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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die goldene Fibel - Teil 5"


... …

"Am besten, ich erzähle dir das alles von Anfang an. Mach es dir also bequem", sagte Liran und lehnte sich selbst bequemer in die Kissen.

"Ich habe schon vor einigen Jahren unsere Heimat verlassen. Ich wollte die große Welt kennenlernen. All die Geschichten über Abenteurer wollte ich selbst erleben. Ich wollte die Städte und das Leben der Menschen kennenlernen. Ich wollte all die anderen Völker kennenlernen: die Hochelfen und die Elfen der Wälder. Die einen mit unglaublich magischen Kräften, die anderen die besten Bogenschützen der Welt. Auch hatte ich von Kämpfern gehört, die unsagbar viel Kraft hätten. Als ich dann dem ersten Ork begegnet bin, konnte ich nur staunen.

Und ich lernte auch, dass bei den Menschen ohne Bezahlung nicht viel möglich war. Also musste ich Geld verdienen. Was bietet sich da besser an, als unsere Fähigkeiten zu nutzen und so manch reichen Edelmann um seinen schönen Schmuck und sein liebes Gold zu erleichtern.

Ich war recht erfolgreich und machte mir einen gewissen Namen. Bald erhielt ich Angebote zu Aufträgen.

Eines Tages führte mich ein Auftrag in eine kleine friedliche Grafschaft. Eigentlich wollte ich den Lord nicht bestehlen, da ich bisher nur Gutes über diesen hörte. Doch es war augenscheinlich nur ein etwas wertvollerer Edelstein. Mir erschien daran nichts Besonderes und so machte ich mich auf den Weg.

Es lief alles hervorragend. Sogar die großen Terrassentüren zum Wohnraum standen angenehm weit offen und es gab nur wenige Wachen, aber diese waren außerhalb des privaten Gartens unterwegs. Ich konnte also ungesehen bis in das private Gemach des Lords vordringen und fand auch recht schnell den Edelstein, als es hinter mir knurrte.

Ich war so darüber erschrocken, da ich nichts gehört hatte, dass ich fast den Stein verlor. Doch ich konnte ihn sicher in die Tasche packen und während ich mich umdrehte, entdeckte ich einen großen Wolf mitten im Raum. Er war wunderschön. Ganz in Weiß mit leuchtend goldenen Augen. Doch er war auch gefährlich. Ich sah die angespannte Haltung und wieder ertönte das bedrohliche Knurren. Dieser Ton ging mir durch und durch und fast hätte ich mich einfach gezeigt.

Doch ich hatte einen Auftrag. Also schlich ich mich leise um den Wolf herum. Ich war mir sicher, dass er mich nicht sehen konnte. Immerhin hatte ich mich mit meiner Magie getarnt. Doch er blieb mir immer zugewandt. Die tierischen Instinkte sagten ihm genau, wo ich war. Ich sah ihn wittern. Das Tier faszinierte mich, doch ich musste doch meinen Auftrag durchführen. Ich war fast am Fenster zur Terrasse, ich hatte es also fast geschafft.

In diesem Augenblick veränderte sich der Wolf. Er streckte sich, wurde größer und menschlicher, bis ein hübscher Mann vor mir stand.
"Du willst schon gehen? Noch nicht mal ein ‚Auf Wiedersehen'?", sagte er zu mir und kam noch näher heran. Ich sah, wie er versuchte durch meine Magie zu blicken. Sein Blick kam nicht hindurch, doch seine verwirrende warme Nähe drang ungehindert zu mir. Mein Herz klopfte immer stärker und es ging sogar noch tiefer. Es erschreckte mich zutiefst und mit einem beherzten Windstoß floh ich regelrecht aus dem Zimmer.

Ich brachte den kleinen Edelstein zu meinem Auftraggeber, der daraus nur einen hübschen Schmuck für seine Liebste machen wollte. Danach verzog ich mich in die Einsamkeit der Wälder. Ich brauchte Ruhe und Abstand, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Doch es half nicht. Ich wurde immer unruhiger und der Drang, den Wolf und den Menschen wieder zu sehen, wurde stärker und stärker.

Den Weg fand ich ohne große Mühe, als zeigte mir mein Herz genau, wo ich hin musste. Ich wartete die Nacht ab, um mich in den kleinen Garten zu schleichen. Ich kam gerade rechtzeitig, um den Wolf zu sehen, der sehr vergnügt die Wiese entlangtrabte, in das Zimmer ging, dort sich wandelte und für die Nacht bettfertig machte. Ich dachte an das Wappen dieser Grafschaft und dachte mir, dass dies wohl nicht von ungefähr kam. Dann war der Lord tatsächlich dieser Wolf.

Ich schlich ihm ins Zimmer hinterher und beobachtete ihn eine Weile. Nicht ganz uneigennützig, immerhin war er ein gut trainierter hübscher Mann. Endlich lag er im Bett, doch so richtig schlafen konnte er wohl nicht.

"Kleiner Dieb, willst du nicht endlich zu mir kommen? Ich kann nicht schlafen, wenn mich jemand beobachtet", sagte er dann plötzlich. Dabei hielt er seine Decke auf. Ich konnte gar nicht anders, als dem zu folgen. Ich ließ meine Magie fallen, offenbarte mich damit und kam zu ihm. Er lächelte nur und rückte ein wenig zur Seite, um mir mehr Platz zu bieten. Ich war noch nie so schnell meine Kleider los und in dem Moment, in dem ich mich zu ihm legte und er seine Arme um mich schloss, wusste ich, dass ich zu Hause war."

*

Es blieb eine ganze Weile still. Liran lächelte verträumt vor sich hin und blickte versonnen in den Garten hinaus.

Und Adyar? Nun, der versuchte das Erzählte zu verstehen. Er wurde ganz aufgeregt, als er Lirans Worte endlich begriff.
"Du meinst, du hast dich an ihn gebunden? Er ist dein Seelenpartner?"
"Ja. So ist es. - Und hier ist sein Zeichen", erklärte er und schob sein Oberteil ein wenig zur Seite, sodass man auf der Haut direkt über seinem Herzen eine Wolfspfote sehen konnte.

"Wie bei mir", flüsterte Adyar und schob auch sein Hemd ein wenig beiseite, wo Askils Zeichen war. "Ich wusste nicht, dass dies möglich ist, bis es mir mit Askil passierte. Aber dass auch du einen Menschen als Seelenpartner hast, hätte ich nicht gedacht."

"Unsere Seelenpartner sind beide keine Menschen, Adyar. Sie sind Gestaltwandler. Sie sind zum Seelentausch genauso fähig, wie wir Elfen oder andere magisch begabte Wesen."

"Du meinst, es geht mit allen, die Magie besitzen?"

"Ich weiß nicht genau. Bei den Dunkelelfen geht es wohl nicht. Zumindest habe ich davon noch nie gehört. Aber es gibt Legenden über Seelenpartner verschiedener Rassen. Es gibt einen Tempel, der sich damit beschäftigt und die Geschichten darüber sammelt."

"Ja", knurrte Adyar und verschränkte schmollend die Arme. "Der Sonnentempel im Wolfenzahngebirge! Die haben Askil und mich gleich in ihre Bücher eingetragen. Du kannst denen gerne einen Besuch abstatten und dich auch listen lassen."

Liran kicherte über Adyars Unmut, dann musste er husten. Adyar beugte sich gleich zu ihm, um ihn etwas zu stützen. Das klang nicht so gut.
"Du bist noch krank", sagte er leise. Er machte sich wirklich Sorgen um den anderen Elfen.
"Ja. So schnell gesundet man eben nicht. Aber es ist alles schon viel besser. Ich kann dir gar nicht genug danken, dass du mich da herausgeholt hast." Liran zog die Decke höher und entblößte damit ein kleines Eichhörnchen, das gleich losmeckerte. "Ich hatte alle Hoffnungen bereits aufgegeben. Nur etwas später und du hättest mich da nicht mehr mitnehmen brauchen."

"Sag sowas nicht", fuhr Adyar auf. Den Elfen so hoffnungslos zu hören, gefiel ihm gar nicht. Er kraulte Rikou, der sich gerade aufrappelte und in alle Richtungen kräftig streckte. Seiner warmen Höhle beraubt, konnte er auch gleich aufstehen und sein Reich erkunden. Vielleicht bekam er auch wieder Streicheleinheiten von Askil, wenn der Eisbär nicht mehr so viel Sorge um Adyar hatte. Nach einem kurzen Abschiedsfiep sprang das Eichhörnchen durch die offene Terrassentür davon.

"Ich hoffe nur, dass Lord Korskov gefasst wird und eine gerechte Strafe erhält", fügte Adyar mit knirschenden Zähnen hinzu.
"Oh! Hat es Askil dir nicht erzählt? Lord Korskov wurde schon von des Königs Wachen geschnappt. Derzeit schmort er im Kerker und wartet auf seine Hinrichtung. Die soll aber erst nach Vincents Hochzeit stattfinden."

"Nein. Solche Kleinigkeiten befindet Askil nicht für Wert mir zu erzählen", grollte Adyar. "Aber was soll das mit der Hochzeit? Ich denke, du bist nun Lord Vincents Seelenpartner. Und weiß der König von euch? Wo soll die Prinzessin wohnen, wenn du hier bist? Und bist du nicht sauer, dass Lord Vincent jemanden heiratet? Er wird dich doch deswegen nicht rauswerfen?", war Adyar völlig irritiert und besorgt.

Liran lächelte ihn an.
"Du bist so besorgt, Adyar. Das ist lieb von dir", sagte Liran und strich ihm zärtlich über die Wange. "Aber du brauchst dir keine Sorgen machen. Alles ist geklärt, geregelt und abgesegnet", nickte Liran nachdrücklich, dann trank er in Ruhe aus seinem Becher.

Adyar wartete. Er verschränkte die Arme und wartete weiter. Liran nahm noch einen Schluck aus seinem Becher und Adyar wartete.
"Ja, nun red' doch endlich", platzte es schließlich aus ihm heraus. Liran lachte wieder. Es war schön ihn Lachen zu sehen, aber auf seine Kosten? Lieber holte Adyar sich noch was zu trinken.

Als er aufstand wurde ihm schwindlig. Es drehte sich alles so stark, dass er sich wieder setzen musste. Sein Bein fand diese hektische Bewegung auch nicht so gut und als er sich mit seinem Arm abstützen wollte, merkte er zu spät, dass es der kaputte war. Er stöhnte auf und krümmte sich.

Er spürte Lirans Hand auf seinem Rücken und wie sie sachte auf und ab strich.
"Komm, setze dich ganz aufs Bett. Wir haben hier noch genug Kissen und Decke übrig."
Dann rief er nach Yannik. Der Junge war sofort im Raum und kam zum Bett gelaufen. Er half Adyar einige Kissen in den Rücken zu schieben, damit er aufrecht und bequem sitzen konnte, dann zog er die breite Decke über sie beide zurecht.

"Danke, Yannik", sagte Liran. "Kannst du uns bitte vom Wein einschenken und dann mal in der Küche schauen, ob sie uns was Kleines zum Essen machen können?" Der Junge war eifrig dabei, brachte den Wein auf einem Tablett ganz zum Bett, sodass es sicher zwischen ihnen stehen konnte und sie jederzeit gut drankamen. Dann flitzte er zur Küche davon.

"So schlecht habe ich mich noch nie gefühlt", sagte Adyar leise, als sie wieder allein waren und er etwas getrunken hat.
"Du bist verletzt und hast ein schweres Gift bekämpft. Da ist man von heute auf morgen nicht wieder fit. Ich weiß nicht, ob du schon in einen Spiegel geschaut hast, aber du siehst genauso schrecklich mager aus, wie ich."
"Wie tröstlich."
"Adyar", lächelte Liran ihn ermutigend an. "Wir haben Zeit, uns jetzt zu erholen. Wir müssen nur zu Vincents Hochzeit soweit gesundet sein, dass wir auf seinem Fest mit tanzen können. Das hat er sich gewünscht."

Das brachte Adyars Gedanken wieder zurück zu seinen Fragen.
"Genau. Seine Hochzeit. Was ist denn nun mit der Prinzessin?"
"Nun. Pass auf. Ich erzähle dir auch noch den Rest, damit deine Neugierde endlich gestillt ist", gab Liran endlich bei. "Vincent erzählte mir, dass er Prinzessin Soana schon sehr lange kennt. Sie haben sich das erste Mal als Kinder getroffen und sich sofort hervorragend miteinander verstanden. Bei verschiedenen Gelegenheiten sahen sie sich immer wieder. Beide hatten damals schon ein pikantes Geheimnis. Deswegen versprachen sie sich, nur sich gegenseitig zu heiraten und niemand anderen. Dass Vincent zudem ein hervorragender Lord ist und die Menschen in seiner Grafschaft glücklich sind, hat dem König auch gefallen und damit war dies eigentlich eine recht eindeutige Sache. Wenn dann dieser Diebstahl des Verlobungsgeschenkes nicht gewesen wäre."

Liran nahm einen großen Schluck Wein.
"Zum Glück hat sich das alles aufgeklärt. Seit wir wieder zurück sind, wohne ich wieder bei Vincent in seinen Gemächern. Er wollte mich nicht in mein Zimmer zurücklassen. Er hatte zuviel Sorge", lächelte er verliebt vor sich hin. "Außerdem ist mein Zimmer derzeit besetzt. Sag Adyar, wie gefällt es dir denn? Hast du schon ein paar Schlösser ausprobiert", lachte er Adyar an.

Jetzt verstand Adyar wirklich so einiges. Es war also Lirans Zimmer. Kein Wunder, dass es ihm so gut gefällt. Das sagte er auch Liran.

"Ja. Ich durfte es mir einrichten wie ich wollte. Wenn ich demnächst aber wirklich bei Vincent weiter wohnen sollte, müssen auch hier einige Umbaumaßnahmen gemacht werden", nickte er entschlossen. Armer Vincent. Bald würde er in einem Elfenzimmer wohnen.

"Und die Prinzessin?"
"Sie hat einen ganzen Flügel für sich. Sie ist auch schon hier im Schloss. Du wirst ihr bestimmt die nächsten Tage begegnen. Du solltest wissen, auch sie ist unheimlich neugierig, dich einmal kennenzulernen."

Es klopfte an der Tür und Yannik kam wieder, eine große Platte voller Leckereien dabei. Er arrangierte es für sie auf dem breiten Bett und ließ sie wieder allein.

Damit waren die beiden Nebelelfen vorerst mit allem versorgt und Adyar verbrachte einen sehr gemütlichen Tag faul im Bett…

Ende.

 


Teil 4

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