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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Der blaue Diamant - Teil 2"


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Adyar hatte noch nie so eine Wohnanlage gesehen. Er kannte die von Menschen erbauten Schlösser oder trutzigen Burgen, aber eine derart fremdwirkende Bauweise hatte er noch nicht gesehen. Natürlich ähnelte sie in etwa den einfachen Häusern oder dem etwas aufwendigerem Gasthaus im Dorf, aber eigentlich sah dieses riesige Wohnhaus dem kleinen Altar im Park am ähnlichsten.

Es war ein großflächiges Wohnhaus, das zusätzlich drei Etagen hatte. Die einzelnen Geschosse wurden durch vorragende Gesimse getrennt. Diese Pagoden waren zudem reich verziert, die Balken aufwendig geformt und geschnitzt. An jeder Ecke unter den Dächern der Pagoden hingen Glöckchen. Wohl um Vögel zu vertreiben, aber auch für Adyar war dies ein Hindernis.

Dass sich der Hausherr im Prinzip in einen Tempel zum Wohnen niederließ, in dem sonst Götter angebetet wurden, zeigte deutlich, was das für ein Mensch war. Er musste wahrlich ein überragendes Selbstwertgefühlt haben, wenn er glaubte, ein Gott zu sein.

Aber auch er war nur ein Mensch, der sich schützen wollte. So entdeckte Adyar mehrere Wachen, die um das Gebäude patrouillierten. Der lichte Garten um das Wohnhaus bot so schon nicht genug Deckung und dazu die Wachen. Außerdem hatte man in der umwölkten Nacht reichlich Fackeln und Laternen entzündet, um den Garten gut zu erleuchten. Das war also nicht so einfach. Adyar hatte aber das Wetter auf seiner Seite. Da es dicken Flocken schneite, bevorzugten die Wachen es, in den bereits ausgetretenen Wegen zu bleiben. Das hatte für Adyar den Vorteil, dass er die Wege der Wachen genau erkennen konnte und sich eine etwas sichere Ecke suchte.

Er schlich also, verborgen zwischen Bäumen, einmal um das Wohnhaus herum. An der Hinterseite entdeckte er einen See mit Brücke und einigen großzügigen Sträuchern und einem herrlichen Ahornbaum. Dies war der sicherste Zugang zum Haus. Die breiten Äste zweigten sich weit und gaben Adyar die Möglichkeit, direkt in der zweiten Etage einzusteigen. Nachdem, was er erfahren hatte, war der Schatz in den Privatgemächern ausgestellt, die sich im obersten Stockwerk befanden.

"Also los", murmelte er sich und Rikou leise zu. Natürlich hatte er das Eichhörnchen dabei. Der Nager würde sich doch keinen Diebeszug entgehen lassen. Adyar entledigte sich noch seines warmen Mantels, versteckte ihn unter Schnee. Er würde hier wieder vorbei kommen und ihn mitnehmen. Für den Einstieg aber brauchte er Bewegungsfreiheit, auch wenn es ihn jetzt schon wieder fror. Er war eindeutig kein Elf für kalte Gegenden. Er war ja auch kein Schneeelf.

Er wartete noch den Moment ab, in dem der eine Wächter vorne um die Ecke verschwand und der andere drüben noch nicht ganz herum war. Er tarnte sich zusätzlich mit seiner Schattenmagie und huschte so lautlos und ungesehen über die kleine Brücke und zum Baum. Er hatte seine Eisenkrallen wieder dabei und kam damit schnell und geschickt den Baum hinauf. Von dort war es leicht hinüber auf das Haus zu gelangen.

Endlich auf dem Pagoden-Dach angekommen, suchte er sich eines der kleineren unbeleuchteten Fenster und ließ Rikou schnuppern. Zweimal mussten sie weitersuchen, denn Rikou zeigte ihm an, dass dahinter Menschen waren. Sicher schliefen sie tief und fest, aber man musste ja keine unnötigen Risiken eingehen.

Das dritte Fensterchen war sauber. Adyar knackte das einfache Schloss in Windeseile und schlüpfte sicher hindurch. Was für ein Glück er hatte. Er war direkt im Treppenhaus gelandet. Er lauschte, hörte aber niemanden und schlich sich nach oben in die oberste Etage.

Hier hatte er nun die Qual der Wahl. Er kannte sich nicht aus, musste also in jedes Zimmer einmal hineinschauen. Vorsichtig schob er die bewegliche Wand, die in diesem Land als Tür genutzt wurde, zur Seite, und blickte in ein großzügiges Schlafzimmer. Ein leises Schnarchen verriet, dass der Herr des Hauses in seinem teuren Himmelbett schlief.

Hier also nicht. Er musste das Arbeitszimmer finden. Dort soll der Diamant in einer kleinen abgeschlossenen Vitrine liegen. Er schob die Tür wieder zu und krabbelte rüber auf die andere Seite des Flures. Die Tür sah identisch aus, als er sie aber aufschob, erblickte er das erhoffte. Ein niedriger aber breiter Tisch stand in der Mitte des Raumes und war sehr ordentlich sortiert.

Er ließ Rikou von seiner Schulter klettern und gab ihm die Möglichkeit, einmal das Zimmer nach seinen Vorlieben zu erkunden. Er selbst musste gar nicht lange suchen. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Schatulle. Sie war sehr hübsch; aus Glas und Silber gefertigt, sodass man den Inhalt von allen Seiten bewundern konnte. Und was man darin bewundern konnte, ließ Adyars Herz höher schlagen. Es war der blaue Diamant. Er sah herrlich aus. Auf schwarzem Samt gebettet, leuchtete er wahrlich wie ein echter Eiskristall.

Er hatte auch das Kästchen schnell geknackt und den Diamanten in einer unscheinbaren Ledertasche an seinem Gürtel verstaut. Jetzt erst hatte er auch Augen für die restlichen Dinge auf dem Schreibtisch.

Er blätterte einige Unterlagen durch und überflog Schriftrollen. Dabei huschten seine Finger über die glatte Holzplatte des Tisches und verharrten schlagartig über einer Stelle, die eine kleine Einkerbung aufwies. Er zog einen Dolch aus seinem Haarkamm hervor, schob in darunter und hebelte eine Klappe auf. In dem schmalen Fach waren ein einzelner zusammengefalteter Zettel und ein Schmuckstück darin verborgen. Der kleine Anhänger hatte keinen großen materiellen Wert; es war Silber, kaum verziert. Eine Schlange oder ähnliches konnte man erkennen. Er ließ ihn trotzdem in seiner Tasche verschwinden.

Der Inhalt des Zettels gab Adyar zu denken. Es war die Bestätigung, dass der Auftrag verstanden wurde und demnächst ausgeführt werden würde. Nun, es hätten auch reine Aufträge zu einer Warensendung oder was auch immer sein können, wenn Adyar die Unterschrift nicht seltsam bekannt vorgekommen wäre. Es war mit einem verschnörkeltem "D" unterschrieben. Das hatte er schon einmal gesehen, nämlich in dem Brief, den Liran bei Lord Korskov gestohlen hatte.

DAS war doch kein Zufall! Sollte dieser Hotaka hier mit Lord Korskov unter einer Decke stecken? Oder war es nur zufällig der gleiche Attentäter? Besser gesagt, deren Boss. Er faltete den Zettel wieder zusammen und steckte auch ihn ein. Dann verschloss er wieder sorgfältig die Klappe. Es wurde Zeit, von hier zu verschwinden. Er streckte sich und hielt Ausschau nach Rikou.

Er fand ihn vor der in diesen Gebäuden üblichen Bildnische. Diese war allerdings mit einem Vorhang abgetrennt. Er nahm nur einen leicht tierischen Geruch wahr und zog forsch den Stoff beiseite. Dort, wo sonst ein kunstvolles Blumengesteck ausgestellt wurde, stand nun ein Käfig. Adyar erkannte zuerst nur weißes Fell und dachte an eine große Katze. Dann aber sah er, wie sich das Tier regte und eine spitze Schnauze, spitze Öhrchen und kohlrabenschwarze Knopfaugen ihn anschauten. Es war ein Fuchs, ein Eisfuchs.

Erst nur hörte er ein Grollen, dann ein erschrockenes Bellen. Es kam Bewegung in das ganze kleine Tier und gleich wurde die Schnauze durch das Gitter geschoben und leise gewinselt. Rikou eilte direkt hinzu und schob sein Schnäuzchen an die Nase des Eisfuchses und fiepte auch. Adyar musste nicht lange nachdenken. Diesen weißen Fuchs würde er nicht hierlassen. Er kam ganz heran und knackte das Schloss am Gitter. Der Eisfuchs schaute interessiert zu und stupste Adyars Hand an, als er nach dem Fuchs langte. In diesem Moment sah Adyar das Blut. Das weiße Fell war am Bauch ganz rot. Also war das Tier irgendwo verletzt. Außerdem war es ganz mager. Sicher hatte es Hunger und Durst.

"Wir verschwinden von hier", erklärte er leise und der Eisfuchs zuckte mit einem Ohr, ließ sich ruhig auf den Arm nehmen und tragen. Adyar zog den Vorhang wieder zu, damit nicht sofort auffiel, dass etwas fehlte und machte sich dann wieder auf den Weg nach draußen.

Rikou hüpfte an ihm vorbei und schnupperte in das Treppenhaus. Da war alles ruhig. Unbehelligt kam Adyar durch das Fenster auf das Dach und schaffte es auch mit seiner felligen Last, den breiten Ast sicher zu überqueren. Nur den Stamm herunterkommen war eine schwierige Angelegenheit. Seine Schulter war noch nicht wieder ganz hergestellt; bei besonderer Belastung spürte er noch Schmerzen. Also musste er den anderen Arm zum Klettern verwenden.

Es klappte ganz gut, Adyar hatte auch die Wächter im Blick, die nach wie vor unbeirrt ihren ausgetretenen Wegen folgten. Nur noch ein paar Zentimeter und er hätte den Boden erreicht. Er fühlte schon feste Beschaffenheit und ließ vom Baum ganz los. Doch er hatte sich zu früh gefreut. Es war nur eine Wurzel des Baumes gewesen. Er rutschte weg, verlor den Halt und schlidderte in den See. Dabei durchbrach er sogar eine dünne Eisschicht. Er konnte sich geradeso an einem Strauch festhalten, um nicht vollständigen im Eiswasser zu versinken. Jetzt stand er bis zu den Hüften im eisigen Nass und versuchte keine weiteren Geräusche zu verursachen.

So kalt es ihm war, er hatte Glück gehabt. Die Wächter hatten nichts bemerkt. Bibbernd suchte er sich einen Weg heraus und wurde von Rikou mit sachtem Ohrenknabbern motiviert. Er fand den Weg von vorhin und erreichte die sichere Baumgrenze des Waldes; fand sogar seinen warmen Mantel direkt wieder. Er schüttelte ihn vom Schnee frei und legte ihn dicht um sich, wickelte so auch den Eisfuchs mit ein und als er die Kapuze hochschlug, war von Rikou auch nichts mehr zu sehen.

 


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