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Der Wind spielt mit den fünf langen, schlanken Röhren. Silbern bemalt sind die filigranen Stangen und hell klingen die Töne wider. Von weit oben wehen sie herab und zeigen mir, wie frei sie sind, zu spielen das Silber, zu klingen die Töne und zu rauschen der Wind, wo ich nicht bin und nicht sein kann. So genieße ich das Wissen um die Freiheit und lebe, halte inne, wenn es dem Wind gefällt, mir erneut ein Lied zu spielen.

 

Mir stetig Lieder zu zaubern, mich zu umgarnen und die Sehnsucht zu treiben, voran, weiter, weiter, hinaus und weg – bis ich es nicht mehr ertrage und ich falle. So tief und weit. Mit der Angst meine Seele zu verlieren.

 

Ohne Angst, sanft aufgefangen vom Wind – und endlich fliege ich mit ihm. Anders als ich es dachte. Jeder Wind eine Seele ist. Jeder Wind anders ist, jede Seele anders ist. Ein Wind, der sanft über die Menschen hinweg streicht. Sich liebevoll über die grünen Berge hinweg bewegt. Ein anderer Wind, der hart und stark, mit Gefühlen des Zorns, Länder zerstört und Menschen das Obdach nimmt.

 

So begleite ich über Zeiten hinweg die Winde, bin frei und liebe es, den Menschen und Tieren eine kühle Brise zu bringen an heißen Tagen. Andere Winde zeigen mir entfernte Länder, neue Länder, neue Menschen. Sehe neue Dinge, sehe den Fortschritt, sehe auch das Leid, das einige entstehen lassen und andere bekämpfen.

 

Die Zeit geht dahin, ich merke es kaum.

 

Am liebsten bin ich an jenem Ort, wo ich dem kleinen Jungen abends ein Lied spielen kann. Da streiche ich sacht durch die fünf langen, schlanken Röhren, lausche auf das vergnügte Lachen, später auf das leise Seufzen, wenn er mir zuschaut, wie ich mein Instrument zum Klingen bringe. Je länger er mir zuschaut, desto mehr fühle ich eine neue Empfindung in mir. Sie ist doch schon so alt und ich merke, dass es nicht der Wind war, der mich lockte vor langer Zeit.

 

Doch ich kann nicht zurück. Bin körperlos und doch gefangen. Und die Sehnsucht nach diesem Menschen macht mich energisch und stark. Immer öfter spiele ich ein Lied für ihn, möchte ihm erzählen, wie gern ich bei ihm wäre. Immer öfter spiele ich unser Lied, und heftiger. Die Wolken fühlen sich in ihrer Ruhe gestört, drängen sich ängstlich zusammen, verdichten sich. Ich habe kein Mitleid, ich jage sie und spiele gleichzeitig das Lied. Ich rufe und schreie, übertöne das Schluchzen der Wolken. Wirble warme Sommerluft auf, jage auch diese, vertreibe die Ruhe, scheuche die jungen Wolken – bis sie endlich weinen, so heftig und stark, dass es mein lärmendes Tosen überdeckt. Und der Himmel über mir grollt, ist zornig, dass ich seine Kinder so verletze. Ein gleißender Blitz soll mich vertreiben, die Energie soll mich verletzen – fängt mich ein, zieht mich hinab zur Erde ohne Rücksicht. Schlägt ein im Boden, getränkt von Tränen der Kinder.

 

Ich fühle ... mir ist kalt.

 

Ich höre ... ein leises Grollen, weit entfernt.

 

Ich sehe ... alles grau, nass.

 

„Komm, Mädchen. Setz dich auf. Ich habe eine Decke für dich.
Du erkältest dich sonst noch. Das war heute ein harter Sturm.
Doch jetzt ist es vorbei. Die Nacht ist endlich friedlich.“

 

(02.02.2005)