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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Der blaue Diamant - Teil 3"


Adyar war komplett durchgefroren, als er wieder in der Gastwirtschaft ankam. Um keine Gäste oder Bedienstete aufzuwecken, schlich er extraleise durch den Gastraum und die Treppen hinauf. Er verwendete auch seinen Schattenzauber. Immerhin wollte er niemanden aufmerksam machen, dass er nachts irgendwo herumstreunte.

Vorsichtig setzte er den Eisfuchs auf dem Bett ab, wo sich Rikou gleich dazugesellte, dann aber schlüpfte er aus seinen eigenen nassen, fast schon steif gefroren Sachen.

Er nieste! Na toll. Hatte er sich jetzt auch noch eine Erkältung eingefangen? Er suchte sich schnell ein paar trockene warme Sachen und schlüpfte in ein kaftanartiges Kleidungsstück mit weiten Ärmeln, dass hier die meisten Menschen trugen.

Er zündete ein kleines Licht an, vor allem um seine kalten Finger daran zu wärmen. Dann kümmerte er sich um seinen neuesten Fund. Der Fuchs war während der kurzen Reise überraschend ruhig gewesen und hatte nur ab und an leise gefiept. Er schien also kein Wildtier zu sein. Andererseits war Rikou die ganze Zeit dabei. Auch jetzt saß das Eichhörnchen dicht beim Fuchs und versuchte ihn aufzumuntern.

"Dann zeig mal, wo du verletzt bist. Gleich hole ich dir auch was zu futtern. Wenn ich nur wüsste, was du mögen könntest", sprach Adyar leise mit dem Fuchs, auch um sich selbst von der ganzen Situation etwas abzulenken. Dass er diesen Brief gefunden hatte, war schon außergewöhnlich und sehr aufreibend.

Der kleine Fuchs reagierte aber sogar auf seine Worte, rollte sich auf die Seite und Adyar sah eine Wunde am Bauch. Es war viel Blut auf dem weißen Fell.
"Ich muss da direkt ran. Ich sehe sonst nicht, wie schwer die Wunde ist. Es wird vielleicht wehtun", erklärte er dem Fuchs, der daraufhin nur die Augen zukniff. Wie ein Mensch, dachte Adyar und schob das Fell zur Seite. Da war eine Schnittwunde. Doch er sah, dass es gar nicht mehr blutete, die Wunde schon verkrustet war und also gar keine akute Gefahr mehr bestand.
"Die Wunde ist gar nicht schwer. Ich kann sie sauber machen und dann binden wir dir ein Tuch mit Heilkräutern darum. Dann wirst du ganz schnell wieder gesund." Er wuschelte dabei dem Fuchs über die kleinen Ohren und lachte.

Der Fuchs fiepte verwirrt und ließ den Elfen machen.

*

Wie versprochen, versorgte Adyar zuerst die Wunde, dann schlich er noch einmal hinunter in die Küche. Was aß ein Eisfuchs so? Natürlich Fleisch, klar. Ob er auch Obst oder Beeren mochte? Wie Rikou? Er packte sich einfach von allem etwas ein. Es würde schon nicht verderben. Rikou verspeiste eigentlich alles… und Adyar selbst hatte auch Hunger. Er ließ einige Klimpermünzen zurück, damit der Koch sich nicht bestohlen fühlte, und eilte mit seiner Beute zurück. Er hatte sogar noch eine Schale gefunden, die er mit Wasser füllen konnte. Der Fuchs stürzte sich regelrecht auf das Essen, Rikou schnappte sich auch etwas. Nur Adyar hatte plötzlich keinen Appetit mehr. Die Augen wurden immer schwerer und er gähnte. Dann hustete er. Ganz sicher hatte er sich eine Erkältung eingefangen.

"Hey, iss nicht zuviel auf einmal. Ich weiß, du hast Hunger, aber dein Magen wird eine zu große Menge nicht vertragen. Nicht dass du nachher Bauchweh hast", machte er sich um den Fuchs sorgen. Der schaute ihn auch gleich nachdenklich an. Dann nahm er noch einen Bissen und legte sich wieder hin, beobachtete Adyar, wie er das Bett freiräumte, damit sie schlafen konnten.

Er nahm eine Decke und drehte eine Art Nest daraus, damit es der Fuchs gemütlich hatte und legte sich noch mit drum herum, zog die zweite Decke fest über sich. Eigentlich hatte er vorhin noch gedacht, er könne zum Aufwärmen ins heiße Badebecken steigen, aber nun war er einfach viel zu müde dafür.

Er löschte noch das Licht, zog den Fuchs ein wenig näher, streichelte auch nochmal Rikou, der sich dazwischen quetschte. Dann schlief er auch schon tief und fest.

*

Als Adyar am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich nicht besser. Seine Nase war dicht, in seinem Kopf war ein unangenehmes dumpfes Pochen. Er schlug die Augen auf und brauchte ein paar Sekunden, um klar und deutlich sehen zu können. Die blasse Sonne des Wintertages leuchtete matt zum Zimmer herein und ließ alles in einem düsteren Zwielicht erscheinen.

Im Zimmer regte sich etwas. Ach ja. Er war gestern Nacht auf Beutezug gewesen und hatte neben dem Diamanten auch einen Brief, eine Silberkette und ein weißes befelltes Lebewesen mitgebracht. Dem Fuchs schien es weitaus besser zu gehen. Er saß nämlich auf dem Boden und hatte die Schnauze in der Wasserschale versenkt. Das restliche Fleisch und das Obst waren auch verputzt.

Rikou war nicht zu sehen; sicher war er unterwegs, um irgendwo Unfug anzustellen.

"Na, wie geht es dir?", fragte Adyar den Fuchs. Gleich drehte dieser sich zu ihm um und kam langsam und vorsichtig zurück auf das Bett, wo er sich gleich fallen ließ.
"Es scheint schon besser zu sein. Aber ganz gesund bist du noch nicht. Aber mit ein wenig Zeit und Ruhe wird das schon wieder", versprach er und strich durch das weiche Fell am Kopf. Es war so anders als das Fell seines Eisbären. Noch sehr viel weicher und feiner.

Er hustete. Ihm ging es nicht besser. Aber er hatte zu tun. Er musste mit dem Fuchs einmal hinaus. Sicher musste das Tier sich erleichtern, außerdem musste er den Diamanten zu Kazuhiro bringen. Immerhin sollte es doch Askils Geschenk werden und da sollte es etwas Besonderes sein.

"Kannst du noch für ein paar Minuten im Zimmer bleiben?", fragte er und begann sich tagestaugliche Kleidung anzuziehen. Seine gemütliche, engsitzende Lederkleidung, die er am liebsten zu seinen Beutezügen anzog, war noch immer nicht ganz trocken.

Der Fuchs nickte und schaute zu, wie Adyar sich umzog.

"Gut, ich gehe nur eben schauen, ob die Küche ein Frühstück hat. Dann bin ich gleich wieder da und wir gehen hinaus", erläuterte er seinen weiteren Plan.

Unten in der Gaststube fragte Adyar nach einem Kräutertee. Der war hier nicht schwer zu bekommen, denn Tee war in dieser Gegend sehr beliebt und in vielfältigen Mischungen zu erhalten. Dazu gab es warme Suppe. Für Adyar auch recht ungewöhnlich. Suppe aß er sonst nicht zum Frühstück, aber sie schmeckte ihm und tat seinem rauen Hals gut.

Als er später die Wirtschaft verließ, tarnte er sich zusätzlich mit seinem Schattenzauber. Den Fuchs hatte er unter dem warmen Winterumhang gut versteckt. Sie wurden gar nicht weiter bemerkt, als sie nach draußen gingen.

Auf dem Weg zu Kazuhiro wurden sie von Rikou eingeholt und auch für den Fuchs gab es ein wenig Buschwerk, wo er seinen privaten Dingen nachgehen konnte. Er versuchte sogar eine gewisse Strecke selbst zu laufen, aber so gut ging es ihm noch nicht. Adyar nahm ihn wieder auf und verbarg ihn sicher unter dem Umhang, dass nur noch die Öhrchen und das Schnäuzchen ein wenig herauslugten.

Kazuhiro freute sich Adyar wiederzusehen. Stolz erzählte er, dass er gestern Abend mit viel Erfolg die zwei geschnitzten Edelsteine verkauft hatte. Er hatte Blumen aus den Steinen gearbeitet und er konnte gar nicht so schnell schauen, wie die Besucher in der Gastwirtschaft sie ihm abgekauft hatten.

Das freute Adyar sehr und da sie schon einmal beim Thema waren, zog er den Beutel mit dem Diamanten hervor.
"Du hast etwas für mich dabei", schlussfolgerte Kazuhiro, als er Adyar zusah. Dabei entdeckte er auch das weiße Fell unter dem Umhang.
"Oh, und du hast noch einen weiteren Besucher dabei?"
"Hmmmm, ja. Habe diesen kleinen Fuchs gestern verletzt gefunden. Er wirkte recht zutraulich, daher habe ich ihn mitgenommen und hoffe, dass er wieder gesund werden kann."
"Das war richtig so. Eisfüchse sind selten. Man muss auf sie aufpassen. Du bist wirklich ein guter Mensch - äh, Elf, meine ich." Sie lachten. Adyars Hals reizte es zum Husten und nur wenig später hatte er von Kazuhiro einen Tee bekommen.

Auch Rikou bekam einige Walnüsse, die er gleich mit Begeisterung knackte, und sogar der Fuchs erhielt etwas Fleisch und frisches Wasser. Als nun alle versorgt waren, fragte er neugierig nach dem Inhalt des Beutelchens.

"Mach nur auf", forderte Adyar und konnte sehen, wie sehr die Augen des Schnitzers glänzten, als er den teuren Stein erblickte.
"Das ist ein echter Diamant! Und er ist so wunderbar geschliffen. Willst du ihn mir verkaufen? Das kann ich mir nicht leisten."
"Nein. Ich möchte, dass du daraus etwas schnitzt", erklärte Adyar.
"Aber ~ er ist doch schon so wunderschön…"
"Ja. Ich weiß. Aber ich möchte, dass du mir eine Figur daraus schnitzt. Und zwar einen Eisbären. So groß wie möglich. Stücke und Splitter, die übrig bleiben, kannst du behalten."

"Das ist viel zu viel. Schon wenn ich nur ein kleines Stück von diesem Diamanten behalten sollte, wäre das mehr als was ich dir in Lohn stellen wollte."
Adyar überlegte.
"Dann versuche doch aus einem Stück noch einen Wolf zu machen, aber als Schmuckstück. Gerne auch ein Silberanhänger und die Steine als Verzierung." Das wäre doch ein herrliches Geschenk für Liran, der doch seinen Wolf so sehr liebte, wie Adyar seinen Eisbären.

"In Ordnung. So machen wird das", willigte Kazuhiro ein und gab Adyar die Hand. "Bis wann soll es denn fertig werden?"
"Ich hätte es gerne bis zum Feuerfest. Ist das denn möglich?"
"Da habe ich ja zwei Tage Zeit. - Die anderen Gäste müssen warten. Ich werde deines zuerst machen…", bestimmte Kazuhiro und war schon dabei, mit einem Stück Kohle Skizzen auf Papier zu machen. Dabei murmelte er vor sich hin und war ganz in seiner eigenen Welt versunken.

Adyar lächelte nur, trank seinen Tee aus und ließ den eifrigen Künstler allein.

Mit dem Fuchs unterm Mantel, erreichte Adyar wieder sein Zimmerchen. Es ging ihm nicht wesentlich besser als heute Morgen, doch er fühlte sich soweit in der Lage, das Badehaus aufzusuchen. Er brauchte das heiße Wasser.

Der Fuchs ließ sich auf das Bett setzen, wühlte sich aus den Decken wieder ein Nest, legte sich hinein und schob die Nase unter den buschigen Schwanz. Schon nach kurzer Zeit regte sich nichts mehr. Er schlief. Rikou kuschelte sich einfach dazu.

Adyar dagegen machte sich auf in sein wohlverdientes heißes Bad.

 


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