete das Gesagte. Dann stellte er den restlichen Kuchen beiseite, ehe er einen leise aufschreiend Chrissi einfach umwarf und unter sich begrub. Er fand die verführerischen Lippen und verschloss sie für einen wilden, berauschenden Kuss mit all den Aromen und frischen neuen aufregenden Gefühlen, die er seit gestern in seinem Herzen mit sich trug.

Es war schön, wieder in der Heimat zu sein...

Ende.

(22.3.2015)