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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Der blaue Diamant - Teil 1"


Adyar seufzte wohlig auf und lehnte sich zurück. Das warme Wasser, das einer heißen Quelle entsprang, war herrlich und der Blick auf schneebedeckte Hügel drum herum einmalig. Die Berge rahmten das kleine verschneite Dörfchen Yukimura ein und boten so Schutz vor Unwetter. Dicke schwere dunkle Schneewolken sammelten sich da oben, hingen schwer an den Spitzen der höchsten Berge, und hier im Dorf fielen nur noch einige feine Schneeflocken. Sie drudelten leicht vom Himmel. Sein Ohr zuckte, als eine Flocke darauf landete; die Silberringe klingelten leise.

Er hatte schon in vielen Gewässern gebadet, aber dieses heiße Bad in natürlichem Felsenbecken unter freiem Himmel war einzigartig. Er hatte sich weiter hinten in eine kleine Nische zurückgezogen, wo er für sich war, aber seine Umgebung gut im Blick hatte. Er hatte viel Zeit, planschte daher schon eine ganze Weile im warmen Wasser und hatte auch nicht vor, so bald wieder ans Trockene zu kommen. Denn Adyar war allein, sein Eisbär unterwegs. Und zwar da oben im Gebirge, wo sich die dicken Wolken zwischen den Höhen festgesetzt hatten.

Vor wenigen Tagen hatten sie sich in der großen Gastwirtschaft ein Zimmerchen gemietet, nachdem Adyar gehört hatte, dass es hier, mitten in den Bergen und dem eigentlich kleinen Dörfchen, heiße Quellen zum Baden gab. Wie konnte Askil auch diesen Wunsch seines badeverliebten Elfen abschlagen? Und nachdem sie dem Gastwirt glaubhaft versichert hatten, dass Adyar kein mordlüsterner Dunkelelf, sondern einer der legendären Nebelelfen war, und er mit Askil den berühmten Söldner "Eissturm" als Gast empfangen durfte, wurden sie auch mit ausgesuchter Höflichkeit willkommen geheißen.

Es war eher Zufall, dass sie zu diesem Dörfchen gekommen sind. Askil hatte eigentlich eine andere Reiseroute zur Residenzstadt im Sinn, doch Liran hatte ihnen diesen Weg empfohlen, da er zwar durch bergiges Land ging, aber um weit zwei Reisewochen kürzer war.

Adyar hatte sich nur schwer von Liran, Lord Vincent und allen anderen im Schloss verabschieden können. Während seiner Zeit dort, hatte er alle lieb gewonnen. Sogar den jungen Ritter Gavin mochte er, nachdem er festgestellt hatte, dass dessen Lobpreisung wirklich ernst gemeint war.

Er hatte mit Liran viel Spaß gehabt, nachdem auch dieser endlich das Bett verlassen konnte. Sie hatten sich im Anschleichen geübt. Was bei dem jungen Wolf Richard und dem Ritter Gavin fast ein Kinderspiel war, wurde bei Lord Vincent und Askil zu einem Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder versuchten sie es. Wenn Adyar von Askil entdeckt wurde, griff sich Askil in seiner tierischen Form einfach seinen Elfen und schleckte ihm zur Strafe ordentlich das Gesicht ab.

Liran erleidete ein ähnliches Schicksal. Zum Glück war die Zunge eines Wolfs nicht ganz so groß. Anschließend konnte man beide Elfen gemeinsam in der warmen Wanne finden.

Adyar lächelte, als er an diese Zeit zurückdachte, die noch gar nicht so lange her war. Aber sie waren jetzt schon ziemlich weit gereist und lange Tagesmärsche von der kleinen Grafschaft entfernt.

Es waren Tage, die sie mit wenig Komfort im Freien übernachtet hatten oder in sehr einfachen Unterkünften, die manchmal noch nicht einmal ein richtiges Bett bieten konnten. Nur Stroh in einem Heulager. Askil war solche Entbehrungen gewohnt und gab sich schon mit wenig zufrieden. Adyar dagegen wünschte sich immer mehr ins Schloss zurück. Er schimpfte sich selbst einen Weichling und je länger sie in so abgelegenen Gegenden unterwegs waren, umso unleidlicher wurde er.

So also hatte Askil rigoros in dieser guten Gastwirtschaft das Zimmer gleich für mehrere Tage bezahlt und damit ein Strahlen in den Augen seines Elfen hervorgezaubert.

Doch kaum hatten sie es sich gemütlich gemacht, wurde Askil von einer kleinen Reisegruppe angesprochen, die ausgerechnet jetzt im Winter über die schneebedeckten Berge auf die andere Seite ins Nachbarland wollten. Es waren einige junge Geschäftsmänner und ein Waldläufer als ihr Führer. Zudem warteten im Stall noch einige Mulis mit Waren aller Art. Der Waldläufer hatte bisher für eine problemlose Reise gesorgt, traute sich eine Führung über die Berge bei diesem Wetter aber nicht zu und so wurde Askil um Hilfe gebeten.

Askil schlug die Bitte vorerst knurrend aus. Selbst er konnte kein sicheres Reisen über die Berge bei Winter garantieren. Doch die jungen Herren wollten partout die Reise nicht aufschieben und als Askil zusätzlich ein kleines Säckchen voll Klimpergold in die große Pranke gedrückt bekam, stimmte der Eisbär zu.

Er gab den Beutel an Adyar weiter. In den Bergen brauchte er so etwas nicht.
"Genieße dein Bad. Ich komme in wenigen Tagen wieder. Stell' keinen Unsinn an", brummte Askil und gab Adyar einen Kuss in die hochgesteckten Haare; zog den Duft seines Elfen tief ein. Dann langte er nach seinem Fell und dem Breitschwert und ging davon. Die kleine Gruppe und ein halbes Dutzend Mulis im Schlepp.

"Tja, Rikou. Jetzt sind wir allein", sprach Adyar zu dem Eichhörnchen, dass abwartend auf dem Bett saß. "Was machen wir denn jetzt?"
Rikou legte den Kopf schief und fiepte.
"Ja. Genau! Ich gehe baden und du kannst ja mal schauen, was du noch zu futtern findest. Check mal die Gastwirtschaft aus…", gab er Rikou einen Spionageauftrag. Sogleich war Rikou auf und davon.

Adyar erkundete also das heiße Bad und Rikou turnte durch die Anlage und war auch bald als Adyars Begleiter bekannt, sodass er nicht mehr verscheucht wurde. Vor allem, als er dem Koch einige Nüsse geklaut hatte, aber später mit einer Silbermünze zurückkam, war er allseits gern gesehen.

*

Am zweiten Tag hatte sich Adyar - gut in warme Kleidung eingemummelt, dass sogar die spitzen Ohren unter einer Kapuze verschwunden waren - mit Rikou aufgemacht und war durch das kleine Dörfchen spaziert. Den Leuten, denen er begegnete, waren entweder Reisende, die direkt auf den Weg zum Gasthaus waren, oder Menschen, die hier wohnten. Die Einwohner waren höflich aber zumeist sehr zurückhaltend. Obwohl viele Menschen unterwegs waren, war es ruhig und friedlich in Yukimura.

Es gab ein paar wenige Läden für Kleidung und Nahrung und mit Dingen für den alltäglichen Bedarf. Er entdeckte einen Schmied und ein kleines Lokal, in dem ausschließlich Nudeln in verschiedenen Suppen serviert wurden. Er kaufte eine kleine Portion und fand sie äußerst schmackhaft. Für Rikou gab es sogar eine Schale einer klein geschnittenen Frucht, die für längere Haltbarkeit in Sirup eingelegt war. Adyar kannte sie nicht, aber dem kleinen Nagetier schien es gut zu schmecken.

Eine kleine Parkanlage lockte Adyars Aufmerksamkeit. Es war ein sorgfältig angelegter Garten mit einem kleinen See, über den eine hübsche Bogenbrücke verlief. Die Wege waren von Kirschbäumen gesäumt. Bestimmt sah es herrlich aus, wenn sie im Frühling in voller Blüte standen. Der Schnee war ordentlich beiseitegeschoben, so dass man bequem gehen konnte. In der Mitte des Parks fand Adyar ein kleines offenes Häuschen. So ein hübsch verziertes Gebäude hatte er im ganzen Dorf noch nicht gesehen.

Es war eine kleine, aber zweistöckige Pagode mit einigen Nischen für Laternen. Er trat ehrfürchtig näher, denn ihm wurde schnell bewusst, dass dies eine Art Schrein oder Altar sein musste. Langsam stieg er die wenigen Stufen hinauf und lugte in den offenen Raum hinein, der nur ein paar wenigen Menschen Platz bot. Man sah gar nicht viel. Der Raum war mit einem glatten Holzfußboden ausgestattet. Dem Eingang gegenüber saß eine kleine Steinfigur, die eine Blüte in Händen hielt und sanft lächelte. Zwei kleine Papierlaternen zu beiden Seiten der Figur waren entzündet worden und ließen durch ihr flackerndes Licht die Gestalt lebendig erscheinen.

Rikou war für solche ehrfurchtsvollen Gefühle nicht empfänglich und sprang einmal durch den Raum, beschnupperte die Figur und kam zurück, als er weder Gold noch Futter fand. Das war nicht gerecht, wo sie doch extra den Weg bis hierher gelaufen waren - in seinem Fall getragen wurde - und so schimpfte das Eichhörnchen leise vor sich hin. Energisch biss es in Adyars Ohr, als es wieder an seinem angestammten Platz auf der Schulter saß. Von hier konnten sie gerne wieder verschwinden. Da gab es nichts Aufregendes.

Adyar rieb sich sein lädiertes Ohr. Wenn Askil wieder da war, mussten sie sich dringend über die Erziehung von Rikou unterhalten. Wenn das so weiterging, würde sein hübsches Ohr bald wie ein angefressenes Koboldohr aussehen. Das konnte er nicht zulassen!

Er lief zurück und kam wieder in belebte Straßen. Er schaute sich weiter um und entdeckte in einer Seitengasse eine kleine Schnitzerwerkstatt und noch bevor er sich entscheiden konnte, da einen Blick hineinzuwerfen oder nicht, war Rikou schon durch ein leicht geöffnetes Fenster hineingeschlüpft.
"Hey, wer bist du denn?", hörte es Adyar von innen fragen. Es klang überrascht aber auch freudig. So also klopfte er kurz und kam in die gemütlich wirkende Werkstatt eines jungen Künstlers.

"Rikou, mache ja nichts kaputt", mahnte Adyar das Eichhörnchen, dass er gleich auf einem Regal entdeckte, wo kleine aus Holz geschnitzte Tiere zum Verkauf angeboten wurden. Rikou hatte dort sein Ebenbild entdeckt. Und wirklich sah das hölzerne Eichhörnchen richtig lebendig aus.

Adyar stellte sich dem Schnitzer vor und entschuldigte sich für das freche Eindringen seines pelzigen Begleiters. Kazuhiro, wie sich der junge Mann selbst nannte, winkte nur ab und lachte. Selten hatte er so einen neugierigen Besucher dagehabt.

Sie kamen ein wenig ins Plaudern, während Rikou das Eichhörnchen aus Holz ausgiebigst von allen Seiten beschnupperte. Adyar erfuhr, dass Kazuhiro eigentlich am liebsten Edelsteine schnitzen würde, ihm dafür aber das Geld fehlte. Immerhin hatte er schon eine eigene kleine Familie und musste diese ernähren; konnte sich keine teuren Materialen kaufen.

Adyar überlegte nicht lange und griff in sein kleines Geldbeutelchen. Dort, in einem extra weichen Samttuch, hatte er von seinem letzten Beutezug noch zwei Edelsteine. Sie waren nicht allzu groß und auch nicht von sehr hohem Wert, aber das Tigerauge und der fast drei Zentimeter große Opal hatten schöne Färbungen.

"Hier. Damit kannst du bestimmt zwei schöne Figürchen herstellen und an die Gäste im Badehaus verkaufen. Da sind viele reiche Herren auf Durchreise, die ihren Frauen gerne etwas Hübsches mitbringen wollen oder Händler, die auch immer auf der Suche nach besonderen Stücken sind", erzählte Adyar von seinen Beobachtungen im Wirtshaus.

Kazuhiro wollte erst nicht annehmen, aber als Adyar ihm die Steinchen nachdrücklich über den Tisch schob und ihm versicherte, die würden wirklich nichts kosten, musste der junge Künstler sie doch annehmen. Als er ein drittes Mal fragte, wie er sich für dieses unerwartete Geschenk bedanken könne, fragte Adyar nach einem heißen Tee. Immerhin waren sie hier in einer stark verschneiten Gegend und Adyar hatte schließlich kein wärmendes Eisbärfell.

An diesem Abend kam er erst spät in die Gastwirtschaft zurück; solange hatte er sich bei dem Schnitzer aufgehalten.

*

Heute war Adyar schon beizeiten im heißen Wasser, um sich wieder schön einweichen zu lassen. Dabei kam ihm wieder in den Sinn, wie er Askil darum gebeten hatte, bis zum Feuerfest wieder da zu sein, das hier zur Jahreswende gefeiert wurde. Denn Adyar wollte es so gerne mit Askil zusammen feiern. Und er wollte Askil gerne ein Geschenk machen. Das war so eine Sache, denn bisher hatte er einfach nichts finden können, was ihm als Geschenk für den riesigen Eisbären gefallen hätte. Aber noch waren einige Tage hin und Adyar wollte sich im warmen Wasser entspannen. Vielleicht fiel ihm dabei ein Geschenk ein.

Er suchte sich wieder seine ruhige Nische und beobachtete ein wenig die Menschen. Zu dieser frühen Stunde herrschte nur mäßige Betriebsamkeit. Vorne wurde soeben die Schiebetür vom Badehaus geöffnet und zwei neue Besucher betraten das Freibad. Sie folgten dem breiten Holzsteg und stiegen erst in der Mitte in das Becken. Sie schauten sich eine Weile um und entdeckten eine weitere kleine Nische im hinteren Teil und begaben sich dorthin. Sicher wollten sie sich in Ruhe unterhalten.

Adyar schloss derweilen die Augen. Nebenher lauschte er auf die Menschen und die friedliche Umgebung. Hier könnte man es wirklich eine ganze Zeit lang gut aushalten.

"… und dann hat mir Herr Hotaka selbst seinen größten Schatz gezeigt. Ein blauer Diamant. Der funkelte wie ein Eiskristall…" Adyars Ohr zuckte; die Silberringe klingelten leise. Was hörte er denn da? Unauffällig rutschte er näher an die zwei Herren, die es sich in der Nachbarnische gemütlich gemacht hatten. Das klang vielversprechend. Er spitze weiterhin die Ohren und erlauschte sich viele kleine Details, die er gut gebrauchen konnte. Alsbald wurde sich noch weiter über das Reisen durch das Land unterhalten und Adyar hörte nichts Wichtiges mehr.

So genoss er noch ein paar Minuten das warme Bad und kletterte dann heraus. Während er sich mit dem Handtuch abtrocknete und in den Umkleidebereich ging, schmunzelte er zufrieden vor sich hin. Er hatte eine Mission!

 


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Teil 2